23.11.1981

WERTPAPIEREIn die Fänge

Durch gezielte Tips treibt ein Anlageberater die Kurse von Spezialpapieren nach oben.
Hans-Eberhard Volkmann, 47, Vermögensberater aus dem pfälzischen Hochspeyer, kennt etwas, was viele suchen: "Eine Aktie, die 100 Prozent Gewinn garantiert." Möglicherweise könnten mal "über 1000 Prozent" abfallen.
"Gegen 20 Prozent Gewinnbeteiligung", so tut Volkmann in Zeitungsanzeigen kund, gibt er allen Interessenten, die eine ertragsstarke Anlage suchen, den lukrativen Börsentitel bekannt.
Wer sich, solchermaßen animiert, vertrauensvoll an den Inserenten wendet, der erhält beispielsweise den Rat, 1975er Optionsscheine einer Hoechst-Tochtergesellschaft zu kaufen. Der Hoechst-Wert gehört zu den Spezialpapieren, die der Börsenhandel meist unbeachtet läßt, auf die sich aber Volkmann voll konzentriert.
Seine Zuversicht, mit Nebenwerten wie den Optionsscheinen von Hoechst rasch und sicher viel Geld zu machen, begründet der Pfälzer, der Filialen auch in Stuttgart und München betreibt, mit seinen Erfolgen in den letzten Jahren. Von ihm beratene Kunden hätten zum Beispiel mit Titeln wie Otavi Minen oder Deutsche Texaco Gewinne bis zu 126 Prozent erzielt, mit Thuringia Versicherung, Papierfabrik Knoeckel oder Allgemeine Rentenanstalt sogar bis zu 278 Prozent verdient.
Börsenprofis beobachten Volkmanns Treiben allerdings mit Unbehagen. Sie mutmaßen, daß der Anlageberater vornehmlich das eigene Vermögen mehrt. Volkmann, so der Verdacht, treibe die Kurse ausgewählter Aktien künstlich in die Höhe und drehe die dann überteuerten Papiere gutgläubigen Anlegern an.
Volkmann bestreitet solche Vorwürfe energisch. Ganz abwegig sind sie aber nicht.
Mit seinen über 1000 Kunden, denen er per Brief oder Telephon Kauf- und Verkaufssignale zukommen läßt, und mit der gebündelten Kaufkraft von "einigen Millionenbeträgen" bekommt Volkmann die Börsenkurse der anvisierten Gesellschaften mühelos in den Griff.
Dem Kursmacher kommt dabei eine Eigenheit des Marktes für Spezialpapiere zustatten: Die meisten Nebenwerte liegen bei Großaktionären fest. Bei der Deutschen Texaco beispielsweise hält die amerikanische Konzernmutter mehr als 99,15 Prozent der Aktien. Von der Terrain-Gesellschaft am Teltow-Canal Rudow-Johannisthal AG, einem weithin unbekannten Berliner Unternehmen, sind überhaupt nur 350 Aktien im Nominalwert von wenig mehr als 100 000 Mark im freien Verkehr.
Schon geringe Umsätze bewirken bei derart engen Märkten heftige Kursausschläge. Terrain, an der Berliner Börse noch 1979 mit 1500 Mark bewertet, notiert gegenwärtig mit 12 800, das heißt: Eine 300-Mark-Aktie kostet bare 12 800 Mark - ein Phantasiekurs, hinter dem als einziges Aktivum ein ungewisser Immobilienwert steht.
Umgekehrt bewirkt schon ein bloßes Verkaufsangebot, bei dem es zu keinerlei Umsatz kommt, spektakuläre Kursstürze. Und die können gewollt sein: Bei einer gezielten Baisse lassen sich neue Kunden leichter zum Einstieg verlocken, und mit dem Kurs steigt das Erfolgserlebnis des Anlegers.
Um die Stimmung der Truppe zu heben, läßt Volkmann zwischendurch öfter Kasse machen. Für die Verkäufer finden sich, solange der Kurs weiter steigt, genug andere Kunden, die auf Gewinn hoffen. Am Ende aber, wenn die Kurse purzeln, sind die letzten die Dummen.
Zu denen gehörten viele, die Volkmann Anfang 1979 zu den Hannoverschen Verkehrsbetrieben abkommandierte. Damals stand der Kurs bei 350; höher war er dann nie wieder. Letzte Woche brachten die Verkehrsbetriebe gerade noch 72.
Bei Thuringia ("mein Spitzenpapier") ließ Volkmann noch bei 845 kräftig zukaufen - es war der Höchstkurs des Jahres. Das Papier ist inzwischen nur noch für 361 zu verkaufen, Volkmann hatte eine "Kurserwartung 1200" ausgegeben.
Bei der Deutschen Texaco oder dem Bayerischen Lloyd verfehlten von Volkmann S.78 gesteuerte Anleger jeweils den Jahreshöchstkurs nur um wenige Punkte.
Volkmann-Kunden begeben sich voll in die Fänge des Meisters. Sie ordern ihre Aktien nach seiner Weisung ("sofort 50 bis 100 Stück kaufen", "nur fünf Stück pro Tag") selbständig über ihre Hausbanken. Nach jedem Geschäft sind die Bankabrechnungen in Photokopie an Volkmann zu schicken - als Grundlage der Provisionsabrechnung und der weiteren Einsatzplanung.
"Der Kunde investiert", so Volkmanns Geschäftsordnung, sein gesamtes Börsen-Spielgeld, abzüglich Berater-Honorar, aber "plus Gewinn wieder neu".
Diese Manövriermasse ist nicht gering. Allein bei der Deutschen Texaco konnte Volkmann mehr als vier Millionen Mark einsetzen. Bei Texaco hält seine "Gruppe", so der Terminus, rund ein Drittel der 30 600 freien 100-Mark-Aktien.
Mit solcher Kaufkraft läßt sich bei den Spezialtiteln einiges bewegen. Die Kurse der Texaco-Aktie tanzten zwischen 178 und 600. Beim Roulett um Gebr. Fahr, Aktienkapital: eine Million, schlug der Börsenkurs von 140 bis 1599 aus. Gut für Volkmann, denn: "Das große Geld kommt nur, wenn es große Schwankungen gibt." Der gewiefte Effektenhändler gibt zu: "Das läppert sich."
Noch lukrativer ist es für den Ratgeber, wenn er hochgejubelte Anteilscheine über ein Abfindungsangebot an den Großaktionär losschlagen kann.
Zum Beispiel avancierte die Aktie des Stuttgarter Gipsgeschäfts (Kapital: 0,47 Millionen Mark) jählings und wider jede wirtschaftliche Vernunft zum Börsenrenner. Bei ihrem Höhenflug brachte das Papier es für die 700-Mark-Aktie auf irrwitzige 14 500 Mark. Dann kaufte der Großaktionär der Stuttgarter Gips Volkmanns Aktien auf.
Mit dem Abfindungshandel werden die Groß-Eigner einmal die lästigen Kleinaktionäre los, die auf Hauptversammlungen herumspektakeln. Vor allem aber kommt dann der Kurs ihrer Aktien wieder zurück auf den Boden. Und das ist wichtig für die Steuer: Die exorbitanten Börsenkurse werden bei der Ermittlung des Wertpapier-Wertes zugrunde gelegt und treiben die Vermögenssteuer in luftige Höhe.
Als Abfindungskandidaten, deren Angebot "gewaltig ausfallen muß", hat sich Volkmann weitere Adressen wie die dividendenlose Mannesmann-Tochter Hartmann & Braun, die Papierfabrik Knoeckel oder die Concordia Spinnerei und Weberei AG ausgeguckt.
"Die Perle der Perlen" aber ist für ihn die Aktie der Steigenberger Hotelgesellschaft, von deren Kapital nur knapp drei Prozent am Markt sind. "Ich treibe die Kurse nicht hoch", verwahrt sich Volkmann gegen das Börsengerücht, er manipuliere auch dieses Papier: "Generalkonsul Egon Steigenberger könnte ja verkaufen, er hat doch genug Aktien." S.79
Nicht immer freilich geht Volkmanns Kalkül auf. "Ordern Sie sofort", hatte er befohlen, als er bei der AG für Licht und Kraft (LuK) ein Abfindungsangebot witterte. Seine Kunden kauften zu 390, aber statt der erwarteten Abfindung von "mindestens" 600 bis 1250 gab es nur einen Tausch mit Aktien des Großaktionärs Thüringer Gas im Gegenwert von 200 Mark.
Daß Kunden ("durch extrem hohe Gewinne verwöhnt") ihm zürnen, wenn er sie auf die Verliererseite schickt, findet Volkmann ungerecht. "Man muß das von der richtigen Seite aus sehen", meint er: "Würden die Kurse nur noch hochgehen, würde kein Mensch mehr arbeiten."

DER SPIEGEL 48/1981
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