12.07.1982

FRAUENTanz auf dem Grab

Der Versuch, die Gleichberechtigung der Frauen in die US-Verfassung aufzunehmen, ist fehlgeschlagen. Enttäuschte Amerikanerinnen wollen sich bei den Wahlen im November rächen.
Im Ballsaal des Washingtoner Shoreham-Hotels gab Amerikas Rechte eine rauschende Party. Ein in den Landesfarben Rot-Weiß-Blau kostümierter Chor sang patriotische Weisen, 1400 Gäste gelobten dem Sternenbanner feierlich ewige Treue.
Anlaß der Fete war eine Beerdigung. "Wir sind hier zusammengekommen", ließ sich John Lofton, Chefredakteur des "Conservative Digest", vernehmen, "um einen Tod zu feiern und auf einem Grab zu tanzen."
Was da, am Mittwoch vorletzter Woche, vorerst begraben wurde, war die Aussicht, die Gleichberechtigung der amerikanischen Frauen durch einen Zusatz in der US-Verfassung zu verankern.
Vor zehn Jahren hatte der Kongreß das Equal Rights Amendment (ERA) gebilligt; eine große Mehrheit der Bevölkerung hatte sich hinter die Forderung gestellt; die für eine Änderung der Verfassung erforderliche Zustimmung von Dreiviertel aller 50 Bundesstaaten aber kam in der bereits von sieben auf zehn Jahre verlängerten Frist nicht zustande.
Anstelle der notwendigen 38 Staaten hatten sich bis zum 30. Juni nur 35 bereit gefunden, einen für eine moderne Verfassung eigentlich selbstverständlichen Satz zu ratifizieren: "Rechtsgleichheit vor dem Gesetz soll aus Gründen des Geschlechts weder von den Vereinigten Staaten noch von irgendeinem Bundesstaat verweigert oder geschmälert werden."
Da hatte John Lofton gut jubeln. "Ihr habt ERA das angetan", beglückwünschte er die versammelten Gleichheitsgegner, "was Begin gerade mit der PLO macht."
Zerschlagen ist damit "für den Rest dieses Jahrhunderts" (so die militante ERA-Gegnerin Phyllis Schlafly) die Chance, mit einem Verfassungsparagraphen die Gleichberechtigung der Frau bundesweit zu erzwingen. Denn bislang hat jeder Bundesstaat seine eigenen Bestimmungen, wie es um die Rechte der Frauen bestellt sein soll.
So stehen sich die Frauen im vergleichsweise fortschrittlichen Wisconsin in bezug auf Ehe- und Besitzrecht, Kredit- und Erbschaftsgesetze besser als im rückschrittlichen Louisiana, wo noch bis vor kurzem der Ehemann nach Gutdünken über den Besitz der Ehefrau verfügen durfte. S.99
Weiterhin bleiben Amerikanerinnen darauf angewiesen, ihre Rechte in langwierigen Prozessen durchzusetzen. Doch die Hilfe, die ihnen das Diskriminierungsverbot der Bürgerrechtsgesetze von 1964 und die staatsbürgerlichen Schutzbestimmungen des 14. Verfassungszusatzes bieten, bleiben unzureichend, solange der Oberste Gerichtshof in Ermangelung klarer gesetzlicher Normen von Fall zu Fall und häufig auch widersprüchlich entscheidet.
"Ohne eine größere Änderung der gesetzlichen Grundlagen, wie zum Beispiel ERA", klagt deshalb Donna Lenhoff vom Washingtoner Women's Legal Defense Fund, "werden wir kaum einen weiteren Fortschritt erzielen können." Amerikas Frauen werden daher wie schon seit Jahrzehnten oft nur 60 Prozent des Gehalts von Männern in gleichen Positionen beziehen.
Daß sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht in der Verfassung verankern ließ, ist zu einem guten Teil einer - erfolgreichen - Frau zu verdanken. Gestützt und finanziert von schlagkräftigen, extrem rechten Organisationen und Kirchen, gelang es Phyllis Schlafly, 41, die Ängste des konservativen Middle America zu mobilisieren.
Von Feministinnen anfangs verlacht, griff sie tief in die Trickkiste billiger Schauermärchen: ERA, so predigte Schlafly, könne die Zwangsrekrutierung von Frauen für den Kriegsdienst zur Folge haben, mache Ehen unter Homosexuellen möglich und führe schnurstracks zur Einheitstoilette und zum Ende der Kleinfamilie.
Daß mittlerweile nur noch in 28 Prozent aller US-Haushalte Daddy das Geld nach Hause bringt und Mom sich ausschließlich um Gatten und Nachwuchs kümmert, konnte die ERA-Gegner nicht erschüttern. Schlafly, so das US-Magazin "Time", "verteidigte nicht nur die Familie, sie verteidigte auch den amerikanischen Traum, und ihre Anhänger konnten - für den Augenblick - triumphieren, weil Träume nur schwer sterben".
Nach ihrem Erfolg will sich Schlafly jetzt anderen Herzensanliegen der "Neuen Rechten" zuwenden. Sie plant Kampagnen gegen Sexualerziehung an den Schulen ("Sexualkundeunterricht ist der Hauptgrund für Teenager-Schwangerschaften") und gegen ein Einfrieren des amerikanischen Nuklearpotentials: "Die Atombombe ist ein wunderbares Geschenk, das ein weiser Gott unserem Land gegeben hat."
ERA-Anhänger verweisen auch auf andere Gegner, wenn sie ihre Niederlage begründen. Eleanor Smeal, Präsidentin der National Organization for Women (NOW), macht vor allem die "unsichtbare Geschäfts-Lobby" für die Frauen-Schlappe verantwortlich. Hauptgegner seien insbesondere Versicherungsgruppen, die um die höheren Krankenversicherungsbeiträge der Frauen bangten.
Doch die ERA-Verfechter schwören Rache. "Verliert nicht euren Kopf, schlagt zurück: Wählt", war auf Plakaten zu lesen, die Frauen am Tag ihrer Niederlage bei einer Demonstration vor dem Weißen Haus mit sich trugen. Zugleich kursierten Listen mit den Namen jener Parlamentarier, die mit einem Nein in ihrem Bundesstaat die Annahme des 27. Verfassungszusatzes verhindert hatten. "Jedermann soll diese Namen kennen", drohten die Damen im Hinblick auf die im November fälligen Wahlen.
Drei Millionen Dollar will NOW einsetzen, um am Wahltag den Erfolg frauenfeindlicher Kandidaten zu verhindern. Die Angriffe der Organisation richten sich vor allem auf Reagans Republikanische Partei, die sich in ihrem letzten Wahlprogramm gegen ERA ausgesprochen hatte. "Die Grand Old Party", so Eleanor Smeal, "hat ein großes, altes Problem: Frauen."
Das gleiche Problem hat auch der Präsident. 52 Prozent der Frauen (aber nur 37 Prozent der Männer), ermittelte die Fernsehgesellschaft NBC, sind gegen eine Wiederwahl Reagans. "Politiker, die sich gegen Frauenrechte stellen, werden sich lächerlich machen", kündigt ERA-Befürworterin Liz Carpenter an.
Am Mittwoch dieser Woche schon werden Kongreßmitglieder in Washington einen neuen Ratifizierungsprozeß S.100 einleiten. Die Hoffnung, daß es diesmal klappt, nährt sich auch aus der Geschichte: Der Kampf um das Frauenstimmrecht in den USA hat ein dreiviertel Jahrhundert gedauert. Die Hoffnung auf einen Gleichberechtigungszusatz zur Verfassung ist dagegen erst 59 Jahre alt.

DER SPIEGEL 28/1982
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