03.05.1982

Niemals vielleicht

Unter hartgesottenen Männern im Rallye-Sport hat sich eine Frau durchgesetzt. Die Französin Michele Mouton, gestand Weltmeister Röhrl, erkämpfte sich „ihren festen Platz unter den Spitzenfahrern der Welt“.
Nichts schlug bei der quirligen Französin so recht an. Nach dem Abitur versuchte sie es mit der Rechtswissenschaft. Sie studierte nur ein Semester. Auch als Praktikantin in einem Heim für Behinderte blieb sie nicht lange, ebenso wenig wie in der Versicherungsagentur ihres Vaters.
Da lud sie ein Freund ein, ihm als Beifahrerin bei einer Auto-Rallye zu helfen. Sofort erwachte in ihr die "Lust, selbst einen Wagen zu lenken". Ihr Vater spendierte 1973 einen Renault Alpine 1600 und versprach, sie eine Rallye-Saison lang finanziell zu unterstützen, bei Erfolg sogar länger.
Michele Mouton, 30, aus dem südfranzösischen Parfumzentrum Grasse, war endlich in die richtige Spur geraten. Sie fuhr nacheinander zwei französische Rallye-Meisterschaften heraus, siegte 1977 in der Damenwertung der Europameisterschaft. 1978 bot Fiat ihr den ersten Werksvertrag; sie bedankte sich mit der zweiten Europameisterschaft.
Bei der Rallye-Weltmeisterschaft 1982 hat sie sich auf den zweiten Platz hinter dem Deutschen Walter Röhrl vorgearbeitet und hofft bei der nächsten WM-Rallye in dieser Woche auf Korsika an die Spitze vorzupreschen.
Jährlich bringt sie es einschließlich Werbung, etwa für BP, auf mehr als 300 000 Mark. Dafür lenkte sie ihre Werkswagen, zuletzt einen allradangetriebenen Audi Quattro (Wert: 150 000 Mark) mit 320 PS, zum Sieg in der Tour de France für Sportwagen.
Sieben Monate fährt sie Rallye, trainiert, testet Wagen, Reifen und Rallyekurse. Den Rest des Jahres verbringt sie in ihrem Landhaus in Roquefort-les-Pins bei Nizza mit dem früheren Redakteur Claude Guarnieri. Zur Zeit schreibt er ein Buch über sie. "Wenn ich Rallye fahre, vergesse ich meine Familie, das Haus, alles", sagt sie. "Bin ich zu Hause, vergesse ich die Autos ebenso. Das sind für mich völlig verschiedene Welten."
Sie kocht zwar gern, hält sich jedoch "für eine Niete am Herd". Auf Kinder verzichtet sie vorerst; ihr Vertrag erlaubt nicht, daß sie "schuldhaft" einen Start versäumt.
Inzwischen ist die Werksfahrerin zu einem dringenden Problem für die Männer herangewachsen. Denn bei kaum einer Passion pochen Männer energischer auf vermeintlich überlegene Fähigkeiten als beim Autofahren. Einmal mußte Michele Mouton 1981 aufgeben: Jemand hatte Wasser in ihren Tank geschüttet, vielleicht ein Mann, der gegen sie verloren hatte.
Dann sprengt ihr Temperament alle Konventionen. Bei den Rallye-Konkurrenten verdiente sich die dunkelhaarige Fahrerin seither den Beinamen "Schwarzer Vulkan". Doch sie bestreitet, um der Emanzipation willen die Männer abzuhängen. Statt dessen spricht sie, wie die Männer, von der Herausforderung, die sie mit "ja oder nein, aber niemals vielleicht" annimmt, und davon, "meine Grenzen kennenzulernen".
Bei der fünftägigen Rallye San Remo 1981 überfuhr sie die Grenze, die rennfahrenden Frauen bislang gesetzt zu sein schien.
In die letzte Etappe nach San Remo waren Michele Mouton und ihre Beifahrerin Fabrizia Pons aus Italien mit 34 Sekunden Rückstand auf den Finnen Ari Vatanen gestartet. Den Finnen verließ die Konzentration, er rammte einen Felsen. Das nervenstärkere Damenteam siegte. Michele Mouton hüpfte in voller Montur zu ihren Mechanikern in das Hotelschwimmbecken.
"Sie stellt in der Sportgeschichte einen beispiellosen Fall dar", so der "Figaro" nach dem ersten Sieg eines Mädchens in einem Rallye-WM-Lauf. "Als einzige Frau kann sie es mit männlichen Athleten im Wettkampf auf höchster Ebene aufnehmen und sie sogar übertreffen."
Tatsächlich begegnen sich Frauen und Männer nur in wenigen Sportarten im Wettkampf: Reitturniere und Schützenwettkämpfe fordern jedoch weniger physische Belastungen als der Rallyesport. In den Kurven wackelt der Kopf, bei hoher Beschleunigung hinterlassen die Sicherheitsgurte schon mal Striemen.
"Man kann als Frau jede Rallye gewinnen", versichert Michele Mouton. "Hinterher wird in jedem Fall gefragt, wer von den männlichen Spitzenpiloten ausgefallen ist." Zur Rallye Monte Carlo 1982 startete Michele Mouton schon als Mitfavorit. Doch in einer Kurve schleuderte sie von einer Eispassage gegen eine Hausmauer, demolierte ein grünes Tor und ihr Knie.
Bei der Schweden-Rallye im Februar baute sie wieder einen Unfall: Ihr finnischer S.192 Teamgefährte Hannu Mikkola war in eine Schneewand geraten und versuchte sich aus dem Hindernis zu befreien. Da schoß Michele Mouton heran und rammte Mikkolas Wagen noch tiefer in den Schnee.
Aber im März bewies die schnellste Frau der Welt Beständigkeit. Bei der Portugal-Rallye erreichten nach 2334 Kilometern nur 23 von 92 gestarteten Wagen das Ziel in Estoril. Michele Mouton kam als Siegerin an.
Die meisten männlichen Konkurrenten, stellte sie fest, "waren sauer, weil sie von einer Frau geschlagen worden waren". Einige haben ihr immerhin "spontan gratuliert".

DER SPIEGEL 18/1982
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