Mustafa weiß nicht, was eine Schule ist. Er hätte auch gar keine Zeit, sie zu besuchen, denn jeden Morgen begleitet der elfjährige Sudanese seine Mutter Fatma zum Tümpel, um Wasser für die Familie herbeizuschleppen. Drei Stunden hin, drei Stunden zurück, jeden Tag dasselbe.
Fatma ist froh, wenn der Tümpel überhaupt genug hergibt, aber das Wasser ist S.201 dreckig. Deshalb bekam Mustafas Schwester Durchfall und starb mit sieben Monaten, sein Bruder war nach einer Woche tot - so wie Millionen Kinder, die jedes Jahr an Durchfall und Austrocknung sterben - ob in Brasilien, Burundi oder Bangladesch.
Mustafas Cousine starb mit vier Jahren an Typhus, ein Vetter an Masern - Infektionskrankheiten, die in Industrieländern kaum noch gefährlich sind. Aber in der Dritten Welt, in Ecuador zum Beispiel, sind Todesfälle nach Masern 480mal häufiger als etwa bei nordamerikanischen Kindern.
Mustafas Freund Schukri wird regelmäßig von Fieberanfällen geschüttelt. Vielleicht überlebt er die Malaria, der allein in Afrika südlich der Sahara mehr als eine Million Babys und Kleinkinder pro Jahr zum Opfer fallen, vielleicht aber überlebt er sie auch nicht.
Dreckwasser als Verursacher von Durchfall und Infektionskrankheiten, mangelnde Hygiene und Unterernährung - das sind die banalen Gründe für das große Kindersterben in der Dritten Welt. "Von 125 Millionen Neugeborenen pro Jahr erleben 17 Millionen ihren fünften Geburtstag nicht", klagt der Generaldirektor des Uno-Kinderhilfswerks Unicef, James Grant.
Die 17 Millionen Kinder könnten überleben, ihre Eltern und Geschwister besser leben, die Sterberate von Neugeborenen könnte um 50 Prozent gesenkt werden, wenn die nötigen Dollar für die wichtigsten Impfstoffe, für sauberes Trinkwasser, elementarste Schulbildung und bessere Ernährung da wären - das ganze Unternehmen würde weniger Geld kosten, "als die Bewohner der Industrienationen jährlich für Alkohol ausgeben", sagt Grant.
Der Unicef-Vergleich ist recht theoretisch. Denn nur bei Hungerkatastrophen wie in Kambodscha reagieren Spender, Regierungen und Hilfswerke prompt. Doch das leise und unspektakuläre Sterben, das sich alle paar Wochen ein neues Kambodscha (etwa zwei Millionen Tote) schafft, wird von der Weltöffentlichkeit kaum bemerkt.
Das will Unicef ändern. Die im Dezember 1946 gegründete Organisation begann 1947 mit der Katastrophenhilfe, mit Milchpulver und Decken für die notleidenden Kinder im kriegsverwüsteten Europa. Später griff das Hilfswerk weltweit bei Katastrophen, Krieg, Erdbeben und Überschwemmungen ein, blieb aber in den Augen der Spender immer noch eine der vielen gutgemeinten, handgestrickten Wohltätigkeitsorganisationen, die vor Weihnachten hübsche Briefkarten verkaufen.
Erst in den siebziger Jahren begann das große Umdenken. "Für viele hat Unicef immer noch so etwas Rührendes, Liebes an sich", sagt Claudia Oberascher vom Deutschen Komitee für Unicef in Köln, "kaum einer weiß, was wir wirklich S.202 machen und wie hart die Arbeit da draußen ist."
Die Unicef-Helfer waren unter den ersten, die diesen Sommer im belagerten Beirut zerschossene Wasserleitungen reparierten, Trinkwasserwagen durch die Straßensperren schleusten und Müll wegkarrten. Aber an sich hat Unicef Hilfsaktionen dieser Art weitgehend anderen Organisationen überlassen.
Das Hilfswerk will nicht nur Milchpulver und Maisbrei spendieren, sondern auch andere Grundbedürfnisse der Drittweltbewohner befriedigen: für sauberes Wasser, ausreichende Ernährung, elementarste Schulbildung sorgen, Dinge, die für Industrieländer selbstverständlich, doch für rund eine Milliarde Menschen bisher kaum erreichbar sind.
"Strukturen aufbauen, die später nicht wie ein Kartenhaus zusammenbrechen", meint Anneliese Stucki, Unicef-Mitarbeiterin in Laos, "das ist schwerer, als nur ein paar Wolldecken einzufliegen."
In Mustafas Dorf im Südsudan ist Unicef gleichbedeutend mit "moia", Wasser. Denn bis 1985 will Unicef mit der sudanesischen Regierung 900 Handpumpen installieren, die rund 360 000 Menschen mit sauberem Wasser für den Hausgebrauch versorgen sollen, keine teuren Dieselpumpen, sondern einfache, billige Geräte aus Indien, robust und von den Sudanesen leicht zu reparieren.
Das ist für Mustafas Dorf der Anfang jeglicher Gesundheitspolitik und Entwicklung. "Die Anzahl von Wasserhähnen pro tausend Menschen sagt über die Gesundheit der Bevölkerung mehr aus als die Zahl der Krankenhausbetten", meint Halfdan Mahler, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO.
In einem Land wie Laos, das schwer vom Vietnamkrieg geschädigt wurde, ist dagegen die erste Priorität nicht Wasser, sondern Ernährung und dann noch: Bildung. "Bei einem Monatslohn von zwei Dollar verbringen die Lehrer natürlich 90 Prozent ihrer Zeit mit dem eigenen Überleben, Wasserschleppen, Reisschälen, Holzhacken", erzählt Anneliese Stucki, "wie sollen sie da noch Kinder unterrichten?"
Die resolute Schweizerin und ihr Unicef-Team in Vientiane wollen deshalb erst mal "eine anständige Lebensgrundlage für Schüler und Lehrer" aufbauen helfen, das heißt Fischen, Gartenbau und Ernährungskunde als Schulfach einrichten.
In den Slums von Colombo auf Sri Lanka, dem früheren Ceylon, sieht die Unicef-Arbeit wieder ganz anders aus. Die Slums heißen dort "Gardens", weil sie auf dem Gelände alter Kolonialresidenzen entstanden. Doch die "Gärten" verkamen zu stinkenden Müllhalden, ein Gemeinschaftswaschraum und ein Plumpsklo voller Fliegen und Dreck für rund 200 Einwohner.
"Wenn ein Wasserhahn kaputt war, hat ihn keiner repariert, denn der nächste S.203 hätte ihn ja wieder zerstört oder geklaut", erinnert sich Norman Stanley, einer der 100 von Unicef ausgebildeten Gesundheitshelfer in den "Gärten".
Angeregt durch Unicef, installierten die Einheimischen 1400 neue Latrinen, 700 Wasserhähne und 875 Waschräume für die 40 000 Slumbewohner. Das Wichtigste: Die Gesundheitshelfer sollen nicht nur Hygiene- und Ernährungskunde lehren, sondern auch die Slumbewohner organisieren, damit sie die neugebauten Anlagen selber warten und sauberhalten.
Nicht alle Unicef-Projekte sind so erfolgversprechend wie dieses, aber im Vergleich zu vielen anderen Hilfsorganisationen, zum Beispiel der überbürokratisierten Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO, schneidet Unicef ungewöhnlich gut ab.
Einer der Gründe dafür ist, daß Unicef keine zusammenhanglosen Einzelprojekte durchzieht, sondern stets mit Regierungen zusammenarbeitet. In den Regierungen "muß man ständig Dampf machen, damit sich da überhaupt was tut", sagen die Unicef-Leute.
Der Vorteil: Unicef regt geschlossene Projekte mit fast ausschließlich einheimischen Mitarbeitern an. Am Wasserprojekt in Süd-Kordofan arbeiten nur drei ausländische Unicef-Experten, alle übrigen 35 Mitarbeiter sind Sudanesen, vom eigenen Staat bezahlt.
Mit 400 internationalen Experten - ein Drittel von ihnen arbeitet in der Verwaltung, die übrigen vor Ort - und 1354 lokalen Helfern ist Unicef eine kleine Organisation. Aber 861 700 Hilfskräfte hat die Unicef ausbilden lassen: von Hebammen und Barfußärzten bis zu ehrenamtlichen Pumpenwarten oder Latrinenputzern. "Wo es einfach keine Mediziner gibt", so meint ein Unicef-Helfer, "da können Barfußärzte mit ihren paar Pillen, Chinin und Impfstoffen schon eine ganze Menge tun."
Der Nachteil: Unicef kann nicht viel besser sein als die jeweiligen Regierungen in der Dritten Welt. "Und die Minister kennen oft ihr eigenes Land nicht", so Anneliese Stucki, "man muß denen ständig auf die Finger sehen."
Da gibt es schon öfter Streit mit Drittweltpolitikern, die teure Vorzeigeprojekte statt unauffälliger Basisarbeit wollen. "Keine weißen Elefanten, sondern möglichst viele Kinder für möglichst wenig Geld zu versorgen, ist das Ziel", so Frau Stucki.
Und Unicef kann billig arbeiten: Über ihre eigene Verpackungsgesellschaft, die Unipac in Kopenhagen, verschickt die S.205 Muttergesellschaft nach Art eines weltweiten Handelsunternehmens ihre zentral eingekauften Güter: Pinzetten, Skalpelle und Klemmen aus Pakistan, chirurgisches Nähmaterial aus New York, Hammer, Spaten, Maschendraht, sogar Fahrräder für Hebammen aus Indien, wo immer am günstigsten eingekauft werden kann.
Im Jahr verpackt Unipac 110 Millionen Artikel in 260 700 Kisten für 111 Entwicklungsländer. Ein Beobachter in Kopenhagen staunt nur: "Das kann doch wohl im UN-System nicht wahr sein."
Unicef, "ein Bettler, der von Spenden der Regierungen abhängt" (Frau Stucki), konnte dennoch das Budget in den letzten Jahren noch steigern (1981 um real zehn Prozent auf 291 Millionen Dollar). Die UN-Organisation kann auch hoffen, 1982 finanziell gut über die Runden zu kommen, dank prominenter Spendeneintreiber wie Prinz Talal aus dem saudischen Königshaus, der vor allem in der arabischen Welt für Unicef wirbt.
Unicef-Chef Grant will in der Entwicklungshilfe noch zulegen und 1985 ein Budget von 500 Millionen Dollar präsentieren. Auch von der internationalen Wirtschaftsflaute läßt Grant sich nicht entmutigen: Wenn für die Kinder heute nichts getan wird, werden "sie wiederum Eltern von einer neuen unterernährten, ungesunden und ungebildeten Generation" - ohne daß die Geburtenrate sinkt oder die Familienplanung überhaupt greift.
"Vielleicht", sinniert ein Unicef-Mitarbeiter, "sind wir aber auch nur noch das Feigenblatt der Uno, daß überhaupt noch etwas getan wird."
DER SPIEGEL 40/1982
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