03.05.1982

BÜCHER Heitere Apokalypse

Matthias Horx: „Es geht voran. Ein Ernstfall-Roman“. Rotbuch Verlag, Berlin; 160 Seiten; 10 Mark.
Die Bundesrepublik im Jahr 1989: Den Aussteigern und Freaks hat der Staat sogenannte "Freiländer" zugeschanzt; dort schlucken sie mengenweise Trips, gucken Piratenfernsehen und streiten sich um die Reparatur der Biogasanlage. Doch kalifornische Idylle will nicht aufkommen: Es droht ein Atomkrieg, seit Monaten.
Matthias Horx, 26, Redakteur beim Frankfurter Spontiblatt "Pflasterstrand", entwirft in parodistischem Freak-Slang ein Bild vom "Psycho-Amok" in der Zeit vor dem "großen Knall". Doch seine Apokalypse ist eine optimistische Humoreske: Eine "Organisation Phönix" verspricht den Freaks Überlebenschancen. "Phönix" - gegründet von den "verbleibenden Kapazitäten des 'Club of Rome'" - gleicht einer ökologischen Dr.-Mabuse-Organisation.
Sie baut Atomschutzbunker und bildet in einem Trainingslager eine neue Elite für das postatomare Zeitalter aus. Das Mittel: Gehirnwäschen, die "bioevolutionäre Prinzipien" im Bewußtsein verankern sollen. Horx' Stadtindianer machen die Gehirnwäsche mit und überleben den Atomkrieg in einem Bunker. Mit einem Flipperautomaten, einem Puppenhaus und einer Katze vertreiben sie sich die öde Zeit.
Doch dummerweise hat nicht nur die neue Elite überlebt: Faschistenbanden halten Sklaven für den Neuaufbau, mit Glück davongekommene Alternative strolchen wie Easy Rider durchs Land, verrückt gewordene Greise werfen Drogen, alle kämpfen gegeneinander um die letzten Kanister Benzin, und Militärs der alten Regierung knattern per Hubschrauber von einem Ort zum anderen und versuchen verzweifelt, eine Volkszählung durchzuführen.
Horx' Atomkriegs-Burleske kommt mit drei extrem verschiedenen Erzählstilen daher und pfeift auf Friedenskämpfer-Moral. Gelegentlich wirkt es sogar so, als wünsche sich der Autor förmlich die nukleare "Exekution" des Kapitalismus. Humorlose Linke, hört man, empören sich schon über diesen satirischen Ernstfall-Roman.

DER SPIEGEL 18/1982
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