12.07.1982

Rolf Schneider über Paul Gratzik: „Kohlenkutte“

Baal im realen Sozialismus Paul Gratzik, 47, gelernter Tischler, dann Lehrer, ist jetzt Dramaturg am „Berliner Ensemble“. - Rolf Schneider, 50, DDR-Schriftsteller mit langfristigem Westvisum, konnte seinen jüngsten Roman „November“ (1979) bisher in der DDR nicht publizieren.
Zu den geübten, dabei völlig folgenlosen Spielereien zeitgenössischer Feuilletons gehören Antworten auf die Frage, wie viele deutschsprachige Literaturen der Gegenwart es denn gebe. Die Antworten lauten, jeweils entsprechend der Optik, wie folgt: eine (linguistisch gesehen), zwei (geopolitisch gesehen), vier (hoheitsstaatlich gesehen).
Einer inzwischen zweifelsfrei existierenden Literatur wurde dabei niemals Erwähnung getan, was hiermit schleunigst nachgeholt sei: Es geht um jene Belletristik, die in der DDR zwar gemacht, dort aber nicht erhältlich ist, da man sie ausschließlich außerhalb der DDR-Grenzen druckt wie auch handelt.
Es besitzt diese Belletristik alle Kennzeichen einer autonomen Literatur, welche sind: Anfänge, Höhepunkte, Tiefen, Generationswechsel, Schulen, Tendenzen. Zu den Anfängen durfte man lange Zeit einige Produkte des bedeutenden Bertolt Brecht rechnen: sein Gedicht über den 17. Juni '53 zum Beispiel. Zu höchster Opulenz gelangt ist die genannte Belletristik dann in den letzten fünf, sechs Jahren.
So gibt es inzwischen Autoren, die in der DDR kaum jemals eine Zeile haben drucken lassen, dort also auch nicht bekannt sind, im Westen hingegen schon über ein richtiges Opus gebieten; ein paar Namen, wahllos herausgegriffen, sind Monika Maron, Gert Neumann und Wolfgang Hilbig. Es kann geschehen, daß, mit zumeist beträchtlicher Zeitverzögerung, das eine oder andere Stück aus jener Literatur von der offiziösen DDR-Belletristik doch noch kooptiert wird. Es kann geschehen, daß einige Autoren dem Export ihrer Arbeiten folgen und alsbald von ihrem früheren Dasein nichts mehr wissen wollen.
Bei letzterem behilflich sind verschiedene publizistische Kanalarbeiter; ihr Antikommunismus ist fleckenlos, ihre Ignoranz ist beträchtlich; die krähen in jedem Quartal ein neues Genie aus, was freilich auf die Dauer schon deswegen ruinös wirken muß, da es so viele Genies schlechterdings nicht geben kann.
Außer solchen Schreihälsen sorgt natürlich die DDR selber für Exodus, sei es bloß der von Manuskripten. Jüngster Fall ist das Romanbuch "Kohlenkutte".
Sein Autor, Paul Gratzik, durfte noch bis vor kurzem in der auf ihren proletarischen Wesenszügen eigensinnig beharrenden DDR als ein gehätscheltes Rarissimum gelten: Er war ein echter, ein unerschütterlicher Arbeiter. Zwar gab es in seiner Biographie ein paar Abweichungen wie Abend-Abitur und Lehrer-Studium, doch immer wieder strebte er zur proletarischen Basis zurück; und wenn sich diese 1955/56 im Ruhrpott befand, so durfte dies angesichts der anschließenden Heimkehr in den Osten als allgemeiner Zuwachs in Sachen Klassenerfahrung gedeutet werden.
Gratzik, gelernter Tischler, war bis Ende der siebziger Jahre Arbeiter des VEB Transformatoren- und Röntgenwerk Dresden. Er trat während dieser siebziger Jahre mit ein paar mäßig beachteten Bühnenstücken hervor. 1977 erschien sein "Monolog" genanntes Buch "Transportpaule", das ihm alsbald die erfreulichste Aufmerksamkeit bescherte.
"Transportpaule" war eine Arbeitergeschichte aus der heutigen DDR. Der Held, jung, intelligent, dabei durchaus einverstanden mit seinem ökonomischen und sozialen Status, Transportarbeiter in einer Dresdner Möbelfabrik und auch noch rühriges Mitglied der SED-Betriebskampfgruppen, strudelte durch allerlei Erlebnisse der Produktionsarbeit, des sinnlichen Genusses, der Künste, der Liebe und des Todes. Vom Ende her ließ sich dieser Transportpaule als ein heutigplebejischer Wilhelm Meister begreifen, sein Weg als DDR-deutsche Bildungsgeschichte, und als Großmeister vom Stuhl trat ein wahrhaftiger SED-Spitzenfunktionär auf, ein witziger, weiser, überlegener Mensch und guter Skatspieler dazu.
Gratzkis Buch war nicht blind gegenüber gesellschaftlichen Mißständen in der DDR. Es benannte Beispiele des Karrierismus, der politischen Verlogenheit; der DDR-Kunstbetrieb bekam kräftige Hiebe ab; und daß materielle Produktion auch im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat deformieren kann, wurde dargetan an einer Jung-Arbeiterin, um deren berufsbedingte und ziemlich scheußliche Allergie sich außer der Medizinstatistik niemand recht kümmerte.
Aufgeschrieben war das alles in einer Prosa, deren plebejischer Duktus so eindeutig wie eindrucksvoll war; er überzeugte selbst noch da, wo der Ich-Erzähler wußte, daß Glaube, Liebe, Hoffnung auf lateinisch Fides, Caritas, Spes heißt. Geradezu triumphal aber mußte Gratzkis Lebenskenntnis wirken, wenn just in dem Augenblick, da die DDR-Ökonomie ein Surrogat namens Kaffee-Mix auf den Binnenmarkt warf und damit um ein Haar Aufruhr hervorgerufen hätte, Transportpaule schon den Kommentar wußte: "Die Arbeitermacht bei uns darf sich Fehler erlauben, nur den nie, das Herbeischaffen des Kaffees auch nur einen Moment lang zu vergessen."
"Transportpaule" wurde rechtens viel beachtet in Ost und in West. Er wurde im Osten auch ganz gut verkauft und erhielt einen der angesehenen Literaturpreise des Landes.
Seit längerem war bekannt, daß Autor Gratzik, nunmehr Dramaturg an Brechts "Berliner Ensemble", an einer Fortsetzung saß, "Kohlenkutte". Diese Fortsetzung ist jetzt erschienen. Sie ist nicht in der DDR erschienen. Warum? Wir können es nicht sagen. Wir können ein paar Indizien zusammentragen.
Held des Buches ist der einunddreißigjährige Fritz Rodschinka, der aus niemals ganz einsichtigen Gründen den Spitznamen Kohlenkutte trägt. Rodschinka ist Tischler und Transportarbeiter, wie sein Autor, wie sein Vorgänger Paule; überhaupt erinnern Figuren und Vorgänge in vielem an Gratziks Prosa-Erstling, wie es bei derlei Fortsetzungen gang und gäbe ist. Freilich erscheint die Welt dieses zweiten Buches sehr viel S.140 kleiner und beengter als die des ersten, was aber einfach damit zu erklären ist, daß "Kohlenkutte" keine Bildungs-, vielmehr eine Fluchtgeschichte und einen Irrweg erzählt.
Rodschinka tritt ins Buch ein, da er eben vom sächsischen Frauenzuchthaus Waldheim zurückkehrt; er hat dort eine Kollegin besucht, die im Suff eine russische Krankenschwester überfuhr. Rodschinka beklagt das Fehlen eines Puffs zu Dresden, kohabitiert mit einer nymphomanen Verkäuferin; seine Ehe ist zerrüttet, denn seine Frau schläft mit ihrem Chef, auch aus Karrieregründen. Rodschinka ärgert sich über Prämienschiebereien in seinem Betrieb, säuft im Dresdner Establishment.
Er flieht nach Berlin. Er wird Arbeiter in einer Munitionskistenfabrik. Seine Kollegen sind kaputte Typen; mit ihnen säuft er, mit ihnen gemeinsam, im Suff, randaliert er in einem Ost-Berliner Devisenhotel, schlägt den Hotel-Detektiv zusammen und steht zum Schluß wieder an seiner Maschine. Sein ständiges Utensil ist ein Rumtopf; der soll wohl Geborgenheit und Suff symbolisieren; außerdem sägt sich Rodschinka versehentlich einen Finger ab.
Es ist dieser Rodschinka sicher keine proletarische Idealgestalt aus dem SED-Bilderbuch, aber eine für die DDR-Belletristik unerhörte Figur ist er nun auch nicht. In seiner Mischung aus Sexual-, Aggressions- und Alkoholphantasien zeigt sich Rodschinka zunächst als eines der vielen literarischen Kinder von Brechts "Baal". Auch Heiner Müllers Endzeit-Zombies mit ihren Sado-Masochismen kommen eben dorther, und Müller wiederum ist eine von Gratziks literarischen Leitfiguren, wovon schon ein ebenso ausführliches wie liebevolles Porträt in "Transportpaule" Kenntnis gab.
Auch die wilde Metaphernflut in "Kohlenkutte", die literarische Angestrengtheit, die manchmal bis zu jambischen Rhythmen in Kneipen-Dialogen führen kann, sind gleichermaßen Baalwie Müller-Erbteil. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein; mein Geschmack ist es nicht unbedingt. Ich weigere mich gleichwohl zu meinen, daß hier der Grund für Nicht-Erscheinen des Buches in der DDR zu suchen sei; denn erstens ist mein Geschmack nicht maßgeblich, zweitens ist Heiner Müller in der DDR mittlerweile ein wohlgelittener Mann, drittens sind ästhetische Einwände in der DDR immer nur der Vorwand, niemals der wahre Grund für die Verweigerung von Imprimatur gewesen.
Hingegen bestünde dort Anlaß, über die Existenz einer literarischen Figur wie der des Fritz Rodschinka und ihre möglichen Entsprechungen in der Wirklichkeit gründlich nachzudenken.
Rodschinka ist, erkennbar, ein Anarchist. Die Rede ist hier nicht von der menschheitsfreundlichen Philosophie Bakunins, Landauers und Mühsams, S.141 vielmehr von jenem stupiden Kleinbürger-Anarchismus, den der junge Brecht mit seinen Figuren Baal und Apfelböck beschrieb. Die Nähe zum SA-Vandalismus ist allemal gegeben; Paul Gratzik, ein genauer Beobachter, notiert das auch, wenn er in seinem Buch sagen läßt, einen wie den hätte man unter Adolf vergast, worauf keinerlei Empörung und kaum Widerspruch aufkommen.
Gratzik zeigt die Wurzeln solchen Verhaltens und solcher Gesinnung: Es ist die Monotonie einer nach wie vor entfremdeten, da unter Gewinnzwängen stehenden Arbeit; es sind die engen Grenzen eines an sozialen Sicherheiten reichen, an herausfordernden Abenteuern armen Landes. Worauf sich die hiervon Heimgesuchten ihre Kompensationen suchen: Alkohol, Rohheitsdelikte und die Zerstörungsorgien im Anschluß an Fußballspiele.
Nicht einmal die sonst mit staatlicher Selbstkritik geizenden DDR-Zeitungen mögen oder können dies verschweigen. Andere schöngeistige Bücher und, vor allem, Theaterstücke zum Thema existieren in der DDR seit längerem, darunter solche, die in ihrer sozialen Bestandsaufnahme sehr viel umfassender und deswegen genauer sind.
Hinter vorgehaltener Hand war in der DDR zu vernehmen, "Kohlenkutte" transportiere Solidarnosc-Ideen und sei deshalb indiziert. Solidarnosc war das Resultat von wirtschaftlichen Nöten, gesellschaftlicher Korruption und katholisch eingefärbtem Nationalismus; sofern eine ausdefinierte politische Lehre im Spiel war, handelte es sich um den Trotzkismus von Jacek Kuron. Von alledem findet sich bei der DDR im allgemeinen und bei Gratziks Buch im besonderen keine, aber auch gar keine Spur. Wer in der DDR den entsprechenden Unsinn verbreitet, sollte zurück auf die politische Klippschule.
Die DDR hat sich einem belletristischen Dialog-Angebot, ihre ureigene Sache betreffend, verweigert und einen begabten Autor vergrätzt. Es war dies nicht das erstemal. Zu befürchten steht, es ist nicht das letztemal.

DER SPIEGEL 28/1982
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