23.11.1981

TV-HUMOR

Friesischer Lehrstuhl

Nach zweijähriger Pause kommt der Komiker Otto wieder mit einer neuen Show ins Fernsehen.

Eine große, ottomane TV-Gemeinde hat darbend seine Rückkehr erwartet.

Zwei Jahre lang hatte er sich aus der TV-Produktion zurückgezogen, um "Verschleißgefahren" zu meiden. Er hüpfte und kalauerte auf Tournee-Bühnen, gab "gestammelten" Humor in einem Buch-Bestseller heraus und pflegte seinen gewaltigen Platten-Umsatz: Von acht LP's hat er mittlerweile vier Millionen Exemplare verkauft.

Aber jetzt ist Otto Waalkes, 33, der multimediale Scherzkeks, doch wieder für den Bildschirm aktiv geworden. Seine achte "Ottovision"-Show läuft am kommenden Donnerstag, 21 Uhr, im ARD-Kanal, nach bewährtem Rezept mit Sketchen, Blackouts, parodistischem Ulk und närrischen Slapsticks.

Er veralbert, in der Maske Frank Elstners, die ZDF-Show "Wetten, daß ..."; er serviert als französischer Koch "pommes de bordell", Kartoffelpuffer, witzelt über den Hygiene-Wahn der Putzmittel-Werbung und hält für psychisch Gestörte das Pharma-Wunder "Egal", für "ganz hartnäckige Fälle 'Scheißegal'" parat.

Otto gibt Tips "für Hundehaltung im Abfall-Eimer", bemüht sich im "Gemüse-Laboratorium", eine "beißfeste Tomate gegen ihren Willen mit einer Mohrrübe zu kreuzen", und läßt - "Jetzt kommt das Grauen" - in einer Horrorvision den völkischen Sänger Heino erscheinen.

Über den Irrwisch Otto, seine naive, mitunter anarchische Komik ist viel geschrieben worden. Einen "harmlosen Blödmann" hat ihn einmal die "Zeit" genannt; anspruchsloseren Gemütern hat sein "irrsinniger Jux die Zündkraft einer Rakete". Im verkarsteten deutschen Fernsehen ist dieser Kaspar Lauser allemal eine humoristische Wohltat.

Ottos berüchtigter Scherz über den Heiligen Stuhl ("Haben Sie schon gehört, der Papst soll Selbstmord gemacht haben? - Na ja, wenn man sich beruflich verbessern kann!") hat den Unwillen des Kanzlers Schmidt erregt. Den Ex-Marinerichter Filbinger verärgerte er, in einer Parodie, mit dem Führer-Gruß "Heil Hitler, Herr, Filbinger".

Sein legendäres "Wort zum Montag" verstörte gläubige Christen; im fernen Emden mahnte Ottos fromme, greise Mutter: "Otto, spotte nicht!" Kirchliche Kreise indes waren von der Laienpredigt so erheitert, daß etliche theologische Seminare den Text zu Trainingszwecken angefordert haben.

Im Kölner WDR, der ihn fürs Fernsehen entdeckte, genießt der Anstalts-August "ziemliche Narrenfreiheit". Er hat dem Sender immer imposante Einschaltquoten beschert. Die Otto-Show im Dezember 1979 erreichte 45 Prozent, TV-Kritiker bejubelten damals Ottos "herrliche Grotesk-Gags", seinen "unbändigen Spieltrieb" (so die "Süddeutsche Zeitung").

Aber zum Moloch Television - dem gewaltigen bürokratischen Apparat, dem verschlafenen Programm - hält er Distanz. "Fernsehen", sagt er, "ist 'ne Krankheit und müßte von der Krankenkasse finanziert werden." In Hamburg hat er sich eine eigene Video-Werkstatt eingerichtet; dort produzierte und inszenierte er die neue Otto-Revue.

Im nächsten Jahr will Waalkes seinen Beschäftigungshorizont grundlegend erweitern. Ein Kino-Lustspiel mit dem Komiker in der Hauptrolle ist in der Planung; und eben hat ihn die ernste Nachricht ereilt, daß auch die deutsche Wissenschaft an Otto nicht mehr vorbeigehen kann.

Die Fachhochschule Ostfriesland, ausbildungsberechtigt in den Disziplinen Wirtschaft, Seefahrt und Sozialwesen, beehrte den "sehr geehrten Herrn Waalkes" mit einem Lehrauftrag für "den Bereich Theater, Kabarett und Kunsterziehung".


DER SPIEGEL 48/1981
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