30.08.1982

USA: Atomkrieg doch führbar?

Kann ein Atomkrieg auch „langwierig“ sein, etwa sechs Monate dauern? Kann er gewonnen werden, also „führbar“ sein? Was bisher nur eine Strategiespielerei schien, soll nunmehr in einer „Verteidigungsleitlinie“ des Washingtoner Pentagon und in einem Präsidentenpapier die neue alarmierende US-Doktrin werden.
Der Verteidigungsminister der USA schrieb einen Brief - nicht an Generäle, sondern an die Washingtoner Bürochefs und die Chefredakteure von 30 US- und 40 ausländischen Tageszeitungen aus anderen Nato-Staaten. "Dear Sir", schrieb er, "das wichtigste und bedeutendste Ziel dieser Regierung ist es, sicherzustellen, daß nie wieder Atomwaffen eingesetzt werden."
Das hätte man sich eigentlich so gedacht. Doch seit Caspar Weinberger Verteidigungsminister, seit Ronald Reagan Präsident der USA ist, hat alle Welt den Eindruck bekommen, daß die Führungsmacht des Westens das Undenkbare sehr wohl für denkbar hält.
"Das Pentagon", so berichtete die "New York Times" Ende Mai, "entwickelt erstmals eine Strategie für einen lang andauernden Atomkrieg."
"Das Pentagon", so zog Mitte August die "Los Angeles Times" nach, "strebt den Sieg in einem Atomkrieg an."
Bislang hatte, im Westen wie im Osten, zumindest offiziell die Regel gegolten, daß ein Atomkrieg - sollte er denn stattfinden - nur von kurzer Dauer sein und daß es am Ende keine Sieger geben werde. Schlagwort: "Die Überlebenden werden die Toten beneiden."
Sandkastenspieler wie der Politologe Colin S. Gray allerdings hatten es bereits 1980 anders gesehen. In der angesehenen Zeitschrift "Foreign Policy" verkündete er: "Victory Is Possible", ein Sieg ist "öglich. Gray: Sowjetische Führer werden erst durch eine " " glaubwürdige amerikanische Siegesstrategie beeindruckt sein. " " Eine solche Lehre müßte den Tod des Sowjetstaates ins Auge " " fassen. Die Vereinigten Staaten sollten planen, die " " Sowjet-Union zu besiegen, und dies zu einem Preis, der die " " Wiedergenesung der USA nicht verhindert. Washington sollte " " Kriegsziele verfolgen, die letzten Endes die Zerstörung der " " sowjetischen politischen Autorität anstreben sowie die " " Entstehung einer Weltordnung, die mit westlichen " " Wertvorstellungen vereinbar ist. "
Als Preis für diese neue Weltordnung nannte Gray 20 Millionen tote Amerikaner; zehnmal soviel aber würden, nach seiner Rechnung, die heile, von "westlichen Wertvorstellungen" geprägte nachatomare Welt erleben.
Doch Colin Gray war nicht irgendwer, er wurde von Reagan schon bald nach der "Foreign Policy"-Veröffentlichung zum Berater ausgerechnet der US-Abrüstungsbehörde berufen.
Von Grays journalistisch-theoretischem "Victory Is Possible" war es nur noch ein kurzer Schritt bis zur Formulierung zweier Grundsatzpapiere, mit denen Amerika Abschied nahm von der langgehegten Überzeugung, daß ein Atomkrieg die letzte Katastrophe ohne Sieger und Besiegte sein werde:
* Im Mai verfaßte das Pentagon eine 125 Seiten starke "Verteidigungsleitlinie", die ausdrücklich von einem "langwierigen" ("protracted") Atomkrieg sprach, in dem es gelte, "die Oberhand zu behalten" ("to prevail").
* Im August wurde dem Präsidenten ein Pentagon-Papier zur Unterschrift vorgelegt, das - in den Worten eines Regierungsbeamten - die Führbarkeit eines Atomkrieges für etwa sechs Monate postulierte.
Natürlich wurden beide Papiere sofort der Presse zugespielt; denn längst sind viele verstörte Pentagon-Bürokraten besorgt über die Politik des eigenen Ressortchefs, längst hat etwa die Idee eines "Freeze", eines Einfrierens der Atomarsenale auf dem gegenwärtigen Stand, auch im US-Verteidigungsministerium ihre Anhänger.
Und das Ergebnis war nahezu einhellige Empörung. Denn Weinbergers "Defense Guidance" für die kommenden fünf Jahre fordert unter anderem,
* einen atomaren Gegenschlag mit dem Ziel der "Enthauptung" der politischen und militärischen Führerschaft der Sowjet-Union sowie ihrer Befehlswege zu führen und dabei die "gesamte militärische und politische Machtstruktur der Sowjet-Union und ihrer Verbündeten auszuschalten", auch "jene Industrien, die für die militärische Macht unerläßlich sind";
* Waffensysteme im Weltraum zu stationieren;
* schon zu Friedenszeiten - gemeinsam mit den Verbündeten der USA - die UdSSR wirtschaftlich und technisch in die Defensive zu drängen.
Wenn dieses Papier gültige Politik werde, empörte sich der "New York S.105 Times"-Kolumnist Tom Wicker, "würde das die Nation in einen permanenten Kriegszustand versetzen ..., ein Garnisonsstaat, der sogar bereit sei, sich selbst zu zerstören, nur um über den Schutt die Oberhand zu behalten".
Unverändert sind sich alle ernstzunehmenden Experten einig, "daß man einen Atomkrieg kaum begrenzen oder in die Länge ziehen kann" (so General David C. Jones, bis Juni als Chef der Vereinigten Generalstäbe Amerikas höchster Soldat).
Von Offizieren, Politikern und Publizisten bedrängt, errichtete Weinberger eine erste Verteidigungslinie. "Wir haben nicht die Absicht", beteuerte er Ende Juni, "einen langwierigen Atomkrieg anzufangen." Und: "Wir glauben nicht, daß er gewonnen werden kann."
Das Caspar-Theater setzte sich fort mit der Erklärung, natürlich müßten die USA in jedem Konflikt danach streben, "die Oberhand zu behalten". Weinberger: "Zeigen Sie mir einen Verteidigungsminister, der nicht plant, die Oberhand zu behalten, und ich zeige Ihnen, wer seines Amtes enthoben werden müßte." Ein Atomkrieg sei nicht zu gewinnen, aber "wir planen ganz gewiß nicht, besiegt zu werden".
Damit hätte beinahe alles seine Ordnung gehabt - wenn nicht wenig später die nächste Enthüllung gekommen wäre. Das Pentagon, meldete die "Los Angeles Times", habe auf Anweisung Reagans einen "strategischen Gesamtplan" erstellt, der "die USA in die Lage versetzt, einen längeren Atomkrieg gegen die Sowjet-Union zu gewinnen".
Wichtigste Voraussetzung: Für - schon bereitgestellte - 18 Milliarden Dollar müsse das Kommando-, Kontroll- und Kommunikationssystem (Fachjargon: "C-3") so nachhaltig verbessert werden, daß es nicht nur einem ersten Atomschlag der Sowjets standhalten, sondern unter den Bedingungen eines Atomkriegs sogar ein halbes Jahr lang funktionieren könne. Gegenwärtig, so ein Mitglied des Reagan-Stabes, "könnte es vielleicht 15 Minuten überdauern".
Ob es technisch überhaupt möglich ist, C-3 beispielsweise gegen jenen elektromagnetischen Puls auf Dauer zu schützen, der nach einer Atombombenexplosion sämtliche Funkverbindungen zerstört und damit jegliche Kommunikation zwischen politischer Führung und Militär unmöglich macht, wissen auch die Pentagon-Planer nicht.
Aber letztlich ist das ohnehin nicht die Hauptsache. Viel wichtiger war, daß aus dem "strategischen Gesamtplan" so eindeutig die Handschrift von Leuten wie Colin S. Gray sprach, daß sogar der sonst so atlantische "Zeit"-Stratege Theo Sommer argwöhnte, das Pentagon wolle "an die Stelle der bisherigen Kriegsverhinderungsstrategie eine Kriegführungsstrategie, obendrein eine nukleare", setzen.
Daß die Strategen in Ost und West solche Kriegsspiele spielten, kommentierte der Londoner "Guardian", sei nicht mehr als recht und billig. "Absolut alarmierend aber ist, daß der Präsident eigens eine solche Studie in Auftrag gegeben hat und offenbar kurz davor steht, sie zur offiziellen Strategie der USA (und damit der Nato) zu machen."
Weinberger zeigte ein zweites Mal Wirkung. Vier Tage nach dem "Guardian"-Angriff antwortete er per Brief: "Ich bin zunehmend besorgt über Presseberichte, in denen diese Regierung so dargestellt wird, als plane sie einen langwierigen Atomkrieg oder wolle die Fähigkeit zur Führung eines Atomkriegs erwerben. Dies ist unzutreffend."
Da aber die Sowjets seit über 20 Jahren ihr Atomwaffenarsenal modernisierten, müßten die USA das nun auch tun; sonst komme bald der Zeitpunkt, an dem die Fähigkeit zum Gegenschlag verloren und die Doktrin der Abschreckung gescheitert sei.
Briefschreiber Weinberger will nichts davon wissen, daß das strategische Potential der USA heute bereits viel stärker ist als zur Abschreckung der Sowjet-Union erforderlich. Aber auch wenn Amerika schwächer wäre - daß es so schwach würde, keinen tödlichen Zweitschlag mehr führen zu können, glaubt gewiß auch Weinberger nicht.
"Ein Polaris-U-Boot allein", antwortete der "Guardian", "wäre in der Lage, Moskau, Leningrad, Kiew, Gorki, Nowosibirsk und 43 weitere Ziele nach Wahl dem Erdboden gleichzumachen. Und dabei reden wir noch gar nicht von den ganz großen Brummern."
Und: "Wenn man auch nur darüber diskutiert, mit Waffen dieser Größenordnung ein halbes Jahr lang Krieg zu führen, bedeutet es doch wohl, daß man die Realitäten verdrängt hat."
S.104
Sowjetische Führer werden erst durch eine glaubwürdige amerikanische
Siegesstrategie beeindruckt sein. Eine solche Lehre müßte den Tod
des Sowjetstaates ins Auge fassen. Die Vereinigten Staaten sollten
planen, die Sowjet-Union zu besiegen, und dies zu einem Preis, der
die Wiedergenesung der USA nicht verhindert. Washington sollte
Kriegsziele verfolgen, die letzten Endes die Zerstörung der
sowjetischen politischen Autorität anstreben sowie die Entstehung
einer Weltordnung, die mit westlichen Wertvorstellungen vereinbar
ist.
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DER SPIEGEL 35/1982
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