19.07.1982

ZEITGESCHICHTEHoffmanns Erzählungen

Historiker-Streit um einen Heros des deutschen Widerstandes gegen Hitler: Ludwig Beck, der „General gegen den Krieg“ und Oberhaupt der Umsturzbewegung des 20. Juli 1944, ist ins Zwielicht geraten.
Der Historiker war empört. Peter Hoffmann, Professor an der renommierten McGill-Universität im kanadischen Montreal, sah sich in seinem alten Verdacht bestätigt, daß die Kollegen in der Bundesrepublik für die patriotischen Motive des antifaschistischen Widerstandes in der Hitler-Ära keinen Sinn mehr hätten.
"Diese negative Beurteilung der Verschwörungen gegen Hitler und ihrer Träger", wetterte Hoffmann, "ist ein Spezialfall des umfassenden Versuchs, geschichtliche Vorgänge aus der Klassengebundenheit der Handelnden zu erklären." Da verkäme dann der Patriotismus "zur Nebensächlichkeit".
Anlaß der Kollegen-Schelte, unlängst veröffentlicht in der "Historischen Zeitschrift", dem Zentralorgan bundesdeutscher Geschichtswissenschaftler, war eine Arbeit über Hitlers Generalstabschef und späteren Gegner Ludwig Beck, die bei Kennern einiges Aufsehen erregt hatte. Ihr Verfasser ist der Hamburger Historiker Klaus-Jürgen Müller, dem Hoffmann seit langem vorwirft, die Motive prominenter Widerständler zu verfälschen.
( Klaus-Jürgen Müller: "General Ludwig ) ( Beck". Harald Boldt Verlag, Boppard am ) ( Rhein; 632 Seiten; 74 Mark. )
Entsprechend harsch fielen Hoffmanns Zensuren aus: "Leser von vornherein irregeführt ... polemisch-ideologische Sichtweise ... Erklärung ohne wissenschaftliche Untermauerung ... einseitige Behandlung der Quellen."
Das Buch des Kollegen mußte Hoffmann herausfordern, ramponiert es doch das Bild, das er sich selber in jahrelangen Forschungen von dem Generaloberst Beck gemacht und in seinem 1969 erschienenen Buch "Widerstand, Staatsstreich, Attentat" (R. Piper Verlag, München) festgeschrieben hat.
Hoffmanns Werk spiegelte wie kaum eine andere Historiker-Arbeit den Beck-Kult wider, der in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg unter bundesdeutschen Politikern und Zeitgeschichtlern grassierte. Wo immer es galt, die Existenz eines "anderen Deutschland" in der Zeit der braunen Schreckensherrschaft nachzuweisen, durfte der Name Ludwig Beck nicht fehlen.
Ein hochgebildeter, sensibler Soldat, Generalstabschef des Heeres von 1933 bis 1938, aus Protest gegen Hitlers Kriegskurs in der Sudetenkrise zurückgetreten, im Krieg Führer des Widerstands von Konservativen und Militärs, beim Putschversuch des 20. Juli 1944 ums Leben gekommen - das war die ideale Figur, um einer schuldig gewordenen Nation als Trost und Alibi zu dienen.
Bundeswehr-Kasernen wurden nach ihm benannt, historische Seminare zu seiner Ehre abgehalten, Film und Fernsehen kündeten seinen Ruhm.
Je weiter die Hitler-Ära entrückte, desto länger wurde die Reihe der guten Taten, die man Beck im Dienst des anderen Deutschland zuschrieb. Er wurde zu den frühesten Gegnern des NS-Diktators gerechnet, Historiker rühmten sein "mannhaftes Eintreten" für den von der Gestapo diffamierten Heeres-Oberbefehlshaber Fritsch, Adenauer-Apologeten feierten ihn als einen Anhänger deutsch-französischer Freundschaft.
Kein Wunder, daß im Klima einer solchen Heldenverehrung ein junger aufstrebender Historiker nicht abseits stehen wollte. Der Professoren-Sohn Peter Hoffmann, Jahrgang 1930, erwählte sich den Widerstand zum Thema seines Lebens - wohlwollend gefördert von der Frankfurter "Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944", die die Erinnerung an den konservativ-militärischen Widerstand pflegt.
In alten Akten und in Zeugenaussagen fand Hoffmann denn auch rasche Bestätigung für die These, Beck habe sich nahezu von Anfang an dem Wahnsinn des Hitlerismus entgegengestemmt. Jede kritische Notiz Becks, jede Kontroverse mit Konkurrenten machten es dem Rechercheur mehr zur Gewißheit: Beck hatte frühzeitig gewarnt.
Bald sah Hoffmann ein Leben voller Konsequenz und Strenge vor sich, den Weg eines, wie er heute formuliert, "preußisch-deutschen Generals vom skeptischen Mitarbeiter (Hitlers) im Interesse der Nation zum Warner und Mahner vor einer unverantwortlichen, abenteuerlichen Außenpolitik, deren totale Katastrophe Beck schon 1938 vorausgesagt hat".
Zwar konnte Hoffmann nicht ignorieren, daß Beck zunächst große Hoffnungen auf das NS-Regime gesetzt hatte, doch von Mitte 1933 an sah er den General in wachsender Distanz zu Hitler und dessen Herrschaft.
Beweis: Schon im April 1935 habe Beck in einer Notiz die nationalsozialistische Außenpolitik "als eine Politik der Perfidie verurteilt", und einen Monat später habe er gar "in einer Stellungnahme seinen Rücktritt angedroht für den Fall, daß ein Angriffskrieg gegen die Tschechoslowakei vorbereitet würde".
Zum Gegenspieler Hitlers, so Hoffmann weiter, sei Beck vollends geworden, als der Diktator eben dies beschloß: den Überfall auf die CSR. Am 28. Mai 1938 eröffnete Hitler den Militärs, es sei sein "unabänderlicher Entschluß, die Tschechoslowakei durch eine militärische Aktion zu zerschlagen", und von dieser Stunde an datiert der Historiker S.51 Becks Absicht, den Krieg mit allen Mitteln zu verhindern.
Am 29. Mai richtete Beck an den Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch, eine Denkschrift, in der er sich gegen Hitlers Kriegsplan stellte - mit militärtechnischen Argumenten: Das Heer sei noch nicht fertig, es könne nicht gleichzeitig die CSR schlagen und dem im Westen zu erwartenden Angriff Frankreichs "militärisch beikommen".
Um möglichst vielen Militärs den Wahnsinn von Hitlers Kriegsplan zu demonstrieren, habe Beck - so berichtet Hoffmann - ein schriftlich auszuarbeitendes Kriegsspiel angeordnet, in dem untersucht werden sollte, welche Lage sich ergeben würde, falls die Wehrmacht die CSR angreife und zugleich die französische Armee im Westen losschlage.
Ergebnis laut Hoffmann: Die Tschechoslowakei sei zwar von den deutschen Truppen niedergeworfen worden, aber die französische Armee so weit auf Reichsgebiet vorgestoßen, daß die deutsche Niederlage nicht mehr abzuwenden gewesen sei.
Das habe nun, so stellt es sich Hoffmann vor, Beck dazu inspiriert, in immer radikaleren Denkschriften seinen Chef S.54 Brauchitsch zu einer Demarche bei Hitler zu drängen. Am 15. Juli 1938 verlangte Beck, "den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht zu veranlassen, die von ihm befohlenen Kriegsvorbereitungen einzustellen", und am 16. Juli forderte er gar, die Führer der Wehrmacht sollten ihn dazu zwingen oder geschlossen von ihren Ämtern zurücktreten.
Aber auch das habe Beck bald nicht mehr genügt, meint Hoffmann, er sei zu schärfsten politischen Konsequenzen bereit gewesen. Sein Programm: Ausschaltung von SS und Polizei, Ende des NS-Terrors, Wiederherstellung der Meinungsfreiheit, wobei allerdings Hitler noch geschont werden sollte.
Kurz darauf aber "ging der vorgebliche Kampf um Hitler dann doch in den offenen Kampf gegen Hitler über" (Hoffmann), denn Beck habe sich Ende Juli 1938 entschlossen, das ganze Hitler-Regime durch einen Militärputsch zu beseitigen. Hoffmann: "Der Schritt vom bloßen Protest zum konkreten Staatsstreichplan war also getan."
Beweise? Hoffmann zählt sie auf: Generalleutnant Karl-Heinrich von Stülpnagel, Oberquartiermeister II im Generalstab, sei "im Auftrage Becks" mit der "Ausarbeitung der Einzelpläne" befaßt worden, und auch Erwin von Witzleben, den Kommandierenden General im Wehrkreis III (Berlin), habe Beck neben dem Berliner Polizeipräsidenten Helldorf ins Spiel gebracht, "um Berlin mit seinen Schlüsselpositionen in die Hand zu bekommen".
Und den NS-Gegner Ewald von Kleist-Schmenzin habe Beck nach London geschickt mit dem Auftrag: "Bringen Sie mir den sicheren Beweis, daß England kämpfen wird, wenn die Tschechoslowakei angegriffen wird, und ich will diesem Regime ein Ende machen."
Doch der schwache Brauchitsch versagte sich seinem Generalstabschef. Er gab zwar Becks Denkschriften an Hitler weiter und ließ zu, daß Beck am 4. August vor den Führern des Heeres seine Thesen über die katastrophalen Risiken eines Krieges gegen die CSR vortrug, doch den von Beck bereits formulierten Aufruf zum Generals-Streik unterdrückte der Heeres-OB.
Brauchitsch distanzierte sich immer mehr von seinem Stabschef, je wütender Hitlers Kommentare über die Beck-Denkschriften wurden. Beck resignierte. "Er konnte", so schließt Hoffmann, "nur noch zurücktreten, um wenigstens nicht mitschuldig zu werden, verhindern konnte er nichts mehr."
Hoffmanns Unglück aber wollte, daß seine Beck-Story in Frage gestellt wurde, ehe sie richtig in Druck gegangen war. Gleichzeitig mit dem Erscheinen seines "Widerstand, Staatsstreich, Attentat" hatte ein anderer Historiker eine umfängliche Untersuchung über "Das Heer und Hitler" veröffentlicht, die - unabsichtlich - Hoffmanns Darstellung an wesentlichen Stellen widerlegte.
( Klaus-Jürgen Müller: "Das Heer und ) ( Hitler". Deutsche Verlags-Anstalt, ) ( Stuttgart; 712 Seiten; 38 Mark. )
Ihr Verfasser, Klaus-Jürgen Müller, auch er Jahrgang 1930, heute Professor an Hamburgs Universität und Bundeswehrhochschule, kam aus dem Mitarbeiterstab des Freiburger Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, in dem er gemeinsam mit seinen Kollegen Wilhelm Deist und Michael Geyer die deutsche Rüstungspolitik zwischen den beiden Weltkriegen analysiert hatte. Müller selber erforschte in jahrelanger Kleinarbeit Politik und Motive Becks - auf einer breiteren Quellenbasis, als sie sich Hoffmann erarbeitet hatte.
Müller war dabei aufgegangen, daß Beck 1938 nie einen Staatsstreich geplant hatte. "Es ging für ihn", urteilte Müller, "ganz und gar nicht gegen Hitler, sondern gegen dessen Kriegspolitik. Es ging für ihn auch nicht um das politische System überhaupt, sondern um die Reform dieses Systems nach den Vorstellungen der Armeeführung."
Beck habe, so Müller weiter, "ein besseres, geläutertes Drittes Reich" vorgeschwebt, "nicht aber die Errichtung eines neuen, grundsätzlich geänderten Staatswesens" - Ausfluß der "typischen konservativ-nationalistischen Denkweise", die das Hitler-Regime als einen autoritären, von NS-Partei und Wehrmacht getragenen Obrigkeitsstaat preußisch-deutscher Art mißverstand.
Mißverständliches sah Müller auch in allen Versionen, die schon vor Hoffmanns Erzählungen dem General Beck Staatsstreichabsichten zugeschrieben hatten. Da seien einfach, fand der Forscher, Becks Idee eines Generals-Streiks, weitergehende Vorstellungen Stülpnagels und die späteren Putschpläne des Beck-Nachfolgers Halder zu einem unhistorischen Ganzen zusammengeflossen.
Beck habe damit ebensowenig zu tun wie mit der Londoner Mission Kleist-Schmenzins, dem er laut Hoffmann einen besonderen Auftrag gegeben haben sollte. Beck entfiel als Auftraggeber schon aus zeitlichen Gründen: Kleist-Schmenzin war am 18. August 1938 nach England aufgebrochen, dem Tag, an dem Beck seinen Rücktritt einreichte.
Aber auch der Versuch, Beck schon für die Zeit vor 1938 eine Gegnerschaft zu Hitler zu attestieren, erschien Müller "wirklichkeitsfremd".
So hatte Hoffmann rühmend erwähnt, Beck habe "zweimal, am 3. Mai 1935 und am 20. Mai 1937, sich geweigert, Angriffspläne gegen die Tschechoslowakei bzw. gegen Österreich auszuarbeiten". Das klang nach Widerstand gegen Hitler, doch er war es mitnichten, wie Müller nachwies:
In beiden Fällen war es vor allem um einen wehrmachtinternen Kompetenzkonflikt gegangen, um die Streitfrage nämlich, ob das Reichskriegsministerium mit seinem Wehrmachtamt oder der Generalstab des Heeres in letzter Instanz für Operationspläne zuständig sei. Beck meinte, allein der Heeres-Generalstabschef sei zum ersten militärischen Ratgeber des Führers berufen, zumal dem Wehrmachtamt der nötige Sachverstand fehle.
Da aber in beiden Fällen der Auftrag zur Ausarbeitung der Operationspläne vom Reichskriegsministerium ausgegangen war, legte sich Beck quer und versagte die Mitarbeit. Zudem vermißte S.55 Beck die Berücksichtigung militär- und außenpolitischer Zusammenhänge, ohne die er sich eine Operationsplanung nicht vorstellen konnte.
Sein Verhalten bei der Annexion Österreichs im März 1938 bewies das überdeutlich: Ein kurzes Gespräch mit Hitler genügte Beck, um seinem Führer binnen weniger Stunden einen Operationsplan für den Einmarsch in das Nachbarland zu entwerfen - keine Spur von Widerstand, kein Indiz für Becksche Bedenken.
Den Forscher Müller aber dünkte dies alles typisch für die "erheblichen Verzerrungen und bestimmten Blickverengungen" jener Historiker der Nachkriegszeit, die einen Beck "nahezu ausschließlich unter dem exklusiven Gesichtspunkt seiner späteren Rolle im Widerstand sahen". Dabei habe man den eigentlichen Beck, den Strategen der deutschen Aufrüstung unter Hitler, verfehlt - im Interesse einer "unreflektierten Heroisierung".
Beck-Verehrer Hoffmann fühlte sich provoziert und gab ärgerlich zurück: In einer 1979 erschienenen Neuauflage seines Buches warf er Müller vor, er vereinfache Becks Auffassungen "bis zum völligen Mißverstehen", seine Darstellung gehe "am Wesen der Opposition Becks vorbei".
Kurz darauf verschärfte Hoffmann in einer kleinen Schrift "Widerstand gegen Hitler" (R. Piper Verlag, München) seine Kritik an Müller, den er nun als "revisionistischen Historiker" abwertete, der sich wie andere durch eine "sozial- und systemgeschichtlich orientierte Geschichtsschreibung" den "Weg zum Verständnis derer, die Hitler widerstanden", verlege.
Das reizte Müller, Becks Rolle in den Friedensjahren des Dritten Reiches noch einmal gründlich zu untersuchen, zumal er inzwischen im Freiburger Militärarchiv bis dahin unausgewertete Unterlagen gefunden hatte, die Beck in einem noch deutlicheren Licht zeigten - Grund genug, das Material in einem weiteren Buch, dem 1980 erschienenen "General Ludwig Beck", zu verarbeiten.
Die Papiere enthüllten dem Hamburger Professor einen Mann, der vor allem in den Kategorien militärischer Machtteilhabe im Innern und deutscher Hegemonialpolitik nach außen gedacht hatte.
Dem Artillerie-General Beck, einem typischen Vertreter der alten preußischdeutschen Führungsschicht, schien es selbstverständlich, daß der Armee in Staat und Politik eine besondere Rolle zukomme. Konsequenz: Die Armee müsse an der Macht im Staat teilhaben, was sich "nicht nur auf militärpolitische Entscheidungen, sondern auch auf den Bereich der Außenpolitik und auf weite Bereiche der Innenpolitik bezog" (Müller).
Anders als die Politiker der Weimarer Republik schien Hitler dem Militär diese Sonderrolle einzuräumen, besagte doch seine Parole von den "Zwei Säulen", NSDAP und Wehrmacht müßten gleichberechtigte Träger und "Garanten" des neuen Deutschland sein.
Das hatte Beck schon früh an die Seite Hitlers geführt; bereits 1930 forderte er, den Nationalsozialisten die Macht in Deutschland zu übertragen. Der 30. Januar 1933 war ihm denn auch "der erste große Lichtblick seit 1918", der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Bereitwillig unterstützte er die Allianz zwischen Hitler und der Reichswehr, die das neue Regime überhaupt erst ermöglicht hatte.
Für Beck waren die Nationalsozialisten freilich nur, wie Müller sagt, "dann akzeptabel, wenn sie die wesentlichen Postulate seiner Staatsauffassung erfüllten S.56 bzw. mit diesen übereinstimmten". Und eben dies schien Hitler zu tun: Er garantierte den Militärs volles Mitspracherecht in der Politik, er versprach die Schaffung eines autoritären Staates, er wollte die von der Reichswehrführung bereits in Gang gesetzte Aufrüstung Deutschlands forcieren und dem Land die verlorene Großmachtstellung zurückerobern.
Mochten Beck auch bald Terror und Machtmißbrauch des NS-Regimes deprimieren, ja zu leidenschaftlicher Kritik herausfordern - an Hitler hielt er fest. In völliger Verkennung Hitlers wähnte er ihn allenfalls in schlechter Gesellschaft, unter dem bösen Einfluß der "Radikalen", worunter sich Beck Leute wie den SS-Chef Himmler oder den Propagandaminister Goebbels vorstellte, die den Führer gegen die "reaktionären" Generale aufhetzen würden.
Hitler aber, für Beck eine Art Ersatz-Kaiser, war ihm sakrosankt: Der Führer stehe doch wirklich über allen Gehässigkeiten, meinte Beck 1935. Und noch drei Jahre später, als Hitler den Heeres-OB Fritsch wegen einer vermeintlichen Homosexuellen-Affäre zum Rücktritt zwang, traute Beck dem Diktator nichts Übles zu und überließ anderen die Verteidigung des diffamierten Chefs.
Beck wollte sich nicht die Verbindung zu dem Mann ruinieren lassen, ohne den er sein militär- und außenpolitisches Konzept nicht verwirklichen konnte. Auch hier übersah Beck die Unterschiede, die ihn von Hitler grundsätzlich trennten: Der Diktator war auf das Fernziel einer imperialistischen, völkerzerstörenden Lebensraumeroberung im Osten fixiert, Beck hingegen schwebte eine klassische Großmachtpolitik eher wilhelminisch-bismarckscher Art vor.
Doch dem Generalstabschef war "die Idee einer deutschen Großmacht eine so unbefragte, absolute Größe" (Müller), daß er gar nicht auf den Gedanken kam, Hitler wolle etwas anderes als er selber. Zudem stimmten sie in der Militärpolitik völlig überein: Sie wollten rasch ein kriegsstarkes Heer schaffen, beide forcierten eine "autonome deutsche Aufrüstung ohne jegliche Bindungen durch kollektive Systeme und multinationale Abkommen" - so Müller.
Anfangs war von beiden Beck sogar der radikalere Aufrüster. Im Gegensatz zu Hitler verlangte er schon im Sommer 1934 die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, und Ende 1933 wollte er bereits die Zielplanung des Heeres auf 36 anstelle der von Hitler gebilligten 21 Divisionen festlegen. Und Ende 1934 drängte er auf die Beseitigung der entmilitarisierten Rheinlandzone - fast anderthalb Jahre bevor Hitler dort die Wehrmacht überfallartig einrücken ließ.
Beck setzte im Dezember 1935 auch durch, was Müller "eine grundlegende Umstrukturierung der bisherigen Rüstungsplanung" nennt. Der Generalstabschef verlangte eine "möglichst ununterbrochene und kurz befristete Durchführung" der Aufrüstung, aus dem zunächst geplanten Friedensheer sollte eine Angriffsarmee (Beck: "Offensiv-Armee") werden, deren Kern große motorisierte und Panzerverbände bildeten.
War das schon der Weg in den Krieg? Beck sah es nicht so. Er wollte nur rasch aufrüsten und das Heer stark machen, um andere Mächte an einer militärischen Intervention zu hindern, denn Beck wußte nur zu gut, daß die laute Aufrüstungspolitik des Dritten Reiches Europa provozierte. Becks These: Je schneller und unauffälliger Deutschland die Risikophase seiner Aufrüstungspolitik durchlaufe, desto geringer werde die Gefahr eines Krieges.
Deshalb forderte er auch, Deutschland müsse jede Herausforderung fremder Mächte unterlassen. Was später Hoffmann als Gegnerschaft gegen die NS-Außenpolitik mißdeutete, war nichts als die Furcht Becks, eine Untat wie die Ermordung des Wiener Kanzlers Dollfuß durch Nazis könne sich wiederholen und Europa zu einem Schlag gegen das noch nicht voll aufgerüstete Reich herausfordern.
Da mußte ihn der Bericht über eine Sitzung in der Reichskanzlei alarmieren, den ihm der Oberst Friedrich Hoßbach, Hitlers Wehrmachtadjutant, um den 11. November 1937 herum zu lesen gab. In dieser Sitzung hatte Hitler vor Vertrauten seine geheimsten Ziele enthüllt: gewaltsame Lösung der deutschen "Raumfrage", Eroberung Österreichs und der Tschechoslowakei bis spätestens 1943/ 45, möglichst aber schon früher, sobald sich eine günstige außenpolitische Konstellation ergebe.
Hitlers Ausführungen, Signale für den Übergang zur offenen Expansionspolitik, empfand Beck als so "niederschmetternd", daß er all seine Empörung in einer persönlichen Notiz herunterschrieb. Was ihn laut Müller zu seiner "außergewöhnlich schroffen, geradezu verachtungsvollen Kritik" trieb, war der offenkundige Dilettantismus, mit dem Hitler die Nation in einen Krieg stürzen wollte - ein Horror für den peniblen, auf Sachkompetenz und intellektuelle Redlichkeit ausgerichteten Generalstäbler.
Dennoch kam ihm nicht einen Augenblick der Gedanke, Hitler wolle seine vagen, abenteuerlichen Kriegspläne schon in den nächsten Monaten verwirklichen. Der Generalstabschef vertraute allzu sehr darauf, daß das Heer ja erst 1942 "voll ausgerüstet und schlagbereit" (Beck) sein würde, und so fand er nichts dabei, den Krieg gegen die Tschechoslowakei noch stärker als bisher planerisch durchzuspielen.
Denn: Trotz aller Detailkritik hatte er grundsätzlich an einem Krieg gegen die CSR gar nichts auszusetzen. Auch ihm, dem Anhänger deutscher Hegemonialpolitik, war nie zweifelhaft gewesen, "daß die Tschechei für Deutschland unerträglich ist und ein Weg, sie als Gefahrenherd für Deutschland auszuschalten, notfalls auch durch eine kriegerische Lösung gefunden werden muß" - so Beck noch am 29. Mai 1938.
Er selber hatte bereits an der außen- und militärpolitischen Vorbereitung eines Krieges gegen die CSR mitgewirkt. Seit September 1937 verhandelte Beck mit dem ungarischen Generalstabschef S.58 Racz, um die Honvedarmee für einen gemeinsamen Schlag gegen die CSR zu gewinnen, und noch im November, nach der Lektüre der Hoßbach-Niederschrift, kam es unter Becks Federführung in Berlin zu operativen Absprachen, die für das Jahr 1940 ein gemeinsames Vorgehen der deutschen und ungarischen Armeen gegen Prag möglich machten.
Im Dezember 1937 ließ Beck dann, wie Müller zu seiner eigenen Überraschung entdeckte, den Generalstab des Heeres die "operativen Planungsvorbereitungen für ein militärisches Vorgehen gegen die Tschechoslowakei intensivieren", und in eben diesem Dezember ordnete er auch ein schriftliches Kriegsspiel für das nächste Jahr an. Thema: "Führung eines Angriffskrieges gegen die Tschechoslowakei einschließlich Aufmarsch."
Es ist jenes Kriegsspiel, von dem Hoffmann annimmt, Beck habe es auf dem Höhepunkt der Krise von 1938 inszeniert, um den anderen Militärs die Gefährlichkeit von Hitlers Kriegsplan zu demonstrieren. Müller weiß es besser: Er fand in den Unterlagen eines Übungsteilnehmers ein Aktenbündel, das "erstmals über den Zeitraum, in dem das Übungsspiel lief, über die Anlage und vor allem über die Ergebnisse Aufschluß gibt".
Aus dem Material schließt Müller, daß die Übung keineswegs bezweckte, was ihr Hoffmann zuschrieb. Sie habe vielmehr ungewollt eine Lage präjudiziert, die für Beck im Sommer 1938 "zu ausweglosem Verhängnis werden sollte": Die Ergebnisse des Spiels ruinierten die Argumentation, mit der Beck den Krieg des Adolf Hitler stoppen wollte.
Denn inzwischen hatte die so reibungslose Annexion Österreichs im März Hitler in hemmungslose Eroberungsstimmung versetzt, jetzt wollte er sofort den Krieg gegen die "Tschechei", zumal der Anschluß Österreichs die strategische Ausgangslage eines deutschen Überfalls auf die CSR stark verbessert hatte. Seit Mai 1938 kannte er nur noch eine Parole: Krieg!
Beck war entsetzt. Er mußte erkennen, daß er Hitlers konkreten Kriegswillen völlig falsch eingeschätzt hatte. Das kam ihm alles viel zu früh, das Heer schien ihm noch nicht einsatzbereit, die Rohstoff- und Ernährungslage Deutschlands katastrophal. Da ging es für Ludwig Beck nur noch darum, "die Grundlagen und Aussichten für eine künftige deutsche Hegemonialpolitik in Mitteleuropa nicht durch Hitlers Abenteuerpolitik leichtfertig aufs Spiel setzen zu lassen", wie es Müller umschreibt.
Der Generalstabschef opponierte mit militärtechnischen Argumenten: Deutschland drohe ein Zweifrontenkrieg, ja ein Weltkrieg, weil das Heer nicht in der Lage sei, die CSR schnell genug zu zerschlagen, um eine militärische Intervention der Westmächte zu verhindern. "Im günstigsten Falle" brauche das Heer drei Wochen zur Bezwingung der CSR, bis dahin aber würden die Franzosen längst im Reich stehen.
Doch da liefen Mitte Juni die ersten Ergebnisse des Kriegsspiels ein, die Beck widerlegten. Am siebten Spieltag war der Krieg gegen die CSR zugunsten der deutschen Armee entschieden, am elften Tag konnte die Wehrmachtführung bereits den Abtransport der ersten in der Reserve gehaltenen Großverbände nach dem Westen befehlen.
Und die Franzosen? Sie hatten kaum eine Chance erhalten, in das deutsche Gebiet tief vorzustoßen. Zudem hatte vorher die Generalstabs-Abteilung "Fremde Heere" ausgerechnet, allenfalls, wenn überhaupt, sei am fünften Mobilmachungstag mit einem französischen Angriff zu rechnen. Am siebten Spieltag aber standen schon die ersten zusätzlichen deutschen Verbände an der Westfront.
Das mußte für Beck schlimm klingen, doch er zog es zunächst vor, die Ergebnisse des Spiels zu ignorieren. Auf einer Abschlußbesprechung Ende Juni brandmarkte er abermals das Unternehmen gegen die Tschechoslowakei, obwohl es sich gerade auf dem Papier als militärtechnisch machbar erwiesen hatte, und argumentierte dabei so gereizt, daß sein Schlußappell einem Teilnehmer wie eine "Geste der Hilflosigkeit" erschien.
Entsprechend dünn war das Echo, das er unter den anderen Militärs fand. Heeres-Oberbefehlshaber von Brauchitsch verweigerte ihm die Zustimmung, ein Teil der Zuhörer hielt Becks Besorgnisse für übertrieben. Für die meisten seiner Kameraden S.60 war er "eine Kassandra ohne Überzeugungskraft" (Müller).
Beck war am Ende, und er wußte es. Schon am 30. Juni spielte er mit dem Gedanken, zurückzutreten. "Die Situation war grausam", schreibt Müller. "Er sah zunehmend klarer, daß die Politik Hitlers auf Krieg abzielte. Seine Argumente im engeren militärisch-fachlichen Bereich aber besaßen nicht die mitreißende Überzeugungskraft, die nötig war, um leichtfertig agierenden Militärs das Verhängnisvolle dieser Politik einsichtig zu machen."
Beck sah sich in einer aussichtslosen Lage. Er hatte Hitler ein Angriffsheer geschaffen und mußte nun ohnmächtig zusehen, wie der gewissenlose Diktator dieses Instrument politisch nutzte. Es war nicht ohne Ironie: Der Aufrüster Beck hatte zu gut gearbeitet, vergeblich versuchte er jetzt, seine eigene Leistung abzuwerten, um Hitler vom Kriegskurs abzubringen.
Auf diesem Weg wollte ihm kein Kamerad folgen, zumal Hitler mit einem Argument aufwartete, das vordergründig denkenden Militärs ganz plausibel klang: trotz der unfertigen Rüstung das Heer einzusetzen, ehe das vom deutschen Waffenlärm aufgeschreckte Europa auch aufrüstete und Deutschlands Militärmacht wieder neutralisierte.
Beck hätte Hitler nur wirkungsvoll bekämpfen können, wenn er entschlossen gewesen wäre, die Ziele der deutschen Rüstungs- und Machtpolitik insgesamt in Frage zu stellen, doch dazu war er nicht bereit.
So flüchtete er sich in den verzweifelten Versuch, mit politischen Mitteln auf Hitler einzuwirken: Er wollte Brauchitsch zu einer Intervention bei Hitler veranlassen, er wollte durch einen Streik der Generale den Diktator von dessen "radikalen" Ratgebern befreien.
Dabei griff er ein altes von Hoßbach und Abwehrchef Canaris stammendes Papier aus der Fritsch-Krise auf, in dem gefordert worden war, die Wehrmacht müsse im Interesse einer "innenpolitischen Klärung" auf die Ablösung falscher Ratgeber des Führers wie der SS-Führer Himmler und Heydrich dringen und an ihre Stelle vertrauenswürdigere Parteigenossen setzen - Fortsetzung und schärfste Konsequenz des alten Programms militärischer Machtteilhabe.
Mit einem Putschversuch hatte das nichts zu tun. "Es kann und darf", schrieb Beck am 19. Juni 1938, "kein Zweifel darüber aufkommen, daß dieser Kampf für den Führer geführt wird." Er meinte es todernst, was er da als "kurze, klare Parolen" für die Demarche der Generale notierte: "Für den Führer! Gegen den Krieg!" Ludwig Beck hatte Hitler noch immer nicht verstanden.
Zu spät erkannte Beck, daß er "mit leeren Händen dastand" (Müller) und kein General ihn unterstützte. Erst nach seinem Rücktritt kam ihm die bittere Erkenntnis: "Zuletzt war ich allein."
S.50 Klaus-Jürgen Müller: "General Ludwig Beck". Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein; 632 Seiten; 74 Mark. * S.51 Bei der Grundsteinlegung zur Wehrtechnischen Fakultät der TH Berlin, 1937; rechts neben Beck: Marine-Chef Raeder, Luftwaffen-Chef Göring, Erziehungsminister Rust. * S.54 Klaus-Jürgen Müller: "Das Heer und Hitler". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 712 Seiten; 38 Mark. * Karl Ludwig Diehl als Beck in "Es geschah am 20. Juli". * S.56 Bei einem Manöver vor Kulissen. *

DER SPIEGEL 29/1982
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