19.07.1982

OPECMit Gewalt

Der Krieg zwischen Iran und Irak, vor allem, trieb das Ölkartell der Opec in seine schlimmste Krise.
Energie-Experten des Washingtoner Außenministeriums spielten Opec. Wie schon vor früheren Konferenzen des Ölkartells taten Diplomaten des State Department im Foreign Service Institute ihrer Behörde so, als wären sie die Ölminister während eines demnächst stattfindenden Opec-Treffens.
Obgleich zur Zeit des simulierten Öl-Palavers, vom 21. bis 23. Juni, der Termin für die nächste Konferenz noch völlig offen war, gingen die Opec-Darsteller davon aus, das Treffen sei für den frühen Juli nach Österreich einberufen.
Mit ihren Annahmen über Zeit und Ort lagen Washingtons Opec-Kenner völlig richtig. Am vorletzten Wochenende kamen die Ölminister der 13 Opec-Staaten tatsächlich zu einer außerordentlichen Konferenz im Wiener Intercontinental-Hotel zusammen.
Doch die Ergebnisse des Treffens verfehlten die Opec-Simulierer meilenweit. Statt einer angenommenen Einigung über die Aufteilung der Fördermenge auf die Mitgliedsstaaten kam es zum schärfsten Eklat seit den Kindertagen des Kartells in den Sechzigern.
Heillos zerstritten brachen die Ölminister ihr Treffen ab. Ihre Helfer verständigten sich nicht einmal auf das sonst übliche Konferenz-Kommunique, mit dem sie früher selbst nach heftigem Streit noch stets ein Minimum an Gemeinschaftsgeist demonstriert hatten.
Dabei waren sich die Opec-Delegierten im Gegensatz zu vielen früheren Konferenzen über ihr Gesamt-Ziel für Preise und Mengen durchaus einig. Iraner wie Saudis, Algerier wie Venezolaner plädierten dafür, den schon seit Herbst 1981 geltenden Richtpreis für Opec-Öl nicht zu verändern. Auch über die erstrebte Gesamt-Fördermenge des Kartells gab es keinen Streit.
Allen Konferenzteilnehmern war klar, daß sie ihr Öl bei einem Richtpreis von 34 Dollar je Barrel in den nächsten Monaten nur dann loswerden, wenn sie nicht mehr als 17,5 Millionen Barrel täglich fördern. Denn die weltweite Rezession, die Sparanstrengungen der Verbraucher und der Lager-Abbau der westlichen Ölkonzerne haben den Öl-Absatz stark nach unten gedrückt. Ein Mehrangebot würde die Nachfrage übersteigen, der Preis käme ins Rutschen.
Schon im März hatten die Opec-Länder den Druck auf die 34-Dollar-Marke nur dadurch abfangen können, daß sie erstmals in der Geschichte ihrer Organisation das taten, was ein ordentliches Kartell eigentlich stets tun müßte: Mit einem Produktions-Limit für die gesamte Opec und Förderquoten für jedes einzelne Mitglied setzten sie neben dem Preis auch die Menge fest.
Nach dem "historischen Beschluß" ("The Times") vom März schien die Opec gefestigt genug, ohne Preiseinbruch über den Sommer hinwegzukommen. Für den Herbst, wenn die Weltkonjunktur womöglich wieder anspringt und es in den Industriestaaten des Nordens kälter wird, rechneten alle Fachleute wieder mit höheren Öl-Verkäufen.
Doch die Kartell-Mitglieder konnten ihre politischen und ökonomischen Streitereien nur für kurze Zeit überkleistern. Zu unversöhnlich standen sich die Kriegsgegner Iran und Irak gegenüber, zu tief war die Kluft zwischen dem Ajatollah-Regime und den feudalen Saudis.
Als zu unterschiedlich erwiesen sich zudem die wirtschaftlichen Interessen von bevölkerungsstarken Opec-Ländern wie Algerien oder Nigeria, die über relativ niedrige Ölreserven verfügen, und dünn besiedelten Staaten wie Saudi-Arabien oder den Emiraten am Golf, unter deren Wüsten riesige Ölvorkommen lagern.
Im Juni brachen die Risse im Kartellgebäude wieder auf. Mit schätzungsweise 2,2 Millionen Barrel förderten die Iraner eine Million Barrel pro Tag mehr, als ihnen ihre Opec-Partner im März zugestanden hatten.
Die Perser scherten sich nicht um das Förder-Limit, weil sie für ihre zerrüttete Wirtschaft dringend Devisen brauchen. Und seit das Mullah-Regime die Iraker aus dem Land hinausgeworfen hat, ist es auch in der Lage, seine im Krieg zeitweise auf unter eine Million Barrel gesackte Produktion wieder auf 2,5 bis 3 Millionen Barrel hochzufahren.
Nicht nur die Perser störten die Kartell-Harmonie. Auch die Nigerianer, die Devisen für ihre Industrialisierungs-Projekte brauchen, und die Libyer hielten sich nicht an ihre Förderquoten.
Als die Opec-Delegierten in Wien versuchten, neue Förderanteile auszuhandeln, ging das prompt schief. Die vom Sieg über die Iraker gestärkten Iraner forderten für sich ein auf drei Millionen Barrel angehobenes Produktions-Limit. Kürzer treten sollte statt dessen, so der iranische Ölminister Mohammed Gharasi, "der große Bruder" Saudi-Arabien, der ja in Petro-Milliarden schwimme.
Doch die Saudis dachten überhaupt nicht daran, von ihrem 35-Prozent-Anteil an der Opec-Produktion ausgerechnet jenem Land einen Teil zu opfern, das damit seinen Krieg gegen den Saudi-Verbündeten Irak finanzieren will. Sie behielten sich vielmehr vor, ähnlich wie Iraner, Libyer und Nigerianer, die sich längst nicht mehr an die offiziellen Opec-Tarife halten, ihren Preis zu senken.
Nach Abbruch der Konferenz drohte Gharasi, sein Land werde sich seinen von den Saudis "gestohlenen" Marktanteil notfalls "mit Gewalt" zurückholen.
Er wiegelte dann zwar ab, damit sei nur "kommerzielle Gewalt" gemeint. Aber wenn die vorige Woche begonnene Invasion der Perser in den Irak erfolgreich sein sollte, sind für die Perser auch die Saudi-Ölfelder greifbar nahe.

DER SPIEGEL 29/1982
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