30.11.1981

Jeder vierte Pazifist gegen Friedensbewegung

SPIEGEL-Umfrage zum Streit um Frieden und Rüstung (II): Pazifismus, Neutralismus, Antiamerikanismus
Für die Bundesrepublik wäre es am besten", wie 35 Prozent ihrer Bürger meinen, "wir würden ein neutraler Staat. Dann brauchten wir nicht so sehr unter den Spannungen der Großmächte zu leiden. Man sieht ja am Beispiel Österreichs, daß man mit der Neutralität gut zurechtkommt." Dieses Ergebnis brachte die Emnid-Umfrage für den SPIEGEL.
Haben Romy Schneider und Alice Schwarzer, Hamburgs Ex-Bürgermeister Hans-Ulrich Klose, Joseph Beuys und Heinrich Böll fast so viele Bundesbürger auf ihrer Seite, wie die SPD zur Zeit noch Wähler hat? Sie warben zusammen mit einigen hundert anderen in einem ganzseitigen Zeitungsinserat für ein blockfreies Deutschland.
"Bin selbst Pazifist", erklärten sieben Prozent der 2150 Männer und Frauen, die von Emnid nach ihrer Einstellung zum Pazifismus gefragt wurden. Ausdrücklich war zuvor definiert worden, daß "Pazifisten Waffen aller Art und jede Anwendung von Gewalt ablehnen". Weitere 25 Prozent sind zwar selbst keine Pazifisten, finden aber "diese Einstellung richtig".
Wenn demnach jeder dritte Deutsche sogar gegen Gewehre ist, werden dann je zwischen Elbe und Rhein Mittelstreckenraketen aufgestellt werden können?
"Stimmt nicht", fanden nur 26 von 100 Befragten, als sie sich darüber äußern sollten, ob sich "in der Bundesrepublik eine antiamerikanische Stimmung entwickelt". Die Mehrheit denkt anders. "Stimmt", erklärten 21 von 100. "Ist etwas dran", sagten 53 von 100.
Bleibt demnach nur offen, wie stark diese antiamerikanische Stimmung ist?
Die drei Emnid-Fragen galten den derzeit in der Bundesrepublik meistgenannten -ismen: dem Pazifismus, dem Neutralismus und dem Antiamerikanismus. In den letzten Monaten wurden hierzu alle Ansichten vertreten, von der einen, daß diese -ismen das politische Leben bestimmen und Bonn zum Kurswechsel zwingen würden, bis zu der anderen, all dies gebe es nur im Wunschdenken einiger politischer Wirrköpfe.
Mit den Antworten auf die drei einschlägigen Fragen allein hätte Emnid so wenig zur Diskussion beigesteuert wie andere Unternehmen der Meinungsbranche. Doch das Bielefelder Institut brachte jede dieser Meinungen auf den Prüfstand.
Wie fest die Überzeugung der Pazifisten ist, stellte sich heraus, als sie sich über Wehrdienst, Gewalt und die Neutronenwaffe äußern sollten. Die "Neutralisten" wurden vor die Frage gestellt, wie sie über einen Abzug der Amerikaner aus Europa denken. Und die Einstellung der Bundesbürger zu den USA dürfte schon seit langem keinem so gründlichen Test unterzogen worden sein wie bei dieser SPIEGEL-Umfrage (siehe Graphiken).
Zwei landläufige Ansichten erwiesen sich, was den Pazifismus angeht, als falsch. Weder vertreten die Deutschen, die sich selbst als Pazifisten bezeichnen, diese Anschauung allesamt so streng, wie sie in Lehrbüchern und Lexika definiert ist, noch sind die Pazifisten mit den Anhängern der Friedensbewegung gleichzusetzen. Wer es doch tut, kommt zu falschen Schlüssen.
Die seit Monaten geführte Friedens- und Rüstungsdebatte brachte es mit sich, daß die Begriffe "Pazifist" und "Pazifismus" von vielen nicht mehr so eng gefaßt werden wie früher. Weithin gilt schon derjenige als Pazifist, der sich für den Frieden engagiert und mal an einer Demonstration teilnimmt.
Mit der Definition, die Emnid der entsprechenden Frage voranstellte, wurde versucht, die Grenzen genauer abzustecken. Vermutlich sagten deshalb nur sieben Prozent von sich selbst, sie seien Pazifisten. Bei Umfragen anderer Institute hatten sich höhere Zahlen ergeben.
Der Minderheit, die pazifistisch oder pro-pazifistisch eingestellt ist (zusammen 32 Prozent), steht eine etwas größere Minderheit gegenüber, die entweder "diese Einstellung für falsch hält, sie aber duldet" (22 Prozent), oder sie ablehnt (17 Prozent).
Je nach Parteipräferenz differieren die Ansichten. Von den SPD-Anhängern ist etwa je ein Drittel dem Pazifismus gegenüber positiv, negativ oder gleichgültig eingestellt. CDU/CSU- und FDP-Anhänger S.96 urteilen kritischer, "Grün"-Wähler weit positiver.
Eine der Kontroll-Fragen war der Wehrpflicht nebst Alternativen gewidmet, und sie war so formuliert, daß sie der allgemeinen Einstellung galt und deshalb allen Männern und Frauen gestellt werden konnte:
"Wenn Bundesbürger wehrpflichtig werden, haben sie ja drei Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Sie können sich freiwillig zur Bundeswehr melden und länger Soldat sein als die Wehrpflichtigen; sie können sich als Wehrpflichtige einziehen lassen; oder sie können den Wehrdienst verweigern und zivilen Ersatzdienst leisten. Welche dieser drei Möglichkeiten entspricht am ehesten Ihrer eigenen Einstellung?"
Zwar sprachen sich 63 von 100 Pazifisten entsprechend ihrer Grundauffassung für eine Verweigerung des Wehrdienstes aus; aber für immerhin 21 Prozent wäre es mit ihrer Überzeugung vereinbar, Soldat zu werden, und 14 Prozent würden sich sogar freiwillig zum Dienst an der Waffe melden. Die Zahlen für die Befragten insgesamt: 22 Prozent für Freiwilligen-Meldung, 61 Prozent für Pflicht-Dienst, 16 Prozent für Dienst-Verweigerung.
Zur Diskussion wurde auch ein Statement gestellt: "Der Soldat, der bei der Bundeswehr seinen Wehrdienst versieht, leistet einen größeren Beitrag zur Erhaltung des Friedens als die Friedensbewegung." Zwar wird diese Ansicht von 63 Prozent der Pazifisten verneint, aber immerhin stimmten ihr 20 Prozent zu, und 17 Prozent konnten oder wollten "dazu nichts sagen". Zum Vergleich das Ergebnis für die Befragten insgesamt: 51 Prozent bejahten die Frage, 26 Prozent verneinten sie, 22 Prozent äußerten sich nicht.
Als im Zusammenhang mit Demonstrationen nach der Anwendung von Gewalt gefragt wurde, stellte sich heraus, daß in solchen Fällen auch die meisten Nicht-Pazifisten Gewalt ablehnen.
Sieben Prozent der Befragten insgesamt und acht Prozent der Pazifisten wählten die Antwort: "Wenn es um die Durchsetzung wichtiger politischer Ziele geht, dann kann es auch vorkommen, daß Steine fliegen, und die können dann auch Personen treffen."
19 Prozent der Befragten insgesamt, aber auch 18 Prozent der Pazifisten entschieden sich für die Antwort: "Wenn Personen getroffen werden, ist das auf keinen Fall zu rechtfertigen. Bei Gewalt gegen Sachen, zum Beispiel beim Einwerfen von Fensterscheiben, ist das anders. Das halte ich in bestimmten Situationen durchaus für erlaubt."
Je 74 Prozent der Befragten insgesamt und der Pazifisten antworteten: "Ich lehne Gewalt, ob gegen Personen oder Sachen, grundsätzlich ab. Es gibt kein politisches Ziel, bei dem eine Anwendung von Gewalt vertretbar ist." Auch bei zentralen Themen der derzeitigen Auseinandersetzung wurde offenbar, daß die Pazifisten nicht allesamt übereinstimmen.
Auf die Frage, welches Ziel sich der Westen stellen solle, sprach sich sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Politik des Gleichgewichts aus. Die Meinung, der Westen solle die "Überlegenheit des Ostens in Kauf nehmen", müßte eigentlich der Einstellung prinzipieller Waffengegner eher entsprechen, findet aber nur die Zustimmung einer Minderheit der deutschen Pazifisten (24 Prozent).
Den Nato-Doppelbeschluß bejahten 30 von 100 Pazifisten, mit 36 Prozent ist der Anteil der Gegner nicht viel größer; 25 Prozent haben sich noch keine definitive Meinung gebildet. Und sogar die Neutronenwaffe hält eine Minderheit der Pazifisten (15 Prozent) zumindest dann für notwendig, wenn die Abrüstungsverhandlungen scheitern.
Wenn es sich bei den bundesdeutschen Pazifisten offenbar zum großen Teil auch nicht um lehrbuchreine Verfechter ihrer Überzeugung handelt, so sind sie sich doch in hohem Maße in den meisten Fragen einig.
Oft sind die Zahlen ähnlich oder gleich denen, die für jene Anhänger der Friedensbewegung ermittelt werden, die an ihr entweder bereits aktiv beteiligt sind oder sich künftig "vielleicht" oder "bestimmt" beteiligen wollen.
Aber es wäre ein Trugschluß, die beiden Gruppen deshalb für identisch zu halten.
Von je 100 Befragten, die sich selbst zu den Pazifisten zählen, erklärten zur Friedensbewegung S.98
* sechs: "Lehne ich grundsätzlich ab",
* sieben: "Habe dagegen Bedenken",
* 14: "Ist mir gleichgültig",
* 30: "Finde ich grundsätzlich gut, werde aber nicht aktiv mitmachen",
* 25: "Werde vielleicht aktiv mitmachen",
* fünf: "Werde bestimmt aktiv mitmachen",
* zwölf: "Mache bereits mit". Umgekehrt sind bei weitem nicht alle Aktiven der Friedensbewegung Pazifisten. Viele sind dabei, weil sie in dieser Bewegung eines der Mittel sehen, sich gegen etablierte Mächte aufzulehnen. Das Protestpotential, das sich im Kampf gegen Atomkraft und bei Hausbesetzungen zeigt, versucht nun auch, den Kampf gegen Raketen und Neutronenwaffen zu entscheiden.
Pazifisten, die wie die Friedensbewegung denken, aber derzeit nicht in diesem Sinne zu handeln bereit sind - dies könnte eine mobilisierbare Reserve sein, wenn sich die Auseinandersetzung zuspitzen würde.
Deutlich zeigt die Emnid-Umfrage einen Zusammenhang zweier Ansichten: 68 Prozent der Pazifisten sprachen sich für eine Neutralisierung der Bundesrepublik aus. Von der Gesamtbevölkerung äußerte sich kaum mehr als ein Drittel dementsprechend.
Die Gegenmeinung fand die Zustimmung von 63 Prozent der Bundesbürger und auch von 28 Prozent der Pazifisten: "Die Bundesrepublik braucht das politische und militärische Bündnis mit den USA und den anderen westlichen Staaten. Ein neutrales Deutschland wäre isoliert und nicht widerstandsfähig genug gegen den Druck der Sowjet-Union."
Der Mannheimer Methoden-Experte Manfred Küchler, der die Daten der SPIEGEL-Umfrage einer speziellen Computer-Analyse unterzog, hält denn auch den Pazifismus für ein Hauptmotiv des Neutralitäts-Wunsches. Er stellte fest, daß bei sonst gleichen Ansichten in zwei Bevölkerungsgruppen die Zahl der Neutralisten lediglich davon abhängt, wie stark in ihnen pazifistische Anschauungen verbreitet sind. Ein anderes Hauptmotiv sieht Küchler in Opportunitätserwägungen aus der aktuellen Situation heraus.
Die Vermutung vieler Leitartikler und anderer Kommentatoren ist falsch, die Minderheit der Neutralisten habe sich erst gebildet, seit die Raketen-Diskussion begonnen hat. Es gibt sie vielmehr schon seit vielen Jahren. Im April des Wahljahres 1980 zum Beispiel erwies sie sich bei einer anderen SPIEGEL-Umfrage als ebenso groß wie nun im Oktober 1981.
Der Neutralitätsgedanke wird von etwa gleich vielen Bundesbürgern unabhängig davon verfochten, welche Schule sie besucht haben, welchen Beruf sie ausüben und ob sie in einer norddeutschen Hansestadt oder in Bayern wohnen. Eine der wenigen Ausnahmen: Nicht eine Minderheit, sondern eine Mehrheit von 82 Prozent der "Grün"-Wähler sprach sich für eine deutsche Neutralität aus.
Während die Überzeugung zwar nicht aller, aber der meisten Pazifisten dem Härtetest mit einschlägigen Fragen standgehalten hatte, erwies sich die Meinung, S.101 es solle eine neutrale Bundesrepublik geben, als weniger stabil.
Wer für eine neutrale, also von fremden Truppen geräumte Bundesrepublik eintritt, müßte konsequenterweise auch den Abzug der amerikanischen Divisionen aus Europa bejahen. Allzu weltfremd wäre die Vorstellung, die US-Truppen würden Deutschland verlassen und in Holland, Belgien und England bleiben.
Aber als die Emnid-Interviewer diese Frage stellten, fand sich unter den "Neutralisten" keine entsprechende Mehrheit. Lediglich 24 von 100 würden den Abzug der Amerikaner "begrüßen", weiteren 37 von 100 wäre er "gleichgültig". Aber nicht weniger als 38 von 100 würden es "bedauern", wenn die Amerikaner Europa verlassen würden.
Die Ansichten etlicher Neutralisten kamen auch ins Wanken, als sie sich zu dem Satz äußern sollten: "Ohne die Amerikaner wären wir schon verloren." Dies war die populär formulierte Ansicht, daß die Bundesrepublik das Bündnis mit den USA brauche. Gleichwohl erklärten nur 44 von 100 Neutralisten diese Ansicht für falsch, und 20 von 100 äußerten sich nicht; aber 36 von 100 erklärten sie ausdrücklich für "richtig".
Die Vorstellung von einer blockfreien Republik eint ein Drittel der Deutschen nicht derart, daß von einer halbwegs homogenen Gruppe gesprochen werden könnte. Über die Neutronenwaffe zum Beispiel gingen die Ansichten weit auseinander.
Während die meisten Pazifisten und die meisten Aktiven der Friedensbewegung deren Bau und Stationierung ohne Einschränkung ablehnen (73 und 74 Prozent), äußerten sich nur 44 Prozent der Neutralisten in diesem Sinne. Und in ihrer Einstellung zur Friedensbewegung unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den Bundesbürgern insgesamt.
Daß der Neutralitätswunsch sich bei etlichen Anhängern so leicht verflüchtigt, ist damit zu erklären, daß er als Antwort auf eine realitätsferne Frage geäußert wurde. Dieses Thema ist für die meisten ohne jede aktuelle Bedeutung, und deshalb machen sie sich die Antwort leicht.
Diese Erfahrung ist in der Demoskopie nicht neu. Noch in den sechziger Jahren war die Frage beliebt, ob die Bundesbürger zu Opfern für die Wiedervereinigung bereit seien; die hohe Zahl der positiven Antworten brachte den Umfrage-Instituten und ihren Ergebnissen viele Schlagzeilen ein, war aber ohne politischen Wert.
Und bis ins Wahljahr 1980 hinein wurde immer wieder versucht, das Potential noch gar nicht vorhandener oder nahezu unbekannter Parteien mit Umfragen zu ermitteln. Dabei ergaben sich stets viel zu hohe Zahlen, und Parteigründer, die den Demoskopen vertrauten, scheiterten an ihren allzu hoch gespannten Erwartungen.
Mit solchen Zahlen, wie sie jetzt die Neutralitätsfrage brachte, lassen sich nur Stimmungen einschätzen, aber keine politischen Potentiale auszählen. Das wäre erst dann möglich, wenn die Neutralität der Bundesrepublik Gegenstand nicht nur von Zeitungsinseraten, sondern der politischen Auseinandersetzung würde. Davon aber kann derzeit nicht die Rede sein.
Soviel über die antiamerikanische Stimmung in der Bundesrepublik auch geschrieben und geredet wurde, so wenig ist bislang geklärt worden, ob es sich um ein das Bündnis Bonn-Washington gefährdendes Faktum oder um ein papierenes Phantom handelt. Daß die meisten von Emnid befragten Männer und Frauen sich für die vage Antwort "Ist was dran" entschieden, ist das konsequente Echo auf diese substanzarme Debatte.
Näheren Aufschluß kann nur ein Vergleich der Antworten auf mehrere Fragen geben, die zur Haltung gegenüber den USA wie auch gegenüber der anderen Supermacht, der Sowjet-Union, gestellt wurden.
In einigen, allerdings nur wenigen Punkten sind sich die meisten Bundesbürger einig. Unabhängig von etwaigen Pro- und Kontra-Ansichten stimmen sie darin überein, daß die USA der Sowjet-Union "auf einigen Gebieten" überlegen sind. Von den Wählern der bayrischen CSU bis zu den "Grün"-Anhängern wird Amerika ein Vorsprung in der industriellen Entwicklung, in Wissenschaft und Technik sowie auf sozialem Gebiet zugesprochen. Nicht ganz so groß ist die Zahl der Bundesbürger, die auch die Bildung und Ausbildung der Jugend in Amerika für besser halten als in der Sowjet-Union. Nur auf einem einzigen von fünf Gebieten, nach denen gefragt wurde, werden die Sowjets höher eingeschätzt als die Amerikaner: auf dem militärischen Gebiet.
Auf den ersten Blick könnte es scheinen, daß die Bundesbürger nicht nur in dieser Einschätzung der Fakten, sondern auch in der Einstellung zu den USA S.103 ziemlich übereinstimmen. Denn eindeutige Mehrheiten sprachen sich bei der Emnid-Umfrage pro-amerikanisch aus.
53 Prozent der Befragten erklärten die Beziehungen zwischen den USA und der Bundesrepublik für "sehr gut" oder "gut", weitere 27 Prozent für "befriedigend", lediglich 19 Prozent wählten die Noten "ausreichend" (13 Prozent), "mangelhaft" (5 Prozent) oder "ungenügend" (1 Prozent).
Sogar 62 Prozent nannten ihr Vertrauen in die Fähigkeit der USA, die Weltprobleme zu lösen, "sehr groß" oder "ziemlich groß".
Und auch der Macht- und Kurswechsel in Washington hat 68 Prozent der Bundesbürger nicht vor Probleme gestellt: 41 Prozent haben gleich großes Vertrauen bewahrt, weitere 27 Prozent sogar größeres Vertrauen gewonnen. Entsprechende Mehrheiten gibt es unter den Wählern sowohl der CDU/CSU wie der SPD und der FDP.
Diese Zahlen beweisen zwar, daß es eine antiamerikanische Stimmung unter der Mehrheit der Bevölkerung nicht gibt. Daß aber jeder dritte Deutsche sein Vertrauen in die USA als "gering" oder sogar "sehr gering" bezeichnet, ist ein Indiz für ein gestörtes Verhältnis einer Minderheit zu der westlichen Supermacht.
In einer wichtigen Bevölkerungsgruppe besitzt sogar eine knappe Mehrheit nur geringes Vertrauen: unter den Deutschen mit Abitur. Schon häufig hat sich gezeigt, daß Meinungen, die von dieser überdurchschnittlich interessierten und informierten Gruppe vertreten wurden, sich später auch in der übrigen Bevölkerung durchsetzten.
Die bislang genannten Emnid-Daten wären allerdings überinterpretiert, würde aus ihnen allein schon auf eine antiamerikanische Einstellung geschlossen.
Zur weiteren Klärung tragen auch die Antworten auf die scheinbar unpolitische Frage an die Teilnehmer der Emnid-Untersuchung bei, welches Volk ihnen "am sympathischsten" sei. Am häufigsten wurden Schweizer (38 Prozent), Amerikaner und Franzosen (je 20 Prozent) genannt. Es folgten Engländer (12 Prozent), Spanier (7 Prozent), Polen (5 Prozent), Belgier (3 Prozent) und Russen (1 Prozent).
Wurden die Ergebnisse für Teilgruppen ermittelt, so blieben Schweizer, Amerikaner und Franzosen immer das Spitzen-Trio, es änderte sich lediglich die Reihenfolge.
Ausnahmen gab es nur bei den Aktiven der Friedensbewegung und bei den "Grün"-Wählern. Augenfälligster Unterschied: Von den "Grünen" wurden die Amerikaner am seltensten genannt und rutschten ans Ende der Völker-Liste.
Auch als die Sympathie für Amerikaner und für Ronald Reagan, für Russen und Leonid Breschnew auf einer Skala mit Werten von - 5 bis + 5 angezeigt werden sollte, kam es zu ähnlichen Ergebnissen:
Je positiver die Deutschen über die Friedensbewegung denken, desto höher steigen die Russen und Breschnew und desto stärker fallen die Amerikaner und Reagan auf der Sympathieskala.
Der US-Präsident erreicht zum Beispiel bei den Gegnern der Friedensbewegung 2,5 von fünf Plus-Punkten, während Breschnew mit - 2,0 Punkten tief unter dem Nullpunkt liegt.
Bei den aktiven Anhängern hingegen sind beide auf der gleichen Stufe zu finden (- 1,6 Punkte). Dorthin gelangte Reagan durch einen Sturz von 4,1 Punkten, Breschnew durch einen Gewinn von immerhin 0,4 Punkten.
Weitere Zusammenhänge zwischen verschiedenen Zahlenreihen ließen sich vorführen, denn ganz allgemein gilt: Die Einstellungen zur Friedensbewegung und zu den USA verhalten sich umgekehrt proportional.
So setzen 77 von 100 Gegnern, aber nur 26 von 100 aktiven Anhängern der Friedensbewegung großes Vertrauen in die USA.
Während die Gesamtbevölkerung kritischer über Moskau als über Washington urteilt, ist es bei den Friedens-Aktiven in einigen Punkten umgekehrt. Wenn in den Antworten auf die Frage, ob beide Supermächte wirklich an Abrüstungsverhandlungen interessiert sind, Unterschiede gemacht werden, dann wird von der Gesamtbevölkerung häufiger S.106 vermutet, daß nur die USA wirklich an Verhandlungen interessiert seien, von den Friedens-Aktiven hingegen häufiger, daß nur die Sowjet-Union interessiert sei.
Eine antiamerikanische oder, besser: eine gegen die derzeitige Führung der USA gerichtete Stimmung gibt es in der Minderheit der Bevölkerung, die sich in hohem Maße mit der Friedensbewegung identifiziert.
Umgekehrt festigt sich bei Gegnern und Kritikern der Friedensbewegung die pro-amerikanische Einstellung.
Zwar kann eine Umfrage nur ein Bild der jeweiligen Meinungen geben, doch lassen einige Ergebnisse Schlüsse auf künftige Entwicklungen zu.
Ob sich die Ansichten weiter polarisieren werden, hängt von der politischen Entwicklung ab. Aber wie sie sich dann entwickeln würden, läßt sich an einem Beispiel aus der Emnid-Untersuchung zeigen. Um sich über die Neutronenwaffe zu äußern, standen den Befragten vier Antworten zur Wahl; pro oder kontra konnten sie sich jeweils mit oder ohne Einschränkung äußern. Die meisten entschieden sich für die weniger strikten Möglichkeiten.
Würde es aber irgendwann konkret mit Terminen und Zahlen darum gehen, daß diese Waffen in der Bundesrepublik stationiert werden, so würden die Ansichten viel entschiedener verfochten werden. Und es würde dann von den meisten Bundesbürgern die Gegenmeinung so verteufelt, wie es jetzt schon diejenigen tun, die sich ohne Wenn und Aber für oder gegen die Neutronenwaffe aussprechen.
Dieser Prozeß der Polarisierung ist sogar schon weit fortgeschritten. Die jenigen, die ohnehin bereits Distanz zu den USA halten, erklären jetzt, ihr Vertrauen habe sich noch vermindert; und diejenigen, die sich ohnehin mit der westlichen Supermacht eng verbunden fühlen, betonen, ihr Vertrauen habe sich noch erhöht.
Selbst Einzel-Entscheidungen Reagans scheinen diese Polarisierung zu beschleunigen. Einig sind sich die meisten Bundesbürger nur über zwei von fünf Entscheidungen, die ihnen die Emnid-Interviewer nannten: daß die Freigabe von Weizen-Lieferungen in die Sowjet-Union positiv und daß Reagans Unterstützung des Militärregimes in El Salvador negativ zu werten sei.
Hingegen bestärkten der Entschluß zur Lieferung von Waffen nach China, seine Wirtschafts- und Finanzpolitik und die Massenentlassung von streikenden Fluglotsen die einen in ihrer positiven, die anderen in ihrer negativen Meinung über Reagan.
Die antiamerikanische Stimmung ist zwar im wesentlichen auf eine mit der Friedensbewegung verbundene Minderheit beschränkt, aber in der Einstellung anderer Bundesbürger gibt es Widersprüche, die kaum auszuräumen und auch schwer zu erklären sind.
So bekunden zwar die meisten Deutschen ihr großes Vertrauen zu den USA, zugleich bejahen aber 45 Prozent die Frage, ob der Beschluß der US-Regierung, die Militärausgaben zu steigern, die Gefahr eines neuen Krieges erhöht hat.
Man könnte argumentieren, Befragte, die beide Ansichten äußern, sähen die Reagan-Administration unter Handlungszwang, sie könne gegenüber der sowjetischen Bedrohung nicht anders handeln; aber damit lassen sich die beiden Ansichten kaum harmonisieren.
Und schon gar nicht ist ein gewichtiger Widerspruch wegzuargumentieren: der Widerspruch zwischen dieser Volksmeinung, die in mehr Waffen selbst auf der eigenen Seite größere Gefahr sieht, und dem regierungsamtlichen Leitsatz, mehr Waffen würden größere Sicherheit bringen.
Im nächsten Heft:
Überlebt die FDP einen Wechsel? - Brandt, Baum und die Grünen - SPD im Tief - Kohl als Kanzler?

DER SPIEGEL 49/1981
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