10.05.1982

Gedämpftes Pressen

Deutsche Ingenieure haben ein neuartiges automatisches Schießgewehr entwickelt. Es verfeuert erstmals hülsenlose Munition - Experten loben es als waffentechnische Revolution.

Im lieblichen Schwarzwaldstädtchen Oberndorf am Neckar, wo sich vor 81 Jahren der Gewehrkonstrukteur Paul Mauser beim Erproben eines primitiven Selbstladegewehrs für Kaiser Wilhelm das linke Auge ausschoß, just dort ist's nun endlich verwirklicht worden: "Die Deutschen", so beschrieb es die Londoner "Times", "haben das Wundergewehr erfunden."

"Es gibt keinen Zweifel", rühmte der Experten-Almanach "Jane's Infantry Weapons" den neuen Ballermann, "daß es sich hier um die bedeutendste Entwicklung auf dem Gebiet der Handfeuerwaffen handelt, seit der erste Hinterlader vorgestellt wurde" - und das war vor rund 140 Jahren.

Gepriesen wurde das "Gewehr G 11", ein wundersames Gebilde, das nicht wie ein Gewehr für den Schützengraben aussieht, eher wie ein Klarinettenköfferchen für den Orchestergraben eines Opernhauses. Und doch ist das eckige, olivgrüne Behältnis mit einem Tragegriff, der zugleich als Zieloptik dient, ein technisch raffiniertes Schießeisen. Seine Form ist, unüblich in der Waffentechnik, von einem Designer gestaltet worden.

"Wir haben da mal eine Ausnahme gemacht", sagt Ingenieur Thilo Möller, Entwicklungschef der Oberndorfer "Heckler & Koch GmbH", unter dessen Leitung das G 11 entwickelt wurde. "Wenn ein Gewehr nicht mehr aussieht wie ein Gewehr, braucht man auch fürs Militär ein ansprechendes Äußeres."

Der Ungediente Thilo Möller, Jahrgang 1937, nach seinen eigenen Worten "weder Waffennarr, noch Jäger oder Waffenscheininhaber", hat in anderthalb Jahrzehnten jene technischen Kunstgriffe gefunden, die dem G-11-System seine im Vergleich zu herkömmlichen Automatwaffen "wesentlich höhere Treffwahrscheinlichkeit" (Möller) garantieren.

Das neue G 11 ist das leichteste, kürzeste, einfachste und unempfindlichste aller automatischen Gewehre. Es verfeuert Geschosse des Kalibers 4,7 Millimeter, des kleinsten Kalibers, das je für ein Militärgewehr gewählt wurde, fast so klein wie das einer simplen Luftbüchse (siehe Graphik).

Entscheidende Vorzüge des neuen G 11, das derzeit von der Bundeswehr erprobt wird: Es schießt als erstes Automatikgewehr nahezu rückstoßfreie Feuerstöße; seine Projektile können daher mit bisher unerreichter Präzision ins Ziel gebracht werden.

Wie dieses sanfte, sichere Schießen technisch erreicht wird, hält die Firma einstweilen geheim. Bekannt ist nur, daß der Erfolg auf zwei grundlegenden technischen Neuerungen beruht:

* einem neuartigen walzenförmigen Schnellverschluß und S.225

* rückstandslos verbrennender, hülsenloser Munition aus Pulverpreßlingen.

Statt herkömmlicher Patronen, bei denen das Geschoß auf eine pulvergefüllte Metallhülse gepfropft ist, wird beim G-11-System das Projektil direkt in einen viereckigen, massiven Mini-Pulverturm eingebacken.

Gemeinsam mit den Munitionsexperten der Dynamit-Nobel-AG konnten Möller und seine 160 Oberndorfer Wehrtechniker so der Crux gebräuchlicher Automatgewehre beikommen. "Normalerweise", befand der Ingenieur, "schießt der Schütze im Ernstfall einen großen Prozentsatz seiner Munition am Ziel vorbei."

Ursache ist der bisher unvermeidliche Rückstoß, der den Schützen beim Abfeuern einer Dauerfeuer-Salve daran hindert, die Waffe auch nur einigermaßen im Ziel zu halten. Die Geschoßgarbe "wandert aus", wie die Ballistiker die zwangsläufige Zielflucht - stets nach schräg oben - nennen.

Bei Gefechten mit altertümlichen, glattläufigen Vorderladern wie etwa 1775 in der Schlacht bei Lexington im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, mußten noch im Durchschnitt 17 Schüsse abgefeuert werden, um einen Gegner zu treffen und kampfunfähig zu machen.

In den neuzeitlichen Kriegen von Korea und Vietnam, geführt mit ratternden Gewehren, deren Schießautomatik vom eigenen Rückstoß oder Gasdruck bewirkt wurde, sank die "Erfolgsquote" dramatisch: 60 000 Schuß, um einen Feind außer Gefecht zu setzen.

Nach aller militärischen Erfahrung geht zumeist auch der gezielte Einzelschuß infolge Schützen-Streß und Zielfehlern daneben. Deshalb bietet das neue "H & K"-Gewehr zusätzlich einen "automatisch begrenzten" Drei-Schuß-Feuerstoß "mit definierter Streuung". "Damit wird bewirkt", meint die Firma, "daß zumindest ein Geschoß des abgefeuerten Feuerstoßes sein Ziel erreicht und den Gegner kampfunfähig macht."

Diesen Effekt ermöglicht vor allem das neuartige, ausgeklügelt konstruierte "Walzenverschlußsystem". Es bewegt sich - mit nur 30 Millisekunden pro Schuß - derart rapide, "daß der Schütze keinen Rückstoß an der Schulter spürt" (Möller). Die Oberndorfer glauben sogar bei Dauerfeuer an "ein praktisch rückstoßloses" und mithin zielgenaues Schießen ihres G 11. Ein Tester der Fachzeitschrift "Wehrtechnik" spürte bei dieser Schießweise immerhin noch "ein gedämpftes Pressen".

Entscheidenden Anteil an der raschen Schußfolge hat aber auch der kurze, unorthodoxe "Treibmittelkörper", der sich wegen seiner viereckigen Form besonders leicht aus dem 50-Schuß-Magazin dem Verschluß zuführen läßt.

"Viele der von der Nato verwendeten Waffen", meinte der Londoner "Observer", könnten angesichts des neuen Gewehrtyps "schon bald veralten". Im Vergleich zu dem gleichfalls von Heckler & Koch entwickelten, großkalibrigen (7,62 mm) Nato-Gewehr "G 3" mit 20-Schuß-Magazin beispielsweise erweist sich das G 11 nicht nur beim Schießen als überlegen.

Durch das kleinere Kaliber und das Einsparen der schweren Patronenhülsen wird das Kampfgewicht für die Soldaten gemindert. Sogar mit 100 Schuß Munition wiegt das G 11 noch weniger als das G 3 ohne eine einzige Patrone.

Zudem hat das G 11 als einziges Automatgewehr keine Öffnung für den Hülsenauswurf, mithin keine "Achillesferse", S.227 durch die Staub und Wasser eindringen könnten.

Nach über 600 Jahren mit Feuerstein, Pulverpfanne und sogar (im 18. Jahrhundert) Abbeiß-Patronen gelang es den Büchsenmachern erst Anfang des vorigen Jahrhunderts, einen grundlegend neuen Gewehrtyp zu entwickeln. Dafür sorgte der Thüringer Schlossermeister Nikolaus Dreyse, als er im Jahre 1836 das Zündnadelgewehr samt Einheitspatrone vorstellte - das erste brauchbare Hinterladergewehr.

Die neue Waffe erreichte eine dreimal so hohe Feuergeschwindigkeit wie der damals gebräuchliche Vorderlader. Österreichs Militärs, denen die neue Waffe angeboten wurde, fürchteten, das Zündnadelgewehr würde ihre Soldaten verführen, Munition zu verschwenden - sie verzichteten auf die Einführung der Neuheit. Ihr Geiz rächte sich: Die Preußen siegten, weil sie die Hinterlader hatten, 1866 in der Schlacht bei Königgrätz über die Österreicher.

Mit den ersten zuverlässigen Metallpatronen im amerikanischen Bürgerkrieg und der Ablösung des Schwarzpulvers durch das raucharme Nitropulver wurden neue Möglichkeiten eröffnet: Das Repetiergewehr setzte sich durch, am erfolgreichsten jenes der Brüder Paul und Wilhelm Mauser. Mit Paul Mausers berühmtem Gewehr Modell 98 und seinen Nachfolgetypen kämpften die Deutschen in zwei Weltkriegen. Das Gewehr wurde mit über 100 Millionen Stück zum Welt-Bestseller.

Der nächste Entwicklungsschritt führte zum halbautomatischen Selbstladegewehr, das als erste im Jahre 1936 die US-Army einführte. Sein Schütze brauchte nur noch abzudrücken. Die Deutschen wiederum entwickelten das erste vollautomatische Gewehr: das relativ leichte und handliche Sturmgewehr 44, das Kurzpatronen mit abgeschwächter Treibladung verschoß. Es wurde zum technischen Vorläufer neuzeitlicher Automatwaffen wie der sowjetischen AK 47 "Kalaschnikow". Die Leistungsgrenzen all dieser Typen liegen beim Problem des Rückstoßes.

Die Firma Heckler & Koch, die nun das neue automatische Kleinstkalibergewehr G 11 entwickelt hat, war erst 1949 von drei ehemaligen Mauser-Ingenieuren gegründet worden. Anfangs befaßte sich das Unternehmen mit der Produktion hochwertiger Nähmaschinenteile. Mit dem Nato-Gewehr G 3 eroberte "H & K" dann in den sechziger Jahren den Militärmarkt.

Im Wettbewerb um den von der Bundeswehr mit 20 Millionen Mark dotierten Entwicklungsauftrag für das G 11 gelang es ihnen, zwei starke Konkurrenten abzuhängen: Die Traditionsfirma Mauser hatte eine Waffe mit drei Läufen vorgeschlagen, die alle drei gleichzeitig feuern sollten. Der Diehl-Konzern aus Röthenbach hingegen suchte den Erfolg mit einem Gewehr, bei dem Geschosse und Treibladungen aus jeweils getrennten Magazinen zugeführt werden sollten.

Trotz seines Kleinstkalibers ist das Hochrasanzgeschoß des G 11 eines der unheilvollsten Projektile. Noch auf 600 Meter vermag es Stahlhelme und Panzerwesten zu durchschlagen; dabei wurde das auffallend lange Spitzgeschoß nur für Kampfentfernungen bis zu 300 Metern entwickelt, "da die geforderten Einsatzentfernungen immer geringer werden" (Möller).

Hauptzweck des G-11-Geschosses ist jedoch, "jede Art von Verwundungen" bei "Weichzielen" zu bewirken. "Ein verwundeter Gegner", sagt G-11-Entwickler Möller, "bindet auf der Gegenseite immer noch mehr Kräfte als ein toter."


DER SPIEGEL 19/1982
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