19.07.1982

ROCK-MUSIKDa Da Da

1980 spielte die ostfriesische Rock-Gruppe „Trio“ in Jugendklubs noch vor 30 Leuten. Seit Erscheinen ihrer ersten LP aber reißen sich die TV-Anstalten um die gutgelaunten drei mit dem Garagensound.
Von erfolgreichen Kollegen im Musikgeschäft ernten Newcomer oft nur ein müdes Lächeln. Beim Trio aus 2907 Großenkneten 2, Telefon 04435/23 00, ist das anders. Da schütteln sich selbst Showprofis wie Amanda Lear, Milva oder Helen Schneider bei einer Live-Sendung des Schweizer Fernsehens vor Lachen. Die drei Jungs aus Ostfriesland zeigen mit ihrer Mischung aus Rock 'n' Roll, Comedy und anarchistischen Späßen der saturierten Unterhaltungskunst zur Zeit, was eine Harke ist.
Bei den Auftritten vergeht kaum eine Sekunde, in der nicht einer der drei mit irgendeiner Regelverletzung brilliert. Gitarrist Kralle Krawinkel zieht sich wie ein Bankräuber die Mütze übers Gesicht, bevor er zu einem sehr reduzierten Solo schreitet; Sänger Stephan Remmler kaut beim Playbacksingen ostentativ Kaugummi und schaut angestrengt finster in die Kamera, und Trommler Peter Behrens dreht taktvoll ein Schweizer Miniaturfähnchen vor dem Bauch, statt synchron zum eingespielten Band zu trommeln.
Mit Variationen solcher Gags hat Trio in den letzten Monaten Medienkarriere gemacht wie kaum eine deutsche Band zuvor. Der "Berliner Morgenpost" gelten die drei Musiker denn auch als "Schräge Vögel GmbH", Münchens "tz" hält sie "für so lustig wie Otto", und Springers "Hörzu" preist sie dem Fernsehpublikum als "die ungewöhnlichste und originellste Rockentdeckung aus deutschen Landen" an.
In den acht Monaten seit Erscheinen der ersten Langspielplatte hat Trio 20 TV-Auftritte im In- und Ausland absolviert, und die Single "Da Da Da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha" steht nicht nur in der Bundesrepublik seit Wochen ganz oben in den Charts - sie wurde auch in Belgien, Österreich und der Schweiz Nummer eins, und in England rangiert sie derzeit auf Platz sieben, wo der "Melody Maker" der Band schon attestierte, sie sei in der Mediokrität der "Neuen deutschen Welle" eine "Offenbarung". Zweisprachig singt die Band zur Irritation der Kritiker sowieso schon.
Zur "Neuen deutschen Welle", auf der inzwischen fast jeder Musiksproß der goldenen Schallplatte entgegenzusurfen versucht, läßt sich Trio jedoch nicht so einfach zuordnen. Der Züricher Musiker und Filmemacher Dieter Meier ("Jetzt und alles"), der es für eine "Schandtat" hält, Trio "auf das Schafott des Nenners zu bringen", sieht in dem liebenswürdigen Skandalon denn auch eher die "Wiederherstellung der deutschen Unterhaltungsmusik" in der Tradition von "Fritzi Massari und Marlene Dietrich".
Trio unterscheidet sich schon deshalb von "Wellen"-Bands wie Extrabreit ("Hurra, hurra, die Schule brennt") S.151 oder D.A.F. ("Tanz den Mussolini"), weil rebellische Punk-Chöre und die für die "Neue deutsche Welle" typische Koketterie mit dem Faschismus völlig fehlen. Vielmehr parodiert Trio den Sprachfetzen-Minimalismus und das gelegentlich dumpfe No-future-Gehabe. "Neue deutsche Fröhlichkeit" annonciert Sänger Remmler auf der Bühne, seit ihm das bei einem Straßenkonzert in Berlin ein Fan zugerufen hat.
Als "Gute-Laune-Band" oder Kabarett-Truppe in der Art von Jango Edwards, "wo Musik ja nur Nebensache ist", will Trio allerdings nicht verstanden werden. "Unsere Basis ist Rock'n'-Roll", beharrt Gitarrist und Komponist Krawinkel, der schon unter dem Spaßvogel-Image leidet. "Ich nehme mir nicht wie Frank Zappa vor, Sachen zu verarschen. Wir reduzieren nur."
Vielleicht ist die Komik das zwangsläufige Ergebnis der Trio-Methode, "alles Überflüssige wegzulassen, was normalerweise im Rockbiz zur Aufwertung gebraucht wird" - von Starposen bis hin zu Instrumenten-Bombast. Peter Behrens - Bühnenname "Karl Knapp" - spielt auf einem Mini-Standschlagzeug, das nicht im entferntesten den Standards moderner Schießbuden genügt; Kralle Krawinkel hat zwei der drei Tonabnehmer aus seiner Gitarre herausgebaut und spielt über einen kleinen Kofferverstärker.
Sänger Remmler kommt mit einem Minimum an Melodien aus und garniert den aufs Allernötigste reduzierten Rock gelegentlich mit Spielzeug-Instrumenten. Diese auch klangtechnisch nicht geglättete Mischung aus Garagensound und Sprechgesang (der oft als Telephonstimme aufgenommen ist) lenkt das Ohrenmerk auf die dürftige Substanz aller populären Musik, die Trio querbeet zitiert, von Harry Belafonte bis Elvis Presley, von Blues über Hardrock zum Punk.
Vor allem diese musikalische Qualität war es auch, die den Studiomusiker und ehemaligen John-Lennon-Bassisten Klaus Voormann aufhorchen ließ. Voormann, nach fünfzehn Jahren US-Musikbusiness frustriert nach Deutschland zurückgekehrt, stieg im Frühjahr 1981 als Produzent bei Trio ein.
Da war die Band noch völlig unbekannt. Nach einem Bühnendebut zu Weihnachten 1980 "bei Bommerlunder und Grünkohl" in der Gaststätte ihres Wohnortes Großenkneten hatte die Band nur ein paar Auftritte "vor 3 bis 30 Leuten" in Clubs und Jugendzentren der norddeutschen Tiefebene absolviert. Allen Unkenrufen zum Trotz glaubte der an große Unternehmungen gewöhnte Voormann (er spielt unter anderem beim "Concert For Bangla Desh") an die Mini-Truppe und unterstützte ihren Jahres-Vertrag bei der Plattengesellschaft Phonogram.
Für das Marketing der ersten LP wählte die Gruppe dann gleich unbekümmert den direkten Weg: Die erste Tournee führte durch bundesdeutsche Schallplattenläden. Der geringe technische Aufwand machte es möglich.
Danach ging es so schnell aufwärts, daß der Band schon unterstellt wurde, sie werde von klugen Werbeleuten gemanagt. Aber es war die enorme Mundpropaganda, die den "Rockpalast" veranlaßte, schon im Februar eine Ein-Stunden-Show mit den Newcomern aufzunehmen.
Als dann im März ihr berühmtes "Da Da Da" die Hitparaden hinaufkletterte, wurde die Band schon für Festivals gebucht - und spielte, wie in Mannheim, vor 30 000 Leuten, die die ebenso witzigen wie hintersinnigen Lieder über die "zwischenmenschliche Vergletscherung" mitsangen.
Trotz des Erfolges wollen die Musiker ihrer Methode treu bleiben, "allen Star-Tran wegzulassen". Remmler: "Unsere Politik ist es, nichts aus der Zeit vor Weihnachten 1980 zu erzählen." Nicht einmal ihr Alter wollen die vorgeschichtslosen Musiker nennen. "Es ist doch auch völlig egal, ob wir Egon oder Ernst heißen."
Dafür gibt es auf der Bühne Gags. Remmler, 35, ehedem Lehrer (wie ihm mal beim Interview rausgerutscht ist), stellt den Trommler vor, der mit Roller auf die Bühne gefahren kommt und eine Bierdose im Takt schüttelt:
"Vor kurzem noch bei uns in Großenkneten am Grünkohlpflücken, jetzt bei uns im Trio am Standschlagzeug - Karl Knapp. Obwohl er einer der besten weißen Reggae-Schlagzeuger überhaupt ist - wie seine Freundinnen sagen -, verzichtet er bei uns im Trio darauf, Virtuosität zu demonstrieren, denn dynamische Inkompetenz ist angesagt ..."
Die wird vom Trio kompetenter inszeniert als von jeder Punk-Band.

DER SPIEGEL 29/1982
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