06.09.1982

„Das ist eine ungeheure Mauschelei“

Ost-Berlins Preispolitik auf dem Flugschein-Markt
Voreilig warben die Manager der DDR-Fluggesellschaft "Interflug" schon Anfang Juli für ihr neuestes Billig-Angebot an West-Berliner: Vom 1. Oktober an werde das volkseigene Unternehmen mit seinem größten Jet, der sowjetischen "Iljuschin 62" mit 158 Sitzplätzen, den spanischen Ferienflughafen Las Palmas auf Gran Canaria anfliegen.
Doch Anfang August kam das Dementi aus Madrid. Auf Druck der Bundesregierung versicherte die spanische Regierung, sie habe der Interflug keine Lande- und Überflugrechte erteilt und werde dies auch künftig nicht tun. Mit ihrem Versprechen ersparten sich die Spanier geharnischte Proteste des Berliner Senats und der Fluggesellschaften der West-Alliierten.
Denen liefert Interflug seit Jahren heftige Preisgefechte. Die Folge: Der Airport Tegel im Westen verödet.
Zwei Drittel aller Griechenland-Urlaubsflüge aus der geteilten Stadt starten schon heute von Schönefeld aus; viele Gastarbeiter bevorzugen die östlichen Billig-Tickets für die Heimreise. Könnte die Interflug ihre Spanien-Pläne verwirklichen, dann würde sich auch das Geschäft mit den Kanarischen Inseln nach Schönefeld verlagern.
Denn die Dumpingpreise der Ost-Deutschen sind kaum noch zu unterbieten. Ihre Maschinen verbrauchen zwar ein Drittel mehr Kerosin als die Jets der West-Konkurrenz. Trotzdem fliegt das DDR-Unternehmen bis zu 70 Prozent billiger als die Fluggesellschaften der Alliierten in neun westeuropäische Großstädte wie Amsterdam, Wien oder Rom und zu beliebten Touristenzielen wie Sardinien, Sizilien, Rhodos oder Kreta.
Dreimal pro Woche steuern zwei Interflug-Maschinen Athen an. Preis für den Hin- und Rückflug: zwischen 350 und 420 Mark, je nach Reisebüro. Ein normaler Linienflug kostet fast fünfmal soviel, ein Urlauber-Ticket der westlichen Gesellschaften mindestens rund 1300 Mark. Selbst der billigste Charterflug von West-Berlin nach Athen ist erst für knapp 600 Mark zu haben.
Nach Rom fliegen die "Iljuschins" oder "Tupolews" der DDR zweimal in der Woche zu Preisen zwischen 358 und 850 Mark. Für das reguläre Ticket einer der großen Liniengesellschaften, die im Tarifverbund "International Air Transport Association" (Iata) zusammengeschlossen sind, müßte ein Berliner zwischen 1100 und 1300 Mark hinblättern. Da lohnt sich mitunter auch für West-Deutsche der Umweg über Schönefeld.
Ein Hamburger beispielsweise käme bei einem Rom-Trip, den subventionierten Flug nach West-Berlin für 208 Mark eingeschlossen, mit weniger als 600 Mark aus. Von Hamburg aus müßte der Italien-Reisende, je nach Tarif, zwischen 1200 und 1500 Mark bezahlen. Nimmt er eine Chartermaschine ab Düsseldorf oder Frankfurt, kostet ihn der Flug noch immer rund 830 Mark.
So konkurrenzlos billig kann die Interflug ihre Tickets nur anbieten, weil sie der Iata nicht angehört: Deren Mitglieder müssen sich an festgelegte Tarife halten und penibel zwischen Linien- und Charterflügen unterscheiden.
Die Tickets sind allerdings nicht überall gleich billig zu haben. In West-Berliner Reisebüros werden die Flüge am billigsten verhökert; doch auch dort ergeben sich Unterschiede von 50 Mark und mehr, weil die Agenturen mit dem DDR-Unternehmen individuelle Absprachen getroffen haben und unterschiedliche Provisionen aufschlagen.
Schlecht bedient ist auf jeden Fall, wer bei Hansa Tourist in der Bundesrepublik bucht. Diese DDR-Agenturen waren 1974 auf Beschluß des SED-Politbüros gegründet worden, um Reisen von DDR-Bürgern zur Fußballweltmeisterschaft in der Bundesrepublik zu organisieren. Die sechs Hansa-Tourist-Büros nehmen in der Regel einen höheren Tarif als die Interflug-Partner in West-Berlin: für einmal Rom hin und zurück beispielsweise 613 oder 850 Mark.
Offiziell dürfen bundesdeutsche Reisebüros, die Interflug-Scheine verkaufen, diese Tarife nicht unterbieten. In Wirklichkeit aber offerieren mittlerweile auch sie die DDR-Tickets zu Dumpingpreisen - unter dem Ladentisch, wenn sie an eine Iata-Lizenz gebunden sind.
Besonders gefragt sind Flüge nach Griechenland. Die griechische Luftfahrtbehörde hat die DDR daher gebeten, keine Linienflüge nach Griechenland mehr an Westdeutsche zu verkaufen. "Aber kontrolliert wird das nicht", kommentiert ein Reisebüro-Angestellter, "das ist ohnehin alles eine ungeheure Mauschelei."
Für die DDR hat sie sich gelohnt. Rund 20 Millionen Mark kassierte die Interflug im vergangenen Jahr von bundesdeutschen Billigtouristen, 1982 werden es vermutlich doppelt soviel.
Da der deutsch-deutsche Flugscheinverkauf im Berliner Abkommen über den innerdeutschen Handel von 1951 nicht geregelt ist, könnte Bonn die Ost-Geschäfte in West-Berlin zwar einseitig unterbinden. Das freilich, so ein Experte für den innerdeutschen Wirtschafts- und Zahlungsverkehr, würde nicht viel nutzen: "Dann verkaufen die ihre Flugscheine eben direkt in Schönefeld."

DER SPIEGEL 36/1982
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