30.11.1981

„Auf einer Welle des Okkulten“

Ein ehemaliges Mannequin, Beinlänge: 115 Zentimeter, hat der Kunst des Sterndeutens zu neuem Ruhm verholfen. Der Rummel um Elizabeth Teissier ist symptomatisch: Die Astrologie, nun auch mit Computern aufgeputzt, hat Hochkonjunktur. Immer mehr Bundesbürger suchen in den Sternen Zukunfts-Rat und Lebenshilfe.
Wird das ein Jahr: "Der freie Welthandel bricht zusammen, Machtblöcke geraten in eine gefährliche Krise, Mord und Gewalt nehmen zu, ein großer internationaler Konflikt zeichnet sich ab." Als sei das nicht genug, verwüsten auch noch "Regenstürme, Erdbeben, sogar Vulkanausbrüche und Seuchen" die Erde und stehen schließlich gleich "vier Staatsoberhäupter" am Rande des Grabes.
"So wird 1982", prophezeit die französische Astrologin Elizabeth Teissier.
Seit Monaten - und so wieder am kommenden Sonnabend - kündet sie in der ARD-Unterhaltungssendung "Astro-Show" von der schicksalbestimmenden Kraft der Gestirne. In "Bild" bespricht sie jeden Tag, als kosmische Briefkastentante, die großen und kleinen Schicksale der Nation.
Die schwarzhaarige Pythia aus Paris, 39 Jahre alt, braune Mandelaugen und Mannequinfigur, ist die derzeit populärste Vertreterin einer schillernden Zunft, die in der Bundesrepublik neuerdings Zulauf hat wie seit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr: "Das Geschäft mit der Astrologie floriert", so der Frankfurter Psychologe und Unternehmensberater Dr. Maximilian Schubart.
Zahlreich wie nie zuvor bedienen sich die Deutschen der Dienste einer ständig wachsenden Zahl von Sterndeutern, willig zahlen sie für die Erstellung eines Horoskops, je nach Umfang, zwischen 30 und einigen Tausend Mark. "Wir haben ein volles Haus", konstatiert der West-Berliner "Kosmo-Psychologe und Astrologe D. A. V." Karl-Heinz Titius ("seit 32 Jahren im Geschäft").
Immer mehr Bundesbürger deuten sich mit Sternentafeln, Taschenrechner und Lineal ihre Zukunft selber. Millionen informieren sich in Boulevardblättern, Illustrierten und astrologischen Kalendern darüber, was angeblich in ihren Sternen steht: 54 Prozent der Deutschen, rund zehn Prozent mehr als noch vor sieben Jahren, lesen regelmäßig ihr Horoskop - und viele sind fest davon überzeugt, daß Sonne, Mond und Sternzeichen, daß Aszendenten, Konjunktionen und Trigone ihr Leben beeinflussen.
Wenn eine Zeitung mal das Tageshoroskop zu drucken vergißt, ist gleich der Teufel los. Als es dem Bremer "Weser-Kurier" passierte, gab es, so ein Redakteur, "einen Zwergenaufstand": Leser riefen an, "die nun nicht mehr wußten, ob sie im Haus bleiben, einen Ausflug machen, ob und wie sie Geld investieren sollten". S.233
"Eine wachsende Gläubigkeit der westdeutschen Bevölkerung" wurde auf einer Tagung der Deutschen Kriminologischen Gesellschaft in Frankfurt festgestellt - eine Bestätigung der alten Erfahrung, daß schlechte Zeiten, Krisen und Krieg (oder die Furcht vor ihnen) stets die Konjunktur von Astrologen und Kaffeesatzlesern jeder Art fördern.
"Wir schwimmen auf einer Welle des Okkulten", bestätigte der Freiburger Diplom-Psychologe Peter Niehenke, Vorsitzender des Deutschen Astrologenverbandes (DAV).
"Astrologische Lebenshilfe" wird da offeriert - so von "Marcus Futurus", einem graumelierten Mittfünfziger in Frankfurt: "Ich sage Ihnen, was Ihnen bevorsteht", tönt sein automatischer Anrufbeantworter, "und gebe Ihnen Ratschläge ... Somit hört Ihre Pechsträhne auf." "Meine Augen sehen heute schon, was morgen passiert", sagt Marcus; in sie zu schauen sei "ein kleines Abenteuer" - der Vorblick auf die Zukunft mindert die Ängste.
Manchmal auch nicht. So wenn Tony Bonin, selbsternannter "Professor of Cosmobiology an der Universität von Micro", über den Heilkundigen Manfred Köhnlechner (Sternzeichen Schütze) weissagt: "Mit fortschreitendem Lebensalter wird er wieder den Jupiter (als Herr im 3. Haus) aktivieren und schreiben, schreiben, schreiben ..."
Rund 60 Millionen Mark gaben die Deutschen in diesem Jahr für ihren Sternenglauben aus: für Charakter- und Schicksalsanalysen, für astrologische Unternehmungsberatung - als Betriebsausgabe von der Steuer absetzbar - und Partnerschaftshoroskope, für astrologische Informationsdienste ("What''s New"), Astro-Bücher und -Zeitschriften.
Börsentips, die einer "aus gewissen Konstellationen der Gestirne hervorgehenden Logik" folgen, werden von dem Zürcher Börsen-Astrologen Fridolin Nauer verbreitet ("vom 7. bis 31. Dezember - kräftige Kurserholung"). Und selbst so ehrwürdige Vertreterinnen der Branche wie Margarete Buchela, 72, in Bonn verzeichnen "noch zunehmenden Andrang". Auch Politiker seien darunter, sagt sie, "Namen nenne ich nicht".
Das politische Horoskop der Buchela für 1982 ist fertig: "Die Regierung bleibt so, da ist keine Veränderung." Ob Kohl mal Kanzler wird, sagt Frau Buchela, könne sie nicht genau sehen. Aber: "Ich glaub''s. Der hat Glück, der kommt immer durch."
Erst recht den Verlagen mit Astrologischem im Programm bescherte der Astro-Boom das Geschäft der Saison. "Das haben wir vor allem dieser Teissier aus der Astro-Show zu verdanken", so Manfred Ernst vom Carl-Habel-Verlag in Darmstadt.
* Einen deutlichen Trend zu Horoskopen und zum Astrologischen meldet die Rastatter Verlagsgruppe Pabel-Moewig; vor allem Astro-Taschenbücher und -Kalender machten ein deutliches Plus, desgleichen Wochenschriften wie "Die Neue Weltschau" (Auflage: 130 000).
* Um 30 bis 40 Prozent in den letzten fünf Jahren stiegen die Auflagen der klassischen astrologischen Kalender wie etwa des "Huter" ("Ihr Lebensberater und Wegweiser"), des "Lorcher" ("Er erweitert Ihr kosmisches Wissen") oder des "Buchela" ("Die Seherin von Bonn enthüllt unser Schicksal").
* Zu den heimlichen Bestsellern der Bundesrepublik zählen zwei einschlägige Titel: Alexander Centurios "Nostradamus. Prophetische Weltgeschichte" sowie Elizabeth Teissiers "Und die Sterne haben doch recht".
Ein Düsseldorfer Buchhändler bemerkte auch die Umschichtung des Publikums "vor diesen Regalen": "Was früher ein Frauenthema war, das wird heute von Juristen und Managern gekauft."
Allein der Münchner Wilhelm Heyne Verlag hat gegenwärtig rund 50 astrologische Taschenbücher auf dem Markt - kein Titel blieb unter einer Auflage von 40 000 Stück.
Für extrem astrophile Naturen, die sich auch noch im Bett von den Sternen leiten lassen, gibt es bei Heyne ein "Eroskop" sowie "Liebeshoroskope" für alle zwölf Sternzeichen. Dort erfährt S.234 der Leser, optisch angeregt durch altgriechische Vasenbilder, daß die Skorpion-Frau gerne "ihre harten Finger ins Gesäß drückt", die Schütze-Frau hingegen "den Cunnilingus über alles liebt".
Mit der Zahl der Astro-Gläubigen wuchs auch die Schar der westdeutschen Sterndeuter; sie hat sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt: Für rund 4000 Bundesbürger ist die Astrologie schon ein mehr oder minder einträgliches Gewerbe.
Besonders Arbeitslose und Hausfrauen mit Köpfchen und Unternehmergeist stießen in die Marktlücke, die der neue Sternenglaube eröffnet: Sie besuchen Astrologen-Schulen wie die des Münchners Wolfgang Döbereiner, Seminare bei dem Berliner Astro- und Psychohelfer Wolfgang Trautmann, ließen sich per Fernkurs zum Astrologen umschulen oder vertrauten, wie etwa die Mainzer Deuterin Herlert, auf kosmische Eingebungen: "Es ist ganz einfach über mich gekommen."
Unter den Jung-Astrologen finden sich, so beobachtete DAV-Chef Niehenke, vornehmlich Lehrer und Psychologen, die auf dem Arbeitsmarkt derzeit keine Chance haben. "Schießen wie die Pilze aus dem Boden", so die Mainzer Astrologin Ingeborg Ramberger ("Frau Ingeborg"), verärgert über die lästige Konkurrenz.
Viele Astrologen betreiben ihre Zukunftsschau zu Hause, im Nebenerwerb. Abends, nach der Arbeit, funktionieren sie das Wohnzimmer zur Praxis um - Muttern kocht dann Kaffee für die Kundschaft. "Ich habe rund 25 feste Kunden", so der Bremer Albert Heinze, "mit den Honoraren finanzieren wir unseren Urlaub."
Einen säuberlich getrennten Doppel-Job versieht der Wuppertaler Udo Hass alias Mario Mercato, 32: Umschichtig mit seinem Schwager betreibt er täglich wechselnd eine Imbißbude und die gewerbsmäßige Astrologie ("Astrologische Beratung, Ehe, Beruf usw."). Hass hat seine Heilpraktiker-Ausbildung abgebrochen und sich der Sterndeutung verschrieben, aber das "zweite Standbein", die Würstchen, braucht er noch.
Die Großen der Branche hingegen empfangen ihre Klienten in modern eingerichteten Büros, in denen Mitarbeiter mit gewichtigen Mienen herumhuschen, Computer-Bildschirme fluoreszieren, automatische Drucker die Horoskop-Daten auswerfen. Der Meister sitzt im Chef-Büro und diktiert der Sekretärin die Analysen für die Kundschaft.
Stars wie der Münchner Döbereiner können es sich leisten, "jeweils die letzte Woche im Monat prinzipiell nicht im Büro" zu sein - da hält er wohl Zwiesprache mit den Sternen. Sein Kasseler Kollege Hans Genuit, einst Leibastrologe Axel Springers, befaßt sich ausschließlich mit dem Sternenschicksal von wenigen zahlungskräftigen Auserwählten.
Ähnlich der Leverkusener Astro- und Graphologe Albert Herriger, 61: Zu ihm kommen "Theologen und Juristen, Mathematiker und Physiker, alles unheimlich hochgestellte Leute". Auch der Berliner Karl-Heinz Titius berät vornehmlich Manager und Unternehmer: "Es gibt welche, die zahlen Tausende im Jahr."
Was Arbeiter und ihre Chefs, was Hausfrauen und Arbeitslose, Alte und Junge, einfache Gemüter und Intelligente derzeit in solchen Scharen zu den Sternen zieht, darüber streiten sich die Experten der Massenpsyche.
Seit jeher, so meinen die einen, hätten sich die Menschen in unruhigen Zeiten den Astrologen zugewandt - nach dem Ersten Weltkrieg ebenso wie nach dem Zweiten. Das Astro-Phänomen sei ein Zeichen dafür, daß sich die Deutschen wieder vor Krieg, Inflation und Hunger fürchteten. "Es geht da um eine Umarbeitung von innerer Angst in äußere S.237 Hoffnung", meint der Münchner Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, ein Spezialist für religiöse Grenzfragen.
Die anderen sind der Ansicht, die wachsende Begeisterung sei ein Symptom für einen neuen Irrationalismus, der sich mit vor Jahren noch undenkbarer Vehemenz in westlichen Industriestaaten wie der Bundesrepublik etabliere. Während nur noch jeder achte eingetragene Christ zur Kirche geht, während Hexerei und Magie gerade noch Stoff für Hollywood-Horror liefern, wächst, paradox genug, die Bereitschaft S.238 der Menschen, Übersinnliches und Übernatürliches für durchaus real zu halten - wenn ihnen der jeweilige Hokuspokus nur mit einem Wortschwall von Wissenschaftlichkeit verkauft wird.
Im Zeitalter der Wissenschaft von der Schulbank an darauf getrimmt, daß nur wissenschaftlich Begründbares wahr und wirklich sei, glauben viele im Umkehrschluß, daß jeder Humbug wahr und wirklich ist, der im Deckmantel der Wissenschaftlichkeit daherkommt.
"Wir leben", konstatierte der amerikanische Philosophie-Professor Paul Kurtz, "in dem beginnenden Zeitalter des pseudowissenschaftlichen Irrationalismus" - Mittelalter modern: Plötzlich halten Millionen für möglich,
* daß es ein Leben nach dem Tode gebe, weil Sterbeforscher wie der Amerikaner Raymond Moody dies in wissenschaftlich aufgemachten Studien behaupten;
* daß man mit den Toten sprechen könne - weil Parapsychologen neuerdings die Gesetze der Physik bemühen und vorgeben, man könne die Stimmen der Verblichenen auf Kurzwelle empfangen und auf Tonband aufnehmen;
* daß Menschen wiedergeboren werden - seit Parawissenschaftler den Ersten Thermodynamischen Hauptsatz ("Nichts geht verloren") für sich reklamierten.
Den Neuen Unfug ("New Nonsense") nannten amerikanische Wissenschaftler, was da - beschleunigt und begünstigt durch die wunderliebenden Medien - als Mode über die aufgeklärten Gesellschaften hereingebrochen ist.
Mit der Methode, durch wissenschaftlich klingende Argumentation aus einem X ein U zu machen, locken - ein Grund für ihren jüngsten Erfolg - nun auch die Astrologen das bereitwillig zahlende Publikum in ihre Praxen.
Kurzerhand bemächtigten sie sich eines Vokabel-Sammelsuriums aus Medizin ("astrologisch-medizinische Diagnose") und Psychologie ("astrologische Komplexbilder und ihre tiefenpsychologische Interpretation") - als handle es sich um Mediziner und Psychologen mit einem direkten Draht zur Vorsehung.
Und auch der Computer, Sinnbild analytischer Zuverlässigkeit, muß nun dazu herhalten, der Astrologie die Aura des Aberglaubens zu nehmen und den Sterndeutern den Anschein wissenschaftlicher Seriosität zu verleihen.
"Warum glauben Menschen an Astrologie?" fragten 186 Wissenschaftler, darunter der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der Physiker Hans A. Bethe, der Hirnforscher Sir John Eccles, der Biochemiker Francis Crick und weitere 14 Nobelpreisträger, in einem Aufruf, den sie gemeinsam 1975 unterzeichneten - in der Hoffnung, der schon damals S.239 anbrandenden Welle des Aberglaubens begegnen zu können.
"Viele möchten in diesen unsicheren Zeiten", so die Antwort der Naturwissenschaftler, "gern an ein von astralen Kräften vorbestimmtes Schicksal glauben, auf das sie selbst keinen Einfluß haben." Die Hoffnung der 186, sie könnten mit ihrem Appell den "anmaßenden Ansprüchen der astrologischen Scharlatane" wirksam entgegentreten, konnte sich nicht erfüllen.
Denn seit ihren Anfängen, die bis in die frühen Menschheitskulturen zurückreichen, hat Astrologie niemals etwas mit Wissenschaft zu tun gehabt, entzieht sie sich mithin auch bis heute beständig jeder Auseinandersetzung mit Wissenschaft: Astrologie war von Beginn an, wie der amerikanische Wissenschaftsautor Lawrence E. Jerome formulierte, nur eine "Sonderform von Magie".
Versuche, die Astrologie in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden, wurden von jeher unternommen: Von der Kosmologie des Aristoteles über die Astronomie der Renaissance bis hin zu den Erkenntnissen über biologische Rhythmen ("Innere Uhr") und kosmische Strahlung - alles sollte der Sternendeutung Überzeugungskraft verleihen.
Es waren magisch-mythische Kulthandlungen, wenn babylonische Priester Kriege und Seuchen, Naturkatastrophen und schlechte Ernten als von Göttern verhängtes Geschick zu deuten oder abzuwenden suchten. Bis heute beruht die "Kunst" der Sterndeutung auf dem magischen Prinzip der Analogie, wie es die Babylonier als erste anwandten: Die rötliche Farbe des Planeten Mars etwa steht als "Zeichen" für Blut, Krieg und Eisen. Das Sternzeichen Fische korrespondiert mit dem Element Wasser, der "Löwe" steht als Symbol für den stolzen, kraftvollen Führertypus.
Solch zeichenhafter Bedeutung von Sternen und Sternbildern fügten die Ägypter die Vorstellung hinzu, daß die jeweilige Stellung der Planeten zueinander die Bedeutung eines Omens habe - wiederum wird die zufällige Stellung "Gegenüber" ("Opposition") in magischer Analogie etwa mit "konfliktträchtig, unheildrohend" gleichgesetzt.
Das Überlieferte suchten dann die Griechen mit ihrer "wissenschaftlichen" Kosmologie zu verweben: Astronomie und Astrologie entstammen gemeinsamer Wurzel; zu einer Trennung der Begriffe kam es erst viel später.
Unter dem Einfluß der griechischen Philosophie wurde die religiöse Astrologie der Babylonier in eine Lehre von den kosmischen Gesetzmäßigkeiten und deren vermeintlich kausalen Einflüssen auf irdisches Geschehen umgewandelt - die Sterndeutung avancierte zur "Königin der Wissenschaften".
Sternen und Planeten wurden die Eigenschaften der kopfstarken antiken Götterschar angedichtet. Der hellenisierte Ägypter Ptolemaios (um 100 bis S.240 160), der als bedeutendster Astronom des Altertums das geozentrische Weltsystem ausbaute und zugleich die Bibel der Astrologie ("Tetrabiblos") schrieb, suchte System ins Verhältnis von Tierkreiszeichen und Planeten zu bringen.
Doch auch Ptolemaios blieb mit seiner Sterndeutung im mythisch-magischen Weltbild der Antike gefangen. Und im Kern blieb die astrologische Praxis das bis heute: Wie bei Ptolemaios, so ist auch heute noch Mars der Kriegerische, oft Unheilverkündende; auch Saturn verheißt oft Düsteres, doch für bestimmte Berufsstände wie etwa Architekten ist er geradezu ein Glücksbringer. Nach wie vor bringt Venus Liebe, läßt Jupiter auf Reichtum und Fülle hoffen - eindeutig ist keines dieser Zeichen, die Wirkung aller kann sich in bestimmten Konstellationen auch ins Gegenteil verkehren.
Die moderne Astrologie, zumindest in ihrer Luxusausgabe, hat viel getan, sich mit mathematischem und psychologischem, kosmobiologischem und astrophysikalischem Brimborium zu garnieren - eine Fassade der Scheinwissenschaftlichkeit, von der die Kundigen nachgerade hochmütig herabblicken.
"Frau Teissier ist wohl ein ganz entzückendes Frauenzimmer", sagt der Berliner Sterndeuter Titius, "aber was sie da macht, da merkt doch jeder, daß das alles Türken sind."
Die Astro-Show der Teissier, das sei doch "ganz großer Killefit", meint auch der Leverkusener Astrologe Herriger; was die Dame da an Fragen zu beantworten habe, sei "fürchterlich primitiv". Für Herriger, der seine Klientel bis aufs Allerfeinste hat schrumpfen lassen, ist "jeder einmalig, muß jeder ganz persönlich beraten werden". Was seine Kundschaft angeht, hat er deshalb "alle Gestirnskonstellationen im Kopf".
Vier noble Verbände, mit insgesamt etwa 600 Mitgliedern, halten in Westdeutschland die astrologische Zunftehre hoch: Neben dem Freiburger DAV sind es die "Astrologische Studiengesellschaft Hamburger Schule e. V.", die "Kosmobiologische Akademie" im württembergischen Aalen und die Wuppertaler "Kosmobiosophische Gesellschaft e. V.", geführt von der 64jährigen Edith Wangemann, die Astrologie von ihrem mittlerweile verstorbenen Mann gelernt hat; schon seit 40 Jahren ist sie "in der Astrologie drin".
Astrologe zu werden, jedenfalls derart e. V.-mäßig, kann hürdenreich sein. Der Deutsche Astrologenverband etwa veranstaltet Aufnahmeprüfungen mit schriftlichem und mündlichem Teil. Jeder Bewerber muß eine "Radixdeutung" sowie eine "metagnostische Deutung" liefern, er muß eine Berufsberatung und eine Partnerschaftsberatung "durchspielen". Erst nach bestandenem Rigorosum erhält er den ersehnten Titel "geprüfter Astrologe, DAV".
Nun ist aber die Mißgunst zwischen den Vereinen so ausgeprägt, daß beispielsweise der Berliner Star-Astrologe Titius aus seinem Grunewald-Domizil über den Freiburger Dachverband herzieht: Da komme man "leichter rein, als man einen Angelschein erhält".
"Rund 90 Prozent" im Gewerbe seien "Nieten", sagt Titius. Andererseits konstatiert DAV-Vorsitzender Niehenke, nicht nur einen "absoluten Boom", sondern "gleichzeitig eine Verschiebung" zum Höherwertigen: 80 Prozent derjenigen, die jetzt zum Verband hinzustoßen, seien Akademiker.
Diplom-Psychologe Niehenke sucht diesen Trend durch eigene Leistungen noch zu fördern: Geleitet von seinem Doktorvater Professor Johannes Mischo, dem Nachfolger von Hans Bender auf dem Freiburger Lehrstuhl für Grenzgebiete S.242 der Psychologie, arbeitet Niehenke an seiner Dissertation. Thema: "Validitätsüberprüfung grundlegender astrologischer Konzepte".
Daß Horoskope in Boulevardblättern kaum sonderlich valide sind, muß Niehenke nicht erst untersuchen: "Das ist alles ein absoluter Quatsch", sagt er, "und das schadet uns eigentlich nur, denn diese Horoskope sind alle nicht sehr seriös."
"Straff" gegen solche "sogenannten" Astrologen "vorgehen" möchte der Leverkusener Albert Herriger, der "Nervenkraft und charakterliche Qualitäten" als Grundvoraussetzungen ansieht.
Nervenstärke, mag sein, ist nötig, um ohne jenes Augenzwinkern gegen hohes Honorar das Abrakadabra an den Mann zu bringen, das die "seriöse" Astrologie betreibt: ebenso bodenlos, nur anders verpackt.
Die nebulöse, unbestimmbare Sprache, die widersprüchlichen, sehr oft banalen, fast immer vieldeutigen Sprüche - all das kennzeichnet die magisch-mythische Qualität der Astrologie, heute wie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden.
Sogar der Chef der deutschen Kriminalpolizei, SS-Gruppenführer Arthur Nebe, führte im Jahre 1943 den Auftrag Heinrich Himmlers aus, den vermutlichen Aufenthaltsort des von königstreuen Truppen gekidnappten italienischen Diktators Benito Mussolini per Horoskop zu ermitteln. Der ermittelte Ort stimmte so ziemlich, die Zeit des Aufenthalts hingegen mitnichten.
Astronom und Astrolog Johannes Kepler hat eben nicht - Paradebeispiel der Sterndeuterei - den Tod Wallensteins vorausgesagt. Die vieldeutige Weissagung auf das Jahr 1634 kündete nur von "allerley grausamen erschrecklichen Verwührungen mit seiner Person".
Kepler, der mit der Astrologie, dem "närrischen Töchterlin der Astronomie", sein Haushaltsgeld aufbesserte, hatte im Jahre 1608 ein erstes Horoskop des damals noch unbekannten böhmischen Edelmanns Wallenstein aufgestellt.
"Unbarmhertzig, ohne brüderliche oder eheliche Lieb, niemandt achtend, nur sich selbst und seinen Wollüsten ergeben, hart über die Untertanen ...", hieß es da über den späteren Feldherrn Wallenstein. Dem gerade 25jährigen wurde prophezeit, er werde sich dereinst von einer Rotte Unzufriedener "zu einem Haupt- und Rädtelführer aufwerffen lassen".
Daß vieles von dem Vorhergesagten, etliche der im Horoskop geweissagten Charakterzüge hernach eintrafen, einiges sogar "mysteriös genau und fast buchstabengetreu" (Wallenstein-Biograph Hellmut Diwald), hat Historiker fasziniert und wird von Astrologen immer wieder mit Stolz präsentiert.
Historiker Diwald vermutet, Wallenstein habe Keplers Horoskop, das er stets bei sich trug und mit zahllosen Anmerkungen versah, "als verbindliche Voraussage" genommen: "Ex post sieht es geradezu aus, als hätte er alles getan, um sich sklavisch daran zu halten, um es sklavisch besessen zu verwirklichen ..." - Sterndeutung als sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Genaue Daten und Termine, darüber beklagte sich auch Wallenstein bei Kepler, werden in Horoskopen selten gegeben, und wenn, dann sind sie unverbindlich. Häufig genug bleiben die Aussagen der Astrologen so vage, daß dies oder jenes, alles und nichts herauszulesen ist.
Ein anschauliches Beispiel lieferte 1978 Wissenschaftsautor Hoimar von Ditfurth in einer Fernsehsendung zum Thema Astrologie. Er ließ zehn Personen ein angeblich für jeden von ihnen speziell erstelltes Horoskop beurteilen - acht fanden, das es wirklich für sie "weitgehend zutrifft". Danach enthüllte von Ditfurth: Alle zehn hatten ein und denselben Text bekommen, eine Mischung aus zumeist schmeichelhaften Allerweltsfloskeln.
Verhaßt wie TV-Aufklärer von Ditfurth ("Astrologie ist eine Form von Aberglauben, die sich anmaßt, dem lieben Gott in die Karten zu schauen") ist der Astrologiezunft auch der erfolgreiche Schriftsteller Ludwig Reiners, der S.245 schon in den fünfziger Jahren die Sterndeuter kräftig geleimt hat.
Reiners ließ, dies nur einer von mehreren Tests, "einem angesehenen Astrologen" die Geburtsdaten von Rainer Maria Rilke, Marlene Dietrich und dem 1925 hingerichteten Hannoveraner Massenmörder Fritz Haarmann zukommen, alle drei inkognito.
Der Astrologe ging zu Werke und fand heraus:
* Der Inhaber des ersten Horoskops (also Rilke) sei eine hervorragende kaufmännische Begabung gewesen, dem alles schnell von der Hand ging und der die Konjunktur zu nutzen wußte.
* Das zweite Horoskop gehöre wohl zu einem Sekretär; die Übereinstimmung zwischen dem ersten und dem zweiten Horoskop (also zwischen Rilke und Marlene Dietrich) sei so groß, daß hier einmal enge Beziehungen bestanden haben müßten.
* Beim "Inhaber" des dritten Horoskops handele es sich um einen herzensguten hochgebildeten Menschen, dem er für die Jahre 1952 bis 1954 viel Gutes voraussagen könne.
"Da die Methoden der Astrologen verfehlt sind", kommentierte Reiners, "müssen auch die Ergebnisse ihrer Deutungen falsch sein. Das sind sie auch."
Doch wie Mackie Messer, dem man nichts beweisen kann, drücken sich auch die Sterndeuter hernach stets um die Ecke. Gelackmeiert sind immer die Sternengläubigen selber, weil sie ihrem horoskopischen Schicksal nicht recht gefolgt sind. Denn: "Die Sterne befehlen nicht, sie empfehlen nur", sagt Carrol Righter, Amerikas höchstbezahlter Astrologe, der jahrelang Hildegard Knef beriet (auch die Knef ist inzwischen zur Teissier übergelaufen).
Prognosen, wenn sie sich als falsch erweisen, wieder einzusammeln, ist freilich nur eine der Selbstschutzstrategien, mit denen sich die Astrologie als in sich geschlossenes, sich stets selbst bestätigendes System am Leben hält.
Wer Kritik übt und Zweifel anmeldet, ist eben unter einer mißlichen Sternenkonstellation geboren: Diese Stellung der Gestirne ist es, die ihn zum notorischen Nörgler macht. Wer nach Beweisen fragt, entlarvt sich in den Augen der Astro-Gläubigen selbst - so behalten die Sterne recht.
Daß die Menschen von allen Prognosen stets nur jene im Gedächtnis behalten, die - zufällig - eingetreten sind, gilt als Binsenwahrheit. Geht es ans Aufrechnen der Trefferquote, sieht es in der Tat für die Astrologen finster aus.
So wurden 364 überprüfbare Vorhersagen, die "führende Zukunftsdeuter" in dem amerikanischen Regenbogenblatt "National Enquirer" abgegeben hatten, nachträglich untersucht: Ganze vier waren eingetroffen. Eine solche Verläßlichkeit von wenig mehr als einem Prozent liegt noch meilenweit unter der Zufallswahrscheinlichkeit.
"Astrologen sind unblamierbar", konstatierte schon Anfang dieses Jahrhunderts der Hamburger Kulturhistoriker Aby Warburg - und das gilt immerdar. Schier unendlich ist die Liste der unzutreffenden Voraussagen, die Astrologen für das Jahr 1981 gemacht haben.
Beispiele:
* Astrologie-Nestor Hans Genuit prophezeite, daß es "ab März 1981 zu einem starken Aufbegehren der Massen im Osten, ähnlich wie in Polen" kommen werde - der Osten blieb ruhig.
* Der Münchner "Astro-Mediziner" (Eigentitel) Tony Bonin weissagte, "zwischen Juni und September" werde Kanzler Schmidt "große Erfolge verbuchen" können - der Mann stolperte von einer Krise in die andere und mußte mit Herzschaden ins Krankenhaus.
* Wirtschafts-Astrologe Titius las aus den Sternen, daß "Präsident Reagan in den USA ein Wirtschaftswunder schaffen" werde - Amerika schlitterte in die Rezession.
Daß im selben Jahr Francois Mitterrand an die Macht kommen würde, daß der Papst beinahe einem Attentat zum Opfer fallen und die Polen hungern würden, stand nicht in den astrologischen Kalendern.
Statt dessen prophezeiten die Sterndeuter hellsichtig, daß in der Sowjet-Union weiterhin "enges, egozentrisches Regime-Denken" ("Buchela") herrschen werde, für den Iran erstellten sie "ein Horoskop der Gewalt" ("Buchela"), der Bundesrepublik verhießen sie "krisenreiche Zeiten und Spannungen im Parlament" ("Der Neue Astrologische Kalender") - und weissagten einen Gang der Dinge, der auch durch Zeitunglesen zu ermitteln gewesen wäre.
Mit wolkig formulierten Allerwelts-Prophetien, garniert mit ehrfurchtheischendem Simsalabim, warten die Astrologen auch für das kommende Jahr auf.
In der DDR etwa wird es "Spannungen zwischen Regierenden und der Bevölkerung" geben, weissagt der "Huter". Die USA hingegen erlangen "eine Stabilität von bleibendem Wert", und "mit China müssen wir 1982 auf allen Gebieten rechnen". Die Sowjet-Union andererseits verliert "viele Freunde und Gesinnungsgenossen, denn Sonne und Merkur im Skorpion des sowjetischen Staatshoroskops bekommen einige Quadraturen zu spüren".
Der Bundesrepublik drohen nach den Berechnungen des "Neuen Astrologischen Kalenders" unter anderem "Machtverschiebungen" und "neue Gewaltaktionen" - eine Folge des Mondes, der "durch Direktionen oder Transite Uneinigkeit ins Volk" trage.
"Die Arbeitslosigkeit wird steigen", prophezeite Star-Astrologin Teissier und warnte Bundeskanzler Schmidt eindringlich vor "dem Einfluß des launenhaften Planeten Uranus".
Ihre eigene Zukunft sieht aber auch nicht gerade rosig aus - jedenfalls wenn die Horoskope stimmen, die sie neuerdings den "Bild"-Lesern stellt: Danach drohen den im Sternzeichen des Steinbock Geborenen in den nächsten Monaten "Kopfschmerzen und Verletzungen", alte "Probleme tauchen wieder auf", es gibt "keine Atempause".
Und Vorsicht, Madame: "Ab 9. Januar macht Sie Mars nervös und manchmal auch zu waghalsig."
S.232 Mit dem (inzwischen abgelösten) Moderator Horst Buchholz. *

DER SPIEGEL 49/1981
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