06.09.1982

„Durchhalten und überleben“

Aus den Erinnerungen von Willy Brandt / I: Jugendjahre in Lübeck 1982 by Willy Brandt. Alle Rechte der deutschen Ausgabe beim Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.
Es war ein Sonntag im September. Am 14. 9. 1930 fanden Wahlen zum Reichstag statt, die den Nazis zum sensationellen Durchbruch verhalfen. Ich war Unterprimaner, bald siebzehn, politisch engagiert.
Ich ahnte, daß viel auf dem Spiel stand. Nicht ahnte ich, daß jener Wahlsonntag in den Chroniken als Anfang vom Ende der ersten deutschen Demokratie vermerkt werden würde. Solche Kennzeichnungen haben ein Element von Willkür. Ein Tag ist nicht mehr als das, was man aus ihm macht. Und im übrigen: Die eigenen Erinnerungen vermischen sich untrennbar mit Einsichten, die von den Erfahrungen anderer stammen.
Die Fakten sprachen klar genug: Die Hitler-Partei war von fast einer Million Stimmen (bei der vorausgegangenen Wahl im Mai 1928) auf über sechs Millionen angewachsen. Mit 107 Mandaten, statt vorher 12, wurden die Nazis zur zweitstärksten Fraktion im Reichstag. Bei uns in Lübeck kamen sie von gut eintausend auf über 15 000 Stimmen.
Meine Freunde in der Jugendgruppe und ich waren verblüfft, doch hatten wir nicht das Gefühl, daß etwas Katastrophales passiert war. Mehr als die Braunhemden verlangte in jenem September eine frühe Freundin meine Aufmerksamkeit; an den Wahlen konnte ich ohnehin noch nicht teilnehmen.
Der Erfolg der extremen Rechten war alarmierend: Die Nazis hatten es verstanden, die Schwächen der Weimarer Republik und die aus der Wirtschaftskrise erwachsende Verzweiflung auszunutzen, um die besonders anfälligen Schichten eines in seiner zerrissenen Geschichte noch nicht zu politischer Reife gelangten Volkes zu mobilisieren.
Ich glaube nicht an vorbestimmte Geschichtsabläufe. Also halte ich auch nichts von denen, die nachweisen wollen, daß die Weimarer Republik auf jeden Fall hätte zugrunde gehen müssen. Damals hat sich mir die Lage nicht so dargestellt.
Wer war ich? Ein norddeutscher Arbeiterjunge, der in die sozialistische Bewegung hineingeboren wurde. Ein Aufstiegsschüler, der sich auf ein anderes Berufsleben als das seiner Familie oder seiner sozialen Umgebung vorbereitete.
"Bei uns" in Lübeck waren die sozialistischen und demokratischen Kräfte - in dieser Reihenfolge! - wesentlich stärker als in vielen Teilen des Reiches. Aber die norddeutschen Hochburgen eines sich aberwitzig übersteigernden Nationalismus waren nur einen Sprung weit von uns entfernt. Nach Holstein und Mecklenburg kam man mit dem Fahrrad.
Dort hatten die "Völkischen", wie die Vorläufer der Nazis hießen, schon Anfang der zwanziger Jahre breiten Anhang gewonnen. Gewalttaten der ihnen nahestehenden Freikorps verbreiteten Schrecken. Eines ihrer Kampflieder kennzeichnete "das Arbeiterschwein" als den eigentlichen Feind.
Die Gefahr von rechtsaußen war für uns nicht neu. Aber daß die Spinner, die uns in Lübeck als "Nationalsozialisten" begegneten, zu einer Massenpartei werden sollten, erschien uns doch sehr verwunderlich. Auf Diskussionsabenden, S.147 bei denen auch ich mich zu Wort meldete, machten sie keine gute Figur. Doch sie sprachen Gefühlsschichten an, die mit einer rationalen Argumentation nicht zu erreichen waren - und das Gros der Linken war leider schrecklich vernünftig.
In meiner Heimatstadt habe ich die Erfahrung eingesogen, daß unter den ärmsten Söhnen der Republik auch ihre treuesten waren. Nach dem Zusammenbruch von 1918 war die Demokratie in Deutschland tatsächlich nicht viel stärker als die Arbeiterbewegung. Aber diese war nicht einig, und sie war auch sonst kaum darauf vorbereitet, Staat und Gesellschaft gründlich umzugestalten.
Ich weiß, was Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie in Deutschland bewirkten: Sie brachten es zuwege, daß aus den Nachkommen von Millionen rechtloser Proletarier und unmündiger Frauen ebenbürtige und selbstbewußte Staatsbürger werden konnten - und ich urteile nicht als einer, der von außen zur Arbeiterbewegung kam oder "von oben" in sie einstieg, sondern der - gewiß ohne eigenes Verdienst - in einem für jene Zeit typischen Arbeitermilieu und in der noch weithin ursprünglichen Gedankenwelt der alten Arbeiterbewegung großgeworden ist.
Der Großvater Ludwig Frahm, bei dem ich aufwuchs und zu dem ich Papa sagte, gehörte in seiner mecklenburgischen Heimat in den neunziger Jahren zu den ersten unbequemen sozialdemokratischen Landarbeitern. Meine unverheiratete Mutter Martha Frahm lebte seit ihren jungen Jahren in "der Bewegung" Sie arbeitete beim Konsumverein als Verkäuferin.
Sie heiratete, als ich vierzehn war, den Maurerpolier Emil Kuhlmann. Auch er kam aus der mecklenburgischen Provinz und war als Schornsteinbauer angesehenes Mitglied seiner Gewerkschaft. Bei uns war etwas vom Vermächtnis des großen Arbeiterführers August Bebel lebendig geblieben: Von seinem Appell an das Selbstgefühl der Arbeitenden und von der Suche nach Gerechtigkeit, die für das Empfinden der Vorkriegssozialdemokratie so wesentlich war.
Der Großvater, der, eher untersetzt, wie ein Bauer ging, fast nur plattdeutsch sprach und dessen Kahlschädel auch in eine östlichere Umgebung gepaßt hätte, war vom Dorf gekommen; in der Stadt wurde er angelernter Arbeiter, dann Lastwagenfahrer in einem Industriebetrieb, den Drägerwerken. Zwischendurch gab es keine Arbeit; die Tätigkeit als gewerkschaftlicher Vertrauensmann wurde mit Maßregelung geahndet, und das hieß: Entlassung.
Er blieb einfach im Denken und stark in seinem Glauben - er war nicht in der Kirche. Für ihn war es ein großes Ereignis, als man 1929 in eine Neubauwohnung umzog, mit zwei Zimmern, Küche und vor allem einem kleinen Bad, nebst Dachkammer für mich. Über die Tatsache, daß dies einen Wochenlohn kostete, der etwa 50 Mark ausmachte, wurde nicht geklagt.
Der Großvater hatte das Gefühl, nicht wenig erreicht zu haben. Dazu gehörte, daß ich in drei Stufen die "höhere" Schule erreichte. Kritik an der Partei, die so viel bewirkt hatte, konnte nicht auf sein Verständnis rechnen. Er hielt Einwände von mir oder anderen jungen Leuten, manchmal wohl auch vorlaut geäußert, für undankbar und unziemlich gegenüber einer Führung, die schon wisse, was sie tue.
Doch vom Jahr 1932 an hat er mir eigene Enttäuschungen nicht mehr ganz verheimlicht. Er konnte es nicht über sich bringen, Hindenburg wiederwählen zu helfen - so wie es die Partei als das kleinere Übel empfahl. Daß die sozialdemokratische Massenbewegung Anfang 1933 kampflos abtrat, ließ ihn, wie so viele andere, verzweifeln. Zwei Jahre später nahm er sich als schwerkranker und gebrochener Mann das Leben.
Die Republik von Weimar, das war für ihn sein Leben in Lübeck gewesen, und das war eine tiefe Veränderung gegenüber der Jugend auf dem gräflichen Gut bei Klütz, von dem er stammte. Dort hatte man seinen Vater noch auf den Bock gelegt und gezüchtigt.
Nun war er ein nicht mehr ganz schutzloser, sondern organisierter Arbeiter. Und noch wichtiger, er wurde in seinem Stadtteil - Holstentor-Süd - zu einem gewählten Vertrauensmann der Sozialdemokraten. Er stand sogar - wenn auch ganz unten, an vorletzter Stelle, gewissermaßen honoris causa - auf dem Wahlvorschlag zur Bürgerschaft, wie das Lübecker Stadtparlament traditionell genannt wird.
In seinem Verständnis war er klassenbewußt und reformistisch zugleich und unbeirrbar davon überzeugt, daß die gerechte Gesellschaftsordnung kommen S.148 werde: so sicher wie das Amen in der Kirche, in die er nicht ging.
Ich wuchs buchstäblich "von Hause aus" in der Vorstellung auf, daß Sozialismus von der Gleichwertigkeit der Bürger handele. Praktisch habe er sich als Solidarität, als Füreinandereinstehen auszudrücken, und daß er letztlich die materiellen Ungerechtigkeiten ganz überwinden würde, daran zweifelte man nicht. Mir wurde auch noch manches vermittelt, was die gescheiten Systematiker eher der Gedankenwelt des "utopischen" als jener des "wissenschaftlichen" Sozialismus zuordneten.
So lernte ich auch, man werde das Geld überflüssig machen. Ich wußte nicht, daß der Großvater dies direkt von Bebel übernommen hatte. "Irgendein Zertifikat, ein bedrucktes Stückchen Papier, Gold oder Blech", so hatte Bebel geschrieben, bescheinige die geleistete Arbeitszeit und setze den Inhaber in die Lage, "diese Zeichen gegen seine Bedürfnisgegenstände von der verschiedensten Art auszutauschen".
Bebel starb im Sommer jenes Jahres 1913, gegen dessen Ende ich auf die Welt gekommen bin. Nicht selten hatte ich die Empfindung, ihn noch selber zu treffen. In meiner Lübecker Kindheit bin ich nicht wenigen begegnet, die Bebel gehört und gesehen hatten, die Kraft seiner Worte rühmten oder die Sicherheit seines Urteils über das, was kommen werde.
Als ich Anfang 1932 mein Abitur machte, gab mir mein Deutsch- und Geschichtslehrer, der liberal-konservative Professor Eilhard Erich Pauls, die Chance, meine sehr gute Vorzensur durch die schriftliche Arbeit zu bestätigen; ich durfte über Bebel schreiben.
Bebel hatte in meinem Verständnis Maßstäbe gesetzt als Vater der Partei, nicht nur als einer der besten Redner des Reichstags und als begeisternder Sprecher der Massen: "Er war kein Rechthaber, aber gegen die Verfälscher des Endziels zog er rücksichtslos zu Felde." Schon als 18jähriger sah ich im Kampf um Sozialismus ein "hohes sittliches Ringen" und in Bebels Lebenswerk mehr als einen "gewöhnlichen Machtkampf".
Am 13. August 1963, zum 50. Todestag, stand ich auf dem Zürcher Friedhof, wo Bebel - ganz in der Nähe Gottfried Kellers - seine letzte Ruhestätte fand. Schweizer Freunde brachten mir eine goldene Uhr, die Bebel hinterlassen hatte. Sie ging noch gut. Meine eigene Partei hat sie mir zu treuen Händen überlassen. Sie wird an die nächsten Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokraten weitergehen.
Das täglich Brot war in meinen jungen Jahren nichts, das ich für selbstverständlich halten konnte. Ich will nicht wehleidig vorgeben, in der Kindheit sei ich meistens nicht satt geworden.
Aber wahr ist doch, daß sich die meisten der frühen Erinnerungen mit dem Essen verbinden. Als ich etwa zehn war, bekam ich - vom Arzt für Wochen verordnet - eine Magermilchsuppe, die gut tat. Als ich zur Realschule ging, kaufte ich mir für einen Groschen gern einen Ring trockener Feigen, die schön satt machten.
Ein wichtiges Kindheitserlebnis, ich war etwa acht Jahre alt, hat mit Brot zu tun - und mit Arbeiterstolz: Die Belegschaft der Drägerwerke, bei denen der Großvater arbeitete, war ausgesperrt. Wir wohnten in einer Art Dienstwohnung neben dem Werk. Einer der Direktoren, der täglich vorbeikam und freundlich zu mir war, sprach mich im Vorbeigehen auf der Straße an. Ob wir genug zu essen hätten?
Ich habe wohl mit der Antwort gezögert, jedenfalls nahm er mich mit zum Bäckerladen an der nächsten Ecke und schenkte mir zwei schöne, frischgebackene Brote. Mit denen zog ich froh nach Haus. Ich wurde nicht fröhlich aufgenommen, sondern mußte erklären, woher ich die Brote hatte. Sofort mußte ich sie zum Bäcker zurückbringen.
Auf diese Weise lernte ich - früher und eindrücklicher als bei theoretischen Erörterungen über Klassenbewußtsein -, daß sich ein aufrechter Arbeiter, zumal im Arbeitskampf, nicht mit Almosen abspeisen läßt.
Ich habe also seibst erlebt, was das täglich Brot für breite Schichten des Volkes bedeutete. Doch zugleich habe ich auch früh gelernt, wieviel die Bewegung der Lohnarbeiter, wie zuvor die des Bürgertums, mit der alten Wahrheit zu tun hatte, daß der Mensch vom Brot allein nicht lebt. Die aufstrebende Arbeiterschaft suchte mehr als materielle Lebensinhalte.
Meine Mutter gehörte zur "Freien Jugend", S.150 die in Lübeck wenige Jahre vor dem Krieg gegründet worden war. Sie war noch nicht einmal 20 Jahre älter als ich, wirkte lebhaft, unbeschadet ihrer Neigung zur Korpulenz, hatte unter ihrem dichten, dunkelblonden Haar die mir in abgemilderter Form vererbten "slawischen" Backenknochen. Martha Frahm war, auf eine unverkrampfte Art, naturverbunden und kulturhungrig.
Anders als der Großvater zog sie das Hochdeutsch dem Platt vor und sprach es, was nicht selbstverständlich war, ohne Fehler. Ihr Abonnement bei der "Volksbühne" war der Mutter wichtig. Sie beteiligte sich auch am "Proletarischen Sprechchor", den der engagierte Regisseur Karl Heidmann an unserem Stadttheater betreute.
Für mich war es ganz normal, daß ich mit acht oder neun Jahren zu einer Kindergruppe der Arbeiter-Turner kam, später zum Arbeiter-Mandolinenklub. Zu den "Falken" ging ich durch eigenen Entschluß, als ich 14 war, und von dort vollzog sich ein Jahr später fast automatisch der Übergang zur SAJ, der Sozialistischen Arbeiter-Jugend. In den Kinder- und Jugendgruppen fehlte es nicht an kulturellen Impulsen. Wir wurden auf Bücher hingewiesen, lernten diskutieren und kleine Vorträge halten. Mir sagte man schon vorher nach, ich könne gut rezitieren.
Lübeck hatte ein Sozialistisches Kulturkartell, das Kunstabende und Lichtbildervorträge veranstaltete. Im Herbst 1930 kam eine Volksfilmbühne hinzu. Daneben bestanden Bücherkreise. Es gab auch ein Arbeiter-Sportkartell, in dem neben den Turnern die Radfahrer dominierten; Schützen und Schachspieler waren auch dabei. Wir hatten eine durchorganisierte "Subkultur", wie solche Gemeinschaften später lieblos und etwas herablassend genannt wurden.
In Wirklichkeit ging es darum, daß selbstbewußt gewordene Arbeiter ihre kulturellen Ausdrucksformen fanden - und sich damit freilich zuweilen auch im Sektenhaften verloren. Die Beteiligung an jener "Subkultur" reichte kaum über die Angehörigen der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung hinaus, doch das war eine stattliche Zahl.
"Man" war zunächst und vor allem in Partei und Gewerkschaft (häufiger: in umgekehrter Reihenfolge), auch im Konsumverein. Die Männer zudem im "Reichsbanner", dem republikanischen Verband ehemaliger Frontkämpfer, die Frauen in der Arbeiter-Wohlfahrt, und "man" war abonniert auf den "Lübecker Volksboten", das tägliche Parteiblatt. Manche gehörten einer Siedlungsgenossenschaft an, viele einem Kleingartenverein.
Mit der lutherischen Kirche, der ihre Anlehnung an die Mächte des Kaiserreichs vorgeworfen wurde, wollte man nicht viel zu schaffen haben. Ich weiß nicht, warum man mich zunächst zum lutherischen Kindergottesdienst gehen ließ, wo es mir im übrigen gut gefiel. Am Religionsunterricht sollte ich nach des Großvaters Willen nicht teilnehmen.
Mit 14 Jahren konnte ich darüber selbst entscheiden. Ich wollte teilnehmen, was ich schon deshalb nicht bedauert habe, weil wir im Johanneum den Vorzug hatten, in Religionsgeschichte eingeführt zu werden. Doch 1931/32 wollte ich mit der Kirche, deren Repräsentanten zu einem erheblichen Teil mit den politisch weit rechts angesiedelten Kräften sympathisierten, nichts mehr zu tun haben. Später wurde ich durch meine Einbürgerung automatisch Angehöriger der (lutherischen) Norwegischen Kirche. Ich blieb danach "evangelisch".
Fragen nach dem Überirdischen trieben mich nie sonderlich um. Noch als Kind meinte ich herausgefunden zu haben, daß es dem Menschen, jedenfalls mir nicht gegeben sei, die Frage nach dem "Woher" zu beantworten. Ich wußte noch nicht, daß sich Agnostiker nennen kann, wer die Antwort auf die Frage hinter den Fragen offen läßt und Gott zu leugnen für anmaßend hält.
Mir hat die Jugendbewegung viel bedeutet: Durch die Gemeinschaftserlebnisse, wohl auch als Familienersatz, und gewiß als Boden persönlicher Erprobung.
Bei der SAJ ging es zu wie in einer "sozialistischen" Mischung von Wandervogel und Pfadfindern. Ich selber stimmte für den Ausschluß von Sündern, die eine Zigarette geraucht hatten. Rauchen galt als Vergehen, auch wenn es außerhalb der Gruppe geschah, Schnaps erst recht. Aus der Gemeinschaft von Jungen und Mädchen machten wir kein Dogma.
Mit 15 Jahren wurde ich Vorsitzender einer der örtlichen Gruppen der SAJ. Deren Namen - meine erste hieß Karl Marx, die andere Paul Levi - zeugten vom Wunsch nach Radikalität und vom Bedürfnis, sich von der für schwächlich - oder auch langweilig - gehaltenen Mutterpartei abzuheben. Im Sommer 1930 wurde ich, obwohl erst 16, entgegen der Üblichkeit schon in die SPD aufgenommen.
Hemmungen, mich auf Parteiversammlungen mit eigenwilligen Beiträgen zu Wort zu melden, hatte ich kaum mehr. Meine Kühnheit konnte bei braven älteren Genossen nicht nur Zustimmung finden. Ich erinnere mich an Zurufe: wo ich denn im Krieg gewesen sei? Ich sollte doch erst mal trocken hinter den Ohren werden. Ich erwiderte frech, alt werden könne jeder Esel; oder: das Alter komme von selbst, nicht der Verstand.
Die Falken-Bewegung unterhielt sommerliche Zeltlager, die man Kinderrepubliken nannte. Nach der Teilnahme an dem kleineren Lager 1928 in der Lüneburger Heide wurde 1929 das Zeltlager auf der Rheininsel Namedy bei Andernach ein starkes Erlebnis. Dies war meine erste größere Reise in Deutschland. S.151 1931 nahm ich noch einmal, für kürzere Zeit und wieder an der Ostsee, an einem der großen Zeltlager teil. Den größeren Teil jener Sommerferien nutzte ich, mit einem Freund, für eine Fahrt nach Skandinavien: Hin per Anhalter - viele Autos gab es damals noch nicht - über Dänemark, zurück über Südschweden.
Bei unserer Nordlandfahrt waren wir kaum mit Reisegeld ausgestattet, so daß wir mehr von Geschenktem als von Gekauftem lebten. Allerdings hatte ich begonnen, meine ersten Artikelhonorare zu verdienen. Der "Volksbote" brachte meine Reiseberichte in Fortsetzungen, und andere Provinzblätter veröffentlichten Nachdrucke.
Meine journalistischen Versuche hatten mit der Teilnahme an einem Kinderwettbewerb im "Volksboten" begonnen, der mir als einem Gewinner zu einem schönen Exemplar des "Lederstrumpf" verhalf. Ich schrieb dann nicht nur mit Namen gezeichnete Artikel für die Jugendseite, sondern auch zahlreiche - allerdings nur zum Teil signierte - Lokalglossen, Sportreportagen, Versammlungsberichte.
Als ich mit der Schule fertig war, wollte ich eigentlich (in Hamburg) studieren, um danach politischer Redakteur zu werden. Das war nicht möglich. Wenn man nicht zu den "Privilegierten" gehörte, war ein Universitätsstudium nur selten möglich.
Mein Schulgang wich von dem üblichen erheblich ab. Mit 13 kam ich für ein Jahr von der (rohrstock-)strengen Mittel- auf eine liberale Realschule, von dort für die letzten vier Jahre, ab 1928, auf ein recht modernes Reform-Realgymnasium: das Johanneum. Das war für einen Arbeiterjungen ungewöhnlich und nur möglich, weil einige Begabte gefördert werden sollten.
Doch unsere Welt blieb von jener der "Bürgerlichen" ziemlich weit entfernt, auch durch die Sprachgrenze: Unsereins mußte erst mal Hochdeutsch lernen, wenn er zur Schule kam. Doch auf unsere niederdeutsche Sprache - Sprache, nicht Dialekt! - ließen wir nichts kommen.
In meiner Schulzeit hatte ich mich über Zurücksetzungen nicht zu beklagen. Als ich einmal auf der "Reichsgründungsfeier" - also zur Erinnerung an die Proklamation im Versailler Spiegelsaal vom 18. Januar 1871 - in der Aula rezitieren sollte und zum Zeichen meiner Distanz in "Kluft" - in blauem Hemd mit roten Schlips - erschien, ließ man mich nach Hause gehen; nachteilige Folgen hatte der Vorgang nicht.
Lübeck hatte in meiner Jugend gut 120 000 Einwohner, inzwischen sind es hunderttausend mehr. Als Freie und Hansestadt hatte es - wie Hamburg und Bremen - seinen Status als Gliedstaat bewahren können, in der Weimarer Republik wie zuvor im Kaiserreich. In einem sich vielfältig fächernden Wirtschaftsleben war der Handel weiterhin S.153 bestimmend, mit einem durchaus noch ansehnlichen Anteil der Schiffahrt.
Nun steckten meine lübschen Wurzeln ja eindeutig im Milieu der Arbeiterbewegung, nicht in der Tradition der alten Familien. Aber es gibt keinen Zweifel, daß Geschichte und Kultur der "Stadt mit den sieben Türmen" in nicht geringem Maße auch einen Menschen meiner Art geprägt hat, der außerhalb der historischen Stadtmauern aufwuchs und zudem aus der Sicht der alten Familien aus dem Nichts kam - oder aus dem Chaos?
In meinen jungen Jahren träumte mir nicht, daß ich eines Tages - Anfang 1972 - Ehrenbürger der Stadt würde, in der ich zur Welt gekommen war. Lübeck ging mit dieser Form der Ehrung sparsam um. Ich war seit Anfang des vorigen Jahrhunderts der sechzehnte, wenn man vier Nazigrößen außer Betracht läßt, deren Namen nach dem Krieg gelöscht wurden. Der fünfzehnte war 1955, in seinem Todesjahr, "Professor Dr. Thomas Mann, Kilchberg bei Zürich" gewesen.
In meiner Dankrede im Audienzsaal des alten Rathauses erinnerte ich an zwei Männer, die auf mich, über jugendlichen Widerspruchsgeist hinweg, einen bleibenden Einfluß ausübten: "Dr. Julius Leber, der kämpferische Republikaner und Sozialdemokrat, mit dem ich während des Krieges wieder in Verbindung kam, bevor er als ein Ehrenretter der Nation sein Leben lassen mußte. Und Professor Eilhard Erich Pauls, mein großartiger Geschichts- und Deutsch-Lehrer, bei dem ich vor 40 Jahren am Johanneum mein Abitur machte."
Leber war im Frühjahr 1921 nach Lübeck gekommen, um die Chefredaktion des "Volksboten" zu übernehmen. Mit seiner kraftvollen Erscheinung und seiner großen rednerischen Begabung - ihm waren die Anlagen eines Volkstribuns eigen - wurde er zur konkurrenzlosen Führungspersönlichkeit der Lübecker Sozialdemokraten. In die Bürgerschaft war er noch 1921 gewählt worden. Dem Reichstag gehörte er ab 1924 an.
Die Arbeiter vor Ort verehrten ihn. Ein borniertes Bürgertum brachte ihm blanken Haß entgegen. Mir war er ein Vorbild: Ein höheres Lebensziel als das eines Chefredakteurs und Reichstagsabgeordneten konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen.
Als Leber im Gefängnis saß, schrieb er - im Juni 1933 - seiner Frau Annedore, die drei ersten Lübecker Jahre seien seine einheitlichsten und folgerichtigsten gewesen. Für ihn waren sie "Jahre des unerbittlichen Kampfes gegen die reaktionäre Indolenz bürgerlichen Durchschnittsgeistes und zugleich gegen die passive Mittelmäßigkeit der eigenen Partei".
Damals sei er revolutionär gewesen und auch als "radikal im Parteisinn" verstanden worden: "Im Reichstag lernte ich dann die Macht des Mittelmaßes kennen und die noch größere Indolenz der sogenannten Radikalen in unseren Reihen."
Bei der einen und anderen Gelegenheit hatte er schon von der Lust an der Ohnmacht als von einer sozialdemokratischen Erbsünde gesprochen. In einer seiner Lübecker Reden rief er aus: "Wir müssen in Zukunft viel konsequenter wissen, was die Macht in der Republik bedeutet, und mehr Rücksicht nehmen S.155 auf die Festigkeit der Demokratie." Aber uns Jungen - auch einigen Älteren - galt Leber als "zu rechts".
Die Partei-Linken, die nicht wenige von uns Jungen beeindruckten, wollten die sozialistische Tradition wieder mit Leben erfüllen. Die militanten Partei-Rechten wollten die Schlacken erstarrter Tradition abstreifen. Objektiv hatten die anspruchsvolleren Kritiker von links und rechts - gegenüber dem "Sumpf" der Kraft- und Saftlosigkeit - mehr gemeinsam, als ihnen bewußt war. Sie hätten, den aktivistischen Temperamenten nach, einander näherkommen müssen. Tatsächlich wurden sie durch ideologische Scheuklappen daran gehindert.
Wir jungen Sozialisten, Sozialdemokraten, hatten mit den Feinden der Demokratie nichts im Sinn. Aber wir meinten, den Führern unserer Partei sei vorzuwerfen, daß sie nach dem Krieg nicht den Sozialismus durchgesetzt hätten. "Republik, das ist nicht viel, Sozialismus ist das Ziel", hieß es auf einem der Transparente, die mitzuführen uns die Partei nicht hinderte. Die Losung war grundehrlich gemeint, aber mit realistischer Politik hatte sie überhaupt nichts zu tun.
Im Herbst 1931 spaltete sich eine "linke" Gruppierung von der sozialdemokratischen Partei ab, und ich, der daran beteiligt war, hielt dies damals für ein wichtiges politisches Geschehen. Das war eine Fehleinschätzung. Die deutsche Entwicklung gegen Ende der Weimarer Republik wurde durch dieses Ereignis nicht beeinflußt.
Doch für meinen eigenen Weg war dieser Einschnitt wichtig. Der Zwang, an sich selbst zu arbeiten, war in einer kleinen Organisation stärker, als er es in der großen Partei sein konnte. Wenn man Glück hatte, konnte man auch die Gefahren des Sichabkapselns überwinden. Für mich war es keine schlechte Lehrzeit.
Es ist eine Herausforderung eigener Art, gegen den Strom schwimmen zu müssen. Daß ich kurz danach heimisch wurde in der skandinavischen Arbeiterbewegung, hat mir geholfen, Rechthaberei der Gruppengesinnung nicht allzu hoch wuchern zu lassen.
Im Oktober 1931 wurde in Berlin die Sozialistische Arbeiterpartei - SAP - gegründet. Vorausgegangen war im September 1931 der Ausschluß der Reichstagsabgeordneten Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld aus der SPD. Ihnen wurde vorgeworfen, daß sie unerlaubte verlegerische und organisatorische Tätigkeiten, also "Fraktionierungsarbeit" betrieben. Natürlich ging es um politische Inhalte mehr als um Statuten.
Mit den Ausgeschlossenen solidarisierten sich einige andere Abgeordnete, Teile der Partei vor allem in Schlesien und Sachsen, nicht zuletzt ein wesentlicher Teil der sozialdemokratischen Jugend. Der neuen Partei schlossen sich verschiedene linkssozialistische Gruppen an, nach einigen Monaten auch ein Teil der "Rechten", die im Zeichen des "Ultralinksertums" aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden waren.
Im Herbst 1931 vermittelte sich jungen Leuten wie mir der Eindruck, als würden sich ansehnliche Gruppierungen in einem neuen Lager links von der SPD zusammenfinden. Männer wie Carl von Ossietzky - "Was als Spaltung gebrandmarkt werden soll, stellt sich bei näherem Hinsehen als ein letzter Rettungsversuch dar" -, Kurt Tucholsky, Lion Feuchtwanger, auch Albert Einstein, bekundeten der neuen Partei ihre Sympathie.
Die Vertreter der Sozialistischen Jugend, die sich den SAP-Gründern anschlossen, ließen sich weder durch Mitgliederziffern enttäuschen noch durch bekannte Namen beeindrucken. Uns leuchtete das Aufbegehren gegen eine Politik ein, die wir als kompromißlerisch-schwächlich empfanden. Wir glaubten, einer "reinen" Lehre näher zu sein, und wir hegten deshalb die Hoffnung, daß ein neuer Versuch in der Arbeiterbewegung für unser Volk gut sein würde.
Bei uns in Lübeck - wo sich auf einer Funktionärskonferenz der Partei eine überwältigende Mehrheit gegen die Spaltung aussprach - ging mehr als die Hälfte der Jugendorganisation zum SJV, dem sozialistischen Jugend-Verband der neuen Partei. Die Zahl der Älteren, die zur SAP gingen, blieb auf wenige Dutzend beschränkt.
Wenige Tage bevor wir uns für Jahre trennten, bat mich Julius Leber in sein Redaktionszimmer zu einer Unterhaltung, deren Tenor mir nicht einleuchten wollte. Er verhöhnte "linke" Abgeordnete, die er aus dem Reichstag kannte, wegen ihrer Unzulänglichkeiten. Was ich bei solchen Leuten zu suchen hätte? Ich wisse doch, wie er höre, die Gunst eines schönen Mädchens und auch schon einen guten Tropfen zu schätzen. Der Bezug S.158 auf den guten Tropfen wäre allerdings erst einige Jahre später angebracht gewesen.
Damals fand ich Lebers flapsige Bemerkung unangebracht. Ich lernte auch, daß Absplitterungen und Sondergruppen auf Querulanten und Neurotiker - mehr als es im Geschäft der Politik ohnehin der Fall ist - eine besondere Anziehungskraft ausüben.
Kleinparteien werden im besonderen Maße von Richtungskämpfen heimgesucht. Diese Richtungskämpfe sind gerade deshalb von so vergifteter Heftigkeit, weil von ihrem Ausgang objektiv wenig abhängt. Manchem von uns Jüngeren sagte die Richtung, die durch die zur neuen Partei gestoßenen ehemaligen Rechtskommunisten - etwa tausend an der Zahl - vertreten wurde, zu.
Uns beeindruckte, daß sie nicht nur den schwächlichen "Reformismus" der Sozialdemokratie geißelten, sondern ebenso auch mit dem "ultralinken" Kurs von KPD und Komintern hart ins Gericht gingen: mit Putschtaktik und Revolutionsspielerei, Gewerkschaftsspaltung und Anspruch auf die Diktatur über die Massen.
Mir stellte sich nie die Frage, ob ich zur Kommunistischen Partei überwechseln sollte. Als die Kieler Gestapo später den gegen mich gerichteten Antrag auf Ausbürgerung aus dem Deutschen Reich begründete, hat sie, neben anderem Unsinn, aufgeschrieben, ich sei in Lübeck "kommunistischer Jugendredner" gewesen. Das ist schlicht falsch.
Bei uns in Lübeck waren die Kommunisten nicht stark. Ihr Revoluzzertum und das Nachplappern importierter, doktrinärer Lehrsätze versperrte ihnen den Zugang zu den treuen Anhängern der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften.
Mich konnte der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann - ein vermutlich überforderter, aber unglaublich standfester Arbeiter, der sich auch durch vieljährigen Kerker nicht brechen ließ - nicht beeindrucken, als ich ihm auf einer Hamburger Versammlung zuhörte. Der stalinistischen, von Moskau verordneten Parteidoktrin zufolge war die Sozialdemokratie eben gleich Sozialfaschismus.
Waren wir Marxisten? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Nicht nur der linke, sondern der größere Teil der deutschen Sozialdemokratie betrachtete sich damals als "marxistisch" - und war es der Programmatik und häufig auch der Wortwahl nach. Im Laufe der norwegischen Jahre formte ich mir von der Entwicklung sozialistischen Denkens mein eigenes Bild: die Arbeiten von Marx und Engels hatten darin ihren wichtigen Platz, alles andere erdrückend waren sie nicht.
Der Sozialismus, mit dem ein junger Deutscher meiner Zeit aufwuchs, war weniger "wissenschaftlich" begründet als moralisch motiviert. Für uns war Sozialismus gleichbedeutend mit Kampf gegen Unrecht und Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg: links, wo das Herz schlägt ... (was ich nicht so verstanden wissen möchte, als sollte ein Konservativer moralisch disqualifiziert werden!).
Wir waren dabei durchaus nicht auf das eigene Land fixiert. Die internationalen Zusammenhänge waren uns bewußt. Das Unrecht in anderen Ländern ließ unsere Kreise nicht gleichgültig.
Stark erregte mich, was an extremer Ungerechtigkeit in der näheren Umgebung geschah. So das Schicksal eines Landarbeiters aus unserer Gegend, der aufgrund eines Indizienbeweises zum Tode verurteilt wurde, weil er sein uneheliches Kind umgebracht haben sollte; bald nach der Hinrichtung mit dem Fallbeil stellte sich heraus, daß er einem Justizirrtum zum Opfer gefallen war. Aus dieser Erfahrung ergab sich früh meine Haltung zur Todesstrafe.
Trotz des Unrechts im eigenen Land, trotz der wachen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg - unsere Grundstimmung neigte zu einem verheißungsvollen Zukunftsglauben. Eines unserer schönen Lieder meinte, der Mensch sei gut. Wir wurden durch Tradition (und Illusions-Bereitschaft) an die Erwartung gewöhnt, eine gerechte Ordnung der menschlichen Dinge werde kommen. Zunächst kam es ganz anders.
Die Trennung von der Mutterpartei bedeutete auch für meine beruflichen Pläne einen tiefen Einschnitt. Leber hatte mir in Aussicht gestellt, daß mir für ein Studium in Hamburg Hilfe zuteil würde und S.160 daß ich nebenher für die Parteipresse arbeiten könne. Diese Möglichkeit war entfallen, und es war unklar, was ich tun sollte, nachdem ich im Februar 1932 das Abitur gemacht hatte.
Zunächst war ich ein jugendlicher Arbeitsloser mit Reifezeugnis. Von der Berufsberatung ließ ich mich dann als Volontär - gegen eine minimale Vergütung - zu einer Schiffsmaklerfirma vermitteln. Ich empfand es nicht als Last, mich im Klarieren und Konnossieren - dem Vermitteln von Frachten und dem Ausfüllen von Zollpapieren - zu üben. Es waren vorwiegend kleine skandinavische und holländische Schiffer, auf die ich angesetzt wurde.
Die Abende und Sonntage gehörten der politischen Arbeit. Ich hielt eine Vielzahl kleiner und kleinster Versammlungen ab, trat bei zahlreichen Gelegenheiten in der Diskussion auf und fand, daß mir das Reden leichtfalle. Damals konnte ich über fast jedes Thema frei sprechen. Mit meinen 18 Jahren, in meiner Doppelexistenz und ohne daß die Öffentlichkeit viel davon merkte, war ich zu einem Parteiführer im kleinen geworden.
Die Wahlergebnisse wurden für die SAP - von einigen kommunalen Ausnahmen abgesehen - zu einer Kette von bitteren Enttäuschungen. Von gewichtigem gesamtpolitischem Einfluß konnte, wenn man es genau bedachte, keine Rede sein.
Hatte also die Gründung der linkssozialistischen Partei einen Sinn? Ich spreche in der Rückschau von einem politischen Fehler. Es handelte sich um eine zwar interessante, aber nicht sehr gewichtige Begleiterscheinung eines unglücklichen Zerfallsprozesses, von dem die erste deutsche Republik heimgesucht wurde. Die Gesinnung, aus der heraus ich entschied, bedarf keiner Entschuldigung.
Am 30. Januar 1933 war es soweit: Hitler konnte in die (alte) Reichskanzlei einziehen. Wenn ich zurückblicke, will mir nicht scheinen, als sei die Bedeutung dieses Vorgangs gleich erkannt worden. Das Ergebnis war von Verwirrung und Betrug, auch Selbstbetrug überschattet.
Es regte sich Opferbereitschaft, die nicht gefordert wurde. Während die Gleichschaltung begann und die Desorientierung lähmte, fanden sich mancherorts Tausende und Abertausende zu Protestkundgebungen zusammen. Bei uns in Lübeck mochten die organisierten Arbeiter sich nicht damit abfinden, mundtot gemacht zu werden. Viele glaubten, man würde sie doch noch zum Widerstand rufen.
Am Abend des 31. Januar wurde Julius Leber auf dem Nachhauseweg von SA-Leuten überfallen; ihm war das Nasenbein zerschnitten, auch am Auge war er verletzt worden. Einer der uniformierten Nazis kam durch Notwehr zu Tode. Man verhaftete Leber und einen ihn begleitenden Reichsbannermann (im Mai wurden sie "wegen Raufhandels" zu 20 bezw. zwölf Monaten Gefängnis verurteilt).
Bei den Arbeitern in unserer Stadt herrschte Empörung. In einem der Großbetriebe, der LMG (Lübecker Maschinenbaugesellschaft) kam es zu einer spontanen Arbeitsniederlegung. Abends - ich war dabei - fand eine Protestkundgebung "gegen die faschistischen Methoden der Lübecker Justiz" statt. Mit Freunden versuchte ich, einen Proteststreik in Gang zu bringen.
Wir gingen mit unserem Aufruf zum Geschäftsführer des ADGB-Ortsausschusses und erlebten, wohin brave Funktionäre mit den ihnen eingeimpften Vorstellungen von Disziplin und Legalität gelangt waren.
Nachdem wir etwas zu unserem Text gesagt hatten und als wir ihn übergeben wollten, bekamen wir zu hören: "Nehmt das von meinen Schreibtisch. Wißt Ihr nicht, daß Streik jetzt streng verboten ist? Die in Berlin werden schon wissen, was zu geschehen hat. Wir warten auf Weisungen und lassen uns nicht provozieren."
Am 3. Februar kam es mit breiter Zustimmung mittags zu einer einstündigen generellen Arbeitsniederlegung. Und am 19. Februar erlebte Lübeck, bei bitterer Kälte, im Zeichen einer spontanen Einheitsfront, mit über 15 000 Teilnehmern seinen größten Aufmarsch seit der November-Revolution.
Leber - mit seinem verbundenen Auge - war gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen worden, aber er konnte S.162 nicht reden und rief den Demonstranten auf dem Burgfeld nur ein trotziges "Freiheit" zu. Die Protestrede hielt sein Freund Fritz Solmitz. Leber fuhr anschließend zur Erholung nach Bayern und wurde am 23. März in Berlin auf dem Weg zum Reichstag verhaftet und danach jahrelang gequält.
Einige von uns glaubten damals, in der Zeit zwischen dem 30. Januar und den Reichstagwahlen am 5. März, noch an die Möglichkeit einer Wende. Warum hätten wir in der Provinz so viel klüger sein sollen als die erfahrenen Parteiführer in Berlin? Von ihnen hörte man, gestrenge Herren regierten nicht lange, und der Jubel könne bald in Katzenjammer umschlagen.
Hitler hätte kaum mehr zur Preisgabe der Regierungsmacht gezwungen werden können. Aber meine Überzeugung bleibt es: Erstens ein Naturgesetz, demzufolge die Weimarer Republik hätte untergehen müssen, gab es nicht. Zweitens hätte die Zukunft Deutschlands (und Europas) anders ausgesehen, wenn die Nazis nicht nahezu kampflos das Feld hätten übernehmen können.
Deutschland und der Welt wäre in der Tat viel erspart geblieben, wäre das Lager der sozialen Demokratie - im umfassenden Sinne des Wortes, also über die sozialdemokratischen Parteigrenzen hinaus - stärker, einflußreicher, schlagkräftiger gewesen!
Die Reichstagswahlen am 5. März, die - eine Woche nach dem Reichstagsbrand - schon im Zeichen weitverbreiteten Terrors standen, brachten der NSDAP nicht die erhoffte Mehrheit. Die Nazis blieben unter 44 Prozent. Um sich als Mehrheit darzustellen, mußten sie die Deutschnationalen mitzählen. Die Sozialdemokraten behaupteten sich mit über sieben Millionen Stimmen; sie verloren nur ein Mandat.
Die Kommunisten büßten eine Million Stimmen ein; sie waren nach dem Reichstagsbrand, der ihnen in die Schuhe geschoben wurde, schon bösen Verfolgungen ausgesetzt; ihre Mandate wurden annulliert. In Lübeck erhielten am 5. März 1933 die Nazis 42,8, auch zusammen mit den Deutschnationalen nicht 50 Prozent, die Sozialdemokraten 38,3 und die Kommunisten 8,3 Prozent.
In Lübeck wurden am 20. März eine Reihe von Personen in sogenannte Schutzhaft genommen. In denselben Tagen begann die Umbenennung von Straßen (Horst Wessel statt August Bebel!). Der "Volksbote" versuchte sich durchzumogeln und wurde im Mai zum offiziellen Organ der Hitlerpartei.
Es war ein widerspruchsvolles - oder widersprüchlich erscheinendes - Bild, das die Sozialdemokratie in jenen Monaten bot. Am 23. März hielt der Parteivorsitzende Otto Wels seine mutige Rede im Reichstag, mit der er begründete, weshalb die Sozialdemokraten - als einzige - gegen das Ermächtigungsgesetz stimmten; und dies, obwohl ihn befreundete Zentrumspolitiker warnten, es sei ein blutiges Gemetzel geplant.
Eine Woche später erklärte derselbe Parteivorsitzende seinen Austritt aus dem Büro der (Sozialistischen Arbeiter-) Internationale, um nicht mit deren scharfen Stellungnahmen gegen die Hitler-Regierung belastet zu werden. Der Parteivorstand hatte sogar Abgesandte ins benachbarte Ausland geschickt, um von zugespitzter Berichterstattung - angeblicher Greuelpropaganda - über das Dritte Reich abzuraten.
Ende April wurde auf einer Reichskonferenz in Berlin der Parteivorstand der SPD neu gewählt. Anfang Mai ging Otto Wels mit einigen anderen Vorstandsmitgliedern ins Ausland. Am 22. Juni lösten die Nazis die Partei kurzerhand auf. Dreitausend ihrer Funktionäre S.163 wurden auf einen Schlag verhaftet, eine Reihe von ihnen ermordet.
Den Mitgliedern der kleinen SAP kam, wenn auch bei weitem nicht überall, zunächst zugute, daß ihre Partei offiziell als nicht mehr existent galt. Wenige Tage nach dem Reichstagsbrand hatten Seydewitz und Rosenfeld die Auflösung bekanntgegeben; sie mußten ohnehin damit rechnen, auf einem anstehenden Parteitag in die Minderheit zu geraten.
Jener Parteitag fand nun unter ungewöhnlichen Bedingungen statt. Ich war dabei, als dort beschlossen wurde, die Arbeiter unter den dramatisch veränderten Bedingungen unverdrossen weiterzuführen. Diese keineswegs mehr legale Tagung unserer linkssozialistischen Gruppe wurde am Wochenende nach den Reichstagswahlen - am 11. und 12. März - in einer Gaststätte in einem Vorort von Dresden abgehalten. Etwas mehr als 60 Delegierte vertraten 15 600 Mitglieder.
Auf der Eisenbahnfahrt nach Dresden - die Mütze eines Oberprimaners vom Johanneum schien mir als geeignete Tarnung; in Wirklichkeit kam sie einem Steckbrief nahe - war ich zum erstenmal für einige Stunden in Berlin. Am Bahnhof in Dresden wurde ich von einem durch eine Zeitung ausgewiesenen Kontaktmann abgeholt.
Die Tagungs-Gaststätte war durch eine Gruppe von Beobachtern gesichert, vermutlich auch durch eine Absprache mit sympathisierenden Polizisten. Wir wohnten in Privatquartieren, an denen es in Dresden keinen Mangel gab: Allein der Jugendverband hatte dort an die tausend Mitglieder, mehr als die Partei.
Wir hatten auf jener illegalen Tagung den nicht ganz falschen Eindruck, daß unsere Gruppe eine Rolle spielen könne, die beträchtlich über ihr zahlenmäßiges Gewicht hinausreichte. Die Berichte, auch der meine, handelten von der tiefen Enttäuschung bei den Anhängern der großen Parteien.
Am Rande der Konferenz wurden Vorbereitungen dafür getroffen, einige unserer Genossen in das Ausland zu schaffen, damit sie von dort aus die "illegale" Arbeit im Lande unterstützen könnten.
Beim höchst geheimen Gespräch in einer Privatwohnung fiel mir die Aufgabe zu, einem der führenden Mitglieder unserer Gruppe - dem Publizisten Paul Frölich - nach Dänemark entkommen zu helfen. Von dort sollte er sich nach Norwegen begeben, um in Anlehnung an die Arbeiterpartei für einen Stützpunkt zu sorgen.
Einige Tage danach kam er nach Lübeck. Ich hatte dafür gesorgt, daß er (am 21. März) zur Insel Fehmarn gebracht wurde. Dort sollte er einen hilfsbereiten Fischer finden. Dieser Fluchtversuch mißlang. Frölich war aufgefallen. Er wurde auf der Insel in Landkirchen verhaftet. Doch er hatte noch Glück: Im S.164 Dezember 1933 wurde er entlassen und von Freunden rasch über die tschechische Grenze gebracht. Im Februar 1934 sahen wir uns in Paris wieder.
Nach dem mißlungenen Fehmarn-Transport war ich in Lübeck - auch aus anderen Gründen - nicht mehr annähernd sicher: So entschied die "Reichsleitung" - der Ausdruck wirkt heute fremd, doch er war damals nicht ungewöhnlich! -, ich solle trotz meiner jungen Jahre die Frölich zugedachte Aufgabe in Norwegen übernehmen. Ich bestätigte den Auftrag. Was er im einzelnen bedeuten und wie lange er mich von Deutschland fernhalten würde, konnte ich allerdings kaum ahnen.
Mein letzter unmittelbarer Eindruck in Lübeck war der "Juden-Boykott" am 1. April. Bald gesellten sich andere widerwärtige Bilder hinzu: wie die von den Bücherverbrennungen im Mai, an denen auch Professoren im Talar teilnahmen. Man geriet mehr als einmal in Versuchung, sich seiner deutschen Herkunft zu schämen.
Ich ging mit der Vorstellung ins Ausland, daß Jahre harter Prüfung vor uns lägen, doch ich war auch davon überzeugt, daß der Widerstand wachgehalten und organisiert werden müsse - in der Heimat und außerhalb der deutschen Grenzen.
Zugleich war mir durchaus bewußt, daß ich mich als Angehöriger einer Bewegung, die versagt hatte, ins Exil begab: Versagt, weil sie es nicht vermocht hatte, die Unmenschen von der Macht fernzuhalten; versagt auch, weil sie nicht einmal imstande war, das Ausmaß des moralisch Ungeheuerlichen deutlich zu machen.
Wir ließen uns nicht ins Ungeheuerliche verstricken, doch im Laufe weniger Jahre wurde mir immer klarer, daß man auch als deutscher Antinazi keinen Grund hatte, sich auf ein hohes Roß zu setzen. Wir gingen mit sauberen Händen, aber doch mit der Last der Mitverantwortung für das Scheitern der deutschen Demokratie: damit für das Unglück, das über Deutschland und Europa kommen sollte.
Julius Leber hielt 1933 in seinen Gefängnisaufzeichnungen fest, die deutsche Sozialdemokratie als Organisation sei tot: "Man schwamm nicht mit dem Strom, man schwamm auch nicht dagegen. Man stand erstaunt und hilflos am Ufer. Und als der Damm brach, und das Ufer versank, da gab es nur noch einen Ausweg, die kopflose Flucht ..."
Die Bewegung, aus der ich hervorging, durfte sich in der Tat ihrer Mitverantwortung für den Niedergang von Weimar nicht entziehen. Man hatte das Beste gewollt ... Von dieser Kurzformel will ich mich in der Rückschau nicht ausnehmen, obwohl ich es mir heute sicher so einfach machen könnte, auf Jugendamnestie zu plädieren. Über eigenes Versagen wurde allzu oft und allzu leicht hinweggeredet: Hitler hätte ohne die Unzulänglichkeiten der "Linken", der demokratischen Kräfte, nicht siegen können.
Dies ist keine Entlastung für die Hugenberg, Schacht, Papen und die anderen Reaktionäre, die glaubten, sich der Nazis als Lakaien bedienen zu können. Sie wurden von den Nazis an die Leine gelegt. Sie verdienten überhaupt kein Mitleid. Sie kamen nach 1945 viel zu leicht davon.
Meine Lebenserfahrung sagt mir: Die soziale Demokratie muß ihre Bereitschaft zur Selbstkritik immer wieder schärfen. Wichtig bleibt immer die Erkenntnis, daß von einem gewissen Punkt an politisches Handeln nicht mehr möglich ist. Und niemals darf die schreckliche Erfahrung vergessen werden, daß die Hölle auf Erden ausbrechen kann, wenn sich die Macht in den Händen von Menschenteufeln oder von Technikern der Menschenverachtung befindet.
Im nächsten Heft
Die Flucht nach Norwegen - "Mit einem rechtsfeindlichen deutschen Staat wollte ich nichts zu tun haben"

DER SPIEGEL 36/1982
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