06.09.1982

MEDIZINAbwehr gerettet

In Berlin wurde ein Krebspatient durch die Übertragung seines eigenen Knochenmarks vor dem sicheren Tod gerettet - neue Hoffnung für Krebskranke?
Bei Krebs hast du nur einmal eine Chance, ihn voll zu erwischen", umschrieb Dr. Vincent DeVita vom amerikanischen Krebsforschungsinstitut Bethesda vor Jahren seine Erfahrungen mit dem massiven Einsatz krebszellhemmender Gifte, "und es ist besser, wenn gleich der erste Schlag sitzt."
Das Risiko dabei: Der erste Schlag tötet nicht nur die Krebszellen, er kann auch den Patienten ums Leben bringen. Denn die Ernstfall-Medikamente (Fachwort: "Zytostatika") müssen so hoch dosiert werden, daß sie zugleich viele gesunde Körperzellen in Blut und Knochenmark zerstören.
Die gefürchtetste Folge des Kahlschlags ist der völlige Zusammenbruch der körpereigenen Abwehr. Selbst die gewöhnlich harmlosen Keime in Nase und Darm kann der Mensch dann nicht mehr in Schach halten. Er fiebert und verfällt, sein Zytostatika-Tod ist unabwendbar.
Aus diesem gefährlichen Dilemma - entweder an den Nebenwirkungen einer energischen Antikrebs-Therapie oder am Krebs zu sterben, weil die bösartig wuchernden Zellen nur zurückhaltend behandelt werden - suchen Spezialisten in aller Welt seit langem einen Ausweg.
Die einleuchtendste Idee wird in wissenschaftlichen Zeitschriften schon seit den fünfziger Jahren diskutiert: Man entnimmt dem Patienten vor dem Zytostatika-Bombardement ausreichende Mengen seines eigenen Knochenmarks und bewahrt es tiefgekühlt vor dem Verderb. Nach der Medikamenten-Attacke werden dann die gesunden Knochenmarkzellen dem Organismus wieder zurückgegeben, der die körpereigene Abwehr damit wieder aufbaut - der Patient kann überleben.
Mittlerweile sind mindestens hundert sterbenskranke Krebspatienten in amerikanischen Kliniken (und fünf Patienten in München) nach diesem Schema behandelt worden. "In Deutschland", sagt der Berliner Krebs-Professor Heinrich Gerhartz, 63, "scheiterte es meist an den Fragen des Teams und der Zusammenarbeit": Um einen Tumorkranken mittels Knochenmarktransplantation zu behandeln, müssen ein halbes Dutzend Ärzte unterschiedlicher Disziplinen zu enger Zusammenarbeit bewogen werden.
Dieses Kunststück ist dem Berliner Professor Gerhartz schließlich gelungen: Im aseptischen Operationssaal der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Berliner Westend-Krankenhauses entnahmen zwei Chirurgen dem 42jährigen krebskranken Ingenieur Konrad Eulitz einen Liter Knochenmarksflüssigkeit, die sodann ein Pharmakologe, assistiert von einem Apotheker, kunstgerecht einfror.
Mikroskopische Untersuchungen hatten dem Ärzteteam gezeigt, daß sich der Krebs noch nicht in den Knochenmarkszellen angesiedelt hatte. Ein Erwachsener verfügt über rund drei Liter Knochenmarksflüssigkeit, die außer in Rippen, Brustbein, Wirbelkörpern und dem platten Schädelknochen vor allem in den beiden Hüftbeinen vorhanden ist. Das Knochenmark ist die Bildungsstätte wichtiger Vorstufen der roten und weißen Blutkörperchen, der Blutplättchen S.192 und zahlreicher Zellarten des körpereigenen Abwehrsystems.
In einer dreistündigen Vollnarkose wurde - am 2. Februar dieses Jahres - dem Berliner Patienten das Knochenmark der Hüftbeine an mehr als 50 verschiedenen Stellen punktiert und abgesaugt. Mit Hilfe eines Nylonfilters reinigten die Ärzte das Blut-Knochenmark-Gemisch von Knochenpartikeln und größeren Zellzusammenballungen. Dann wurden die wichtigen Stammzellen des Knochenmarks "angereichert": Im Liter Knochenmark befanden sich danach rund 50 Milliarden gesunde Stammzellen. Es dauerte etliche Stunden, bis sie bei minus 196 Grad tiefgefroren waren. "Ein so aufbereitetes Knochenmark ist wahrscheinlich unbegrenzt haltbar", erläutert Gerhartz, "sicher jedoch mehrere Jahre." Für Krebspatient Eulitz blieb soviel Zeit nicht.
"Irgend etwas muß doch noch zu machen sein", so hatte fünf Monate später der todkranke Ingenieur seine Ärzte zu dem riskanten Vorgehen ermuntert. Inzwischen waren die Krebszellen in seinem Körper weitergewachsen, eine Geschwulst im Bauchraum hatte die Größe eines Kinderkopfes erreicht. Die übliche Chemotherapie sprach nicht mehr an. So blieben als letzte Möglichkeit die zytostatische Roßkur und die anschließende Rück-Überpflanzung des Knochenmarks ("autologe Knochenmarktransplantation").
Der tapfere Patient wurde - Ende Juli - einer "extrem hochdosierten, aggressiven Chemotherapie" unterzogen, die erwartungsgemäß alle Tumorzellen und das zurückgelassene Knochenmark in seinem Körper zerstörte.
Für den Kranken war das ein schmerzvoller Prozeß. Die - vorübergehende - Phase völliger Abwehrschwäche mußte er isoliert in der keimfreien Umgebung eines "Überlebenszeltes" verbringen. S.193 Trotzdem entzündeten sich alle Schleimhäute, der Patient konnte weder essen noch trinken. "Man muß den Mut haben zu leben", kommentiert Gerhartz, der als Leiter der Krebsabteilung des FU-Klinikums viele Patienten an Verzweiflung hat sterben sehen.
48 Stunden nach der Chemotherapie erhielt Krebspatient Eulitz, diesmal vom Internisten, sein Knochenmark zurück. Und in der Tat: Zwölf Tage danach fühlte der Krebskranke sich wieder gut, er war "symptomfrei". Nirgendwo ließen sich mehr bösartige Zellen aufspüren. "Wir sprechen aber nicht von Heilung", erläutert Krebsarzt Gerhartz, "denn die wird erst nach fünf Jahren festgestellt."
Noch in diesem Jahr soll bei vier weiteren West-Berliner Tumorpatienten der gleiche dramatische Versuch gewagt werden. Ihr Knochenmark ist schon tiefgefroren. Zwei der Patienten sind junge Männer, die an Hodenkrebs erkrankt sind, ein dritter leidet an Lymphdrüsenkrebs. Die einzige Frau unter den Transplantations-Kandidaten hat einen Tumor, der von den Eierstöcken ausging.
Die Zukunft der körpereigenen Knochenmarktransplantation bewerten Gerhartz und seine Mitarbeiter so: Sie sei "eine Bereicherung der Therapie", könne jedoch "nicht bei jedem Tumor schlechthin" angewandt werden. Besonders geeignet erscheinen "aus heutiger Sicht" die Lymphdrüsen- und Blutkrebsformen, ferner die schnell wachsenden, gegen Zytostatika erfahrungsgemäß besonders empfindlichen Tumoren wie Hoden- und Eierstockkrebs.
Womöglich, spekuliert Gerhartz, helfe die neue Behandlungsweise auch gegen den gefürchteten Lungenkrebs, die unter Männern verbreitetste Tumorform. Bisher muß noch jeder, der an diesem Krebs erkrankt, daran sterben.

DER SPIEGEL 36/1982
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