18.10.1982

Ein Deutscher muß es sein

Der Vertrag des neuen Handball-Bundestrainers Simon Schobel läuft bis 1986. Schon in knapp 130 Tagen muß sich Schobel mit der Bundesequipe für Olympia 1984 qualifizieren.
Wie schwer die Aufgabe ist, sieht man daran, daß es nur zwei Bewerber gab", verrät der neue Handball-Bundestrainer Simon Schobel, 32. Trotzdem schied er für den risikoreichen Job aus dem Beamtenverhältnis als Studienleiter an der Sportschule Steinbach aus.
"Es mußte unbedingt wieder ein Deutscher sein", erläuterte der Neue. "Sonst wäre es auf Jahre hinaus nicht gelungen, das Selbstbewußtsein der deutschen Trainer weiter zu entwickeln." Schobels Vorgänger war der Jugoslawe Vlado Stenzel, 48, gewesen. Schobel stammt aus Siebenbürgen, spielte 18mal für Rumänien und nach seiner Rückkehr in die Heimat seiner Vorfahren noch zweimal für Deutschland - unter Trainer Stenzel.
Der Jugoslawe, der nur einen deutschen Großvater besaß, hinterließ dem Nachfolger eine zerfallene Mannschaft. Schobel: "Deutschland hat als einzige Nation bei der WM keinen starken Junior herausgebracht." Anders als Stenzel ("Ich zaubere einen neuen Weltmeister aus dem Hut") versprach er dem Verbandspräsidenten Bernhard Thiele nichts. Denn bei der letzten Weltmeisterschaft hatte die Bundesequipe nur den siebenten Platz belegt, aber nur die ersten sechs sind automatisch für das nächste Olympia-Turnier qualifiziert. Deshalb müssen sich die Bundesdeutschen für die Olympischen Spiele 1984 bei der B-Weltmeisterschaft (23. Februar bis 6. März 1983) qualifizieren. Bedingung: Sieg oder Platz zwei.
"Dort fehlen zwar die sechs Weltklasse-Mannschaften", erklärt Schobel. "Aber mindestens fünf Mannschaften sind genauso stark wie wir." Die Olympia-Qualifikation hatten die Deutschen unter Stenzel durch ein Unentschieden gegen die zweitrangige Schweiz verpaßt. Bei der B-Olympiaqualifikation treten Schobels Spieler nun nicht nur gegen den Veranstalter Holland an, sondern müssen auch Spitzenteams wie die CSSR und Frankreich ausschalten.
Dennoch spendete Schobel den bundesdeutschen Handballbossen auch etwas Trost: "Das Leben ist ein Kampf, und ich werde kämpfen." Am kommenden Wochenende spielt Deutschland erstmals unter Schobel.
1973 hatte sich der Schreinersohn von seiner Mannschaft Universität Klausenburg abgesetzt; er blieb bei der südbadischen Dorfmannschaft TuS Hofweier. Die Lockungen des Goldenen Westens läßt Schobel nicht als Grund für den Wechsel gelten. "Mag sein, daß man im Westen mehr Geld verdienen kann", erklärte er. "Aber auch meine Zukunft in Rumänien war gesichert, der gesellschaftliche Stellenwert eines Leistungssportlers liegt dort höher."
Der fast zwei Meter große Nationalspieler studierte Sport an der Universität Mainz. Einmal erwarb er beim Sport-Studium insgesamt 24 Scheine statt sechs bis sieben wie üblich. Er heiratete die Tochter eines Barbesitzers und trimmte den TuS Hofweier als Spielertrainer bis zur Bundesligaspitze.
Bundestrainer Vlado Stenzel holte Schobel zuerst als Spieler in die Nationalmannschaft und bot ihm dann auch den Posten eines Trainerassistenten an. Doch Schobel lehnte ab. Stenzels autoritärer Stil hatte sich in der Bundesliga herumgesprochen. "Der will nur trainieren und trainieren", murrte der Essener Stürmer Ulrich Eickermann.
Als ein Nationalspieler einmal die Mittagstafel verlassen hatte, ohne seinen Pudding gegessen zu haben, holte ihn Stenzel zurück und zwang ihn, den Pudding zu vertilgen. Spieler unter 1,80 Meter Körpergröße lehnte Stenzel auch dann ab, wenn sie über gute Spieltechnik verfügten. "Ich kann lange Spieler beweglich machen", schwadronierte Stenzel. "Aber ich kann nicht kleine Leute lang machen."
Als Stenzels Mannschaft 1978 die Weltmeisterschaft gewann, feierten die Fans den Trainer als "Magier" und stülpten ihm eine Pappkrone aufs Haupt. Stenzels Drill wurde noch härter, er selbst baute sich am Niederrhein einen komfortablen Bungalow und entwarf Handballschuhe Marke "Vlado Stenzel" ebenso, wie er pikante Würste herstellte, die Metzger unter seinem Namen verkauften. Sogar eine Fibel über die Zubereitung von Würsten verfaßte er.
Immer mehr abgelenkt, entglitt ihm die Kontrolle über die Mannschaft. Vor der Verteidigung des Weltmeistertitels im eigenen Land warf Stenzel bewährte Spieler aus der Mannschaft und holte international unerprobte Ersatzleute. Statt einer Medaille gab es nur den Platz sieben, der ja nicht mehr zur Teilnahme am olympischen Handballturnier 1984 in Los Angeles berechtigte.
Einstimmig forderte die geschlagene Mannschaft Stenzels Ablösung, obwohl sein Vertrag noch bis 1983 galt. "Stenzel gebärdete sich wie ein Elefant im Porzellanladen", kritisierte Starspieler Erhard Wunderlich: "Mein Wunschtrainer ist Simon Schobel." Die Handballführung erfüllte den Wunsch. Stenzel wurde fristlos entlassen, Schobel engagiert. Auch wenn er die Olympiaqualifikation nicht schafft, soll er bis 1986 bleiben.
Anders als Stenzel läßt sich Schobel von den Spielern duzen. "Ich wäre ja blöd, wenn ich das abschaffte, wir haben ja alle in der Bundesliga zusammen gespielt." Auch direkte Kritik vermeidet Schobel: "Ich lasse es keinen merken, wenn ich ihn nicht mag."
Als Programm entwickelte Schobel dem Handball-Präsidenten Thiele entschiedene Neuerungen: "Wir müssen S.230 eine Mannschaft haben mit individuellen Stärken, aber auch die herausragenden Spieler müssen sich der Gruppe unterordnen." Die soziale Rangordnung, die es in jeder Gruppe gebe, sogar bei den Hippies, müsse "unbedingt eingehalten werden".
Außerdem holte er einige Spieler wie Arno Ehret von seinem eigenen Klub TuS Hofweier in die Nationalmannschaft zurück, wo sie vom Vorgänger Stenzel kaltgestellt worden waren. Auch Stenzels Co-Trainer Rudi Rauer behält der neue Bundestrainer. Schobel: "Wir müssen wieder für Vertrauen sorgen und das Gemeinschaftsgefühl zurückgewinnen."
Auf den Vorgänger Stenzel anspielend, witzelte Nachfolger Schobel: "Wenn ich einmal ein Buch schreiben sollte, dann nicht über Würste, sondern über Hanswürste."

DER SPIEGEL 42/1982
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