13.09.1982

KERNENERGIEJähes Ende

Weder Bonn noch die Industrie wollen weiter für den Schnellen Brüter zahlen. Die Kosten laufen davon.
Er halte gar nichts davon, meinte Forschungsminister Andreas von Bülow noch im Februar, ständig neue Prognosen über den Schnellen Brüter zu diskutieren. Kostensteigerungen - so von Bülow - ließen sich auch herbeireden.
Im Juni sprach er dann selbst von höheren Kosten: Der Brüter werde doch teurer als geplant. "Da müssen Köpfe rollen, das Ganze ist eine Sauerei!" schimpfte Kanzler Helmut Schmidt.
Köpfe sind nicht gerollt. Inzwischen hat von Bülow sich auch an die jüngsten Erkenntnisse gewöhnen müssen: Beim Schnellen Brüter in Kalkar, der die bessere Nutzung spaltbaren Materials garantieren soll, klafft erneut ein Finanzierungsloch von rund 1,5 Milliarden Mark.
Nicht fünf Milliarden Mark, wie der Bauherr, die Schnell-Brüter Kernkraftwerksgesellschaft (SBK), noch letztes Jahr beteuert hatte, sondern 6,5 Milliarden soll der Atommeiler jetzt kosten.
Für "unabweisbare" Baukosten veranschlagten die SBK-Leute 1,1 Milliarden Mark, 300 Millionen haben sie als Risikozuschlag, weitere 100 Millionen für Zinsen einkalkuliert.
Damit aber gerät das vom Forschungsminister Anfang des Jahres ausgetüftelte Finanzierungskonzept ins Wanken. Das jähe Ende des ehrgeizigen Kernkraftprojektes scheint nahe.
Zum zweitenmal innerhalb eines Jahres steht von Bülow vor einem finanziellen Debakel. Bereits im September 1981 hatten die SBK-Leute ihren Hauptfinanzierer damit überrascht, daß der Schnelle Brüter nicht, wie noch 1980 von ihnen prognostiziert, 3,9 Milliarden Mark, sondern rund fünf Milliarden kosten sollte. Schon damals drohte der Baustopp, denn lediglich für die ursprüngliche Kalkulation reichte das Geld des Ministers.
Nach zähen Verhandlungen überredete Bülow schließlich im Februar die widerstrebenden Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU), die fehlenden 1,1 Milliarden beizusteuern. Die allerdings knüpften an ihre Zusage unter anderem die Bedingung, daß sie ihr Zahlungsversprechen erst dann einlösen müßten, wenn die Gesamtfinanzierung klar sei und zudem die Koalitionsfraktionen im Parlament ihren Vorbehalt gegen eine Inbetriebnahme zurückzögen.
Zumindest die erste Bedingung ist nicht erfüllt. Die Unternehmen brauchen sich deshalb nicht mehr an ihre Zusage gebunden zu fühlen.
Damit am Brüter weitergebaut werden konnte, hatte von Bülow - in Erwartung der EVU-Gelder - zunächst 500 Millionen Mark aus seinem Etat vorgestreckt. Zahlen die Stromerzeuger nun die zugesagten 1,1 Milliarden nicht, geht der Gesamtbetrag - auch bei Einstellung des Baues - zu Lasten des Steuerzahlers. Für das Geld sind bereits Aufträge vergeben.
"Das Risiko", gesteht Bülows Sprecher Harald Uhl, "ist voll auf unserer Seite."
Die Entscheidung, ob und wie die EVU ihren Beitrag für das energiepolitische Prestigeobjekt leisten, muß bis Ende Oktober fallen. Dann nämlich entscheidet das Kabinett, ob der Brüter fertiggestellt wird oder nicht. Selbst wenn die Stromerzeuger zu einem positiven Ergebnis kommen - ihre Gelder sind im Haushaltsentwurf 1983 voll einkalkuliert -, ist nun wieder völlig offen, wie Bülow das zusätzliche Milliardenloch stopfen will.
Denn mehr als die bisher zugesagten 1,1 Milliarden Mark wollen die Stromerzeuger nicht zahlen. Höchstens 100 bis 150 Millionen, glaubt Bülow, könnte er, wenn überhaupt, noch erwarten.
Obendrein erkennen langsam auch die Koalitionsparlamentarier, daß mit dem Argument vom billigen Atomstrom niemand zu überzeugen ist, wenn bereits, wie es die Elektrizitätserzeuger vorhaben, zur Finanzierung nur eines Reaktors der Strompreis merklich angehoben wird. Selbst bei den Brüter-Fans, glaubt der SPD-Abgeordnete Wolf-Michael Catenhusen, wächst die Tendenz, die für Ende Oktober angesetzte Bundestagsdebatte über die Sicherheit des Brüters "nicht losgelöst von dem Finanzierungsaspekt" zu führen.
Den Brüter-Gegnern in SPD und FDP kommt die Kostendiskussion gerade recht. Dadurch, so ihre Hoffnung, könnte das Projekt doch noch zu Fall gebracht werden. Von der Enquete-Kommission Kernenergie, die der Bundestag eingerichtet hat, erwarten sie kaum noch Argumentationshilfe.
Die Kommission befaßt sich allein mit dem Sicherheitsaspekt des Reaktors. Bei ihrem Votum am 24. September aber müssen sich die Mitglieder auf höchst verwirrendes Material stützen.
Die Kommission hatte sowohl Kernenergiebefürworter als auch-Kritiker damit beauftragt, eingehend zu prüfen, ob der Brüter gefährlicher ist als die herkömmlichen Leichtwasserreaktoren. Doch statt eines gemeinsamen Berichtes brachten die beiden Wissenschaftler-Gruppen nur zwei entgegengesetzte Gutachten zustande.
Erwartungsgemäß schätzen die Befürworter das Brüter-Risiko niedriger als beim Leichtwasserreaktor ein. Nach den Rechnungen der Kritiker dagegen stellt der neue Reaktortyp - gemessen an den möglichen Unfallfolgen - ein zwanzigfach größeres Risiko dar.
"Der Versuch, eine nachvollziehbare wissenschaftliche Begründung zu liefern", bekennt der Kommissionsvorsitzende, der Sozialdemokrat Harald Schäfer, "ist gescheitert." Die Kommission - ohnehin überwiegend mit Kernenergiebefürwortern besetzt - wird nun wohl für den Brüter stimmen, gleichzeitig aber weitere Sicherheitsauflagen verlangen.
Damit aber ist wieder alles offen. Der Brüter könnte zwar irgendwann in Betrieb gehen, aber die zusätzlichen Auflagen, so hat bereits das Forschungsministerium errechnet, würden die Finanzlücke von 1,5 auf zwei Milliarden erhöhen.
"Was die Zukunft des Schnellen Brüters angeht", resigniert Forschungsminister von Bülow, "bin ich auf alle Optionen vorbereitet."

DER SPIEGEL 37/1982
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