18.10.1982

KULTURGESCHICHTESchwarzkünstler auf Socken

„Ästhetik des Übersinnlichen": Ein Bildband gibt Einblick in die Welt der „Laterna magica“.
Wir wollen nun", so etwa deklamierte der Schausteller, "doch von den Tierarten reden, die in der Quartärperiode besonders häufig vorkommen." Er nannte "zuvörderst das Mammuth oder Mammont", wies darauf hin, daß "die reichste Fundstelle desselben" Sibirien sei und daß "seine dort in großer Menge vorkommenden Stoßzähne" einen "besonderen Handelsartikel" ausmachten.
Auf einen Bildschirm projiziert, erschien dazu die gemalte Ansicht eines Mammutskeletts im Zoologischen Museum von Petersburg.
Rund zwei Abendstunden lang pflegte, auf Gastspielreisen durch Europa, der "Physiker und Künstler" Paul Hoffmann (1829 bis 1888) jeweils sein Publikum mit Lichtbildern zu unterhalten und zu belehren. Bei Eintrittspreisen zwischen 30 Pfennig und einer Mark (so 1887 in Kattowitz) sahen die Leute Szenen aus fernen Ländern und Epochen sowie Illustrationen zur Weltliteratur.
Sie erblickten Pyramiden und tropische Urwaldfauna, den Dichter Dante im neunten Höllenkreis und Siegfrieds Tod aus der "Götterdämmerung", den Vesuvausbruch im Jahre 79 nach Christus und den prähistorischen Riesenvogel Dinornis. Von Fall zu Fall las Hoffmann oder auch seine Frau Minna Erläuterungen aus populärwissenschaftlichen Büchern vor.
Die Apparatur, die solches Blendwerk möglich machte, war beliebt und in vielen Varianten verbreitet. Sie hieß geheimnisvoll "Laterna magica" und funktionierte grundsätzlich schon wie ein moderner Diaprojektor: Die Strahlen einer Lichtquelle wurden durch einen Hohlspiegel gerichtet und warfen, durch ein Objektiv, ein zwischengeschaltetes Transparentbild vergrößernd auf eine helle Fläche. Bürger, die sich privat Gerät und Glasplatten leisten konnten, schöpften daraus zu Hause "geistige Erfrischung", Unternehmer gingen damit auf Tournee.
Der Laterna-Magicus Hoffmann, ein Uhrmachersohn aus Brieg an der Oder, war nur einer unter zahlreichen Kollegen, wenn auch offenbar erfolgreicher als die meisten. Speziellen Nachruhm aber sichert ihm der Umstand, daß aus seiner Hinterlassenschaft vier massive Holzkisten mit reichlich 500 gläsernen Laternenbildern erhalten geblieben sind. Sie werden im Frankfurter Historischen Museum verwahrt und nun auch in einem Prachtband überregional bekanntgemacht.
( Detlef Hoffmann/Almut Junker: "Laterna ) ( magica". Verlag Frölich & Kaufmann, ) ( Berlin; 256 Seiten; 148 (ab 1. Dezember ) ( 198) Mark. )
Auf Rundformaten bis zu elf Zentimetern Durchmesser, die Projektionen mit einem Durchmesser von wenigstens drei Metern zuließen, und in bemerkenswerter Feinmalerei bietet die Sammlung deutlich abgrenzbare Serien wie "Geologie", "Afrika" oder "Nordpol". Zumindest am Anfang von Hoffmanns Karriere stand die belehrend-aufklärerische Tendenz seiner Veranstaltungen im Vordergrund, und für viele seiner Lichtbilder S.259 lassen sich Vorlagen in einer "illustrierten Familien- und Volksbibliothek zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse" aufspüren, die unter dem Haupttitel "Malerische Feierstunden" im Leipziger Verlag Otto Spamer erschienen.
Ob Hoffmann, dieses Material vor Augen, womöglich selbst zum Pinsel griff oder wer ihm die Mal-Arbeit abnahm, ist in der Mehrzahl aller Fälle ungewiß. Nur 30 Bilder der Serien "Astronomie", "Nordpol" und "Landschaften" stammen sicher von - anonymen - Miniaturisten der Hamburger Spezialfirma Krüss. Das Düsseldorfer Konkurrenzunternehmen Liesegang bot 1873 auch an: "Nach eingesendeten Zeichnungen werden Bilder auf Glas prompt gemalt."
Hier wie dort war neben Bildmaterial das Gerät selber im Angebot, jene stets diskret gehandhabte Laterne, die der Sache bei aller Wissenschaftlichkeit eben doch immer wieder einen Ruch von Magie verlieh.
"Es ist aber diese Vorstellung der Bilder und Schatten in finstern Gemächern viel förchterlicher als die so durch die Sonne gemacht wird. Durch diese Kunst könten gotlose Leute leichtlich von Begehung vieler Laster abgehalten werden / wenn man auff den Spiegel des Teufels Bildnuss entwürffe und an einem finstern Ort hinschlüge." So hatte es, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, der mögliche Mit-Erfinder und jedenfalls frühe Propagator der Laterna magica, der Jesuitenpater Athanasius Kircher, gesehen, der dann auch wirklich "in der Schwarzkünstlerey Verdacht" geriet.
Gefragt war die Illusion, eine "Ästhetik des Übersinnlichen" - so der Berliner Kunsthistoriker Winfried Ranke nun im "Laterna magica"-Buch. Einem Publikum, dem die physikalischen Zusammenhänge verborgen blieben, mußten die Projektionen so wirklich (und damit unheimlich) scheinen wie Platons Höhlenbewohnern S.260 die Schatten an der Wand.
Weil die Lichtquellen nur schwach waren, hatten sich ältere Laternenmagiker sowieso mit ihrem Gerät hinter die durchscheinende Projektionsfläche stellen müssen. Hoffmann, mit Gaslicht ausgerüstet, konnte dann auch über die Köpfe der Zuschauer hinwegprojizieren. Aber noch 1897 riet die Firma Liesegang ihrer Kundschaft, "jedes auffällige Geräusch" bei der Vorführung zu vermeiden. Die Räder des fahrbaren Apparats müßten "Gummireifen haben und gut geschmiert sein, der Künstler muß auf Socken gehen".
Um so geheimnisvoller nahmen sich die Licht- und Schattenbilder aus, wenn sie sich - als Vorläufer des Films - gelegentlich auch noch bewegten.
Schon im 18. Jahrhundert waren gemalte Gespenster auf wabernde Rauchwolken projiziert worden. Hoffmann und seine Zeitgenossen kannten dann die durch Auf- und Abblenden von bis zu neun Projektoren erzeugten "dissolving views": Da mochte Nacht über eine Stadt hereinbrechen, gemäß dem Homer-Text das "heilige Dunkel" um Odysseus "zerfließen" oder vulkanisches Feuer über Pompeji zucken. Aber es konnten auch Schmetterlinge um eine Blüte schweben.
Die Technik schritt fort und über die Laterna magica hinweg. Als photographische Diapositive sich durchsetzten und gar der Film aufkam, mußten die fahrenden Schausteller oder deren Erben die gemalten Lichtbilder einpacken. Justizrat Oskar Hoffmann, Sohn des Physikers und Künstlers, tat das mit Sorgfalt.
S.258 Detlef Hoffmann/Almut Junker: "Laterna magica". Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin; 256 Seiten; 148 (ab 1. Dezember 198) Mark. * S.260 Holzstich aus "Le magasin pittoresque", Paris 1845. *

DER SPIEGEL 42/1982
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