13.09.1982

HESSENDjango mit Latte

Kommentatoren haben in Hessen ein „Dachlatten-Syndrom“ ausgemacht: Ein Börner-Zitat ist zum Wahlkampfschlager der Opposition geraten.
Der Reporter war Genosse und als solcher willkommen. Stundenlang fuhr Helmut Böger für Burdas "Bunte" am 1. Mai mit Holger Börner durch das Hessenland. Anschließend plauderte er mit dem Ministerpräsidenten, bis sich die Sozis freundlich voneinander verabschiedeten: "Es war nett."
Als der Ministerpräsident indes Wochen später die "Bunte"-Story über "des Kanzlers letzte Hoffnung" las, bestätigte sich die Illustrierten-Schlagzeile: "Manchmal packt ihn die kalte Wut."
Der "Dicke" - Börner: "Ich wiege zweieinhalb Zentner, wenn ich wütend bin das Doppelte" - war sogleich, wie sich Regierungssprecher Edgar Thielemann erinnert, "auf fünf Zentner". Seine Wut galt einem Fünf-Zeilen-Zitat über gewalttätige Störer, "das ich so nicht gesagt "abe", wie er beteuert: Ich bedauere, daß es mir mein hohes " " Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins in die Fresse zu " " hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit Dachlatten " " erledigt. "
Binnen weniger Tage krümmte sich die Dachlatte zum Riesenbumerang. Das Zitat, das so trefflich die Mentalität des Ex-Betonarbeiters und Grünen-Gegners widerzuspiegeln schien, wurde in Windeseile zum geflügelten Wort - ähnlich wie, vor Jahren, Heinrich Lübkes "Equal goes it loose" - und zum Wahlkampfschlager der Opposition.
"Das Ding", wundert sich Regierungssprecher Thielemann, "läuft und läuft" - obgleich die Staatskanzlei ein halbes Dementi verbreitete: Es handele sich um ein "angebliches Zitat", das "nicht autorisiert" sei. Der Ministerpräsident habe bloß mal "seine Gefühlslage offenbart".
Kein Tag vergeht nun, ohne daß die Dachlatte auf Börner zurückschlägt. Schon hat "dieses dämliche Holzstück", wie SPD-Wahlstrategen stöhnen, eine Latte von Kommentaren ausgelöst.
Die "FAZ" machte ein "Dachlatten-Syndrom" aus; Börner müsse wohl, so das Blatt, eine "Dachlatte vor dem Kopf" gehabt haben, als er das fatale Wort aussprach. Die "Frankfurter Rundschau" widmete dem Thema einen Leitartikel. Die "Süddeutsche Zeitung" verurteilte in einem "Politik mit der Dachlatte" überschriebenen Kommentar Börners "gewalttätige Männerphantasien" als "wahrlich schlimm".
Der Abscheu geht quer durch die Parteien. Wenn sich die FDP über Börner ärgert, dann hat eben "die Dachlatte" wieder zugeschlagen. Der damalige Juso-Vorsitzende Willi Piecyk schimpfte über die Abwahl des SPD-Linken Erhard Eppler aus dem SPD-Präsidium: "Aber Spezialisten für Dachlatten und Beton werden auf Anhieb gewählt." Die CDU gab Börner den "Tip", er solle die Dachlatte zu Hause lassen und bei den Genossen "mit der bloßen Hand auf den Tisch hauen".
Bei Wahlkampfreisen schallt Börner der Ruf "Dachlatten-Django" entgegen. Zum Preis von drei Mark vertreibt die "Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung" ein eigens aufgelegtes Stück Holz mit der Aufschrift: "Börners schlagende Argumente" oder "Gruß von Börner". In SPD-Wahlversammlungen wird stumm demonstriert: Börner-Gegner halten einfach Dachlatten hoch.
Kein Kabarett, keine Börner-Karikatur mehr ohne das Ding. Im Fernsehen zeigt ein Spötter ein ganzes Lager voller ungehobelter Latten, "damit kann ich prima Wahlkampf machen". Eine Börnersche Plakat-Kampagne hat zu zahllosen Varianten animiert. Eine davon, die Börner auf dem Bau zeigt, ist besonders beliebt. Sprechblase: "Ich will, daß jeder Hesse eine Dachlatte hat."
Was auch immer Börner am 1. Mai wirklich gesagt hat - alle Welt scheint sicher, daß er zumindest so gesprochen haben könnte. Hessens Grüne glauben nun, daß die Dachlatte entscheidend dazu beitragen könnte, ihre Partei in hohem Bogen über die Fünf-Prozent-Latte zu befördern. "Das Ding", hofft Grünen-Sprecher Frank Schwalba-Hoth, "gibt der SPD den Rest."
S.38
Ich bedauere, daß es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen
selbst eins in die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man
solche Dinge mit Dachlatten erledigt.
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DER SPIEGEL 37/1982
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