18.10.1982

Porno Royal

Warum soviel Aufregung um Prince Andrew? Amouren wie seine jüngste mit der Nacktdarstellerin „Koo“ haben am englischen Hof Tradition.
Nur mit einer roten Badehose bekleidet, schwang sich Großbritanniens Prince Andrew von Ast zu Ast. Dann stieß er - "Hooiuooo" - einen gellenden Schrei aus und sprang zu Boden.
Die Tarzan-Nummer Seiner Königlichen Hoheit sollte jenem Mädchen imponieren, mit dem der 22jährige während seines Urlaubs auf der Karibik-Insel Mustique alles teilte - Haus, Bett und vor allem die Schlagzeilen: "Prince Andrew befindet sich in zweifelhafter Gesellschaft", monierte das Londoner Massenblatt "The Sun".
Anlaß der publizistischen Aufregung war Andrews weibliche Begleitung in der wohlproportionierten Gestalt (94 - 58 - 90) von Kathleen ("Koo") Stark, einem ansehnlichen Bürgerkind mit halbmeterlangem Dunkelhaar, sinnlichem Mund und großen Mandelaugen.
Doch worüber sich die Briten und ihre Presse aufregten, war weder die kaum standesgemäße Herkunft der 25jährigen noch ihr verführerisches Aussehen.
Zum Skandal für die britische Presse wurde der Liebesurlaub des Prinzen vielmehr, als Journalisten herausfanden, daß Koo in zwei Nacktfilmen viel Busen und noch ein wenig mehr gezeigt hatte - was zwar schon acht Jahre zurückliegt und überdies ziemlich harmlos war; doch es genügte, um aus der Inselromanze einen Porno Royal zu machen.
"Koo! Sie ist die Nackte", empörte sich die "Sun". Der "Daily Mirror" wartete mit Enthüllungen über "den Prinzen und seinen Porno-Star" auf, die "Daily Mail" verpaßte ihm den Beinamen "Randy Andy" (scharfer Andy).
Ein genaues Bild von der körperlichen Beschaffenheit der Prinzenfreundin konnte sich die Nation machen, als die BBC in ihren Abendnachrichten Ausschnitte aus dem Soft-Porno "Emily" zeigte, in dem sich Koo zunächst unter einer Dusche gleichgeschlechtlich vergnügt und später einen Mann auffordert: "Liebe mich, auf der Stelle!"
Ihren anderen Film ("Grausame Leidenschaften") kennen viele britische TV-Zuschauer schon - er ist so harmlos, daß er vor Monaten im BBC-Nachtprogramm lief.
Beunruhigt über die wachsende Koo-Hysterie, bat die Königin ihren Sohn, seinen Urlaub abzubrechen und nach Hause zurückzukehren - und zwar, please, allein. "Die Queen", verlautete aus Hofkreisen, "ist sehr besorgt und aufgeregt."
Das ist sie schon seit längerem. Im Frühjahr etwa hatte sie wochenlang Krach mit ihrer Schwiegertochter Princess Diana, die plötzlich eigene Vorstellungen vom Leben bei Hofe entwickelte - die Flausen wurden ihr schnell wieder ausgetrieben.
Dann kriselte es in der Ehe der Queen-Tochter Princess Anne, die ihren Mann Captain Mark Phillips in einem TV-Interview "einen schlappen Kerl" nannte; der also Beleidigte, wegen seiner eher flüchtigen Geistesgaben bei Hofe S.275 als "Captain Fog" (Hauptmann Nebel) verspottet, befaßte sich daraufhin intensiv mit einem Stallmädchen sowie mit der attraktiven TV-Reporterin Angela Rippon.
Und schließlich erwachte die Königin eines Julimorgens in Gegenwart ihres erheblich beschwipsten Untertanen Michael Fagan, der in den Buckingham Palace eingedrungen war und sich auf die königliche Bettstatt gesetzt hatte.
Nach der Heirat von Prince Charles im letzten Jahr, der laut seinem Biographen Anthony Holden "einen sehr hohen Umsatz" an Frauen hatte, nun aber von seiner Prinzessin straff geführt wird, hatte sich die Queen ein Ende der Weibergeschichten wenigstens innerhalb der engsten Familie erhofft.
Doch mit Andy, so scheint es, stehen ihr noch harte Zeiten bevor: Der junge Mann schlägt so ganz nach der Familie:
* Sein Ururgroßvater Edward VII. beispielsweise hatte während seiner langen Zeit als Kronprinz ungezählte Liebesaffären - so mit der Schauspielerin Nellie Clifden (die ihn entjungferte) und mit der Moulin-Rouge-Tänzerin Louise Weber (genannt "die Gierige"). Er war Stammgast in dem Pariser Edel-Bordell La Chabanais und tat sich oft in deutschen Kurorten um, wo er sich an adligen Fräuleins ergötzte.
* Sein Großonkel Edward VIII. sammelte Frauen wie sein Vater Briefmarken und heiratete schließlich die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson; er mußte auf den Thron verzichten und sank zum Hüter der Möpse seiner Frau herab.
* Sein Vater Prince Philip feierte vor und nach seiner Hochzeit wilde Feste, vornehmlich mit jungen Schauspielerinnen, Mannequins und Striptease-Tänzerinnen. Der Prinz verfüge über ein "außerordentlich interessantes Privatleben", notierte die "Sunday Times".
* Seine Tante Margaret schließlich schockierte die Briten durch ihre Liebschaft mit dem geschiedenen Oberst Townsend, später durch eine bewegte Ehe mit dem Hofphotographen Antony Armstrong-Jones (jetzt Lord Snowdon), in der es beide mit der ehelichen Treue nicht sonderlich ernst nahmen. Schließlich vertrotzte sie sich in eine Laune ihres flotten Lebens, den um 17 Jahre jüngeren Playboy Rodney ("Roddy") Llewellyn, mit dem sie sich in ihrer Villa auf Mustique vergnügte - demselben Haus, in dem jetzt Andrew mit seiner Koo urlaubte.
Die Affäre mit Kathleen Stark ist freilich nur die bislang letzte in einer stattlichen Reihe von Eroberungen, mit denen Randy Andy - anders als einst sein diskreterer Bruder Charles - gern in aller Öffentlichkeit herumtändelt.
Seitdem hatte Andrew mehr oder weniger intensiven Umgang mit Photomodellen und Schauspielerinnen, über seine Romanze mit der verheirateten Herzogin von Roxburghe tuschelte Londons Society wochenlang; die Schah-Tochter Farahnaz küßte er in der Kairoer Disco "Taverne" ab, und die ehemalige Miß United Kingdom Carolyn Seaward lud er, die Eltern waren gerade aushäusig, zum Souper a deux in den Buckingham Palace ein - sie blieb bis zum Frühstück.
Schnell vorbei war auch die Affäre mit der jungen Sekretärin Julia Blunt, mit der Andrew während einer Garden Party des Grafen von Yarborough im Gebüsch verschwand: Alarmiert von sich bewegendem Blattwerk, traten zwei Sicherheitsbeamte in die Hecke - sie erlebten den peinlichsten Anblick ihrer Karriere.
Am längsten immerhin hielt die Liebe zu Kathleen Stark, die Andrew vergangenen Winter in der Londoner Disco "Tramps" kennenlernte. Kurze Zeit später lief er auf dem Flugzeugträger "Invincible" gen Falkland aus - Treue zu halten war da nicht schwer, für einsame Stunden zwischen seinen Hubschrauber-Einsätzen hatte er ein Bild von Koo (angezogen) im Spind hängen.
Als der Prinz Mitte September zurücckam, begrüßte der ausgehungerte Marineoffizier schnell seine Eltern und besuchte sofort anschließend seine Geliebte - tagelang wurden die beiden so sporadisch gesichtet wie ein U-Boot auf Feindfahrt.
"Morgens habe ich ihn öfter aus der Wohnung gehen sehen", berichtete Kathleens Putzfrau den Medien. "Und bei Gott, er sah sehr müde aus."

DER SPIEGEL 42/1982
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