07.12.1981

CSSRMit Spürhunden

Aus Furcht vor polnischer Ansteckung hat die Partei ihren Kampf gegen die Kirche im Untergrund verschärft - Christen kamen auf mysteriöse Weise ums Leben.
Die Leiche lag 138 Meter tief in der Macocha-Schlucht nahe Brünn, die im Sommer als Sehenswürdigkeit der Natur ein beliebtes Touristenziel ist.
Der Tote, Mitte Oktober durch spielende Kinder aus Zufall entdeckt, wurde von der Polizei als der Brünner Arbeiter Pavel Sejda, 22, identifiziert, als Todesursache, ohne Untersuchung, von den Behörden Selbstmord angegeben.
Daran zweifeln freilich nicht nur die Anverwandten, denen, ungewöhnlich genug, von der Polizei untersagt wurde, den Sarg des Verstorbenen vor der Beerdigung noch einmal zu öffnen.
Denn Pavel war seiner Umgebung als strenggläubiger Katholik bekannt und wollte in wenigen Wochen heiraten. Zwei Tage vor seinem mysteriösen Tod erst war der junge Mann von einer Westreise heimgekehrt, auf der er auch seinen prominenten Onkel, den Theologen Tomas Spidlik, in Rom besucht hatte, der an der Päpstlichen Universität Gregoriana lehrt.
Wenige Monate zuvor war in Bratislava gleichfalls ein aktiver Katholik auf ungewöhnliche Weise zu Tode gekommen. Auch dort war die Polizei darum bemüht, die Begleitumstände eher zu verschleiern als aufzuhellen.
Der Diplomingenieur Premysl Coufal, Spezialist für Bauphysik, wurde nach einer Betriebsberatung, die er ohne jedes Zeichen von Nervosität verließ, zum letzten Mal lebend von seinem Hauswart gesehen, bei dem er sich darüber beschwerte, daß die elektrische Stromleitung in seiner Wohnung plötzlich nicht funktionierte.
Von Arbeitskollegen benachrichtigt, fand die Polizei den Vermißten drei Tage später in seiner Wohnung tot, in einer Blutlache. Diagnose der Gerichtsmediziner: "Wahrscheinlich Selbstmord."
Nur durch eine List gelang es Freunden, den Sarg vor dem Begräbnis zu öffnen. Nach deren Angaben waren auf dem Gesicht des Toten Spuren von schweren Quetschungen auf der Stirn und an der Nasenwurzel zu sehen, das linke Ohr war angerissen, und neben der Schläfe klaffte eine tiefe Schlagwunde.
Auch Coufal war als strenggläubiger Christ bekannt, er hatte im Sommer 1980 eine Romreise unternommen, auf der er angeblich heimlich zum Priester, wenn nicht gar zum Bischof geweiht worden war.
Nach der Rückkehr legte ihm die Geheimpolizei Photos von dieser Reise vor und verlangte von ihm, die Personen, mit denen er dort abgebildet war, zu identifizieren. Der Ingenieur lehnte den Spitzeldienst trotz mehrmaliger Drohungen ab.
Die toten Gläubigen sind die dramatischsten Beispiele für eine schärfer werdende Verfolgung von Christen durch die Geheimpolizei der CSSR. Aus Sorge, der polnische Funke des Widerstandes könne aus dem kirchenstarken Nachbarland überspringen, geht die Staatsmacht vor allem gegen wirkliche und vermeintliche Oppositionelle aus dem katholischen Lager vor.
Nach der gewalttätigen Staatsaktion gegen die Unterzeichner des Bürgerrechtsdokuments "Charta 77" - von denen die meisten im Gefängnis sitzen oder ins westliche Ausland abgeschoben worden sind - macht nun die Partei Jagd auf Gläubige, die sich der Kontrolle durch die regimefromme Staatskirche entziehen.
Denn der katholische Klerus in der CSSR ist im Gegensatz zu Polen seit langem gespalten - mit schlimmen Folgen für die Kirche und das Kirchenvolk. Etwa 80 Prozent der Tschechen und Slowaken bekennen sich zum Katholizismus, aber nur knapp die Hälfte davon ist auch im Sinne des Vatikan aktiv.
Schon kurz nach dem Putsch von 1948, mit dem sie in Prag die alleinige Macht übernahmen, fanden die Kommunisten in dem kürzlich verstorbenen Kaplan Josef Plojhar den Mann, der vorbehaltlos bereit war, den katholischen Klerus und seine Anhängerschaft auf Parteilinie zu trimmen.
Als ehemaliger KZ-Häftling von Buchenwald und Dachau unverdächtig, durfte Plojhar schon nach Kriegsende die katholisch orientierte "Tschechoslowakische Volkspartei" (CSL) gründen, die in der Volksfront aufging. Die der Partei genehme Priesterschaft sammelte er in der "Katholischen Aktion", aus der später die regimetreue "Bewegung der Friedenspriester" hervorging. Alle Bischöfe und Pfarrer, aber auch Nonnen und Ordensbrüder, die nicht bereit waren, sich von Plojhar gleichschalten zu lassen, verloren ihr Amt, viele landeten im Arbeitslager oder im Gefängnis.
Als der Polit-Priester sogar dabei half, den damaligen Primas von Böhmen, Erzbischof Beran, ins Internierungslager zu schicken, wurde Plojhar von Papst Pius XII. exkommuniziert, von Parteichef Gottwald hingegen mit dem Posten des Gesundheitsministers belohnt. Der Prager Frühling 1968 machte zwar auch dem opportunistischen Spuk dieser Staatskirche ein vorübergehendes Ende. Schon drei Jahre später aber lebte die Friedenspriester-Bewegung unter dem neuen Namen "Pacem in terris" (Friede auf Erden) wieder auf. Der neue Verein der frommen Mitläufer - dem jeder angehören muß, der in der CSSR eines der vom Staat zu vergebenen Kirchenämter bekommt - hat das gleiche Ziel wie der alte: den Staat beim Durchsetzen seiner politischen Ziele zu unterstützen und ihm als Alibi im Kampf gegen die Religion zu dienen.
Der damals schon pensionierte Friedenspriester-Chef Plojhar sagte im Dezember 1972 in einer Rundfunkrede, in der er den Beran-Nachfolger, den Prager Bischof Tomasek, wegen seiner Treue zum Vatikan angriff: "Der Weltklerikalismus ist ein starker Verbündeter des Weltimperialismus, des Militarismus und des Kolonialismus", die Gläubigen sollten sich zur Abwehr dieser "Gefahr" voll S.154 in den sozialistischen Aufbau integrieren.
Aber die Gläubigen, vor allem in der traditionell streng religiösen Slowakei, haben eine ganz andere Vorstellung von der Rolle der Kirche. Zehntausende von Christen wandten sich von der zum politischen Büttel gewordenen Staatskirche ab und suchten Trost und Verkündung in geheimen Zirkeln.
Die "Katakomben-Kirche" in der CSSR - so ihr Name im Volksmund - hat mindestens 500 heimlich geweihte Priester und auch ein paar Bischöfe, deren Namen nur Eingeweihte wissen. Ihre Zusammenkünfte, liturgischen Feiern, aber auch Taufen, Eheschließungen und Totenfeiern werden illegal in Privatwohnungen organisiert.
Für die regimeergebenen Friedenspriester haben die wahren Gläubigen nur Verachtung, im günstigsten Fall Mitleid übrig. Als sich die Friedenspriester, inzwischen vom Generalvikar für Olmütz, Vesely, angeführt, zum Jahreskongreß im feudalen Prager Ausländerhotel "Intercontinental" trafen und zur Belohnung auch einen Ballettabend besuchen durften, schrieben slowakische Katholiken aus dem "ntergrund: Wozu soll man sich die Hände beschmutzen und aus " " verhafteten Priestern Märtyrer machen? Die Bischöfe und " " Geistlichen selbst gehen daran, die Kirche zu liquidieren. " " Kompromittierte und charakterschwache Persönlichkeiten aus " " den Reihen der Priester wollen, daß es ihnen für ein " " Judasgeld gutgeht. Sie streben nach Titeln und " " Barockkostümen. Sie repräsentieren eine Art feudale Kirche, " " die jedem Regime dient. "
Zwischen den Fronten steht der ranghöchste Priester der CSSR, der Prager Erzbischof Kardinal Frantisek Tomasek, 81. Der greise Hirte, schon 1976 vom Papst "in pectore" (sinngemäß: im Geheimen) zum Kardinal ernannt, konnte nach Zustimmung der Behörden erst zwei Jahre später im Prager Veitsdom inthronisiert werden. Tomasek hat sich bislang erfolgreich geweigert, Mitglied bei den Friedenspriestern zu werden, seine Sorgepflicht für die kompromittierten Amtsbrüder zwingt ihn aber auch gegenüber der Katakomben-Kirche zu vorsichtiger Distanz.
Seit der polnischen Staatskrise, in der sich der polnische Episkopat stärker als gesellschaftliche Macht profilierte, hat sich der Kirchenkampf in der CSSR verschärft.
Die slowakische Parteizeitung "Pravda" hat die Untergrund-Kirche als "Kollektiven Dissidenten" ausgemacht, und die Staatsmacht in Prag hat eine Sondertruppe der Geheimpolizei zur Jagd auf illegale Priester, heimliche Treffen und verdächtige Gläubige aufgestellt.
Auch der Widerstand der Untergrund-Kirche ist im Vertrauen auf das Polnische Beispiel stärker geworden. In geheimen Druckereien hat die Katakombenkirche schon 700 Buchtitel mit religiösen Texten herausgebracht und läßt drei illegale Zeitschriften als Samisdat kursieren, in denen sie die Gläubigen nicht nur zur Festigkeit im Glauben und zur Zuversicht aufruft.
Ähnlich wie die Schriften der "Charta 77" prangern die "Kirchlichen Informationen" Übergriffe und Rechtsverletzungen der Staatsmacht an und decken Schwindel und Korruption der Obrigkeit auf.
Ende September standen in Olomouc (Olmütz) zwei Priester und vier Laien vor Gericht, die angeklagt waren, in einem privaten Keller fünf Jahre lang geheim religiöse Schriften gedruckt zu haben. Weil die Paragraphen des Strafgesetzes bei einem solchen Delikt für eine Verurteilung nicht ausgereicht hätten, klagte der Staatsanwalt die illegalen Drucker wegen "Bereicherung" an.
Einer der Angeklagten, der Pater Frantisek Lizna, wird demnächst noch einmal vor Gericht gestellt. Sein Vergehen: Lizna hat sich im Sommer mit zwei westdeutschen Glaubensbrüdern getroffen und sie über die Lage der Kirche in der CSSR informiert.
Mitte Oktober verhaftete die Geheimpolizei den mit Berufsverbot belegten Seelsorger Anton Zlatohlavy, dem zur Last gelegt wird, in seiner Gemeinde Radoma in der Ostslowakei ohne Erlaubnis ein Pfarrhaus errichtet zu haben. Wegen der Proteste der örtlichen Bevölkerung, die drei Wochen lang für ihren Pfarrer streikte, wagte die Polizei den Zugriff erst während einer Reise des Priesters.
Zur selben Zeit wurde in Bratislava der Arbeiter Günter Matej Romf, 37, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er als heimlicher Ordensbruder zusammen mit anderen Christen jungen Zigeunern religiöse Unterweisungen gegeben haben soll.
Mit Spürhunden und 45 Polizisten stürmten die Christenverfolger Ende Oktober das Kloster Kadan in Nordböhmen, das als staatlich verfügter Zwangsaufenthalt für 90 Ordensschwestern im Durchschnittsalter von 70 Jahren dient.
Nach zweitägiger Suche konfiszierte die Polizei 18 Breviere, 80 Meßbücher und einige im Vatikan gedruckte Schriften. Außerdem ließen die Staatsschützer 14 Schreibmaschinen und zwei Vervielfältigungsapparate mitgehen, obgleich die, wie vorgeschrieben, amtlich registriert waren.
Um den offensichtlichen Fehlschlag der Aktion zu verschleiern, streuten die Behörden das Gerücht aus, die Nonnen hätten sechs geflüchtete Polen sowie einen Geheimsender im Kloster verborgen gehalten.
Bei einer ähnlichen Aktion von 120 Polizisten in einem Männerkloster bei Zdar nad Sazavou in Südmähren war die magere Beute außer Meßbüchern auch einige Flaschen Schnaps.
Gleichwohl will die Partei die Katakomben-Kirche weiterhin verfolgen. Auf einem Treffen der Friedenspriester Mitte November in Prag warnte Vizepremier Matej Lucan die Christen im Untergrund: "Wir werden Versuche, Kirche und Politik zu verbinden, nicht zulassen, ebenso wie Versuche, die Kirche als antisozialistische Opposition zu mißbrauchen."
S.154
Wozu soll man sich die Hände beschmutzen und aus verhafteten
Priestern Märtyrer machen? Die Bischöfe und Geistlichen selbst gehen
daran, die Kirche zu liquidieren. Kompromittierte und
charakterschwache Persönlichkeiten aus den Reihen der Priester
wollen, daß es ihnen für ein Judasgeld gutgeht. Sie streben nach
Titeln und Barockkostümen. Sie repräsentieren eine Art feudale
Kirche, die jedem Regime dient.
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DER SPIEGEL 50/1981
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