13.09.1982

Zu spät gemerkt

Ein Zehnkampf fesselte letzte Woche die Leichtathletik-Welt: Drei Athleten, die sich 1982 in der Weltrekordliste abgelöst hatten, kämpften in Athen um die Europameisterschaft.
Eine Blondine warf Kußhändchen hinüber zum Hochsprung. Da raffte sich der angehimmelte Athlet auf, schnellte im dritten und letzten Versuch über 2,15 Meter und wahrte seine Chance im Zehnkampf gegen den britischen Olympiasieger Daley Thompson.
Mit der besten Hochsprungleistung im Zehnkampf rückte der bundesdeutsche Weltrekordler Jürgen Hingsen, 24, auch dank der Fernwirkung seiner amerikanischen Freundin Jeanne Purcell dichter zu dem farbigen Briten auf.
"Mord in zehn Raten", beschrieb Hingsen den Zehnkampf mit der brancheneigenen Übertreibung und doch nicht ganz unzutreffend. In zwei Tagen müssen die Athleten drei Läufe (100, 400, 1500 Meter), ein 110-Meter-Hürdenrennen, drei Sprungarten (Weit-, Hoch-, Stabhochsprung) und drei Wurfübungen (Kugelstoßen, Diskus-, Speerwerfen) in feststehender Reihenfolge bewältigen.
Ihr Kampf schlägt sich in umfangreichen Tabellen nieder, die jede Leistung auf die Hundertstelsekunde und jeden Zentimeter in Punkten bewerten. Jedes Resultat löst angestrengte Rechen-Kunststücke aus.
Ein Zehnkampf setzt auch die Intimkenntnis der stärkeren und schwächeren Übungen aller Rivalen voraus. Deshalb beobachtete Thompson, obwohl er nur mit 2,03 Meter den Hochsprung beendet hatte, gleichmütig, wie Hingsen alleine weitersprang und schließlich 2,15 Meter schaffte. Denn beide wußten, schon im 400-Meter-Rennen, dem letzten Wettbewerb des ersten Zehnkampf-Tages, würde der Deutsche etwa eine Sekunde oder 50 Punkte an Thompson wieder verlieren.
Doch die Zeit der Spezialisten ist vorüber, seit der Stabhochsprung-Spezialist Yang Chuan-Kwang aus Taiwan im Zehnkampf einen Weltrekord aufstellen konnte oder der deutsche Hürden-Weltrekordler Martin Lauer zugleich zu den Weltbesten im Zehnkampf zählte. Immer wieder änderten Tüftler die Punkt-Tabellen, bis nur noch möglichst ausgeglichene Leistungen internationale Erfolge verhießen. Gleichwohl pflegt jeder Zehnkämpfer Übungen, in denen er Glanzleistungen vollbringt.
Die wachsende Konkurrenz hat das Leistungsniveau im Mehrkampf auf Höhen gehievt, die ihnen auch als Einzelkämpfer Siegchancen eröffnen. Athleten wie Daley Thompson und Jürgen Hingsen könnten aussichtsreich Länderkämpfe bestreiten. Hingsen wurde 1982 unter den Spezialisten mit einem Acht-Meter-Satz deutscher Vizemeister im Weitsprung.
Sein Vorgänger Guido Kratschmer drang regelmäßig in die Meisterschafts-Endläufe über 110 Meter Hürden vor. Thompson würde mit seinen Zehnkampf-Leistungen in die deutschen Meisterschafts-Finals über 100 Meter, Weit- und Stabhochsprung gelangen.
Aber niemals ging eine Rechnung auf, die Bestleistungen eines Zehnkämpfers einfach addiert. Sonst könnten mehrere Athleten etwa 9000 Punkte erreichen (Weltrekord: 8744 Punkte). In der Praxis steht nicht nur die Zusammenballung auf ungefähr 24 Wettkampfstunden dagegen. Jeder Zehnkampf birgt soviel unberechenbare Einflüsse wie Übungen und widerlegt ständig, daß die Leichtathletik dank Stoppuhr und Meßgerät berechenbar sei.
In Athen schaffte der Mainzer Siegfried Wentz, an dritter Stelle liegend und die Bronzemedaille vor Augen, im Stabhochsprung nicht einmal die lächerliche Höhe von vier Metern. Dreimal riß er die Latte herunter und fiel zurück.
Auch der unbedeutendste Helfer kann Dutzende von Punkten beschaffen oder verplempern. Im frisch eröffneten Athener Olympiastadion (für die Spiele von 1996) wehte böiger Wind, als die Zehnkämpfer weitsprangen. Thompson hatte mit leichtem Rückenwind 7,80 Meter vorgelegt. Hingsen verspürte ebenfalls den günstigen Luftzug und versuchte eilig anzulaufen. Aber in der Sprunggrube betrieb ein Kampfrichter hingebungsvolle Gartenpflege und harkte, bis der Wind sich wendete.
Als der Deutsche dann springen mußte, lief er gegen den Wind, was gut 20 Zentimeter in der Sprungweite oder etwa 40 Punkte ausmachte. Hingsen protestierte: Da drohte ihm der Kampfrichter mit der gelben Karte.
Stets besteht auch Verletzungsgefahr, schon in der ersten Disziplin, dem 100-Meter-Sprint. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München büßten dabei schon zwei der deutschen Mitfavoriten Chancen ein. Im Hürdenlauf strauchelte in Athen der DDR-Mehrkämpfer Thorsten Voß, stolperte ins letzte Hindernis und mußte aufgeben. Siegfried Stark aus der DDR brach in einem Länderkampf der Sprungstab, er stürzte und gab verletzt auf.
"Zum zweiten Wettkampftag treten alle Zehnkämpfer unausgeschlafen an", verrät Bundestrainer Wolfgang Bergmann. Die Wettkämpfe des ersten Tages dauern gewöhnlich bis abends. Doch S.204 Anspannung und Wettkampfstreß weichen nicht so rasch. "Wir trinken dann noch ein Glas Bier", sagte Bergmann, "analysieren den Wettkampf und stimmen auf die kommenden Übungen ein." Vor Mitternacht findet kaum ein Zehnkämpfer Schlaf.
Aber morgens um sechs Uhr muß er Nerven, Muskeln und Organe wieder auf Höchstleistung trimmen. Denn der zweite Tag beginnt mit dem technisch besonders anspruchsvollen Hürdenlauf. Anschließend stehen die Zehnkämpfer vor der schwierigsten Umstellung: In der Leichtathletik gibt es kaum unterschiedlichere Bewegungsabläufe als im Hürdenrennen und dem folgenden Diskuswerfen. In Athen scheiterte ein sonst zuverlässiger Diskuswerfer daran, der Pole Darius Ludwig, er verzog seine drei Würfe allesamt ins Fangnetz - Disqualifikation.
In Athen kämpften die drei Weltrekordler direkt gegeneinander, die sich 1982 abgelöst hatten. Der älteste von ihnen, Guido Kratschmer, 29, konnte allerdings nicht mehr in den Zweikampf um das Gold eingreifen.
Er hatte 1980 neben Thompson als Olympia-Favorit gegolten. Mit dem erzwungenen Moskau-Boykott büßte er die Chance seines Lebens ein.
Sein Anrecht auf die Goldmedaille untermauerte er mit einem Weltrekord im Olympiajahr, aber die Goldmedaille gewann Thompson.
Der Mann, der von seiner Zehnkampf-Generation den beschwerlichsten Aufstieg hinter sich hatte, suchte zunächst Freunde und Förderer. Seine Mutter war eine Schottin, die sich wenig um ihn kümmerte, sein Vater ein Nigerianer, den er nie gesehen hat. Thompson lebte im Londoner Stadtteil Soho bei einer Tante.
Aus Dankbarkeit nahm er sie 1980 mit in das österreichische Zehnkampf-Mecka Götzis, wo er seinen ersten Weltrekord aufstellte, den später Kratschmer verbesserte. Seither ist der Bürgermeister immer zur Stelle, wenn es "unseren lieben Daley" zu empfangen gilt.
In einem Lande ohne Zehnkampf-Tradition fand der erste britische Zehnkämpfer von Weltformat rasch Unterstützung in der Wirtschaft. Firmen finanzierten den Trainingsaufenthalt in Kalifornien. Eine Mütze der japanischen Photofirma Olympus zeugt ebenso davon wie ein schwedisches Gratis-Auto und natürlich der adidas-Dress.
Inzwischen zog Soho-Boy Thompson in den Vorort Wimbledon um und studiert Wirtschaftswissenschaften. Aber vor allem konzentriert er sich auf den Zehnkampf. 1980 trennte er sich von seinem Trainer. Statt dessen arbeitet er mit Athleten zusammen, die sich auf Einzelwettbewerbe spezialisiert haben, die auch im Zehnkampf vorkommen.
"Am meisten beeindruckt mich seine Konzentrationsfähigkeit", sagt Mehrkampftrainer Bergmann. Thompson beschränkt sich im Jahr auf zwei, allenfalls drei Zehnkämpfe, 1980 trat er zweimal an: Zuerst stürzte er den Weltrekord, dann wurde er Olympiasieger.
"Ich habe alles getan, was ich angekündigt hatte", trumpfte Thompson auf, nachdem er im Mai abermals Weltrekordler geworden war.
Seinen deutschen Rivalen nennt er, ein Stück psychologischer Kriegsführung inbegriffen, "Hollywood-Hingsen". Der schnurrbärtige Zweimetermann aus Duisburg, den stets sonnengebräunter Teint zum Superman verwandelt, brachte vom Kalifornien-Urlaub seine Freundin Jeanne mit. "Sie macht ihm nun den Druck, den er braucht", versichert Bundestrainer Bergmann. Beim stumpfsinnigen, gleichwohl unerläßlichen Krafttraining in der gewichtsbestückten Folterkammer feuert die Blondine ihn an und fordert zusätzliche Zentnerlasten heraus.
Hingsen ist der vorerst letzte Kronprinz in der 50 Jahre anhaltenden deutschen Zehnkampf-Tradition. Schon 1933 und 1934 hatte der Holsteiner Hans-Heinrich Sievert zwei Weltrekorde aufgestellt und die amerikanische Vorherrschaft bedroht. Nach dem zweiten Weltkrieg sammelten die Deutschen Zehnkämpfer überall Medaillen. Bei Europameisterschaften erkämpften sie einmal alle drei Medaillen allein.
Willi Holdorf kehrte vom Olympia in Tokio mit Gold zurück, Kurt Bendlin und Kratschmer stießen in die Weltrekordlisten vor. In Deutschland ist die Basis für Zehnkämpfer besonders breit: Leichtathletik gilt als Volkssport, und Vielseitigkeit wertet der Deutsche Leichtathletik-Verband am höchsten. Deshalb schaffte er sogar die Einzelmeisterschaften für Schüler bis zu 14 Jahren ab. Nun fallen Mehrkampf-Talente mit einiger Sicherheit auf.
Geschickt gefördert, wuchs auch Hingsen zum Nachfolger hinter Weltrekordler Kratschmer heran. Bei den deutschen Meisterschaften in Ulm, drei Wochen vor den europäischen Titelkämpfen, glückte ihm der Durchbruch und der erste Erfolg gegen seinen Vorgänger: Hingsen verbesserte Thompsons Weltrekord.
"Das muß ich erst verkraften", jubelte er. "Dazu brauche ich wohl drei Tage." Vielleicht drei Tage zuviel. Hingsen eilte von Siegesfeiern zu Phototerminen und TV-Interviews: "Weil ich ja ein freundlicher Mensch bin." Als er endlich sein Trainingslager im Schweizer Sportzentrum Magglingen bezog, bedauerte Bundestrainer Bergmann, "vielleicht hat er das zu spät gemerkt".
So trat Hingsen in Athen nicht mehr in seiner Weltrekordform an und blieb deutlich hinter seiner Bestleistung zurück. Thompson siegte überlegen vor Hingsen und dem DDR-Siegfried Stark. Im abschließenden 1500-Meter-Lauf erhöhte Thompson den Vorsprung auf mehr als 200 Punkte und holte den Weltrekord zurück. Ein DDR-Reporter schwärmte: "Männer, was sind das für Männer!"
Bundes-Herkules Hingsen gibt nicht auf. Für den nächsten Kalifornien--Aufenthalt und das Wintertraining fand er wohl schon einen Sponsor. Bisher startete er für den Thompson-Ausrüster adidas.
Doch auf der Kleiderkammer der Athleten änderten sich die Personalverhältnisse. Die Ehefrau des früheren Zehnkämpfers und adidas-Repräsentanten Werner Graf von Moltke trennte sich privat von ihrem Mann und verließ auch die Firma. Nun versucht sie den entthronten Weltrekordler Hingsen für die US-Marke Nike abzuwerben.

DER SPIEGEL 37/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zu spät gemerkt

  • Hamburg: "Waste Watcher" kämpfen gegen Kippen
  • Neues Samsung Galaxy Fold: Groß, grösser, faltbar
  • Nach Hauptstadt-Bashing: Boris Palmer traut sich nach Berlin
  • Bangladesch: Zahlreiche Tote bei Großbrand in Dhaka