14.12.1981

FÜRSORGEStück Misere

Ein „deprimierendes Beispiel“ für die Situation von Heimkindern vermittelt ein Bericht über Zustände in einer hessischen Erziehungsanstalt. Die Fürsorger haben das Buch gerichtlich verbieten lassen.
Schwester Ave-Maria schlug dem Zehnjährigen "die Faust ins Gesicht" und trat ihm "eine rein". Als er sie anflehte aufzuhören, schrie sie: "Du Bastard, ich hau'' dich krankenhausreif."
Der Zögling hatte ausreißen wollen, und die Strafe, die ihm dafür zuteil wurde, schien im "Heim zum lieben Gott" gerade angemessen. Wer beim Essen redete, so beschreibt Alexander Markus Homes, nun 22, seine zehn Jahre in diesem Haus, mußte "stundenlang strammstehen". Wer nicht laut genug betete, wurde "minutenlang kalt abgeduscht", bei Ausflügen ahndeten die Erzieherinnen lahmes Marschieren mit "Stockschlägen in die Kniekehle".
Den Alltag einer Modellanstalt der hessischen Fürsorge schildert der ehemalige Heiminsasse in einem Buch
( Alexander Markus Homes: "Prügel vom ) ( lieben Gott/Eine Heimbiographie". päd. ) ( extra Buchverlag Bensheim; 79 Seiten; ) ( 12,80 Mark. )
über das St. Vincenzstift in Rüdesheim-Aulhausen. Seine Berichte geben ein "Stück jener Misere" wieder, wie Hans Kloos vom Deutschen Kinderschutzbund anmerkt, "unter der Tausende von Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik leiden müssen". Homes'' Erlebnisse, davon sind Fachleute wie der Pädagogik-Professor Wolfgang Bäuerle überzeugt, sind "ein deprimierendes Beispiel für die Situation einer großen Anzahl von Heimkindern".
Doch solche Beispiele publik zu machen ist riskant: Die Vorwürfe des Buchautors waren für die Aulhauser Heimleitung nichts anderes als "Verleumdung" und "üble Nachrede", und inzwischen beschäftigen sich die Gerichte mit dem "Heim zum lieben Gott".
Zunächst wurde ein von Stiftführer Franz Kaspar angestrengtes Verfahren gegen seinen Ex-Zögling Homes vom Wiesbadener Amtsgericht eingestellt - auf Antrag der Anklagebehörde. Statt dessen ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen die Heimleitung wegen des "Verdachts der Mißhandlung Abhängiger".
Denn Homes'' Verteidiger, der Berliner Anwalt Hans-Christian Ströbele, hatte ehemalige Mitinsassen als Zeugen präsentiert, die unter Eid sämtliche Vorwürfe des Autors bestätigten. Ein Zeuge: "Wer das Essen bemäkelte, erhielt trockenes Brot und Wasser. Wer abends im Bett noch redete, bekam Schläge mit dem Kleiderbügel."
Ein anderer, der einmal den Fischeintopf nicht essen wollte, dazu aber gezwungen wurde, "brach alles wieder aus. Da kam die Schwester, hielt mir die Nase zu, ich mußte alles essen, auch das Erbrochene". Ein Sozialarbeiter, der in Aulhausen angestellt war, schilderte den Richtern, daß "körperliche Züchtigungen und Essensentzug zum pädagogischen Konzept, ja gewissermaßen zum Alltag" des Heimes gehörten.
Für eine Verurteilung der beschuldigten Pädagogen und Nonnen war es allerdings zu spät. Auch das neue Verfahren wurde eingestellt, die Vergehen waren verjährt. Und nachdem diese Gefahr vorüber war, drehten die Aulhausener Heimerzieher den Spieß um.
In Aulhausen, laut Sozialminister Armin Clauss (SPD) eine "beispielhafte Einrichtung, die weit über Hessens Grenzen einen ausgezeichneten Ruf besitzt", sei alles "nicht so schlimm" gewesen, behauptete Heimleiter Kaspar.
Eine staatliche Untersuchung förderte - anders als die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen - keinerlei "nennenswerte Vergehen" (Clauss) zutage. Ministerpräsident Holger Börner, ebenfalls Sozialdemokrat, besuchte Aulhausen und geißelte die "Kampagne eines undankbaren Zöglings" als "gezielten Rufmord". Als jüngst zum Besuch des Bundespräsidenten Karl Carstens in Hessen dessen Ehefrau Veronica ein Sonderschulzentrum besichtigen wollte, führte Börner sie spontan nach Aulhausen, um zu zeigen, "daß an den Vorwürfen nichts dran ist".
Und als das ZDF in der Reihe "Betroffen" den Fernsehfilm "Die verlorene Kindheit des Alexander H." ausstrahlen wollte, intervenierten die hessische Landesregierung und die katholische Caritas bei ZDF-Intendant Karl-Günther von Hase - mit Erfolg. Der Film, der sich ausführlich mit dem Vincenzstift auseinandersetzte und in den Programmzeitschriften bereits ausgedruckt war, wurde kurzfristig abgesetzt. Offizielle Begründung der Mainzer Anstalt: Der Film sei "nicht rechtzeitig fertig geworden".
Fernsehautor Bernd Wiegmann: "Kein Wort wahr, alle haben gewußt, was da läuft." Und im April dieses Jahres wurde der Film doch noch gesendet; Wiegmann hatte gedroht, öffentlich "die Wahrheit zu sagen".
Nun aber ist das Buch gestoppt. Vorletzte Woche erwirkte das Vincenzstift beim Landgericht Wiesbaden eine einstweilige Verfügung gegen den päd. extra Buchverlag. Stiftleiter Kaspar, so begründeten die Richter den Beschluß, habe "glaubhaft gemacht", daß "wesentliche Tatsachen-Mitteilungen" in dem Buch "frei erfunden" seien.
Gegen den Wiesbadener Beschluß hat der Verlag am Freitag vorletzter Woche Widerspruch eingelegt. Autor S.70 Homes ist sich seiner Tatsachen-Mitteilungen sicher, und daß die Betroffenen die Gerichte bemühen, ist für ihn nur ein Beweis, "wieviel Angst die Aulhauser davor haben, daß die ganze Wahrheit aus diesem Gottesheim nach draußen kommt".
S.68 Alexander Markus Homes: "Prügel vom lieben Gott/Eine Heimbiographie". päd. extra Buchverlag Bensheim; 79 Seiten; 12,80 Mark. *

DER SPIEGEL 51/1981
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