14.12.1981

SCHULENBeste Einsichten

Waldorfschulen, die nach verbreiteter Meinung nur lebensschwache Schöngeister hervorbringen, sind ganz anders - Resultat einer Studie, die auch die Einschätzung von Gesamtschulen korrigieren könnte.
An die letzten Jahre seiner Schulzeit denkt Joachim Pyras, 33, Programmierer aus Herne, gern zurück. Mathematik, Physik und Chemie haben ihn "stark gefesselt", Malen, Buchbinden, Mosaiklegen und "dann die Elektrowerkstatt", das hat er "sehr gern gemacht".
Nachdem Pyras in der 9. Klasse die Schule gewechselt hatte, fühlte er sich "besser aufgehoben" und "verstanden". Da genoß er, "daß der ganze Leistungsdruck, der ganze Notendruck fort war". In den letzten Schuljahren, das weiß er noch wie heute, wurde er "irgendwie wohlwollender betrachtet, auch wenn man so seine schlechten Tage hatte". Und zu allem wurde er "empfänglich gemacht für den Umgang mit zwischenmenschlichen Problemen, sie zu spüren und darüber zu sprechen".
Den guten Eindruck vermochten auch später erkannte Schwächen kaum zu trüben. So sei es der Schule in "zu wenig" Fällen gelungen, "Schüler für technische Berufe zu motivieren". Nach der Schule bestätigte sich "teilweise", weiß Pyras nun, "ja, in Naturwissenschaften wußten wir nicht genug, in Mathematik waren wir zu weit hinten". Einige Klassenkameraden wollten Betriebswirtschaft studieren und scheiterten daran, daß sie "einfach ihre Mathematikscheine nicht bringen konnten".
Joachim Pyras war zuletzt Schüler der Hibernia-Schule in Wanne-Eickel, einer Waldorfschule, die allgemeines und berufliches Lernen miteinander verbindet. Und mit seinen Erfahrungen war er gleichsam Modellfigur landläufiger Vorurteile, mit denen die Waldorf-Pädagogik bedacht wird - Lehranstalt für friedfertige Frohnaturen oder naive Schöngeister, die zwar gelernt haben, angstfrei zu lernen, aber nach der Schulzeit, wenn ihnen Leistung und Konkurrenzkampf abverlangt werden, schnell auf der Strecke bleiben. Waldorf-Schüler würden "so körperlos erzogen", spöttelt ein Hamburger Sportlehrer, "daß man sich nicht traut, ihnen auf die Schulter zu klopfen".
32 000 Schüler in 72 Freien Waldorfschulen werden im laufenden Schuljahr abseits des staatlichen Schulwesens nach dem erzieherischen Konzept des Anthroposophen Rudolf Steiner unterrichtet. Sie gehen auf eine Schule, die nach dem Willen ihres Begründers nicht nur Wissen und Können, sondern auch "stützenden Lebensgehalt" und "einen Sinnhorizont für das Leben vermitteln" will.
Ihr Schulalltag läuft nicht im Fünfundvierzig-Minuten-Takt nach festen Stundenplänen ab, sondern nach sogenannten Epochen und, in den ersten acht Schuljahren, mit starkem künstlerischen Einschlag. Ihre Schullaufbahn wird nicht Jahr für Jahr von Zeugnissen, Zensuren und Versetzungen begleitet, sondern ist frei von Auslese und Notendruck - eine reizvolle Schulperspektive gewiß, für viele Eltern aber kaum eine realistische, dem Lebenskampf angemessene.
Diese Vorstellung wird jetzt von einer wissenschaftlichen Studie über "Bildungslebensläufe S.71 ehemaliger Waldorfschüler"
( Ulrike Hofmann, Christine von Prümmer, ) ( Dieter Weidner: "Bildungslebensläufe ) ( ehemaliger Waldorfschüler". ) ( Pädagogische Forschungsstelle beim Bund ) ( der Freien Waldorfschulen e. V. ) ( Stuttgart; 528 Seiten; 35 Mark. )
erschüttert - die "erste empirische Untersuchung aus dem Bereich der Waldorfschule".
Drei unabhängige Wissenschaftler, vom Bonner Bildungsministerium bezahlt, befragten 1460 ehemalige Waldorfschüler der Geburtsjahrgänge 1946 und 1947 und kamen zu "einer insgesamt überwiegend positiven Bilanz für die Waldorfschulen". Ihre Schüler hätten, so fanden die Forscher sogar heraus, "schulisch ein überdurchschnittliches Niveau erreicht".
Das Ergebnis scheint noch zurückhaltend formuliert. Denn gerade die Leistungsbilanz der Waldorfschulen birgt bildungspolitische Überraschungen.
22 Prozent der befragten Schüler brachten es an ihrer Waldorfschule zum Abitur - schon damals, in den Abiturjahrgängen 1966 und 1967, fast dreimal mehr als im staatlichen Schulwesen. Von den Befragten, die von Klasse eins bis dreizehn "nie eine andere Schule besucht haben als die Waldorfschule", schafften sogar 40 Prozent die allgemeine Hochschulreife.
Bedeutsamer noch erscheinen diese Quoten angesichts der Bedingungen, unter denen die Abschlüsse erreicht wurden, etwa die, daß "das Abitur nicht im Interesse der Pädagogik Rudolf Steiners liegt", wie Stefan Leber, Vorstandsmitglied beim Bund der Freien Waldorfschulen, sagt.
Im Unterricht wirkte sich das so aus, daß die Schüler während ihrer zwölfjährigen Schulzeit nach eigenen Waldorf-Richtlinien unterrichtet und nicht auf einen bestimmten Abschluß vorbereitet wurden. Erst im freiwilligen 13. Jahr orientierte sich der Lehrstoff an den staatlichen Gymnasien und dem Abitur. Die Abschlußprüfung war dann obendrein "ein reines Fremdabitur unter härtesten Bedingungen" (Leber): Alle Fächer und Themenvorgaben kamen von außen, die Leistung überwachte eine staatliche Prüfungskommission.
Verfechter des herkömmlichen Schulsystems müssen von solchen Resultaten irritiert sein, denn immerhin ist die Waldorfschule eine Gesamtschule reinsten Typs. Und bei der hat sich nun erwiesen, sagt der Leiter des Forschungsprojekts Bernhard Vier, daß auch "von Schülern, die zwölf Jahre ohne jede Auslese unterrichtet wurden, noch so ein hoher Prozentsatz Abitur machen kann". All dies, so der Pädagoge, hatten "die Philologen nie für möglich halten wollen".
Die Studie stützt zudem, was Waldorf-Pädagogen wie Leber "ungefähr immer im Gefühl hatten" - "daß unsere Schüler im Leben durchaus tüchtig sind". So hatten zum Untersuchungszeitpunkt über 80 Prozent eine berufliche Ausbildung (41 Prozent Studium, 24 Prozent Lehre) abgeschlossen und 42 Prozent bereits eine zweite Ausbildung beendet.
Die Waldorf-Schüler strebten "bevorzugt" Berufe im pädagogisch-sozialen (20 Prozent), im medizinischen (zwölf) und im künstlerisch-sprachlichen Bereich (zwölf) an; juristische und technische Ausbildungen waren "unterrepräsentiert". Die Motive für ihre Berufswahl bezogen die Abgänger offenkundig aus dem waldorfschen Wertbereich: Erfolg, Prestige, Anerkennung, Aufstiegsmöglichkeiten und auch Einkommen spielten allenfalls eine nachgeordnete Rolle. Als "persönlich ganz besonders wichtig" für ihre Entscheidung bezeichneten die Befragten in erster Linie Neigung und Fähigkeiten, Selbständigkeit und Interesse, gleich danach kamen soziale und karitative Aspekte.
Abiturquote wie Berufswahl stehen offenbar in engem Zusammenhang mit der Dauer ihres Schulbesuchs. Die Untersuchung zeigt "deutlich", so die Forscher, "daß es über fast alle Persönlichkeitsdimensionen die Gruppe derjenigen Befragten ist, die die Waldorfschule elf Jahre und länger besuchten, die sich signifikant von allen anderen Gruppen unterscheidet". Bedeutung hat diese Erkenntnis deswegen, weil Schulgründungen in den vergangenen Jahren kaum noch auf anthroposophisch orientierte Eltern zurückgingen. Die Schulen nach 1969 entstanden laut Studie meist aus "Negativerfahrungen von Eltern und Lehrern an öffentlichen Schulen".
Zudem ist die Fluktuation in den Schulen heute nahe Null. Während die Wissenschaftler noch Schüler antrafen, die mal ein halbes Jahr, dann wieder S.73 über die volle Zeit die Waldorfschule besuchten, bleiben Waldorf-Klassen inzwischen "fast ohne Abgänge und Zugänge bis zur 12. Klasse".
Daß letztlich die Länge der Schulzeit über die innere Verfassung der Waldorf-Abgänger entscheidet, erwies sich auch an dem Punkt des Forschungsberichts, der dem System den einzigen Tadel eintrug. Es zeigte sich, daß sowohl "stark leistungsorientierte" als auch "emotional labile" Schüler "weniger Erfolgschancen" hatten - viele verließen "die Schule vorzeitig". Auch "vor und während des Besuchs bestehende psychische Defizite (Schulangst, Kontaktschwierigkeiten)" konnten "nicht langfristig kompensiert" werden. Es waren durchweg Jugendliche, die, anders als die meisten heute, nur kurzfristig die Waldorfschule besuchten. Auch Steinersche Pädagogik braucht ihre Zeit, um psychische Defizite aus anderen Schulen abzubauen.
Der Schriftsteller Michael Ende, Erfolgsautor von "Momo" und der "unendlichen Geschichte", kann dazu seine eigene Geschichte erzählen. Als er 1947 für die letzten beiden Schuljahre auf die Waldorfschule in Stuttgart kam, empfand er den Wechsel "als eine Art positives Schockerlebnis". "Daß Helfen zum Prinzip gemacht" werden konnte in einer Lehranstalt, daß Schule nicht Synonym für "ständiges Erlebnis von Niederlagen" sein muß, hatte sich Schüler Ende bis dahin kaum vorstellen können.
Aber: "Meinen Schulkomplex hatte ich bereits weg", erinnert sich der Autor, jenen "Knick im Selbstbewußtsein", den die Bildung der Staatsschule an ihm verübt hatte und an dem "auch für die Waldorfschule in den letzten Jahren nicht mehr viel zu machen war" - obschon sie ihm doch "die besten Einsichten meines Lebens" mitgab.
S.71 Ulrike Hofmann, Christine von Prümmer, Dieter Weidner: "Bildungslebensläufe ehemaliger Waldorfschüler". Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen e. V. Stuttgart; 528 Seiten; 35 Mark. * Zu gesprochenen Texten ausgeführte tanzähnliche Bewegungen. *

DER SPIEGEL 51/1981
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