25.10.1982

WUNDERHEILERFauler Zauber

In der Fernsehsendung „Querschnitte“ enthüllt Hoimar von Ditfurth die Tricks philippinischer Geistheiler.
Herr Lübke, hat das weh getan?" fragt Professor von Ditfurth behutsam den Patienten. "Etwas ja", meint Herr Lübke, dem ein Assistent gerade das Blut hinter dem linken Ohr weggewischt hat.
"War's wie ein Reinschneiden in den Kopf?" will Ditfurth nun wissen. "Nicht Reinschneiden, eher ein Bohren mit dem Finger", erläutert der frisch Operierte. Wo eben noch Blut floß, ist außer dem Eindruck eines Fingers nichts zu sehen.
Der Finger gehört einem philippinischen Geistheiler: In einem Hotelzimmer in Manila durfte ZDF-Wissenschaftsautor Hoimar von Ditfurth filmen, wie der Zauberdoktor einem Kranken das Ohrensausen aus dem Kopf herausoperiert - blutig, aber ohne Messer, ohne Narkose, ohne Narbe.
War das nun Scharlatanerie oder übersinnliches Phänomen, das Werk eines Trickbetrügers oder die Kunst eines paranormal Begabten?
Nachdem immer wieder westdeutsche Journalisten und auch Ärzte die sagenhaften Operationen bestaunt und mehr oder minder gläubig beschrieben hatten, wollte Fernsehprofessor Ditfurth es genau wissen.
Das Ergebnis seiner Recherchen, zu sehen in der ZDF-Sendung "Querschnitte" am 31. Oktober (21.20 Uhr), belehrt, wie zu hoffen ist, die Wundergläubigen eines Besseren: Ditfurth beweist mit der Kamera, daß es sich bei all den spektakulären Eingriffen, Hoffnung Tausender von kranken Touristen, um reine Manipulation handelt - die Geistheiler arbeiten mit Taschenspielertricks.
An diesem Befund wird auch eine salvatorische Klausel nicht rütteln können, zu der sich das ZDF auf Vorschlag seines Justitiariats entschloß: Gegen den S.265 heftigen Widerstand des Autors soll in einem Ansage-Vorspann erklärt werden, von Ditfurth behandele das Wunderheiler-Phänomen nur "aus seiner Sicht" - ein seltsamer Vorbehalt gegen nüchternen Wissenschaftsjournalismus.
"Geradezu unfaßlich", so erläutert Ditfurth in der Sendung, sei ihm die finanzielle Ausbeutung vorgekommen, die mit dem Wunderheiler-Boom auf den Philippinen verbunden ist. Statt, wie meist behauptet, nur bescheidene Spenden, streichen die Heiler monatlich Hunderttausende von Mark ein.
Schon seit den sechziger Jahren, als die ersten europäischen Patienten von den Philippinen zurückkehrten, streiten sich Gläubige und Skeptiker über die Verfahren der asiatischen Heiler, vor allem über die sogenannten blutigen Operationen, die erst seit wenigen Jahrzehnten auf dem Archipel vorgenommen werden: Dutzende philippinischer Naturheiler behandeln Kranke, indem sie mit bloßen Händen scheinbar in deren Körper eindringen.
Dabei fördern sie Knorpel, Gewebefetzen oder Knöchelchen zutage, manchmal auch Schrauben, Blätter oder Würmer. Der nicht betäubte Patient spürt kaum Schmerzen, das meist reichlich fließende Blut wird im Nu wieder gestillt, Wunden bleiben nicht zurück.
Von geringfügigen Variationen abgesehen, ist der Ablauf immer gleich: Mit ungewaschenen Händen öffnet der Heiler die Haut, vornehmlich im Bauch oder hinter dem Ohr. Die Finger dringen ein, holen etwas heraus. Ein Helfer assistiert mit Wattebäuschchen oder Handtüchern. Meist schon nach zwei, drei Minuten ist die Operation beendet, der Patient kann aufstehen.
Die geheimnisvolle Technik verschaffte den philippinischen Geistheilern wachsenden Zulauf. Jahr für Jahr nahm der Strom von Patienten zu, die aus Europa in das verheißungsvolle Land flogen - vor allem nach Manila und nach Baguio, in die bergige Sommerresidenz der philippinischen Präsidentenfamilie. In den beiden Hochburgen der operierenden Geistheiler suchen vor allem Schwerkranke Hilfe, die auf die Genesung durch überirdische Kräfte hoffen.
Im Gefolge dieses Krankentourismus kamen Neugierige - Reporter und Gruppen von Medizinern, deren anfängliche Zweifel meist schnell schwanden. Zu ihnen zählte beispielsweise Dr. Rolf-Detlev Berensmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Medizinischen Diagnostik. Bewundernd berichtete der Ärztefunktionär Anfang des Jahres in der "Bunten Illustrierten" über das philippinische "Heilphänomen". Die Erlebnisse des Dr. Berensmann, der sich einen "kirschkerngroßen Bindegewebsknoten" hinter dem rechten Ohr entfernen ließ, inspirierten das Blatt zu der Schlagzeile "Sogar Experten staunen: Das kann kein Schwindel sein".
Für den "Stern" reiste in derselben Studiengruppe auch Autor Günter Dahl. Der gestandene Wissenschaftsjournalist ließ sich die rheumatischen Lendenwirbel kneten und reihte sich mit seinem Bericht in die Schar der tief Beeindruckten. Solch wohlwollende Veröffentlichungen brachten den Krankentourismus erst richtig in Schwung. Clevere Reiseunternehmen wie die West-Berliner "Global Tours" durften für ihre Trips zu den Wunderheilern ("ab 3499 Mark, mit erfahrener Reiseleitung") sogar im "Deutschen Ärzteblatt" inserieren, dem offiziellen Standesorgan der westdeutschen Ärzteschaft.
Auch ZDF-Mitarbeiter von Ditfurth zog deshalb mit der Erwartung aus, "Dinge zu suchen, die zumindest stutzig oder nachdenklich machen könnten". Er wurde enttäuscht: Entgegen allem Anschein, so zeigte sich schnell, gelten die Naturgesetze auch auf den Philippinen.
Der kritische Professor sah nur näher hin als andere Augenzeugen: Bei Operationsspektakeln in Hotelzimmern und Heilerpraxen in Manila und Baguio fand er heraus, daß die Wundermänner ihr Publikum mit immer den gleichen Taschenspieler-Tricks täuschen:
* Die unentbehrlichen Wattebäusche, von flinken Assistenten zugereicht, sind mit zwei verschiedenen Flüssigkeiten getränkt, die, wenn zusammengebracht, chemisch miteinander reagieren und eine rote Flüssigkeit erzeugen. Werden zwei Bäusche aneinandergepreßt, sickert erst hellrosa, dann kräftig rotes "Blut".
* In Wattebäuschen sind Fischblasen, Präservative oder ähnliche Behältnisse verborgen, aus denen der Heiler echtes Blut hervorzaubert. Auch die im Laufe des Eingriffs entfernten Schrauben, Knorpel oder Gewebeteile - meist von toten Tieren stammend - werden in Watte oder Frottiertüchern versteckt herangeschoben.
Schon die Blutseen, die sich bei den Eingriffen etwa auf dem Bauch des Patienten bilden, beweisen, daß darunter keine Körperöffnung klafft: Das Blut müßte sonst, wie bei normalen Operationen, nach innen abfließen.
Um dem Fernsehpublikum klarzumachen, was da so eindrucksvoll und schauerlich wirkt, lud Ditfurth nicht etwa Naturwissenschaftler ins Studio. Die fallen, meint der Professor, besonders leicht auf solcherlei faulen Zauber herein (weil sie sich für unfehlbar halten).
Die Beweise im Fernsehstudio trat vielmehr jemand an, der sich auf Illusionen versteht: "Magic Christian", dreifacher Weltmeister der Magie.
Der Berufszauberer demonstrierte für die Kamera schrittweise verschiedene Operationen auf philippinisch, mit reichlich fließendem Blut und mit Gewebeteilchen, die er scheinbar aus dem Bauch einer jungen Dame holte. Magic Christian zeigt auch, daß die scheinbar in den Körper eindringenden Finger in Wahrheit nur abgeknickt sind - deutlich zu erkennen daran, daß die Sehnen auf dem Handrücken während der ganzen Manipulation sichtbar hervortreten.
Mit solchen Tricks wurden viele der Barfußärzte längst Millionäre. Zwar ist die Rede immer nur von freiwilligen Gaben um 30 Mark bis 50 Mark. Doch jeder Patient wird mindestens zehnmal, meist zwanzigmal behandelt.
So kommen die Heiler, die im 350er Mercedes von Hotel zu Hotel rollen, auf gut 100 000 Mark monatlich. Stars und Sektengründer wie etwa Alex Orbito oder Jun Labo zaubern sich nach Ditfurths Berechnungen gar bis zu 700 000 Mark monatlich zusammen.
Die Erfolge ihrer Behandlungen, so beharren die gläubigen Anhänger und Patienten, rechtfertigen den Reichtum der Heiler. Mindestens 20, 30 Prozent der Kranken würden schließlich wundersam geheilt, heißt es immer wieder.
"Viel besser" fühlten sich auch westdeutsche Patienten, die Ditfurth auf dem Rückflug begleitete. Frage an einen der Touristen: "Haben Sie das Gefühl, daß Sie hundertprozentig geheilt worden sind?" - "Ja, ohne Zweifel."
"Wenige Monate nach dieser Antwort", so kommentiert Ditfurth das nächste Bild - es zeigt einen westdeutschen Friedhof -, "lag er hier."

DER SPIEGEL 43/1982
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