20.09.1982

Leiche im Weinberg

Mainzer Journalisten haben eine "Dallas"-Persiflage gedreht. Ob der Film jemals gesendet wird?

Der Film-Bösewicht lacht hämisch und scheppernd, faßt beim Telephonieren der Sekretärin von hinten an die Schultern und legt die Geschäftspartner aufs Kreuz.

Doch es ist nicht John Ross Ewing, genannt "J. R.", der sein Unwesen treibt. Der Dunkelmann aus der US-Fernsehserie "Dallas" hat ein deutsches Ebenbild bekommen: Karl-Heinz ("K. H.") Franzreb, Sproß einer machtbesessenen Winzerfamilie, erweist sich als ein zumindest ebenso skrupelloser Schundnickel wie der texanische Widerling.

Die Ähnlichkeit ist beabsichtigt. Um "Dallas" als "Schwachsinn" zu entlarven, haben Hörfunk-Journalisten des Südwestfunks eine TV-Parodie gedreht, die "Franzreb-Saga" - "keine schräge Klimbim-Klamotte", wie Regisseur Hans-Dieter Kronenberger beteuert, sondern "der ernsthafte Versuch, Hohlheit und Banalität dieser schrecklichen Serie bloßzustellen".

Ein keckes Unterfangen, denn bisher haben Hundertschaften vergrämter Kritiker vergebens versucht, dem Publikum die fiese Freude an diesem "verkommenen Stück Fernsehen" (Evangelischer Pressedienst) auszutreiben. Rund 300 Millionen Zuschauer, verteilt auf mehr als 60 Länder, warten Woche für Woche auf die Fortsetzungen von Ehebruch und Bruderzwist - "Dallas" ist die meistgesehene TV-Serie der Welt.

In der Bundesrepublik, wo die Serie seit mehr als einem Jahr gesendet wird, ist die Sehbeteiligung auf 42 Prozent angestiegen. Ungeniert oder klammheimlich schalten rund 17 Millionen Deutsche jeden Dienstag um 21.45 Uhr die Kiste an - für Fernsehrezensenten eine Art Kulturschande: Die "Süddeutsche Zeitung" verriß das "miserable, zynische Produkt", das "Zeit-Magazin" S.92 ortete "eine Apotheose der Niedertracht", die "Welt" stufte "Dallas" noch "weit unter dem Niveau etwa von Bonanza" ein.

Um solche Urteile optisch zu untermauern, haben die Mainzer Filmemacher "Dallas"-ähnliche Verstrickungen um Sex, Suff und Big Business zwischen Reben und Rüben angesiedelt, im rheinhessischen Weinbauernmilieu. Mitglieder eines zerstrittenen Familienclans chauffieren Luxuslimousinen, räkeln sich am Swimming-pool oder drangsalieren einander so rüde wie die amerikanischen Vorbilder. Mittels platter Dialoge ("Den Kerl rauche ich in der Pfeife") und plump überzeichneter Figuren soll der Klischeecharakter des Originals demaskiert und, wie Produktionsleiter Armin Conrad hofft, "beim Zuschauer ein schales Gefühl" ausgelöst werden.

Die Geschäftspraktiken der Franzrebs scheinen made in Dallas. Zwar wird nicht wegen ostasiatischer Erdölvorkommen eine Revolution angezettelt, sondern nur um die Weltkonzession für Dosenwein gefeilscht. Doch auch im fröhlichen Weinberg lauert gelegentlich Verderben: "Die Leiche", meldet ein Schutzmann zum Frühstück, "liegt im Fuchsberg-Wingert."

Trotz dramaturgischer Parallelen, ausgeknobelt von Rundfunk-Reporter Thomas Meyer, hatten die "Dallas"-Parodisten während der einwöchigen Drehzeit unerwartete Probleme. So mühten sich die rheinland-pfälzischen Laiendarsteller - Redakteure, Radiosprecher, Studenten - bisweilen vergebens, ähnlich dilettantisch zu schauspielern wie die amerikanischen Profis.

So ungewollt treudoof wie "J. R."-Bruder Bobby (Patrick Duffy) vermochte niemand aus dem Ehebett zu linsen, und auch die Grimasse, mit der "J. R."-Gattin Sue Ellen (Linda Gray) einem davonbrausenden Auto nachstarrt, erwies sich als nicht kopierbar. Nur "K. H."-Darsteller Michael Bollinger, im Hauptberuf kalauernder Jux-Moderator beim SWF 3, konnte sein Gesicht zu ähnlich gemeinen Fratzen wie "J. R."-Mime Larry Hagman zerknittern.

Die Fernsehzuschauer werden die "Franzreb-Saga" möglicherweise nie zu sehen bekommen. Noch haben die Rundfunk-Journalisten, die das 65 000 Mark teure Produkt (Kosten einer einzigen "Dallas"-Folge: 700 000 Dollar) selber finanziert haben, ihr halbstündiges Erstlingswerk nicht verkaufen können; Verhandlungen mit dem ZDF und den Dritten Programmen blieben bislang ohne Abschluß, auch für eine Kino-Kurzfassung fand sich noch kein Verleih.

"Die trauen sich alle nicht", fürchtet Regisseur Kronenberger, "die Dallas-Fans zu vergrätzen." Sollten die Jungfilmer tatsächlich auf der Weinberg-Version von "Dallas" sitzenbleiben, weiß Produktionsleiter Conrad nur einen Ausweg: "Dann führen wir das Ding eben bei Nikolausfeiern vor."


DER SPIEGEL 38/1982
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