01.11.1982

CHILEEin Schrottplatz

Nach neun Jahren Militärdiktatur und sieben Jahren monetaristischer Wirtschaftspolitik steht das noch vor kurzem als Wirtschaftswunderland bejubelte Chile vor dem Bankrott.
Es war kurz nach acht Uhr abends, als die Wagenkolonne des Juntamitglieds Admiral Jose Toribio Merino in die Avenida Costanera einbog. Der Feierabendverkehr in der chilenischen Hauptstadt Santiago war sehr dicht, die Dienstwagen des Militärs kamen trotz ihrer Sirenen nur langsam voran.
Die Lage war alltäglich, dennoch witterte ein Leibwächter des Admirals Gefahr in den sich voranquälenden Wagenreihen. Plötzlich streckte er seinen Arm aus dem Fenster hinaus und gab sieben Schüsse auf die Insassen eines parallel fahrenden Honda Accord ab.
Der 23jährige Raimundo Molina Villaseca, Schwager des Bürgermeisters von Santiago, wurde von fünf Kugeln in den Unterleib getroffen. Sein Mitfahrer, der 22jährige Sohn von Präsident Pinochets Leibarzt, erlitt eine Wunde am Bein.
Der angeschossene Honda habe sich in "verdächtiger Weise" der offiziellen Kolonne genähert, rechtfertigte sich später der Leibwächter des Admirals, ja sei "in provokanter Weise" gefahren worden, "so wie die Extremisten es tun".
Denn Extremisten gibt es trotz neunjähriger Militärdiktatur offenbar immer noch in Chile, und der peinliche Irrtum in der Avenida Costanera bezeugt nur die wachsende Nervosität der herrschenden Offiziersjunta.
Zwar sind einzelne Attentate gegen Hochspannungsleitungen oder gewaltsame Besetzungen von Radio- und Fernsehsendern noch lange keine ernste Bedrohung für das Regime, und auch eine seit etlichen Monaten im Süden Chiles operierende Landguerilla ist eher lästig denn gefährlich.
Dennoch sind dies Anzeichen für wachsende Unzufriedenheit im angeblichen Wirtschaftswunderland Chile - wie auch hungernde Bürger, die es wieder wagen, zu demonstrieren, erstarkte Gewerkschaften, die Streiks nicht mehr scheuen, und Politiker, die öffentlich die Rückkehr zur Demokratie fordern.
Präsidentengeneral Pinochet, der in seiner ersten Rede nach dem Putsch vom 11. September 1973 neben sozialer Gerechtigkeit und Wirtschaftswachstum vor allem den "Wiederaufbau der nationalen Einheit" versprach, hat Mühe, die aufgebrochenen Risse zuzukleistern.
Denn sogar die Freunde und Mitputschisten des Diktators fallen heute, da das Regime offensichtlich vor dem wirtschaftlichen Ruin steht, von dem einst als Vater der Nation gepriesenen Pinochet ab. Und der aber schläft, so S.184 erzählte man sich in Santiago, mit der Pistole unter dem Kopfkissen.
"Mit unserem Land steht es sehr schlecht", erklärte kürzlich Luftwaffengeneral Gustavo Leigh, einst Mitputschist und fünf Jahre lang Mitglied der Junta, "wir stehen in einer Sackgasse." Auch General Nicanor Diaz, ehemaliger Minister Pinochets und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, stellt heute das Putschistenregime in Frage: "Hatte der 11. September überhaupt einen Sinn?"
Doch es sind nicht nur die einst am Putsch beteiligten und später entmachteten und verbitterten Militärs, die sich von Pinochet abwenden. Auch jene, die sich vom Sturz des Sozialisten Salvador Allende wirtschaftlichen Vorteil versprachen, sehnen sich nach besseren Zeiten.
"Das Land ist ein Schrottplatz geworden", klagt etwa Carlos Podlech, Vorsitzender des wichtigsten Agrarverbandes Chiles, "die einzigen guten Geschäfte, die man hier noch machen kann, sind Prostitution und Drogenhandel."
"Wir haben bislang nur Vernunft walten lassen", droht bitter der Präsident des Kleinindustriellenverbandes, Roberto Parrague, einst fanatischer Anhänger der Junta, "aber vielleicht wird es bald nötig sein, Gewalt gegen die Verursacher unseres Ruins anzuwenden."
Sogar Leon Vilarin, der an der Spitze des mächtigen Lastwagenbesitzer-Verbandes durch einen Transport-Streik gegen Allende am Putsch beteiligt war, bereut das Bündnis mit den Militärs. "Heute geht es uns schlechter als im September 1973, ja schlechter als in den letzten 20 Jahren." Auch Vilarin schließt gewaltsamen Widerstand nicht aus, denn "den Menschen könnte es eines Tages gleichgültig sein, ob sie nun am Hunger oder durch eine Kugel sterben".
Raul Saez, einst Minister Pinochets und einer der angesehensten Wirtschaftswissenschaftler Lateinamerikas, erkennt heute nur noch wirtschaftlichen, sozialen, ja sogar moralischen Zerfall, während der Deutsch-Chilene Roberto Thieme, der einst als Anführer der Faschistenorganisation "Patria y Libertad" gegen Allendes Regierung die Waffen erhob, nun "den Zusammenbruch der gesamten Politik" beklagt.
"Wir stehen vor dem eklatantesten Mißerfolg der Wirtschaftspolitik des liberalen Kapitals", erläutert Thieme seine Klage, "und eine Sache, die ganz in den Dienst der Banken und Finanzhäuser gestellt wurde, rechtfertigt keinen einzigen Toten, keinen einzigen Verhafteten oder Verschwundenen."
Tatsächlich sind es nicht nur die wegen ihrer offenbar grenzenlosen Korruption in Verruf geratenen Militärs, denen die Schuld für die Misere von den einstigen Freunden zugeschrieben wird.
Vor allem die "Chicago boys", eine Gruppe junger Technokraten, werden verantwortlich gemacht. Denn die versuchten nach ihrem Studium in den USA, die monetaristischen Theorien ihres Mentors, des damaligen Chicagoer Wirtschaftsprofessors Milton Friedman, in Chile in die Praxis umzusetzen.
Was in den Büchern so einleuchtend schien, brachte den Chilenen nur Elend. Zwar drückten die Chicago-Boys die Inflationsrate von 375 Prozent im Jahr 1974 auf 9,5 Prozent für 1981 - eine für Lateinamerika einmalig niedrige Zahl.
Doch die sozialen Kosten der deflationären Schocktherapie waren zu hoch: Knapp ein Viertel der Chilenen hat heute keine Arbeit, einschließlich der Unterbeschäftigten sind es laut Angaben der Gewerkschaften über ein Drittel.
Mit der "Privatisierung" sozialer Dienstleistungen wie Kranken- und Rentenversicherung zogen die monetaristischen Wirtschaftler der Bevölkerung das soziale Netz weg. Die These aber, daß Wachstum auch den Armen Besserung bringe, daß vom sich schnell mehrenden Reichtum auch für sie mehr abfalle, erwies sich in Chile als falsch.
Das von Milton Friedman im vergangenen Jahr noch als "wirtschaftliches Wunderwerk" gelobte Chile ist nach Ansicht des britischen Wirtschaftswissenschaftlers Philip O'Brien "wenig mehr als ein spektakuläres Beispiel privater Raffgier, die sich als wirtschaftliches Entwicklungsmodell verkleidet".
Erstaunlich scheint heute, wie lange sich ausländische Banken durch das Wachstum von jährlich etwa siebeinhalb Prozent während der ersten Etappe des Chicagoer Versuchs blenden ließen. Denn gerade sie heizten dieses Wachstum durch immer größere Kredite an - bis es im vergangenen Jahr jählings zum Stillstand kam.
Die Ernüchterung kam zu spät: Das kupferreiche Chile, 1973 mit dreieinhalb Milliarden Dollar im Ausland verschuldet, steht heute mit 15 Milliarden in der Kreide - allein 1981 wurden 4,6 Milliarden Dollar aufgenommen.
Das nach den Friedmanschen Thesen von Banken und Finanzierungsgesellschaften auf dem freien Kreditmarkt angebotene Geld wurde aber kaum für produktive Investitionen genutzt. Chiles Wirtschaftswunder entpuppt sich nun als Konsumboom, der die einheimische Industrie in den Ruin führte.
"Chilenen können jetzt aus einer großen Anzahl von Konsumgütern auswählen, die auf dem Weltmarkt angeboten werden", lobte zwar die US-Zeitschrift "Reason" noch im vergangen April, "von japanischen Kleinwagen über verschiedene Marken Zahnpasta bis zu Coca-Cola aus den USA oder Fruchtsäften aus Brasilien."
Während sich die Oberschicht solch paradiesischer Konsumherrlichkeit hingab, erfolgte jedoch eine radikale Dekapitalisierung der einheimischen Industrie. Denn getreu den Gesetzen des freien Marktes hatten die Chilenen sämtliche Zölle auf höchstens zehn Prozent gesenkt. Der frische Wind der Konkurrenz sollte die chilenische Industrie stählen, sie international konkurrenzfähig machen.
Doch der Weltmarkt erwies sich als Tornado, der Chiles Betriebe reihum umfegte - allein im ersten Halbjahr 1982 mußten 362 Firmen bankrott erkärt werden, während der verpönte Staat mehreren Finanzinstituten unter die Arme greifen mußte. "Bankiers wissen, daß S.186 ein großer Teil der Auslandkredite zur Finanzierung von Konsumgütern anstatt zu produktiven Investitionen gebraucht werden", gestand schon vor fast einem Jahr ein Bankfachmann. "Große Reichtümer sind hier zu schnell aufgehäuft worden."
Tatsächlich beherrschen heute wenige Finanzgruppen fast die gesamte Wirtschaft des Landes. Sogar die US-Botschaft in Santiago gibt zu, daß der Privatsektor des Landes "ein von sechs großen Konglomeraten beherrschter oligopolitischer Markt" sei. Die zwei größten Gruppen, Gruzat-Larrain - nach den gefräßigen Fischen des Amazonas "Piranas" genannt - und Vial, kontrollieren 50 Prozent sämtlichen privaten Kapitals in Chile.
Den Erfahrungen Chiles zum Trotz verteidigt Milton Friedman zwar immer noch die Reinheit seiner Lehre, wenn er auch nach neun Jahren Militärdiktatur nun endlich das Fehlen demokratischer Freiheit im Andenstaat beklagt. Das einheimische private Kapital aber hat längst eingesehen, daß der Karneval des billigen Auslandsgeldes zu Ende geht - schätzungsweise anderthalb Milliarden Dollar brachten Chilenen in den ersten acht Monaten dieses Jahres ins sichere Ausland. Damit waren sie der längst überfälligen und von den Militärs immer wieder hinausgezögerten Abwertung des Peso von 18 Prozent im Juni dieses Jahres entgangen.
Und immer offensichtlicher verweigern die finanzstarken Gruppen in Chile dem Kriegsrechtsherrn Pinochet die Unterstützung. Der mußte in diesem Jahr schon zweimal sein Kabinett umbilden, ohne daß sich danach eine neue, klare Politik erkennen ließe.
Auch jene, die ihm 1973 zur Macht verhalfen, um den lästigen Sozialisten Allende loszuwerden, könnten nun eine Bedrohung für Pinochet werden. Denn die USA, die ab 1974 schließlich 80 Prozent des nun so gefährdeten Auslandkapitals stellten, sollen schon einen Mann ausgesucht haben, der die Stelle Pinochets einnehmen könnte: General Washington Carrasco, bis Ende des Jahres noch Verteidigungsminister. Er war offenbar nicht direkt an der blutigen Repression gegen Allende-Anhänger beteiligt, seine Kontakte zu den Christdemokraten machen ihn auch für die konservative Opposition akzeptabel.
Während der US-Botschafter in Santiago nun mehr oder weniger offen nach Alternativen zu Pinochet Ausschau hält, suchen zahlreiche Chilenen heute Trost und Parallelen in der Geschichte: Da finden sie den General Carlos Ibanez, der sich 1927 an die Macht putschte, dann aber dem wirtschaftlichen Chaos weichen mußte. Vier Jahre nach seinem Machtantritt kehrten die Militärs in die Kasernen zurück.
"Die Verachtung im Volk war so groß", sagt hoffnungsvoll ein Exil-Chilene, "daß sich die Hotelportiers weigerten, weiterhin Uniformen zu tragen."

DER SPIEGEL 44/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 44/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHILE:
Ein Schrottplatz

Video 04:36

Merkel-Besuch in Chemnitz "Eine Provokation, dass sie hier ist"

  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße" Video 00:38
    Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"