21.12.1981

RUDOLF AUGSTEINDie polnische Tragödie

Die polnische Tragödie
So sprach dieser Tage Andrej Gromyko, Außenminister der Sowjet-Union: Ein Einsatz sowjetischer Streitkräfte in Polen komme "nur unter den allerungünstigsten Umständen" in Frage. Da darf man denn beruhigt sein, denn der "allerungünstigste Umstand" ist eine recht drastische, aber auch recht dehnbare Sache.
Nur hat Gromyko diese Worte nicht gesprochen. Weder er noch ein anderer Führer der Sowjet-Union. Vielmehr, der US-Außenminister Alexander Haig hat dieser Tage in einem Frage-Antwort-Interview der Zeitschrift "U.S. News & World Report" erklärt: Ein Einsatz amerikanischer Streitkräfte in Lateinamerika komme "nur unter den allerungünstigsten Umständen" in Frage. Dies zur Klarstellung der Moral und zur Entlarvung jeglicher Doppelmoral in Ost und West. Die Weltmächte behalten sich vor, für ihre Vorder- und Hinterhöfe zu bestimmen, was die allerungünstigsten Umstände jeweils sind.
Da zählen Menschenrechte nur als Waffen im Propaganda-Krieg. Ohne sich der Übertreibung schuldig zu machen, kann man durchaus feststellen, daß in den amerikanisch dirigierten Zonen Mittel- und Südamerikas tagtäglich mindestens so viele Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden wie im ehemaligen Ostblock, wenn nicht sehr viel mehr. Noch einmal, dies nur zwecks Vermeldung der üblichen, der meist schon gar nicht mehr wahrgenommenen Doppelmoral.
Der "allerungünstigste Umstand", er liegt uns in Polen näher als in Mittel- und Südamerika. Das Wort "Tragödie", bezogen auf das polnische Dilemma, ist nicht zu hoch gegriffen, ausnahmsweise nicht.
Haben die Polen selbst schuld, daß sie in diese ausweglose Lage geraten sind, eingezwängt zwischen Rußland und Preußen ehedem, zwischen die Sowjet-Union und die DDR heute? Spricht sich hier eine Art Nationalcharakter aus, oder aber schlicht "die Geographie", wenn nicht gar beides zusammen in Wechselwirkung?
Nachdenklich stimmt ja, daß der polnische Adel, der das ehedem mächtige Land um die Mitte des 17. Jahrhunderts bis zu den Teilungen beherrschte, die Liberum-Veto-Anarchie mit dem Argument verteidigte, dieser Zustand oder Nichtzustand garantiere, daß Polen keinen seiner Nachbarn bedrohe. Ebenso fehlte, seitdem das Königshaus der Jagiellonen 1572 ausgestorben war, eine eigenständige Dynastie, so daß die Nachbarn zur Intervention geradezu eingeladen wurden. Auf den polnischen Reichstagen wurden Könige gehandelt wie Bullen auf dem Viehmarkt.
Die polnische Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, mit einer supermodernen Verfassung, entsprach offenkundig nicht den gesellschaftlichen Gegebenheiten des Landes. Sie überdauerte sieben Jahre, bis der Militärdiktator Pilsudski das Regime übernahm.
Auch den "Solidaritäts"-Leuten um Lech Walesa ist es nicht gelungen, einen vernünftigen Mittelkurs durchzusetzen. Die Partei hat bis zum äußersten stillgehalten, vielleicht sogar zu lange. Vorwürfe an die Adresse einzelner wird man billigerweise nicht richten können. Aber insgesamt hat die "Solidaritäts"-Bewegung, freilich wie nach Naturgesetzen, ihre Ziele und Möglichkeiten falsch eingeschätzt.
Walesa selbst hat zu bremsen versucht, aber eben zu spät. Dem Genuß des Volkstribunen, sich selbst reden zu hören, hat der schlaue Mann nicht widerstehen können. Das Wort, dann müsse eben die "Solidarität" antreten, wenn die Regierung versage, stammt ja von ihm.
Selten ist ein Volksführer gleichzeitig ein scharfsinniger Rechner. Aber auch, wenn der physisch überanstrengte Walesa hätte rechnen können, wäre dem polnischen Volk das Scheitern dieses von Sympathien begleiteten Experiments nicht erspart geblieben. Die Kräfte, die durch die "Solidarität" freigesetzt wurden, hätten sich mit ihm oder gegen ihn ihr Bett selbst gesucht, der Lauf ins Verhängnis war wohl nicht aufzuhalten.
Denn natürlich ist es die unnatürliche Lage in den 1945 von den Sowjets überrollten Gebieten, die Polen ruiniert. Ob das Land sich nach westlichem System hätte regieren können, mag zweifelhaft bleiben. Sicher ist, daß die Sowjet-Union mit der jetzt aufgeplatzten Wunde nie mehr fertig wird.
Afghanistan kann sie im äußersten Notfall aufgeben, Polen nicht. Mit Ausnahme jener 20 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg hat Rußland die Polen während der letzten 200 Jahre zumindest de facto, meist aber auch de jure beherrscht. Polen ist das Herzstück des großrussischen Sowjetimperialismus. Der Pole Adam Mickiewicz und der Russe Alexander Puschkin, diese beiden Dichter-Freunde, haben sich 1830 über der "polnischen Frage" entzweit.
Daß die polnische Großmacht-Romantik vor der polnischen Ohnmacht war, kann ernstlich niemand bestreiten. Aber wenn der Chauvinismus aus der Schwäche entstanden ist, woher dann die Schwäche? Alles Fragen wie nach der Priorität von Ei oder Henne.
Abgesehen davon, daß wir die Polen, die uns ein Fünftel unseres Landes abgenommen haben, mögen und fast lieben: Ihr irgendwo doch unverdientes Schicksal, an dem Hitler-Deutschland erstrangig beteiligt war, kann uns auch aus Eigennutz nicht gleichgültig lassen.
Zwar ist der, laut chinesischer Spitzmarke, "Polarbär" noch lange nicht soweit, winselnd sein Leben auszuhauchen, wie Caspar Weinberger zu hoffen scheint. Aber ein unruhiges Polen, und an Ruhe ist nun nicht mehr zu denken, bedeutet immer auch Kriegsgefahr für Europa, sogar noch in der Zeit des Atoms.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 52/1981
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