27.09.1982

BERUFEHart an der Grenze

Ein rheinischer Doktor der Philosophie hat eine „Philosophische Praxis“ eröffnet, „wie bei Sokrates“.
Die 61jährige depressive Rentnerin aus Köln-Mauenheim verspürte nach vier Wochen "ein echtes Gefühl der Befreiung", der entlassene Chefarzt eines katholischen Krankenhauses im Niederrheinischen war nach neun Besuchen "wieder fit für einen neuen beruflichen Anfang", und die "vom Leben enttäuschte" 47jährige Rundfunkredakteurin fühlte sich bereits nach zwei "sehr intensiven" Gesprächen wieder als "Frau in den besten Jahren"; für "den talentierten Doktor" empfindet sie seither "große Hochachtung".
Von solcher Verehrung weiß Dr. phil. Gerd Böttcher-Achenbach, 35, zu berichten, der in Bergisch Gladbach bei Köln ein "Institut für philosophische Praxis und Beratung" eröffnet hat, das erste seiner Art in der Bundesrepublik - eine Praxis mit Philosophie, wörtlich "Liebe zur Weisheit", als Heilmethode. In seiner 96-Quadratmeter-Neubauwohnung bietet der Philosoph seit einem Jahr täglich bis zu vier Ratsuchenden "für individuelle Probleme individuelle Lösungen" an, "ganz wie bei Sokrates".
Der berühmte Hellene aus dem fünften Jahrhundert vor Christus ist "das große Vorbild" für Achenbach. Wie einst Sokrates auf den Straßen und Plätzen Athens durch die Kunst ironischen Fragens Scheinwissen aufdecken und Menschen durch richtiges Denken zu vernünftigem Handeln ("Tugend ist Wissen") bringen wollte, so will auch Achenbach bei seinen Besuchern "eingleisiges Denken über Diskussionsweichen auf andere Schienen leiten".
Für 135 Mark die Stunde macht der Philosoph sich an die Arbeit. Eheprobleme von Managern sucht er nach eigenem Bekunden "durch Mitdenken" ebenso zu beheben wie Interessenarmut von Hausfrauen und Kommunikationsschwierigkeiten älterer Mitbürger.
Der Gedanke, Philosophie als Lebenshilfe zu gebrauchen, wie es die Alten taten, kam dem Rheinländer Achenbach während seines Philosophiestudiums an den Universitäten Köln und Gießen. Und nachdem er bei dem Gießener Professor Odo Marquard über "Die Lust und die Notwendigkeit", einem Thema aus der Philosophie Hegels, dissertiert hatte, stand sein Entschluß fest.
Ausschlaggebend für die Praxisgründung war für Achenbach "die Erkenntnis, daß die Philosophie ihre früher einflußreiche Rolle in Staat und Gesellschaft ausgespielt hat und zur Seminarwissenschaft verkümmert ist". Zwar studieren immer noch rund 9000 Studenten im Hauptfach Philosophie, aber die Bedeutung philosophischer Erkenntnis für das alltägliche Leben, so Achenbach, sei abhanden gekommen.
Die Konsequenz war für ihn klar: Die Philosophie müsse "wieder den Schritt ins Leben wagen und die alltäglichen Schwierigkeiten mit erfrischendem Denken meistern".
Daß der "Generalist in Sachen Lebensberatung" (Achenbach über Achenbach) dabei leicht zum Konkurrenten des Psychologen oder gar Psychiaters werden könnte, war ihm wohl bewußt. Nicht jeder mit Problemen Beladene, so seine Maxime, sei seelisch krank.
Dem seelisch Gesunden jedoch könne, zumindest in bestimmten Fällen, besser durch philosophisches Denken geholfen werden. Und "erst wenn ich sehe, daß dies nicht reicht, verweise auch ich meine Besucher zum Psychotherapeuten oder zum Psychiater" - bislang in zwei Fällen. Besucher werden bei ihm denn auch "nicht zum Patienten degradiert", sondern "sind Gesprächspartner". "Ich therapiere nicht und behandle nicht", definiert er seine Praxis der besonderen Art, "ich verhandle."
Verhandlungsgegenstand könne mancherlei sein - "Probleme, die sich über das ganze Leben gelegt haben, Frustrationen, Lebensekel, Überdruß am Dasein, oder die Erfahrung, an einem Problem seit Jahren zu kauen, ohne zu verdauen". Entsprechend verläuft bei ihm die Gesprächsstunde - "frei nach Hegel, mit der Vernünftigkeit des denkenden Herzens" und, nach Wunsch, bei Tee oder Kaffee, aber auf keinen Fall nach festem Plan: "Mein Konzept ist das Konzept der Konzeptlosigkeit."
Da könne es vorkommen, daß er mit einem Ratsuchenden im Dialog "Zusammenhänge und Zielpunkte" zu erfassen versuche, ohne Namen oder Lehre eines Philosophen zu erwähnen. Genauso könne es passieren, "daß mir plötzlich im Gespräch die Philosophie Kants oder Nietzsches oder Schopenhauers oder die von Jaspers zur Hilfe kommt".
Skepsis rufen die Methoden des Gerd Böttcher-Achenbach bei Psychologen und Psychiatern hervor, die den rund 200 000 westdeutschen Seelenkranken bis zu 140 verschiedene Therapien offerieren. Johannes Cremerius, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität Freiburg, sieht die "große Gefahr" der Praxis a la Achenbach darin, "daß der gute Mann sich hart an der Grenze zwischen der Besprechung allgemeiner Lebensprobleme und der Behandlung schwerer psychiatrischer Zustände befindet". Cremerius: "Wenn da was schiefgeht, dann zerren wir ihn vor den Kadi."
Für "vorbehaltlos unterstützenswert" hält "dieses außerordentliche Projekt" dagegen Achenbachs Doktorvater Odo Marquard. Der Professor am "Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft" an der Universität Gießen feiert die "Philosophische Praxis" in Bergisch Gladbach als den "ernsthaften Versuch, den sokratischen Geist wiederzubeleben".
Die Gefahr von Kunstfehlern hält der Professor - "mit einer gewissen Blauäugigkeit in meiner Beurteilung" - nicht für "wesentlich größer als beim Analytiker, vorausgesetzt, der Junge bleibt auf dem Teppich".
Den rollt Achenbach jetzt zumindest weiter aus. Der "missionarische Geist" (Marquard) arbeitet an der Gründung einer "Gesellschaft für Philosophische Praxis", die Kolloquien "in großem Stil" organisieren soll. Und deutschen Fernsehanstalten will er demnächst das Expose einer philosophischen Talk-Show unterbreiten. Titel: "Denkprozesse".

DER SPIEGEL 39/1982
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