08.11.1982

DDRJagdszenen aus Jena

Die oppositionelle Szene im thüringischen Jena ist seit Jahren besonders aktiv. Die Staatsschützer reagieren mit harten Repressalien.
Wunderlich aufgeputzt stand Roland Jahn zwei Stunden lang in Jena am Straßenrand. Das Gesicht links braun, rechts rot geschminkt, über der einen Hälfte eine Hitler-Tolle, auf der anderen ein Stalin-Schnäuzer - so ließ der Transportarbeiter am 1. Mai die Parade der Werktätigen an sich vorbeimarschieren.
Die Staatssicherheit (Stasi), die den jungen Mann schon lange auf dem Kieker hat, ließ den makabren Ulk des Tyrannen-Darstellers zunächst ungesühnt. Vier Monate später brachte sie ihn dann doch ins Loch: Jahn war Ende August mit einer weißroten Polen-Flagge am Fahrrad durch Jena geradelt. Doppeldeutige Parole auf dem Stander: "Solidarität mit dem polnischen Volk."
Erfolge im Kampf gegen staatsfeindliche Elemente hat die Jenaer Stasi bitter nötig: Seit Jahren schon werden die Behörden der thüringischen Stadt von einer Szene rebellischer Jugendlicher genervt, die in Wohnungen, Kneipen oder Kirchensälen über Demokratie und Sozialismus, Ökologie und Frieden debattieren. Und es dabei nicht belassen.
Wegen angeblich staatsfeindlicher Kontakte wurde am 10. April vorigen Jahres der Jenaer Matthias Domaschk, 24, auf dem Bahnhof Jüterbog aus einem Zug nach Berlin herausgeholt und in U-Haft nach Gera gebracht. Die überlebte er nicht, Stasi-Version: Er habe sich an seinem Oberhemd erhängt.
Ein Jahr später stellte der Bildhauer Michael Blumhagen auf dem alten Stadtfriedhof eigenmächtig eine steinerne Statue zum Gedenken an Domaschk auf. Vier Mann hoch rückten Ordnungshüter in einem schwarzen Lada an und nahmen die Skulptur in Gewahrsam.
Wenig später auch deren Schöpfer: Blumhagen erhielt überraschend eine Einberufung zu Übungen in der Volksarmee, verweigerte und wurde vom Erfurter Militärgericht zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt.
Jahn versuchte, dem Freund beizustehen. Vergeblich: Die Behörden ließen Blumhagens Bauernhaus bei Jena, gelegentlicher Treffpunkt junger Leute, wegen "Baufälligkeit" abreißen; Jahn geriet selbst unter Druck. Den Staatsschützern war er längst ein Begriff.
Der Student der Wirtschaftswissenschaften hatte sich 1976 mit dem ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann solidarisiert, wurde von der Jenaer Uni exmatrikuliert und durfte sich dann als Hilfsarbeiter bewähren. Als dem Sympathisanten der polnischen Solidarnosc beim VEB Carl Zeiss der Lohn von 900 auf 700 Mark gekürzt wurde, ging Jahn vor Gericht: Den Richtern schenkte er ein Arbeitsgesetzbuch - eingewickelt in Weihnachtspapier.
Die Radrundfahrt am 31. August durch Jena schließlich war zuviel. Jahn wurde tags darauf in U-Haft genommen, die Zeiss-Werke entließen ihn fristlos, die Behörden erkannten ihm den Anspruch auf Wohnraum ab - Jagdszenen aus Jena.
Rastlos müht sich die Stasi, den Sumpf trockenzulegen. Wenige Tage nach Jahns Festnahme durchsuchte sie mehrere Wohnungen und forschte nach Beweisstücken für West-Kontakte: Photos vom Abriß des Blumhagen-Hauses und der Beschlagnahme seiner Skulptur waren S.67 in die Bundesrepublik gelangt (SPIEGEL 26/1982).
Von Jahn erfahren die Vernehmer nichts: Er verweigert jede Aussage. Die Stasi versucht, seine Verlobte Beate Sonntag zum Reden zu bringen - ihr wurde ein Räumungsbefehl für die gemeinsame Vierzimmerwohnung angekündigt. Besuche darf Jahn in seiner Zelle nicht empfangen, Post und Lebensmittelpakete werden ihm nicht ausgehändigt. Seine Freunde: "Er ist völlig isoliert."
Deshalb ist der U-Häftling in einen unbefristeten Hungerstreik getreten - letztes Mittel des Protests. Doch davon haben sich die DDR-Behörden bisher nie beeindrucken lassen.
Im August 1981 wollten fast zwei Drittel der Belegschaft des Cottbuser Gefängnisses mit einem Hungerstreik gegen die Haftbedingungen demonstrieren. Der Widerstand wurde mit Gewalt gebrochen: Aufseher stürmten den Speisesaal und trieben die Häftlinge mit vorgehaltenem Gewehr zur Arbeit.
Wer im Knast nur wenige Tage hungerstreikt, wird von den Wärtern, so berichten Ex-Gefangene aus DDR-Gefängissen, einfach nicht beachtet. Nur diejenigen, die länger als vier oder fünf Tage nichts gegessen haben, kommen in ein Haftkrankenhaus. Dort versucht es das Personal meist mit Drohungen, Verwandte müssen den Häftling zur Aufgabe überreden.
Während Jahn einsitzt, verschärfen die Jenaer Behörden ihre Repressalien, Jugendliche wurden verhört und mußten sich in Zusatzprotokollen zum Stillschweigen verpflichten. Der Feldzug zeitigt allmählich Erfolge: Viele Oppositionelle wurden nach Westen abgeschoben, mit seiner Ausbürgerungsquote hält Jena in der DDR mittlerweile die Spitze.

DER SPIEGEL 45/1982
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