07.12.1981

Betr.: Presserat

Datum: 7. Dezember 1981 Betr.: Presserat
Nun schon fast ein Fünftel seiner 36 Berufsjahre in der Presse habe er auch im Deutschen Presserat abgesessen, rechnet SPIEGEL-Verlagsdirektor Hans Detlev Becker vor. Er weiss es ganz genau: Es sind 20,21 Prozent seiner 34,62 SPIEGEL-Dienstjahre (bis 1961 war er einer der beiden wichtigsten Redakteure, seitdem ist er einer von zwei Geschäftsführern).
Derzeit ist er Vorsitzender ("Sprecher") jenes Presserats, der eben jetzt, zum Zeitpunkt seines 25jährigen Bestehens, Auflösungs-Erscheinungen zeigt ("Zahnloser Tiger", Seite 102). Der akute Streit wurde durch die Begründung ausgelöst, mit der es das Kölner Strassenblatt "Express" ablehnte, eine ihm vom Presserat erteilte Rüge zu veröffentlichen.
Der SPIEGEL hat die einzige Rüge, die ihm der Presserat je verpasste, getreulich abgedruckt (32/1977, "Rückspiegel"). Missbilligt wurde am Titelbild "Die verkauften Lolitas" (SPIEGEL 22/1977), dass "ein Kind in derart plakativer Form als Sexualobjekt abgebildet wird. Bei der Beratung hat der Beschwerde-Ausschuss nicht verkannt, dass der Artikel, auf den das Titelbild hinweist, eine jugendschützende Tendenz hat". Ausschussmitglied Becker, wie sich von selbst versteht, hat weder mitberaten noch mitgestimmt.
Gegen das Instrument der "Rüge" hat Becker sich wegen der "pönalen Arroganz dieses Begriffs" im Presserat lange gewehrt und als Federführer eines Reform-Ausschusses vorübergehend auch erreicht, dass sich der Presserat darauf beschränkte, bei begründeten Beschwerden "Massnahmen vorschlagen oder Missbilligungen aussprechen" zu können. Vor allem Gewerkschafter im Presserat wollten es anders und verankerten die "Rüge" wieder in der Beschwerdeordnung.
Becker, Gründungs-Exekutor der vom Hamburger Senat in die Wege geleiteten "Medientage", äussert sich über die journalistische Arbeit des SPIEGEL selten, aber dann bissig. Für einen Presserat mit Leser- und Öffentlichkeitsvertretern, wie neuerdings wieder hervorgekramt, hat er das ihm passende, auf DDR-Niveau anspielende Kennwort schon parat: "Volkskontrolle der Presse".
Becker beharrt, mit Mißbilligungen würde sich der Presserat bei den Redaktionen besser verständlich machen als mit "Rügen". Grund: Die ganz überwiegende Zahl der Beschwerden müsse nach den Richtlinien des Presserats ohnehin abgelehnt werden.

DER SPIEGEL 50/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Betr.: Presserat

  • Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert
  • London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick
  • Filmstarts: "Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!"