08.11.1982

Von Fortsetzung verfolgt

„Das Ding aus einer anderen Welt“. Spielfilm von John Carpenter. USA 1982. 108 Minuten; Farbe. „Halloween II“. Spielfilm von Rick Rosenthal. USA 1981. 92 Minuten; Farbe.
Unter den Filmern Hollywoods ähnelt John Carpenter dem Besitzer einer besonders gruseligen Geisterbahn, in der sich dem Besucher aus immer neuen Schreckenskammern immer neue Schreckensgespenster böse grinsend und zähneklappernd in den Weg stellen.
Leider lagen die stärksten Attraktionen der Geisterfahrt durch Carpenters Kino des Entsetzens am Anfang des Horrortrips, weil der Regisseur bei seinen ersten Unternehmungen auch die geheimen Ängste, von denen sich die Zeitgenossen heimgesucht fühlen, sicher aufspürte.
"Assault", ein auf den Spuren von Howard Hawks gedrehter, in den Slum einer Großstadt verlegter Western, beschwor die krude Unwirtlichkeit der Großstädte, in denen die Outcasts zum Entsetzen des Bürgers nichts mehr zu verlieren haben.
"Halloween", eine scheinbare Idylle aus dem schnieken, puppenheimartigen Amerika der Suburbs, ließ taufrische Schulmädchen einem schnaufenden Irren in die Hände fallen.
Mit "Fog" und "Die Klapperschlange" entglitt dem Regisseur die Realität, er verstrickte sich ins Seemannsgarn einer Piraten- und Geistergeschichte oder landete - trotz seines kühnen Blicks in ein total verslumtes künftiges New York - in Allmachtsphantasien vom einsamen, aber unschlagbaren Kinohelden.
Den ließ er von Kurt Russell darstellen, und Kurt Russell ist es auch, der sein struppiges Gesicht, in dem sich etwa soviel abspielt wie in der Sahara nach Mitternacht, in dem neuesten Carpenter-Film hinhält, dem "Ding aus einer anderen Welt".
"Das Ding aus einer anderen Welt", ein Remake des SF-Films "The Thing" von Christian Nyby (1951), basiert auf der Novelle "Who goes there" von John W. Campell. Als ob die Erde nicht genug realen Schrecken böte (von Blacky Fuchsberger bis zum bedrohten Weltfrieden, vom sauren Regen bis zu Norbert Blüm), kommt das Grauen im "Ding" aus dem All.
In der Antarktis erreicht es durch einen Wolfshund als heimtückisch ansteckende Krankheit eine US-Polarstation: Vor langer, langer Zeit war da ein Raumschiff gelandet mit einer biologisch besonders rabiaten Spezies, die im ewigen Eis überwintern konnte und nun, in Hund und Menschen, zu neuem furchtbaren Leben erwacht.
Explosionsartig überfällt es die Männer auf der Forschungs-Station: Zuerst merkt man (ähnlich wie bei Herpes oder Grippe) nichts, dann platzt das Fleisch und deformiert sich in immer neuen grausigen Metamorphosen; das Innerste des Menschen kehrt sich als blutige Schlachtplatte nach außen, wirft Fangarme wie ein Seeungeheuer aus oder verleiht einem berstenden Haupt, aus dem Hirn und Auge quellen, Spinnenbeine.
Die Effekte, mit denen das geschieht, sind in der Tat unerhört. Die Masken-Bildner, die inzwischen offenbar auf den Schlachthöfen in die Lehre gehen, leisten Unglaubliches.
Doch irgendwie rächt sich das Sichtbarmachen des Unvorstellbaren. Sosehr man das blutrünstige Schauspiel der verrückt spielenden blutigen Innereien bewundert - richtig zusammengezuckt bin ich nur, als sich die Männer zur Blutentnahme mit dem Messer den Daumen aufschnitten. Hier hatte der Schrecken meine bescheidenen Vorstellungsverhältnisse wieder eingeholt.
Natürlich bleibt Carpenters perfektes Gefühl für das Timing des Schreckens; es bleibt die Skizzierung eines kollektiven Kollers auf einer einsamen Polarstation, der trotz Videospielen und Kassettenrecordern auch ohne außerirdische Lebenskraft ausbrechen könnte. Und es bleibt vor allem der dem Film unterlegte trotzige Heroismus, mit dem sich die Männer schließlich, weil sie nicht wissen, ob sie angesteckt sind oder nicht, für nichts Geringeres als "die Menschheit" opfern.
Ein solch idealistischer Amoklauf im ewigen Eis hat alle Symptome des bedrohlichen Irrsinns. Der unheimliche Feind wird ausgebrannt, egal, einen wie engen Freund er befallen hat. So wirkt das "Ding" auch als hygienische Zwangsvorstellung, die in einen mörderischen Säuberungswahn umkippt. Dem "Ding" geht man zu Leibe, wie einst die frommen Christen den heidnischen Indios.
Bei einer weiteren Zwangsvorstellung, bei "Halloween II", hat Carpenter nur das Drehbuch geschrieben und den Produzenten gespielt. Leider merkt man, daß Regisseur Rick Rosenthal auf der von Carpenter perfekt beherrschten Tastatur des Schreckens nur klimpern kann.
Mit schummeriger Dunkelheit, gruselig dumpfer Musik und hell kreischenden Mädchen ist es nicht getan.
Vielleicht aber ist die Handlung von "Halloween II" auch deshalb zu öde, weil der Sexualmörder aus "Halloween" auf einmal unverwundbar wie der gehörnte Siegfried ist: Kugeln können ihm nichts anhaben. Und weil der Film die Leichen nur wie ein gut funktionierender Taschenrechner addiert - bis man das Mitzählen aufgibt.
Das empfindliche Gleichgewicht, das im ersten "Halloween" zwischen dem frischgemähten Vorstadtfrieden und der unsichtbar fauchenden Mordlust aufgebaut war, wird hier jedenfalls grob zertrümmert. "Halloween II" ist das übliche Fortsetzungs-Desaster, eine Ketchup-Oper wie hundert andere.
Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 45/1982
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