15.11.1982

TERRORISTENKnarren im Wald

Mit der Verhaftung der RAF-Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz gelang den Fahndern nach langer Zeit ein Coup.
In der Nähe des Örtchens Heusenstamm, südlich von Frankfurt, war vor lauter Polizisten der Wald kaum zu sehen. Getarnt als Spaziergänger, patrouillierten Antiterror-Spezialisten von der GSG 9 und Beamte des hessischen Mobilen Einsatzkommandos durch den Forst. Sie observierten rund um die Uhr die Stelle, wo Ende Oktober eine Plastikkiste entdeckt worden war.
Donnerstag vergangener Woche, gegen 15 Uhr, war es soweit. Zwei Frauen mit einer wasserfest verpackten Maschinenpistole näherten sich dem Kistenversteck. Sie wurden so schnell überwältigt, daß sie ihre Colts nicht mehr ziehen konnten.
Herbert Tolksdorf, Vizepräsident des Bundeskriminalamts (BKA), griff weit zurück, um den Augenblick zu umschreiben: "Man kennt das ja aus dem Krieg. Wenn man plötzlich in die Mündungen mehrerer Knarren blickt, macht man nicht mehr viel."
Operation "Eichhörnchen" hatte Erfolg: Festgenommen waren in diesem Moment Brigitte Mohnhaupt, 33, und Adelheid Schulz, 27, seit langem steckbrieflich gesucht: Führungskräfte der "Roten Armee Fraktion" (RAF), die an mehreren Terrortaten beteiligt gewesen sein sollen, so an Entführung und Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer.
Die Kiste, die den beiden zum Verhängnis wurde, war nicht der einzige Fund der Kriminalisten. Bundesanwaltschaft: "Nach dem ersten Erdloch sind wir durch eigene Recherchen auf weitere gestoßen." Was dort zutage kam, ließ BKA-Männern "die Augen übergehen".
Da waren Waffen verstaut, massenhaft Geldscheine, Autokennzeichen und falsche Pässe. In den Ausweisen fanden sich Photos jener RAF-Prominenz, die das BKA seit Jahren vergeblich jagt: Christian Klar, Inge Viett, Henning Beer und andere.
Der Fang in Hessen mit anschließender Festnahme einiger als Randfiguren Verdächtigter bestätigt die seit längerem erkennbare Schwundtendenz der westdeutschen Guerillaszene, die Mitte der siebziger Jahre mit spektakulären Mord- und Entführungsfällen den, wie sie verkündete, "Krieg in den Metropolen" eröffnet hatte. Das Jahr 1977 brachte die Eskalation mit den Morden an Generalbundesanwalt Buback, Bankier Ponto, Arbeitgeberpräsident Schleyer und vielen ihrer Sicherungsbegleiter - das bestimmte eine Zeitlang das politische Klima in der Bundesrepublik.
Doch vom einstigen Zuschnitt der RAF ist wenig geblieben. Die Fahndungsprognosen des Bundeskriminalamts - der damalige BKA-Chef Horst Herold nach dem Buback-Mord: "Wir fassen sie alle" - erfüllten sich nach und nach. Was einst als "harter Kern" gejagt wurde, ist mittlerweile
* im Gefängnis gestorben, wie Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader,
* abgeurteilt, wie Karl-Heinz Dellwo, Knut Folkerts, Günter Sonnenberg oder letzte Woche erst Rolf Heißler,
* abgetaucht und zur Guerilla auf Distanz gegangen, wie Hans-Joachim Klein oder Susanne Albrecht,
* bei der Festnahme erschossen, wie Willy Peter Stoll oder Elisabeth von Dyck.
Noch rund 20 Personen zählt die Liste der vorrangig gesuchten RAF-Verdächtigen - ein personell und wahrscheinlich auch qualitativ ausgedünntes Restcorps, nach der Verhaftung von Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz gruppiert um die noch flüchtigen Christian Klar und Inge Viett.
Für die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe markierten die Polizeifunde der vergangenen Woche einen "beachtlichen Einbruch in die Logistik der RAF". Sichergestellt wurden Sprengstoff, Handgranaten, 18 Schußwaffen, darunter die Tatwaffen der Ponto- und Schleyer-Mörder.
Aufgefunden wurden nicht weniger als 353 gefälschte Ausweise mit aktuellen Photos nahezu aller meistgesuchten RAF-Leute, US-Militärausweise, reichlich Kraftfahrzeugdokumente, Aufzeichnungen über Gefängnisse, Polizeistellen, einzelne Kriminalbeamte und Politiker sowie über Einrichtungen Israels und der USA in der Bundesrepublik.
Außerdem fanden sich noch 54 000 Mark, die Mitte September bei einem S.133 Banküberfall in Bochum von "drei Blondinen" (Zeugenangabe) geraubt worden waren. Der Raubzug signalisierte, daß die RAF, die sich unter dem Fahndungsdruck für längere Perioden ins Ausland abgesetzt hatte, wieder in der Bundesrepublik operierte.
Mit Halstüchern vor dem Gesicht hatten die Frauen am Morgen eine Sparkasse betreten. Während zwei Täterinnen in der Kassenbox über 100 000 Mark einsackten, kontrollierte die dritte, möglicherweise Adelheid Schulz, den Ablauf mit einer Stoppuhr. Schließlich rief sie: "Schluß, fünf Minuten sind um, wir hauen ab."
Die drei flüchteten in einem Pkw Audi 100, ein junger Mann steuerte den Wagen - wahrscheinlich Christian Klar, von dem später eine Fingerspur gesichert wurde.
Klar-Freundin Adelheid Schulz ist eine jener RAF-Verdächtigen, die den Fahndern immer wieder entkommen konnten. Spektakulär war eine Fahndungspanne im Odenwald, als sie mit Christian Klar Hubschrauberflüge über der Bundesrepublik absolvierte und dabei von BKA-Leuten zwar photographiert, aber nicht verhaftet wurde.
Eine andere Panne versuchte der damalige Bundesinnenminister Gerhart Baum lange Zeit unter der Decke zu halten. Hamburgs Landesamt für Verfassungsschutz hatte Anfang 1980 mehrere konspirative Wohnungen der RAF abgehört und war dabei in die Szene geraten, in der Christian Klar und Adelheid Schulz verkehrten.
Die beiden wurden fortan nah beschattet. Als sie im Intercity reisten, saß der Hamburger Verfassungsschutz mit im Speisewagen und photographierte aus einer Aktentasche heraus Adelheid Schulz, wie sie mit einem Sektglas ihrem Begleiter Klar zuprostete.
Das Bundeskriminalamt war die ganze Zeit über die näheren Umstände im unklaren gelassen, der Generalbundesanwalt erst mit Verzögerung unterrichtet worden. Die Folge des langen Zuwartens: Eines Tages war das Pärchen Schulz/Klar weg.
Schulz-Gefährtin Brigitte Mohnhaupt, ehedem Studentin der Geschichte und der Publizistik in München, lebte seit Anfang der siebziger Jahre im Untergrund, erst in München, dann als Führungsfigur der RAF in Berlin und Hamburg.
1974 wurde sie vom West-Berliner Landgericht wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Ihr Name stand mit auf der Gefangenen-Befreiungsliste jenes "Kommandos Holger Meins", das 1975 die Deutsche Botschaft in Stockholm überfiel.
Während ihrer Haft trat sie 1976 als Zeugin der Verteidigung im RAF-Prozeß in Stuttgart-Stammheim auf und berichtete freimütig über Taktik und Strategie der Baaders und Ensslins in ihrer Anfangsphase.
Sprengstoffanschläge auf die US-Hauptquartiere in Frankfurt und Heidelberg waren Gewalttaten, zu denen sie sich später ausdrücklich bekannte: "Wir sind alle verantwortlich ... für die Angriffe auf die Headquarters."
Als Zellengenossin von Gudrun Ensslin in Stuttgart-Stammheim übernahm Brigitte Mohnhaupt offenkundig alle konspirativen Kenntnisse über Verstecke, Helfer und internationale Verbindungen der RAF. Im Februar 1976 entlassen, suchte sie Kontakt zu den Kadern des RAF-Anwalts Siegfried Haag, der mit Freunden Attentate plante und auch "Big Raushole" vorbereitete, den großen Befreiungsschlag für die inhaftierte RAF-Spitze.
In Jugoslawien, so vermuten Fahnder, baute Brigitte Mohnhaupt später jene logistischen Kontakte zwischen der radikalen Palästinenser-Organisation PFLP und der RAF auf, die ganze Serien von Attentaten in der Bundesrepublik erst ermöglichten.
Als Brigitte Mohnhaupt und Genossen 1978 aufgrund von Hinweisen des Bundeskriminalamts in Zagreb verhaftet worden waren, kamen sie auf Druck der palästinensischen PFLP hin mit jemenitischen Pässen frei. In Aden lebte die vom BKA als "Regisseurin der RAF" bezeichnete Gesuchte im Haus der PFLP-Residenten. BKA-Agenten photographierten sie dort, sicherten sogar ein Sektglas mit ihren Fingerabdrücken nach einer Party.
BKA-Auswerter vermuten, daß RAF-Mitglieder von PFLP-Dependancen in Jugoslawien aus logistische Stützpunkte in Wien und im Raum Salzburg aufgebaut hatten und daß Brigitte Mohnhaupt auch dort die Fäden zog.
Ein in Darmstadt gestohlenes "Honda"-Motorrad vom Typ "XL 500 Enduro", das nach einem Anschlag in Ramstein zurückgelassen wurde, und ein in Gießen gestohlener hellgrüner Audi, der im September 1981 nach dem Raketenanschlag auf den US-General Kroesen in Heidelberg herrenlos parkte, zeigten Reste eines österreichischen Zulassungszeichens. Am hinteren Kennzeichen des Audi wurde ein Fingerabdruck der Brigitte Mohnhaupt gesichtet.
Das Bundeskriminalamt hat Informationen, wonach Brigitte Mohnhaupt das Raketengeschoß über den Libanon, im Gepäck eines arabischen Diplomaten, in die Bundesrepublik eingeschleust haben soll.
Der Kroesen-Anschlag war der bislang letzte spektakuläre Versuch der RAF, durch eine Gewalttat auf sich aufmerksam zu machen. Fahndern wie Kennern des Milieus aber war damals schon klar, daß der in der linken Szene politisch längst isolierten Terrorgruppe auch die kriminelle Kraft ausging. Die RAF-Reste waren zunehmend mit sich selbst beschäftigt.
Ihre Schwäche lag in der Struktur einer sogar ihrer personellen Zusammensetzung nach bekannten Organisation im Untergrund. Wo nicht nur Waffen, Pässe und Geld, sondern auch alle Schlafplätze, Tarnutensilien und Marketenderwaren mit konspirativem Aufwand beschafft werden mußten, waren Großaktionen a la Schleyer, die einen breiten logistischen Unterbau erfordern, angesichts der ständig verbesserten, höchst effektiven Fahndungstechniken des BKA am Ende so gut wie ausgeschlossen.
Die letzten RAF-Strategiepapiere - Mitautorin war die inzwischen inhaftierte Adelheid Schulz - enthielten beinahe flehentlich formulierte Appelle nach Unterstützung. Schließlich mißlang auch der Versuch, sich mit den konkurrierenden "Revolutionären Zellen" ("RZ") zusammenzuschließen.
Die aus der Legalität heraus operierenden und den Fahndern deshalb weitgehend unbekannt gebliebenen Zellen, jahrelang als "Feierabendterroristen" verharmlost, verweigerten die Kooperation mit der RAF, weil sie in der für sie überholten Struktur einer Untergrundorganisation ausschließlich erhöhte Fahndungsrisiken sehen. Selbstbewußte "RZ"-ler verspotteten ihre RAF-Kumpanen gelegentlich schon als "Opas Guerilla".
Über die Abfuhr, die sie sich bei den Annäherungsversuchen an die "Legalen" einhandelte, machte sich am Ende die "Rote Armee Fraktion" auch selber keine Illusionen mehr. "Tatsache ist", so heißt es im letzten Strategiepapier, "daß dabei nur rauskommt, daß die einfachsten nächsten Schritte nicht gemacht werden."

DER SPIEGEL 46/1982
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