15.11.1982

Sowjet-Union - von Breschnew zu Andropow

18 Jahre lang hatte Leonid Breschnew die Kommunistische Partei der Sowjet-Union geführt. Er hatte das starre, ineffektive Wirtschaftssystem mit Hilfe des Westens behutsam reformieren wollen - und war dabei gescheitert. Nachfolger Andropow, langjähriger Geheimpolizeichef und Vertreter der Breschnew-Linie, steht nun vor der Aufgabe, das marode Reich auf den richtigen Weg zu steuern - Reform oder Repression?

Das Sowjetvolk sah ihn zum letzten Mal am vorletzten Sonntag bei der Revolutionsparade auf dem Roten Platz. Zwei Stunden mußte der sterbenskranke Greis im scharfen Wind bei null Grad auf dem Lenin-Mausoleum nahe jener Stelle stehen, wo er nun für immer ruht.

Mit starren Handbewegungen winkte er den Moskauer Demonstranten zu, deren breite Marschsäulen erstmals durch quergestellte Postenketten zerteilt und beobachtet wurden, um Zwischenfälle zu verhindern. Mit Gesten des Unverständnisses und sichtlich noch müder als üblich ließ der Gehuldigte die Jubelkinder vor sich treten.

Seine letzten öffentlichen Worte am selben Abend im Kreml-Palast: Er wünschte Glück jeder Sowjetfamilie, Frieden auf Erden und "Gesundheit allen Anwesenden in diesem Saal".

Bis ans Ende seines langen Sterbens begleiteten ihn die Bürden der Sowjetmacht. Die schlimme Nachricht vom Tod Hunderter Rotarmisten im Salang-Tunnel in Afghanistan muß er noch empfangen haben. Eine gute Nachricht hörte er nicht mehr: Das amerikanische Landwirtschaftsministerium schätzte die sowjetische Getreideernte 1982 zwanzig Millionen Tonnen höher ein als nach ersten Katastrophenmeldungen erwartet.

Ein unerwarteter Triumph der Sowjetmacht hingegen ereignete sich zu seiner Todesstunde: Polens Proletariat versagte sich dem Streikaufruf aus dem Untergrund und blieb am Mittwochmorgen arbeitsam in den Fabriken, so daß die Führung es sich leisten konnte, die Entlassung des internierten Arbeiterführers Walesa anzukündigen.

Um 8.30 Uhr jenes zehnten November 1982 starb im Schlaf an "plötzlichem Herzstillstand" Leonid Iljitsch Breschnew, 75, Generalsekretär des ZK der KPdSU, Staatsoberhaupt der UdSSR, Marschall der S.139 Sowjet-Union, der Mann, der Rußland zur Weltmacht führte - ebenbürtig den USA, dank einer Armee, die ein Stimulans für das unsichere Selbstbewußtsein seines Volkes, aber eine schwere Last für dessen täglich Brot wurde und Schrecken aller Anrainer von den Arbeitern in Warschau bis zu den Moslems in Kabul.

Automatisch gingen im ganzen sowjetischen Machtbereich die Fahnen vor den Dienstgebäuden auf halbmast, äußerten die Funktionäre in der byzantinischen Unterwürfigkeit des kommunistischen Protokolls ihren unendlichen Schmerz. "Revolutionären Optimismus" habe der Dahingeschiedene zu Lebzeiten verbreitet, hieß es in der DDR, in die Breschnew viermal gereist war, und optimistisch hatte er neben den überwiegend griesgrämigen Genossen immer gewirkt.

Im Westen stieg der Dollarkurs auf den höchsten Stand seit 1976, führende Regierungschefs rühmten die historische Bedeutung Breschnews - keiner hatte ihn persönlich kennengelernt, nicht US-Präsident Reagan, nicht Frankreichs Mitterrand und auch nicht Englands Margaret Thatcher. Der Verstorbene stammte noch aus der Zeit von Johnson, Erhard und de Gaulle: 18 Jahre war er an der Macht.

"Er wollte die Welt, aber er wollte keinen Krieg", lobte ihn Ex-Präsident Nixon. Nixons Ex-Außenminister Kissinger fand ihn "sehr machtbewußt".

Symbolträchtig war am Mittwochabend ein Galakonzert der Sowjetpolizei im Moskauer Fernsehen abgesagt und durch Beethoven ersetzt worden: 26 Stunden lang hielten die Medien der Sowjet-Union die Todesmeldung zurück, derweil die Führungsspitze in einem Gästehaus auf den Lenin-Bergen beriet und die Moskauer Innenstadt abgesperrt wurde wie immer bei einem Tod des Parteichefs - als ob Putsch oder gar Revolution zu befürchten wären.

Und etwas Unerhörtes, nie Dagewesenes geschah dann auch: Nur 48 Stunden nach Breschnews Tod, der alte Generalsekretär war gerade erst in der Säulenhalle des Moskauer Gewerkschaftshauses am Karl-Marx-Prospekt aufgebahrt, die Beerdigung erst auf drei Tage später angesetzt, da stand schon der neue Generalsekretär fest: Jurij Wladimirowitsch Andropow, 68, fast 15 Jahre lang Chef des Geheimdienstes KGB, gerade im Mai 1982 von diesem Amt entbunden und zum ZK-Sekretär aufgestiegen.

Was aber in früheren Zeiten die Welt das Gruseln gelehrt hätte - daß ein Geheimdienstler, Nachfolger so blutiger Figuren wie Jeschow und Berija - mächtigster Mann im Sowjetreich wurde, wirkte wie eine Erleichterung: Andropow ist kein Gulag-Polizist, sondern nach sowjetischen Maßstäben ein Reformer, der für etwas zu bürgen scheint, was bei Machtwechseln in Weststaaten nicht immer gesichert ist: Kontinuität.

So konnte denn das schwer bewegliche, nach unwandelbaren Grundsätzen und geheiligtem rituellen Formelzwang regierte Sowjetreich beim Tode Breschnews seinen schwersten institutionellen Mangel überwunden haben: die ewig ungelöste Nachfolgefrage.

"Der König ist tot, es lebe der König", diese monarchistische Erb-Automatik hatten Lenins Erben nie aufkommen lassen - zu kompliziert sind Machtgerangel und Ausleseprozeß an der Spitze dieser gewaltigen Diktatur, die nichts weniger als monolithisch ist.

Alles ist geregelt in der UdSSR - wieviel Schrauben gedreht werden und wieviel Studenten diplomiert werden, was das Grammophon zur Trauung beim Standesbeamten spielt und wieviel Promille über 99 Prozent der Wähler dem Abgeordneten aus Omsk ihre Stimme geben.

All das ist irgendwo - in Plänen oder Dekreten, einer Dienstanweisung oder einem geheimen Rundschreiben - schwarz auf weiß festgehalten und wohl geordnet. Nur eins ist nicht geregelt: die Nachfolge eines Parteichefs - des Generalsekretärs der 17 Millionen Kommunisten, die das Schicksal von 270 Millionen Sowjetbürgern bestimmen.

Kein Parteistatut, keine Verfassung und auch keine interne Verfahrensordnung sieht vor, wer aufrückt, wenn das oberste Amt in der Staatspartei der UdSSR vakant wird.

Kraft Gewohnheitsrecht muß er aus den Reihen des Politbüros kommen und, kraft Satzung immerhin, vom Zentralkomitee bestätigt werden. Bis dahin kämpft jeder Anwärter gegen jeden Konkurrenten in der Führungsspitze um den Posten Nummer 1.

Bis ein neuer erster Mann über alle Vollmachten verfügte, das hatte bisher im Sowjet-Land jedesmal fünf Jahre gedauert. Von Lenins erstem Schlaganfall Ende 1922 bis zum Parteiausschluß aller prominenten Stalin-Feinde 1927, von Stalins Tod 1953 bis zur Übernahme auch des Ministerpräsidenten-Amts durch Parteichef Chruschtschow 1958, von Chruschtschows Sturz 1964 bis 1969, als seine Machtfülle Breschnew die mit seinem Namen verbundene Entspannungspolitik erlaubte.

Wer zum Vorsitzenden des Beisetzungskomitees für den teuren Verstorbenen ernannt wird, soviel wußte man, hatte einen wichtigen Platzvorteil gewonnen - Stalin war es beim Lenin-Begräbnis, ihm gelang es, seinen Gegenspieler Trotzki sogar von den Trauerfeierlichkeiten ganz fernzuhalten, was jener im Machtkampf um die Nachfolge nie mehr aufholen konnte. Dem Trauerkomitee für Stalin saß Chruschtschow vor.

So war offenbar die Entscheidung schon gefallen, als am Donnerstag der ZK-Sekretär Andropow Vorsitzender des Beisetzungskomitees für Breschnew wurde. Aber außer den Eingeweihten wußte niemand, daß die 309 Mitglieder des ZK, erst für diesen Montag routinemäßig einberufen, auf die Todesnachricht S.141 hin schon früher bestellt worden waren.

Der Breschnew-Favorit ZK-Sekretär Tschernenko, den Kremlastrologen neben Andropow und dem Verteidigungsminister Ustinow als wahrscheinlichsten Nachfolger ausgeguckt hatten, schlug dem Plenum den Genossen Andropow vor - das sah nach einem sorgfältig verabredeten Arrangement aus.

Denn unter den Gründen für die Wahl des Konkurrenten Andropow nannte Tschernenko nicht nur, wie üblich, daß der Kandidat "als selbstloser Kommunist" bekannt sei, sondern auch, daß er Breschnews Führungsstil, Breschnews Sorge um die Interessen des Volkes und Breschnews Einstellung zu den Kadern gut fortführen könne.

Und ganz wie der späte Breschnew, offenkundig schwerstens irritiert durch die weltpolitische Aggressivität Ronald Reagans, sagte der Neue dem ZK unmittelbar nach seiner Wahl: "Wir wissen genau, daß die Imperialisten Friedensangebote niemals annehmen." Aber er bekräftigte doch auch, "die leninistische Innen- und Außenpolitik L. J. Breschnews fortzusetzen" - ein Mann der Breschnew-Linie, bislang jedenfalls (siehe Seite 140).

Die Moskauer Bürger befiel bei der Nachricht vom Tod des alten Chefs und der so schnell darauf vollzogenen Wahl des Neuen keine Bestürzung, auch kein Aufatmen war zu spüren wie bei Stalins Tod 1953; niemand weinte, niemand jubelte, sie zeigten Gelassenheit, für Russen, die so gern ihre Gefühle äußern, schiere Lethargie. Denn populär war Breschnew nie gewesen, kein noch so übertriebener Personenkult konnte Begeisterung für ihn wecken. Seine Hinfälligkeit in den letzten Jahren war fast symbolhaft für den Zustand des Reiches, die Apathie des Volkes.

In der letzten Zeit lief der Witz um, daß Breschnew, nachts durch Hämmern S.144 an der Kremltür geweckt, zum Tor getappt sei. Er habe dann seine Brille aufgesetzt, einen Zettel aus der Tasche seines Bademantels gezogen und vorgelesen: "Wer ist da?"

Politisch mangels jedweder Möglichkeit einer Mitgestaltung längst uninteressiert, beinahe gleichgültig, stellten Hauptstädter jetzt die Frage, die viel brennender offenbar die Außenwelt bewegt: was ihnen nun widerfahre.

Was wird aus Rußland auf seinem riskanten Weg, der dem Marschall Breschnew schon zu Lebzeiten Denkmäler bescherte, zwischen Stalinismus und Fortschritt zu einem modernen Gemeinwesen? Was wird kommen - Reform oder Terror, Frieden oder Krieg?

Trotz aller Siege, die zugleich auch Niederlagen des Kommunismus waren, trotz Prag, Kabul und Danzig, Solschenizyn und Sacharow, Rüstungsstolz und Wirtschaftselend war die Ära Breschnew für die Sowjetbürger wie für den Westen eine Periode der Stabilität, des Beharrens auf dem erreichten Status quo - eine Zeit der Ruhe. "Möge er lange leben", wünschte Volkes Stimme, "wer weiß, was nach ihm kommt."

Das erste Jahrzehnt seiner Regentschaft, bis zum Gipfel von Helsinki 1975, war sogar die bisher glücklichste Dekade in der Sowjetgeschichte: Der Frieden blieb erhalten, auch wenn sich das System etwa gegenüber dem Prager Frühling nur hielt, indem es zu einer imperialistischen Doktrin Zuflucht nahm, die den Namen Breschnews trägt, und das vorgebliche Vaterland der Werktätigen in den Augen seiner Freunde auf Zeit so schwer diskreditierte wie seit Stalin nicht.

Jahr für Jahr war es den Sowjetbürgern zunächst ein bißchen besser gegangen - obschon die einem Industriestaat hohnsprechende Jammerwirtschaft erhalten blieb, die dem Verbraucher mal zu wenig Hosenknöpfe, mal zu wenig Kartoffeln zumutet.

Mit Soldaten und Raketen machte der Metallarbeitersohn Breschnew aus Kamenskoje (Dneprodserschinsk), der die besten Jahre seines Lebens als Kriegskommissar der Roten Armee focht und dann als Apparatschik aufstieg, Rußland zur Supermacht.

Das erforderte selbstbewußtes Auftreten im Herzen Europas wie in der Dritten Welt, Präsenz im Weltraum wie auf den sieben Meeren, aber allzu große Risiken wurden dabei stets vermieden: An den Schalthebeln der gewaltigen Militärmacht saßen relativ weise alte Männer, denen Abenteuer a la Kuba 1962 fern lagen. Das Erreichte leichtfertig aufs Spiel zu setzen - dazu hatte es die Sowjetmacht für ihre Verhältnisse wirklich zu weit gebracht.

Sie wagte andererseits, was den Keim unabsehbarer Gefahren in sich barg: Kontakte zur Umwelt, eine Öffnung nach außen, die zuvor fast undenkbar erschienen war, und nahm lange Zeit sogar Rücksicht auf die Sensibilität amerikanischer Senatoren wie deutscher Kanzler.

Die Grenzen wurden ein Stückchen geöffnet, Jeans und Coca hereingelassen, die Auslandssender kaum noch gestört, Computer und Damenschuhe eingelassen, Solschenizyn hinausgeflogen, aber, immerhin, nicht erschossen: So präsentierte sich eine Weltmacht ohne Konzept, nur auf Erhaltung der bestehenden Verhältnisse aus und zu halbherzigen Kompromissen getrieben, respektiert eigentlich nur dank ihrer bombastischen Rüstung.

Die glanzvolle Rolle, die Breschnew, ein mit dem Inferioritätskomplex seines Volkes behafteter Großrusse, beispielsweise auf dem Gipfel von Helsinki spielte, war mit zivilisiertem Stillhalten in Berlin und Fernost erkauft worden. So schien sich eine rüde Großmacht zeitweilig selbst zu bändigen.

Obschon ihn vor allem Militärs und Rüstungsmanager nach oben getragen hatten, schwenkte Breschnew nach der Prager Operation um und stieß selbst das Fenster zum Westen auf. Er begriff, daß Amerika sich nicht mehr einholen ließ, geschweige überholen; und er begriff wohl sogar, daß das westliche System dem eigenen überlegen war. So wollte er sich denn mit ihm verbünden, es mit Verstand nutzen.

Es war eine mutige Entscheidung, wenn auch zugleich eine Bankrotterklärung. Denn das Bündnis mit dem Westen, die vielerlei Anleihen am Kapitalismus waren nur um den Preis eigener innerer Dekomposition zu haben.

Beraten von einem intelligenten Braintrust, wirkte Breschnew, ein konservativer Machtpolitiker, zeitweilig sogar fast wie ein Reformer - wenn auch ein glückloser. Von seinem Kompagnon, Premier Kossygin, beeinflußt, wollte er die schlimmste Fessel der Produktivkräfte seines Landes, die zentrale Planung, lockern; doch die Planbürokraten wichen nicht von ihren Schreibtischen. Er wollte die Bauern von der lebenslangen Bindung an fremden Boden befreien, ihnen Land und Vieh zu Eigentum bescheren. Statt dessen entvölkerten sich die Dörfer, die staatlichen Devisenschätze mußten zum Einkauf von US-Getreide herhalten.

Er versuchte, die Massenfertigung von Konsumgütern der Rüstungsproduktion vorzuziehen, doch das Zentralkomitee strich ihm den Programmpunkt. Er gab S.145 dem Land eigenhändig eine neue Verfassung, die ein Fortschritt gewesen wäre, hätte man sich daran gehalten.

Es kam alles, wie so oft zwischen Brest und Wladiwostok, zu spät und zu lau, und das Heer der Funktionäre aus der Stalin-Schule fand immer wieder ein Mittel, libertinische Sprößlinge niederzutreten. Ob die systemimmanenten Zwänge ein freieres Schalten überhaupt erlaubt hätten, scheint zumindest zweifelhaft.

Auch Breschnew selbst kam wohl zu spät an die Macht: als er ein anstrengendes Leben schon größtenteils hinter sich hatte. Gesundheitlich erschöpft, den landesüblichen Trinksitten kaum noch gewachsen, auf eine sich rasch wandelnde Welt nie vorbereitet, improvisierte er schließlich nur noch. Am Ende hielten die eigenen Berater den immer mehr Verfallenden vom verdienten Ruhestand fern, weil sie unter seinem Schutz ihre Posten bewahren und ihre - seine - Politik prolongieren konnten.

Die schier unlösbaren Probleme und Widersprüche Rußlands, der Weltmacht ohne neue Ideen und Stimulantien, konnte er nur noch mit markigen Worten herunterspielen. Und als Mann der Mitte suchte er nur halbe Lösungen.

So erhob er die Volksernährung zum wichtigsten Thema, widmete sich als gelernter Landvermesser selbst den Problemen der Landwirtschaft - und änderte doch so wenig an den bäuerlichen Eigentumsverhältnissen und dem Schlendrian im Kolchos, daß er am Ende seiner Regierungszeit seinem Land eine Versorgungskrise bescherte, die noch schwerer war als die gewohnten.

Er hoffte gewiß auf Abrüstung - aber er konzedierte der Militär-Lobby die waffenklirrendste Armee der Welt mit Außenposten in Amerika, Asien und Afrika. Er versprach Bürgerrechte, zugleich füllten sich wieder die von Vorgänger Chruschtschow aufgelösten Zwangsarbeiterlager und, als Neuerung, die psychiatrischen Kliniken mit Oppositionellen.

Als sich mit dem Einzug von Hunderttausenden westlicher Touristen herumsprach, daß der verteufelte Kapitalismus seinem Proletariat einen vielfach höheren Reallohn und mehr soziale Rechte bietet als der bürokratische Staatsmonopolismus, flüchteten sich Breschnews Ideologen in eine absurde propagandistische Falschdarstellung der Außenwelt, was die Unglaubwürdigkeit des Regimes bei den eigenen Bürgern nur steigerte.

So mehrten sich die Widersprüche. Breschnew einigte sich mit den Amerikanern, weil er Koexistenz wollte, aber er forderte sie zugleich immer wieder heraus, weil es "ideologische Koexistenz" denn doch nicht geben durfte. Er einigte sich mit den Westdeutschen, aber auf der Grundlage unterschiedlicher Interpretation gemeinsamer Vertragstexte. Er ließ 200 000 Juden ausreisen, dann die Grenzen wieder fast dichtmachen.

Er beschimpfte die Chinesen, ließ es aber nie auf einen Krieg ankommen und versuchte in seinen letzten Lebensmonaten sogar noch als letzten Ausweg vor dem Rüstungsdruck der mächtigen USA die Annäherung an Peking. Er duldete den außenpolitischen Alleingang der Rumänen, aber unter der Bedingung, daß sie immer streng stalinistisch blieben. Er duldete die innenpolitische Liberalisierung Ungarns, aber unter der Voraussetzung strikter außenpolitischer Moskautreue.

Stolz erklärte er 1970 nach einem Truppenmanöver: "Jetzt kann keine Frage von irgendwelcher Bedeutung in der Welt mehr ohne unsere Teilnahme, ohne Inrechnungstellung unserer wirtschaftlichen und militärischen Macht gelöst werden." Doch viele Fragen wurden ohne ihn gelöst - vom Vietnam-Frieden bis zum Libanonkrieg.

Breschnews nüchterner Außenminister Gromyko hatte sogar weltmachttrunken verkündet, ohne Zustimmung der Sowjet-Union sei kein Problem "auf der gesamten Erdkugel" lösbar. Und tatsächlich breitete sich der sowjetische Machtbereich, von Chruschtschow nur um Kuba vergrößert, unter Breschnew S.149 kräftig aus: Vietnam, Laos, Kambodscha, Angola, Mosambik, Äthiopien, Afghanistan folgten Moskauer Befehlen, und auf die Signale hörten Syrien, Libyen, Südjemen, Grenada, Nicaragua, Kongo und Madagaskar.

Aber es gingen auch Alliierte verloren - Ägypten, Somalia, Chile. Die Beziehungen zum Irak verdorrten. In Camp David lief die Politik an Moskau vorbei, im fernen Südatlantik tobte ein Krieg, den die Russen nur per Satellit beobachten konnten.

Mosambik, Angola, sogar Vietnam begannen zu erkennen, daß sowjetische Waffen allein noch nicht die Entwicklung des Landes garantierten. Unter Breschnew offenbarte sich der sogenannte reale Sozialismus endgültig als eine probate Einbahnstraße in ausweglose Mißwirtschaft.

Dem eigenen Volk, dem vor Breschnews Amtsantritt per Parteiprogramm (das noch immer gültig ist) für 1981 der Zustand des "Kommunismus" versprochen worden war - ein Paradies mit der kürzesten Arbeitszeit und dem größten Überfluß auf der Welt -, bescherte die Breschnew-Ära am Ende die schlimmsten Versorgungsmängel seit dem Krieg. Versprochen wurde auch nichts mehr: Die Partei konnte den Bürgern nur noch "15 schwere Jahre" prophezeien.

Wenn Breschnew trotzdem fast bis zuletzt ungebrochen verkündete, "wir haben alles, was wir brauchen, um das Leben noch besser zu machen", witzelten die Russen, soviel brauchten sie gar nicht, sie wären's zufrieden, wenn es ihnen einmal nur gutginge.

Aber davon merkte der seit acht Jahren durch Herzleiden gezeichnete, weitgehend von den Realitäten des Reiches isolierte Breschnew wohl nichts mehr.

Am Ende seiner Regentschaft erwies sich die lange bewährte Methode, Problemlösungen einfach aufzuschieben, als Weg tiefer in die Krise - am Menetekel Polen, des Nachbarn und größten Bruderstaates der UdSSR: Die Wirtschaft brach zusammen, die Arbeiterschaft revoltierte, die Partei dankte ab, die Generale mußten retten. Das war jener "Bonapartismus", den linientreue Kommunisten stets gefürchtet hatten.

Und in Afghanistan griff Breschnew, was er sich in Polen noch versagte, wieder zu seinem letzten Mittel, der brüderlichen Militär-Hilfe für eine abgewrackte Partei. Was immer ihn trieb, seine eigene Doktrin, daß auf ewig sozialistisch bleiben müsse, was einmal sozialistisch sei, die Furcht vor dem Bazillus eines revolutionären Islam an der Grenze der moslemischen Sowjetrepubliken, die Sorge vor einer US-Intervention im benachbarten Iran - Breschnew zerstörte damit fast alle seine zur anderen Supermacht geknüpften Bande, beschädigte Rußlands Ansehen in der moslemischen Welt, isolierte die UdSSR in der Uno und konnte schließlich das überfallene Land dennoch nicht befrieden.

Einen Tag vor Breschnews Tod gab der "Rote Stern" erstmals zu, daß die Sowjetarmee am Hindukusch hohe Verluste hinnehmen müsse und die Moslem-Partisanen der Wirtschaft Afghanistans "schwere Schäden" zufügten.

Auf dem letzten Parteitag hatte Breschnew die bedrohte Sicherheit der S.150 Sowjet-Union als Eingreifgrund genannt - nämlich Abwehr eines angeblichen Unterfangens der USA, die Sowjet-Union "von Süden her zu bedrohen" - mithin ein Präventivkrieg, den er ansonsten verdammte.

Zwei Wochen vor seinem Tod trat Breschnew noch einmal "auf Vorschlag" des Verteidigungsministers Ustinov mit einem Bericht zur Lage der Nation vor die Spitzen der Sowjetwehrmacht; beim letzten Mal, zehn Jahre zuvor, hatte er der Generalität den Sinn des Salt-I-Abkommens erläutern müssen.

Da saßen nun 500 Generäle, Admiräle und Kommissare - und Breschnew konnte sich vor ihnen sehen lassen: Unter ihm erhielten die Soldaten schließlich 14 Prozent des Bruttosozialprodukts, die USA kamen mit fünf Prozent aus.

Nun berichtete Breschnew seinen Uniformierten, die herrschenden Kreise der USA hätten unter dem Aufrüstungs-Präsidenten Reagan "eine politische, ideologische und ökonomische Offensive gegen den Sozialismus gestartet und die Intensität ihrer Kriegsvorbereitungen auf einen nie dagewesenen Stand gebracht". Sie versuchten, wieder militärische Überlegenheit zu erringen.

Das hieß nichts anderes, als daß seine Entspannungspolitik, durch wessen Schuld auch immer, gescheitert war. Als Ausweg aus Rußlands Isolierung und Coup gegen Amerikas Absichten, die Sowjet-Union totzurüsten, bot er seinen Zuhörern den Todfeind der letzten zwei Jahrzehnte an: China.

Breschnew versprach seinen Militärs die modernsten Waffen, daß es ihnen "an nichts mangeln" werde - und gestand dann "Engpässe" in den Schlüsselindustrien Metall, Brennstoff und Transport ein.

Kaum verschlüsselt räumte Breschnew ein, daß am Ende seiner Laufbahn ein politischer Scherbenhaufen lag: Seine Konzeption der Entspannung (von der dann in dem Nachruf der Partei und des Staates auf Breschnew kaum noch die Rede war) hatte, weil auch von Moskau selbst immer wieder gestört, im Ergebnis den Frieden nicht gesichert, die Amerikaner vom Versuch des Totrüstens der Sowjet-Union nicht abgehalten, die Sowjetindustrie nicht saniert - aber bei den Bürgern des sozialistischen Lagers die gefährliche Illusion geweckt, die Menschenrechte seien auch für Sowjetmenschen gültig.

Moskau kann heute kaum mehr von der stets bevorzugten Position der Stärke S.151 aus agieren. Der politische und wirtschaftliche Preis für die Rolle einer Militärweltmacht hat sich als zu hoch erwiesen; für eine geistige Führungsrolle hat das Mutterland des Leninismus ohnehin ausgespielt: Die lebensfremde, allenfalls für Entwicklungsländer unterster Stufe taugliche Ideologie versagt im Sowjetland selbst, weil der Widerspruch zur Realität zu offensichtlich ist.

Die kommunistische Weltbewegung, auf die sich Moskau lange Jahre hatte stützen können, hat als einheitliche "Bewegung" längst zu existieren aufgehört.

Bindemittel des Ostblocks sind heute vor allem die Rohstoffabhängigkeit von der Sowjet-Union (die ihre Erdöllieferungen für die Bruderstaaten ständig kürzen und verteuern muß, weil sie selbst dringend West-Devisen braucht) und die Absatzmöglichkeiten für Waren, die der Weltmarkt nicht aufnimmt. Die Blockbrüder sehen in den sowjetischen Verwandten in Wahrheit Eroberer.

Latente Feindschaft gegenüber dem russischen Staatsvolk hegen auch die nichtrussischen Nationalitäten des Vielvölkerstaates Sowjet-Union, bereits die Hälfte aller Einwohner.

Dabei hat Rußland durchaus mit hohen Investitionen zur Industrialisierung der nichtrussischen Sowjetrepubliken beigetragen, die - wie erst recht die formal selbständigen Bruderstaaten Osteuropas - oft einen höheren Lebensstandard genießen als das Kernland der UdSSR, die Russische Föderation.

Das Imperium, das letzte in der Welt, ist teuer, noch mehr kostet der Weltmachtanspruch: Diese Ambitionen bedingen eine der amerikanischen mindestens gleichwertige Rüstung (beim halben Sozialprodukt der USA), bringen kaum noch wirtschaftlichen Vorteil, aber erfordern Milliardensubventionen an Kuba und Vietnam, Äthiopien und Angola und nun auch noch an Polen. Insgesamt kosten alle Verbündeten und Abhängigen die Moskowiter schon 50 Milliarden Mark pro Jahr.

Die Waffenkonkurrenz zur anderen Supermacht frißt enorme Investitionen und komplizierte Technologien, über die Rußland oft nicht verfügt, wie Breschnew seinen Marschällen und Generälen freimütig schilderte. Die Wachstumsraten der Sowjetwirtschaft stagnieren bei einer Produktivität, die etwa halb so groß ist wie im Westen.

Die Grenzen des industriellen Wachstums lassen sich am Beispiel des Arbeitspotentials besonders klar erkennen: Der Sowjetwirtschaft fehlen inzwischen Arbeitskräfte. Reserven gibt es nur noch bei zwei Millionen arbeitslosen Sowjet-Asiaten, die zum Ortswechsel nicht bereit sind, so daß ihre Kraft sich nur durch wirtschaftlich oft unsinnigen Kapitalexport in das politisch unzuverlässige Usbekistan und Tadschikistan nutzen läßt.

Abermillionen sowjetischer Werktätiger müssen sich wegen der niedrigen Produktivität de facto mit Scheinarbeitsverhältnissen begnügen - deshalb die extrem niedrigen Löhne im Sowjetland, das unter Chruschtschow die USA wirtschaftlich und unter Breschnew noch militärisch hatte überholen wollen.

Das Durchschnittseinkommen eines Werktätigen im Monat reicht derzeit, im Winter, auf dem freien Kolchosmarkt für fünf Hühner, fünf Kilo Tomaten und fünf Kilo Gurken - wenn es sie gibt.

In Provinzstädten wie Petrosawodsk und Tscherepowez wurden Lebensmittelkarten ausgegeben (ein Pfund Wurst und 200 Gramm Fleisch je Person im Monat). In Georgien erklärte Parteichef Schewardnadse, daß die "Rationierung tierischer Produkte für die Stadtbevölkerung eingeführt" werde.

Den Widersinn des ganzen Wirtschaftssystems, das zusätzlich mit den Plagen Korruption, Alkoholismus und Bummelei geschlagen ist, skizziert der Volksmund durchaus wirklichkeitsnah mit den "sechs Paradoxen des Sowjetlebens":

* Es gibt keine Arbeitslosigkeit, aber niemand arbeitet.

* Niemand arbeitet, aber die Produktivität steigt.

* Die Produktivität steigt, aber in den Geschäften gibt es nichts.

* In den Geschäften gibt es nichts, aber zu Hause ist alles vorhanden.

* Zu Hause ist alles vorhanden, aber niemand ist zufrieden.

* Niemand ist zufrieden, aber jeder stimmt bei den Wahlen mit Ja.

Die Zwangslage spitzt sich dramatisch zu. Die laut US-Landwirtschaftsministerium höhere Getreideernte von 1982, die letzte frohe Botschaft für Breschnew, liegt noch immer 66 Millionen Tonnen unter dem Plan, es ist die vierte Mißernte S.154 hintereinander, nachdem die von 1981 so katastrophal war, daß ihr Ergebnis bis heute Staatsgeheimnis ist.

Rußland kann sich einem tiefgehenden Wandel an Haupt und Gliedern nicht mehr entziehen - aber es kann ihn auch nicht konsequent vollziehen, ohne daß das System in höchste Bedrängnis gerät, wie das Beispiel Polen zeigt.

Breschnews Nachfolger haben nur die Wahl zwischen zwei längst erkannten Optionen, hinter denen jeweils starke Kräfte der Sowjetgesellschaft stehen - Breschnew konnte sich zwischen beiden wegen massiver Widerstände und auch Sachzwänge nicht entscheiden, er hatte die eine gewollt und nicht durchgesetzt, um wenigstens die andere Lösung zu verhindern.

Also blieb er bei jenem Weiterwursteln, für dessen Fortsetzung schließlich die Vision des Dissidenten Amalrik steht, Rußland werde sich dereinst aus der Geschichte stehlen, wenn auf dem Roten Platz die Ziegen weiden.

Ein Ausweg, von der jungen Generation erträumt, heißt Reform: Leistungsanreiz durch mehr Kaufkraft für die Arbeiter, Entscheidungsfreiheit für die Direktoren, Ermunterung privater Initiativen der Bauern und Gewerbetreibenden, Vorrang der Konsumgüterproduktion, mit einem Wort eine sozialistische Marktwirtschaft nach ungarischem Muster (wo sie freilich auch erst nach zwölf Jahren Terror zum Zuge kam).

Dazu kommen Westhandel und Abrüstung, mithin Entspannungspolitik und Liberalisierung, Rückzug von unhaltbaren Außenpositionen und Konzentration aller Kräfte Rußlands auf die inneren Aufgaben - mit allen Risiken für Rußlands Weltgeltung wie für das Machtmonopol der Funktionäre, die eines Tages womöglich weniger verdienen würden als ein fleißiger Schweinezüchter und schließlich abdanken müßten wie die Warschauer Genossen.

Dagegen steht das neostalinistische Programm, mit patriotischen Appellen und der Furcht vor Strafe Arbeitsfleiß zu erzwingen, weiteren Konsumverzicht zu fordern, die altmodische unrentable Kriegswirtschaft beizubehalten und alle Mittel in die Schwerindustrie zu stecken, auf Westimporte zu verzichten und das Reich nach außen hin abzuschotten. Durchzuführen ist das nur mit wieder verstärktem Terror der Geheimpolizei und in einer Atmosphäre von Kriegsfurcht, nach dem Motto: Wir leben in einer belagerten Festung.

Solch Rückfall in die Vergangenheit ist auch unter einem Parteichef Andropow nicht ganz auszuschließen. Die Propaganda, beflügelt vom Konfrontationskurs der Reagan-Regierung in Amerika, heizt Stimmen an, sich von den halbherzigen Versuchen einer Öffnung nach Westen abzukehren, auf die aussichtslosen Abrüstungsverhandlungen zu verzichten, die landfremden Ziele von höherem Lebensstandard und Menschenrechten aufzugeben und den "Gürtel enger zu schnallen".

Unter Militärs und Bürokraten, beim bedürftigen Mittelstand und auch im desorientierten Volk wächst das Verlangen nach Rußlands althergebrachten Werten, wie sie in den Augen vieler unter Stalin herrschten: strenge Ordnung, Abkehr von materiellen Lebensinhalten zugunsten vaterländischer Ideale, Isolierung wider den zersetzenden Geist des Westens.

"Was haben wir für Unfreiheit erlebt, doch wieviel Ruhm fiel auf uns", reimte Dichter Jewtuschenko. Das Wirtschaftsargument der Patrioten: In der Weltwirtschaftskrise 1929/30 hatte die Sowjet-Union, der damals einzige sozialistische Staat, höchste Wachstumsraten, weil sie sich dem kapitalistischen Markt verschloß und Stalin die Bauern mit Gewalt in die Fabriken trieb.

Reagans Raketenrasseln hat in Moskauer Sicht durchaus auch eine förderliche Funktion - es stabilisiert das Sowjet-Gefüge, wo Entspannungsträume und verlockende Kredite eher als Sprengstoff denn als Hilfe angesehen werden. Die Reaktionäre der Sowjet-Union fühlen sich in der Abgrenzung sicherer, sie fürchten nichts mehr als die Herausforderung durch die Ideen des Westens.

Gleich nach Helsinki, aus Anlaß von Stalins 96. Geburtstag, hatte Parteihistoriker Suworow, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, in der "Prawda" das konservative Programm vorgelegt: Er forderte die "ökonomische Unabhängigkeit vom kapitalistischen Weltsystem": die Sowjetwirtschaft dürfe nicht über ihre Verhältnisse leben, sie verfüge selbst über alles, was sie für ihre Weiterentwicklung brauche (die Ernten reichten damals schon nicht), die Rüstung müsse Priorität genießen. S.155

Mit solcher Wirtschaftspolitik lassen sich dann auch die Lücken in der eigenen Ökonomie schließen: Der Rüstungsaufwand könnte sich rentieren, falls damit wirksam politischer Druck ausgeübt würde, der neue Energie-Ressourcen öffnet oder Beiträge aus der laufenden Produktion höher entwickelter Länder erlaubt.

Der hilflose Breschnew offerierte den Militärs in seiner Abschiedsrede am 27. Oktober eine berufsspezifische Perspektive, die sie offenbar hatten hören wollen: "Ihnen allein", erklärte er den höchsten Rängen der Sowjetarmee, "steht noch große Arbeit, stehen neue Manöver und Feldzüge bevor."

Er hatte der Armee, der nationaler Aufbruch allemal behagt, alles zur Verfügung gestellt, was sie sich wünschte, bis hin zu modernen Uniformen sowie kräftigen Solderhöhungen, er hat mehr Armeegeneräle ernannt als Stalin.

Breschnew, der Generalmajor des letzten Weltkrieges, übernahm selbst den Vorsitz im "Verteidigungsrat", ließ sich zum Marschall machen und nahm den Verteidigungsminister ins Politbüro auf.

Die Militärs hatten nach Helsinki gefordert, daß die mit der KSZE verbundenen Risiken durch die militärische Überlegenheit des sozialistischen Lagers über die feindlichen Hauptmächte kompensiert werden müßten. Der erste, der den Marschällen widersprach, war der damalige Geheimpolizeichef Andropow:

Eine Politik der Stärke sei "gefährlich für alle", ein Atomkrieg habe "katastrophale" Folgen, eine Verzögerung des Entspannungsprozesses "und erst recht ein Zurückgleiten" könnte eine sinnlose Vergeudung von Mitteln und eine "gefährliche Zuspitzung der internationalen Lage" zur Folge haben, schrieb Andropow in einem Aufsatz.

Er konnte es sich wohl leisten, sich den Militärs zu widersetzen. Bei der Armee sicher nicht beliebt (er führte seit 1976 den hohen Rang eines Armeegenerals, obwohl er nie gedient hat), verfügte Andropow über alle Dossiers der Offiziere, ein Spitzelnetz ("Sonder-Abteilung") bis in jede Kompanie und auch noch Grenzschutztruppen von 300 000 Mann.

Die sowjetische Kriegsenzyklopädie von 1976, zweiter Band, Seite 253, belehrte - und beruhigte - alle Rüstungsfanatiker, daß "die sowjetische Militärdoktrin ... ein Aktionsprogramm zur Sicherung der militärtechnischen Überlegenheit über die Streitkräfte potentieller Gegner liefert".

Auf dem 26. Parteitag der KPdSU im Februar 1981 korrigierte Breschnew in verbindlicher Parteitagsrede den Moskauer Standpunkt im Sinne Andropows: "Wir strebten und streben keine Überlegenheit über die andere Seite an. Das ist nicht unsere Politik ... Der Versuch, einander im Wettrüsten zu übertreffen und auf den Sieg in einem Atomkrieg zu rechnen, ist gefährlicher Wahnsinn."

Marschall Ogarkow, als Generalstabschef der höchste Berufsoffizier der Sowjetstreitkräfte, widersprach im Juli zwar in der Zeitschrift "Kommunist" - und wurde von seinem Minister Ustinow in der "Prawda" korrigiert. Breschnew verkündete im Juni 1982 sogar den sowjetischen Verzicht auf den atomaren Erstschlag.

Mit Ogarkow und seinen Anhängern aber werden Breschnews Nachfolger noch zu tun haben. Der Pionieroffizier, geboren 1917 und der Partei erst nach dem Sowjetsieg von 1945 beigetreten, ist ein Sprecher der Sowjet-Falken.

Die "Troika" Andropow-Tschernenko-Ustinow, seit Jahren schon in Breschnews nächster Nähe, trieb in der letzten Zeit, als der Chef kaum noch repräsentieren konnte, wohl schon die Politik an seiner Stelle. Mit Variationen, die Aufsehen erregten.

Im Frühjahr arrangierten die drei einen Theaterbesuch des halben Politbüros mit Breschnew an der Spitze, der damit die Richtung sozusagen testamentarisch kundtat: Sie sahen sich demonstrativ ein Stück an, das Lenins Neue Ökonomische Politik (Nep) einer sozialistischen Marktwirtschaft nach 1921 propagierte.

Da verurteilte ein Bühnen-Lenin Stalin und warb für eine Liberalisierung des Handels mit einem Zitat des echten Lenin: "Nur von diesem Weg nicht abweichen! So werden wir siegen!"

In der "Prawda" erschien ein Artikel, der ungarische Errungenschaften pries: Rentabilität der Betriebe, bessere Versorgung der Konsumenten, persönliche Verantwortung der Bauern für ihre Produktion, Selbstbewußtsein der Arbeiter. Der Kurs war klar, die Richtung hieß Reform, mit Konzessionen an die Rechten.

Der neue Chefpolizist Fedortschuk zog die Zügel an, zersprengte die letzten Dissidenten, unternahm zur Abschreckung willkürliche Haussuchungen in allen Moskauer Stadtteilen, beschattete Ausländer und ließ am 10. September die automatischen Telephon-Verbindungen in den Westen kappen.

Doch der ZK-Abgesandte Sagladin rehabilitierte Italiens KP, die bestritten hatte, daß die UdSSR noch ein Vorbild sei und dafür vom alten Chefideologen Suslow drei Tage vor seinem Tod exkommuniziert worden war.

Die neuen Männer um Andropow, Realisten, suchen wohl kaum Siege über den Westen, eher Annäherung.

Ost-Kenner Henry Kissinger rechnet sogar mit neuen Friedensoffensiven, weil das Sowjetreich auf Monate oder Jahre mit Führungsproblemen zu ringen habe und eine "Atempause von internationalen Abenteuern" brauche. Afghanische Partisanenführer hoffen, Breschnews Tod könne den Kreml zum Abzug aus Afghanistan bringen.

Doch Kissinger hält auch nicht für ausgeschlossen, daß die Marschälle durch die in Libanon zutage tretende Unterlegenheit konventioneller Sowjetwaffen in Versuchung geführt werden könnten, ihre Militärmacht auch anzuwenden, solange diese nicht obsolet geworden ist - innerhalb von acht oder zehn Jahren. Kissinger rät zu einer Friedenspolitik auch der USA.

So scheint denn die "Kontinuität" des Breschnew-Nachfolgers und seiner Mannschaft beide Entwicklungsmöglichkeiten des ebenso bombastischen wie zerbrechlichen Systems offen zu lassen - vieles hängt, wie zur Breschnew-Zeit, vom Westen ab.


DER SPIEGEL 46/1982
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Sowjet-Union - von Breschnew zu Andropow