15.11.1982

SELBSTMORDErste Hilfe

In einer Streitschrift für das Recht auf Selbstmord geben zwei französische Autoren auch praktische Anleitungen für den Suizid. Das Buch ist jetzt auf deutsch erschienen.
Die Frage, auf welche Weise man sich erfolgreich und möglichst schmerzlos das Leben nimmt, ist ein praktisches medizinisches Problem, vergleichbar anderen wie etwa der wirksamen Bekämpfung einer Grippe oder der sachgemäßen Behandlung eines Beinbruchs.
Auch für das Gelingen eines Selbstmords muß man die Wirkung pharmazeutischer Präparate kennen, muß wissen, welche Giftstoffe sich gegenseitig aufheben, welche lediglich Niere, Leber und Magen nachhaltig schädigen, nicht aber den Tod herbeiführen.
Während aber der Grippekranke ein bei Ärzten geachteter Patient ist, dem geholfen wird, bleibt der Selbstmordkandidat auf sich allein gestellt und von jeglicher Information ausgeschlossen. Er hat daher keine andere Wahl als die, auf gut Glück zu handeln und zu hoffen, daß er die richtige Dosis der richtigen Substanz getroffen hat und nicht als Tabletten-Invalide von hilfreichen Notärzten ins Leben zurückbeordert wird.
Um dieses Risiko zu vermindern, haben zwei französische Autoren ein Buch geschrieben, das unter dem Titel "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord" jetzt auch auf deutsch erschienen ist.
( Claude Guillon/Yves Le Bonniec: ) ( "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord", ) ( Deutsch von Eva Moldenhauer. Robinson ) ( Verlag, Frankfurt; 240 Seiten; 24,80 ) ( Mark. )
Der irritierende Reiz dieses Werkes liegt darin, daß hier Selbstmord weder als intellektuelle Attraktion verklärt noch als Vergehen wider die Schöpfung verdunkelt, sondern als individuelle Entscheidung verhandelt wird wie etwa die, ein Haus zu bauen, als Entscheidung, deren Ausführung praktischer Kenntnisse bedarf.
Da wird dann also empfohlen, ein "leichtes Mahl" zu sich zu nehmen, damit der Magen die massive Tablettendosis nicht schockiert abstößt, oder es wird geraten, "Alkohol und Barbiturate zu verbinden".
Als die eine große Gefahr, die es zu bannen gilt, erscheint immer wieder "die Gefahr der Wiederbelebung". Es ist daher nur konsequent, daß die "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord" eindringlich vor Methoden warnt, die nicht oder nur zufällig "zu einem guten Ende" führen.
Von Aspirin beispielsweise raten die Autoren ebenso strikt ab wie von Insulin, Substanzen mit unkalkulierbarer Wirkung, die nur eins garantieren - schwere Folgeschäden.
Grundsätzlich gilt für alle Medikamente, wenn sie zum Selbstmord taugen sollen: Sie "sind an einem kühlen Ort aufzubewahren".
Die Lektüre dieses bis zur Komik sachlichen Teils stellt auch den gutwilligen Leser, der, einmal angenommen, das Recht auf einen frei bestimmten Tod befürwortet, auf eine harte Probe.
Da er zur Mehrheit derjenigen gehört, die nicht beabsichtigen, sich umzubringen, könnte ihn die "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord" eigentlich unberührt lassen. Dennoch fühlen sich die Lebenswilligen brüskiert.
In Frankreich forderten die Ärzte den Gesundheitsminister auf, gegen das Buch vorzugehen. In der Bundesrepublik verweigerte eine Freiburger Druckerei die Herstellung, weil das Machwerk "gegen die guten Sitten" verstoße.
Niemand hätte sich empört, wenn die Autoren, wie sie es in neun von zehn Kapiteln tun, nur für das Recht des einzelnen am eigenen Leben eingetreten wären, und sei es auch mit kämpferischen Parolen, in denen "die Idee des Selbstmords" zur "Revolte von Körper und Seele gegen die Ordnung", zur "Waffe gegen die, die uns das Leben stehlen", erhoben wird. Aus ähnlicher Opposition gegen eine Realität, in der "der Freitod zum Versprechen" wird, hatte schon 1976, zwei Jahre vor seinem Selbstmord, der Essayist Jean Amery in dem Buch "Hand an sich legen" für das Recht auf Suizid plädiert, ohne daß die Öffentlichkeit sich entrüstet hätte. So liefen die französischen Ärzte auch nicht gegen die philosophischen Thesen, sondern ausschließlich gegen jenes zehnte Kapitel Sturm, in dem der Selbstmörder Erste Hilfe erfährt. Die Provokation besteht S.258 darin, daß mit dem Angebot an praktischer Lebenshilfe für Selbstmörder zugleich die Tatsache vermittelt wird, daß es für dieses Angebot auch eine Nachfrage gibt.
In den sachlich-fachlichen Angaben über die Höhe der tödlichen Dosis von Tabletten, in den Verhaltensvorschriften zur Verhinderung einer ungewollten Wiederbelebung und nicht zuletzt in den Sprachregelungen, nach denen "Erfolg" "Tod", "Schiffbruch" "Überleben" bedeutet, macht der Leser bedrohliche Bekanntschaft mit einer Zielgruppe, die taub ist gegen Lebensausreden und durch die Selbstverständlichkeit des Willens zu sterben die Fraglosigkeit des Weiterlebens erschüttert.
Denn durch die Entschlossenheit des Selbstmörders, die sich in der für ihn bestimmten Gebrauchsanleitung widerspiegelt, verkehrt sich die übliche Frage der Lebensroutiniers, warum denn nur Menschen sich umbringen, unversehens in die Gegenfrage, warum um alles in der Welt Menschen weiterleben.
S.256 Claude Guillon/Yves Le Bonniec: "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord", Deutsch von Eva Moldenhauer. Robinson Verlag, Frankfurt; 240 Seiten; 24,80 Mark. *

DER SPIEGEL 46/1982
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