15.11.1982

Ein deutscher Held und seine Thusnelda

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über die Bochumer Wiederbelebung von Kleists „Hermannsschlacht“
Als Kleist die "Hermannsschlacht", 1808, schrieb, war sie alsbald aus politischen Gründen unspielbar. Napoleons Kriegsglück hatte sich vorübergehend erholt, und keine deutsche Bühne hätte es wagen können, das blutrünstige, unverhüllt antifranzösische Patriotenstück aufzuführen.
Nach 1945 galt die "Hermannsschlacht" endgültig als unspielbar, ihr Nationalismus, der das Römerblut mit böser Wollust spritzen läßt, war im Zweiten Weltkrieg gefallen.
Daß ausgerechnet Claus Peymann, der als linksanarchischer Flügelmann unter Deutschlands Theaterleitern gehandelt wird, die "Hermannsschlacht" ausgegraben und auf seine Bochumer Bühne gestellt hat, wurde schon im voraus mit viel interpretatorischem Schweiß bedacht: Ist das Stück vielleicht, sozusagen heimlich und unter seiner präfaschistischen Oberfläche, ein anarchisch linkes Drama über den Volkskrieg? Hermann, ein Vorbild in der Ahnengalerie von Mao, Che Guevara, gar Arafat?
Bei der Bochumer Aufführung trug der Cherusker dann auch eine Baskenmütze, die ihn dem Che-Poster ähnlicher machte als dem Denkmal im Teutoburger Wald - ansonsten aber machte Peymanns Inszenierung deutlich, daß Kleist deshalb zum ideologischen Schreckensdichter hinwegstilisiert worden ist, weil seine fanatische Wahrhaftigkeit als Dramatiker sich ideologische Ketten nur anlegt, um sie zu sprengen.
Die Anwürfe gegen die "Hermannsschlacht", die das Andachtsdrama des nationalsozialistischen Theaters in Deutschland war, kommen ja aus zwei Richtungen. Einmal richten sie sich gegen den "Helden", gegen den Germanenbefreier Hermann. Ihm heiligt der hehre Zweck jedes Mittel. Er schlachtet römische Gefangene ab, verbreitet über die Besatzer Greuelpropaganda, Schauer-Märchen, ja zerstückelt eine von Römern geschändete Germanenjungfrau in fünfzehn Teile, um sie an die fünfzehn Germanenstämme zwecks Aufwiegelung zu verschicken.
Römer, die sich grausam betragen, sind ihm nur zu willkommen; Römer, die sich human verhalten, ein Graus, weil sie den patriotischen Haß bremsen könnten. Er betreibt eine Politik der verbrannten Erde, indem er all das vernichtet, was er zu retten vorgibt, er ist bereit, seine Kinder der Sippenhaft zu opfern: Kein Bühnenheld hat Hitler so vorausgeträumt wie diese haßgebeutelte Befreiergestalt.
Der zweite Einwand, dem ersten nur scheinbar widersprechend, gilt der unfreiwilligen Komik des Kleist-Dramas. "So kann man blondes Haar und blaue Augen haben / Und doch so falsch sein?" stöhnt der Römerfeldherr Varus, als er von seinem Scheinverbündeten Hermann verraten wurde - nicht erst heute ein sicherer Lacher auf dem Theater.
Thusnelda, des Hermanns Weib, nennt dieser, nicht anders als später ein wilhelminischer Spießer in Pantoffeln, sein "Thus'chen". Und er tut dies, obwohl er auf hohem Versfuß lebt.
Da diese Thusnelda sich von Römern gerne beflirten läßt, obwohl sie es doch auf Hermanns Geheiß tut, redet er ihr ein, die Römer hätten es auf die blonden Haare und die weißen Zähnchen der Germaninnen abgesehen. Weil die römischen Frauen schwarze fettige Zottelhaare und faulige Zahnstumpen hätten, würden sie den Germaninnen Zähne ausbrechen und Locken abschneiden, um sie für die Römerinnen als Gebiß und Perücke einzuheimsen.
Das Schöne, Aufregende, ja Überwältigende der Bochumer Aufführung ist es, daß beide Vorwürfe (der gegen den Präfaschisten Kleist wie gegen den Komiker wider Willen) in nichts zusammenbrechen.
Dabei hilft gegen beide scheinbaren Leiden der "Hermannsschlacht" ein und dasselbe Mittel: das der Objektivierung. Wenn man in Bochum sieht, mit welcher Konsequenz das Stück und sein Held alle Mittel aufbieten, um die Römer (auch in sich) zu besiegen, dann wird klar, einen wie radikalen dramatischen Gedanken Kleist hier zu Ende gedacht hat.
Es ist ja die Gewohnheit des hochgemuten Schillerschen Pathos, die uns die Augen zugekleistert, Dramen als Feierstunden für weißgewaschene Helden und Verdammungsurteile für finstere Schurken eingeredet hat. Welche Mühe hat Schiller, um beispielsweise den Tell nur ja reinzuwaschen vom Tyrannenmord, das Befreiungsdrama zum Jodelchor für Schulstunden umzuformen.
Wie anders Kleist. Sein Held weiß, daß er die Verbündeten betrügen muß, daß ihm sein germanischer Rivale Marbod nur glauben wird, wenn er ihm die eigenen Kinder als Geisel schickt, daß er nur dann ein Patriot sein wird, wenn ihm Hermann die gleiche Oberherrschaft verspricht, wie es die Römer taten.
Hermann weiß, daß er seine Landsleute mit Greuelmärchen anheizen muß, damit sie Trägheit und Feigheit überwinden. Und Kleist weiß, daß der Sieg nicht nur hehre patriotische Gefühle freisetzt.
Am Schluß der Bochumer Aufführung stürzen sich, die Schande der Kollaboration abzuwaschen, zwei Germanenfürsten über den Varus, um ihn buchstäblich zu zerfleischen, um in einem Blutrausch sich in seinem Blut zu baden. Der Psychologe Kleist war da den Einsichten Shakespeares (dessen "Richard III." er auch zitiert) näher als der moralischen Bedürfnisanstalt Schillers.
Und die (unfreiwillige) Komik? Peymanns Inszenierung belegt auch hier schlüssig, daß Komik eine (objektivierende) Sehweise ist. Ein Ehepaar kann noch so lächerlich gurren und turteln, wenn dabei für andere der Tod rauskommt, ist das für die nicht komisch, für den Zuschauer sehr wohl. Ob man Hitler als Groteskkomiker empfand oder nicht, hing von einem so lächerlich kleinen Unterschied ab wie dem, ob man ihn als Zuschauer oder als Opfer erlebte.
Kirsten Dene als weich und füllig zerfließende Thusnelda jedenfalls zeigt sowohl die Komik als auch die Gefährlichkeit von Gefühlswabbelei. Die Eheszenen sind theatralische Kabinettstückchen und genaue Befunde für die private Motorik von Macht und Haß zugleich.
Wie Kirsten Dene ihren römischen Anbeter in enttäuschter Gutmütigkeit von einem Bären zerfleischen läßt, wobei sie sich die Finger nicht blutig machen muß und sich auch noch die verzichteten sexuellen Freuden antun kann, das ist von einer so grausigen Komik, daß es noch den Spielzeugbären mit den Leuchteaugen zur sinnvollen inneren Projektion macht.
Ihr Partner, der Hermann, ist mit dem außerordentlichen Schauspieler Gert Voss spannend und genau besetzt. Hermann ist ein vor Überlegenheitsgefühlen schmaler Mensch, der auch seine Frau nur deshalb lieben kann, weil er sich ihrer "fraulichen Dummheit" schmunzelnd überlegen fühlt.
Wenn dieser Hermann mit seiner Frau spricht, um ihr seinen Römerhaß einzuimpfen, dann muß er ab und zu so sehr über die drollige Dummheit seines Weibchens lächeln, daß er sich die Hand verbergend vor den Mund hält: Hermann, der noch da, wo er liebt, auf die anderen herunterschaut.
Mit dieser Haltung machte Voss klar, woher das aus seiner beherrschten Sanftheit hervorbrechende Haßreservoir stammt: Denn auch die Germanen, seine Brüder, die er doch lobpreist und denen er sein Leben weiht, durchschaut er mit uneingestandener Herablassung, ja Verachtung.
Man darf sie nicht in alle Pläne einweihen, weil sie zu dumm sind; man muß ihnen mit materiellem Lohn winken, weil sie dem Höhenflug seines Idealismus nicht gewachsen sind. Voss erspielt der Figur in der Tat die Shakespearischen Umrisse und Widersprüche.
Als Kleist seine "Hermannsschlacht" schrieb, war sie (auch) als parabolische Übersetzung gedacht. Die Römer, das waren die Franzosen Napoleons; die Germanen, die mit ihnen kollaborierten, die Rheinbundfürsten. Marbod, der große germanische Widersacher Hermanns, sollte wohl Preußen (vielleicht auch Österreich) darstellen, Hermann wohl Österreich (vielleicht aber Preußen) personifizieren. Das Bündnis beider sollte den deutschen Dualismus überwinden, Napoleon vereint besiegbar machen.
An solchen allegorischen Schlüsseldramen, das weiß man, nagt der sprichwörtliche Zahn der Zeit besonders gründlich. Und man mochte fürchten, als Peymann im Zusammenhang mit der Aufführung was von Mao und sonstwem sagte, er würde den alten Pappköpfen einen neumodischen Hut verpassen. Doch glücklicherweise erwies sich weder Stück noch Aufführung als allegorische Übersetzungsübung. Man sah Römer weder als Franzosen noch als Bolivianer, Germanen weder als Sandinisten noch Afghanen, man sah Konstellationen.
Die Römer, weiß wie von einem italienischen Modekünstler gekleidet, waren die Kultivierteren, Mächtigeren, Dekadenteren. Die Germanen waren muffelige Hinterwäldler und knorrige unverdorbene Landmenschen in einem. Beide Gruppierungen komisch und grausig zugleich, beide nur ernst zu nehmen, wenn man sich in ihre Lage versetzte - oder, noch schlimmer: sie zu Feinden hatte.
Und das Stück ein Befreiungsdrama? Der Krieg befreite nur eins: den Haß, den anderen totzuschlagen.

DER SPIEGEL 46/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ein deutscher Held und seine Thusnelda

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen