22.11.1982

ADOPTIONENSauber gelaufen

Weil ein Jugendamt eine junge Mutter zur Freigabe ihres Kindes drängte, haben Richter erstmals eine behördliche Adoptionspraxis gerügt.
Die Heidelberger Sozialarbeiterin versprühte Optimismus. "Nun sind Sie ja wie neugeboren", sagte die Angestellte des Jugendamtes zu einer jungen Frau, "nun können Sie neu anfangen."
Der Zuspruch war unangebracht. Er galt der 31jährigen Mutter Hanny Askari, die soeben beim Notar ihren sechs Monate alten Sohn zur Adoption freigegeben hatte. "Geschmacklos und unpassend" empfand das eine Ohrenzeugin.
Dieser "Bewertung" sei "nichts hinzuzufügen", stellte die 4. Zivilkammer des Heidelberger Landgerichts fest, die über Hanny Askaris Klage zu befinden hatte, die Adoptionsfreigabe aufzuheben. Ausführlich aber äußerte sich die Kammer über das Verhalten des städtischen Jugendamtes, S.104 das die Adoption bearbeitet hatte.
Dem Gericht drängte sich nämlich "der Eindruck auf, daß das Jugendamt dem Elternrecht" der leiblichen Mutter "nicht die gebotene Beachtung geschenkt" und statt dessen die Trennung von Mutter und Kind in einem "auch nicht durch das Kindeswohl zwingend gebotenen Maße gefördert" habe.
Was die Richter "befremdlich" fanden, war die "unangebrachte Eile", mit der das Heidelberger Jugendamt die Adoptionseinwilligung von Hanny Askari hatte erlangen wollen. Schon wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes am 17. März vergangenen Jahres schaltete sich die Behörde ein.
Die alleinstehende Mutter war zur Zeit der Geburt in einer seelisch wie körperlich geschwächten Verfassung, und die Wohnung im Heidelberger Altstadt-Sanierungsgebiet war ihr auch noch, ohne eigenes Verschulden, gekündigt worden. In ihrer Not hatte sie ihren Sohn in einer benachbarten Kinderkrippe untergebracht und, um die Kosten begleichen zu können, das Jugendamt um finanzielle Zuschüsse ersucht.
Von da an betrieb die Behörde beharrlich die Unterbringung des Babys bei anderen Eltern, sei es zur Adoption oder zur Pflege. Im September 1981 ging die Mutter auf die nachhaltigen Vorstellungen des Jugendamtes ein. Nach einem fünfstündigen Gespräch vereinbarten Behördenvertreter gleich für den folgenden Tag einen Notartermin, um das Ergebnis fixieren zu lassen - ohne Bedenkzeit also für die "erkennbar schwere und tiefgreifende Entscheidung", wie das Gericht später beanstandete.
Es paßt ins Bild, daß die Leute vom Amt der Mutter für dieses entscheidende Gespräch den "Beistand" einer Freundin verwehrten und überdies die Einwilligungserklärung vorformulierten, die üblicherweise der Notar abfaßt. Es sei "nicht verwunderlich", so die Richter, wenn sich die Mutter "in die Enge getrieben fühlte".
Die Richterschelte wirft Licht auf eine Behördentätigkeit, die öffentlicher Aufmerksamkeit gewöhnlich entzogen ist, "über die keiner gerne nachdenkt und redet", wie die hannoversche Diplompädagogin Christine Swientek anmerkt. Sie hat diese "verschwiegene Seite der Adoption" ausgeleuchtet und soeben ein Buch darüber veröffentlicht.
( Christine Swientek: "Ich habe mein Kind ) ( fortgegeben". rororo Frauen aktuell; ) ( 153 Seiten; 6,80 Mark. )
Die Pädagogin befaßt sich mit der Situation "abgebender Mütter", fünf- bis sechstausend sind es jährlich, die ihre Kinder zur Adoption freigeben. Häufig bleibt ihnen keine andere Wahl, die Lebensumstände zwingen sie dazu.
Christine Swientek aber, die als Sozialarbeiterin jahrelang in einer städtischen Adoptionsvermittlung arbeitete, kommt zu dem Schluß, daß Zwang auch "von Behörden" ausgeht, wenn sie eine Adoption als "einzige Lösungsmöglichkeit" erwägen und "keine Alternative" suchen - obwohl sie das tun müßten.
Die amtlichen Adoptionsvermittler sind verpflichtet, neben dem "Leitgedanken" des Kindeswohls auch die "Rechte und Interessen" der leiblichen Eltern zu berücksichtigen. Ein Entwurf interner "Empfehlungen für die Adoptionsvermittlung", von der "Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und überörtlichen Erziehungsbehörden" gerade neu formuliert, aber im Kern seit Jahren Grundlage der gängigen Behördenpraxis, führt aus, wie das zu geschehen hat.
"Eltern oder Alleinstehende" sollen von Amts wegen beraten und so "befähigt werden, ohne Druck und unter Berücksichtigung alternativer Möglichkeiten eine freie Entscheidung über die Zukunft ihres Kindes zu treffen". Und weiter: "Alternative Hilfeangebote sind insbesondere dann von Bedeutung, wenn die Eltern in ihrer Entscheidung noch schwankend sind. Auch hier gilt es, jede Einflußnahme zu unterlassen, die eine freie Entscheidung behindert, und Beeinflussungen Dritter entgegenzuwirken."
Darauf wiesen auch die Heidelberger Richter im Falle Hanny Askari hin. Es wäre "zu erwarten gewesen", so die Kammer, daß das Jugendamt nach "Erkennen der Lebensumstände und der gesundheitlichen Verfassung" der Mutter alles daransetzen würde, sie "darin zu unterstützen, ihr Kind zu sich zu nehmen und selbst aufzuziehen". Statt dessen habe die Behörde den Eindruck erweckt, als habe sie sich "von vornherein vorrangig damit befaßt", das Kind "bei einer Pflegefamilie unterzubringen".
Die Leiterin der Adoptions- und Pflegestellen-Abteilung im Heidelberger Jugendamt, Maja von Beyme, hält die Richterschelte für ungerechtfertigt. Das Verfahren, an dem sie selber maßgeblich mitwirkte, sei "von vorne bis hinten ganz sauber gelaufen", mit "soviel Einsatz gegenüber dieser Frau" und "überhaupt nicht zu schnell"; schließlich habe man das Kind "nicht immerzu so rumlungern lassen können". Es gerieten ja gerade "deshalb so viele Kinder in Heime", weil "man immer gewartet hat, daß die Mutter es irgendwann einmal schafft, sich und ihr Leben zu verändern".
Doch der Tadel der Richter wiegt schwer: Nicht weniger als drei von zehn Seiten ihres Urteils widmen sie dem Verhalten der Jugendbehörde. Die Adoptionsfreigabe aufzuheben, sahen sie sich freilich außerstande.
Denn zum Wohle der Kinder und zum Schutz der Adoptiveltern hat der Gesetzgeber die Annullierung der Adoptionsfreigabe an strenge Voraussetzungen gebunden. Die einmal gegebene, notariell bestätigte Einwilligung kann nur wegen "vorübergehender Störung der Geistestätigkeit" für nichtig erklärt werden oder wegen arglistiger Täuschung, Drohung oder gar formaler Fehler.
Eine vorübergehende Störung ihrer Geistestätigkeit aber, hervorgerufen durch Alkohol und Beruhigungsmittel, vermochten die Richter nachträglich bei der Mutter nicht zu erkennen. Gegen diesen Beschluß legte Hanny Askari zwar beim Oberlandesgericht Karlsruhe Beschwerde ein, aber die Erfolgsaussichten schätzt sie realistisch ein: "Juristisch ist das Spiel so gut wie verloren."
Kaum ein Trost, was die Heidelberger Richter wohlwollend ins Urteil schrieben: Es hätte "dem Jugendamt besser angestanden", der Mutter "ausreichend Zeit zu lassen, die getroffene Entscheidung zu überdenken", mit Freunden zu beraten und "gegebenenfalls noch von ihr wieder Abstand zu nehmen".
S.104 Christine Swientek: "Ich habe mein Kind fortgegeben". rororo Frauen aktuell; 153 Seiten; 6,80 Mark. *

DER SPIEGEL 47/1982
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