29.11.1982

VERLAGEIm Zweifel selbst

Bertelsmann-Chef Manfred Fischer muß gehen - wegen Meinungsverschiedenheiten über die Politik des Medienkonzerns.
Die Vorstandsmitglieder des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann waren auf Heiteres eingestellt. Reinhard Mohn, 61, Großaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, hatte sie vergangene Woche eingeladen, die Hochzeit mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Elisabeth ("Liz") Scholz zu feiern.
Doch dann wurde es ganz ernst. Eine halbe Stunde vor dem Hochzeitsempfang verkündete Mohn seinen führenden Mitarbeitern, daß ihr Vorsitzender, Manfred Fischer, 49, zum März nächsten Jahres aus dem Konzern ausscheiden werde.
"Unterschiedliche Auffassungen in der Beurteilung unternehmenspolitischer Grundsatzfragen", so Mohn, hätten die Trennung, nach 24 Jahren, leider unvermeidlich gemacht.
Mohn und Fischer hatten in den vergangenen Wochen zunehmend Auseinandersetzungen über die Führung des Unternehmens. Der Ton der Hausmitteilungen hin und her war immer schärfer geworden.
Mitarbeiter hatten seit Mitte vergangenen Jahres damit gerechnet, daß die beiden Westfalen, die seit über zwei Jahrzehnten miteinander befreundet sind, eines Tages aneinandergeraten würden. Fischer hatte im Juli 1981 die Konzernführung in Gütersloh übernommen, Mohn wurde Vorsitzender des Aufsichtsrates.
Als Rückzug aus der Unternehmensführung verstand er das nicht. Wie S.126 Mohn in seiner Hauszeitung, dem "Bertelsmann Report", zu Protokoll gab, betrachtete er es vielmehr als seine Aufgabe, "darauf zu achten, daß die nachfolgende Führung im Vorstand die Aufgabe bewältigt", und "im Zweifel auch selbst einzugreifen".
Der Zeitpunkt zum Eingreifen war jetzt offenbar gekommen. Mohn, der nach dem Krieg das Unternehmen zum größten Medienkonzern Europas und einem der größten der Welt ausgebaut hatte, mißfiel das eher verhaltene Tempo, das sein Nachfolger einschlug.
Fischer setzte von Anfang an, im Gegensatz zu Mohn, auf Konsolidierung des rasch gewachsenen Unternehmens. "Wir haben große Brocken geschluckt", "und die müssen nun erst mal verdaut werden."
Der Neue kappte "kranke Glieder" (Fischer), machte zwei mittelamerikanische Buchklubs zu, verkaufte die brasilianische Tochter von Bertelsmanns Plattenfirma "Ariola", veräußerte skandinavische Musikklubs an die Polygram und leitete auch die Trennung von der amerikanischen "Arista Records" ein.
Der Mohn-Nachfolger in der Firmenleitung favorisierte ein Wachstum von innen heraus, ohne spektakuläre und teure Zukäufe. Auslandsinvestitionen vor allem in den USA, dem schwierigsten Medienmarkt der Welt, stand er skeptischer gegenüber als Mohn. Der Reinfall mit der US-Ausgabe des Erdkundemagazins "Geo" etwa, das erst nach Verkauf an einen US-Verlag reüssierte, hatte ihn vorsichtig gemacht.
Mohn empfand diese Unternehmenspolitik als Kritik an seinem Aufbauwerk. Mohns Motto hieß nach wie vor: S.127
"Es gibt noch viel zu tun." Hinzu kam: Fischer machte sich in einem Bereich für mehr Expansion stark, dem Mohn immer distanziert gegenüberstand - den neuen Medien.
Die sachlichen Differenzen zwischen Mohn und Fischer schaukelten sich in den vergangenen Wochen auch emotional so hoch, daß die Beziehung schließlich im Krach endete.
Damit ging ein "ungewöhnlich einfacher Berufsweg" - so Fischer über seine Karriere - auf ebenso ungewöhnlich einfache Weise zu Ende. Fischer, promovierter Betriebswirt, hatte 1958 als 25jähriger bei Bertelsmann angefangen. Unter dem damaligen Generalbevollmächtigten Manfred Köhnlechner stieg er schon sechs Jahre später in die Geschäftsleitung auf, 1971 rückte er in den Vorstand ein.
Zwei Jahre später ging Fischer zu Gruner + Jahr nach Hamburg, um die gerade erworbene Unternehmenstochter in den Konzern zu integrieren. Das gelang - der Umsatz von Gruner + Jahr verdoppelte sich bis 1981 auf 1,5 Milliarden Mark. Fischer kam als ein anderer Mensch nach Gütersloh zurück. Der Sauerländer, der zunächst nur zögernd nach Hamburg gezogen war, schwamm sich dort frei.
Anders als sein Stellvertreter und Konkurrent um den Vorstandsposten in Gütersloh, der für den Bereich Druck zuständige Mark Wössner, wollte Fischer von Mohn nicht "ständig kontrolliert" werden. Wössner gilt nun als möglicher Nachfolger Fischers.
Der scheidende Chef hatte offenbar nicht daran geglaubt, daß er tatsächlich seinen Schreibtisch räumen müßte. Zum Jahreswechsel wollte er Frau und Kinder aus Hamburg nach Gütersloh holen - die Familie Fischer sollte ein Haus beziehen, das Freund Mohn ihr seit langem zugedacht hatte.

DER SPIEGEL 48/1982
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