13.12.1982

OPECÄußerst schmerzhaft

Wenn sich das Ölkartell Opec nicht auf neue Förderquoten einigt, könnte rasch ein offener Preiskrieg ausbrechen.
Die Kartell-Brüder wichen auf neutralen Boden aus: Kurzfristig verlegte die Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) ihre in der nigerianischen Hauptstadt Lagos geplante Jahresschluß-Konferenz nach Wien.
Einen Grund für den Ortswechsel gab die Opec nicht bekannt. Kartell-Beobachter meinen gerade deshalb, das Motiv genau zu kennen: In Wien, dem Sitz ihres Generalsekretariats, können sich die Delegierten der 13 Opec-Staaten
( Opec-Mitglieder sind Algerien, Ekuador, ) ( Gabun, Indonesien, Irak, Iran, Katar, ) ( Kuweit, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, ) ( Venezuela und die Vereinigten ) ( Arabischen Emirate. )
am nächsten Sonntag ungenierter befehden als in der Hauptstadt eines Mitgliedslandes.
Wie schlecht die Stimmung im Kartell ist, hatten die Ölförderstaaten schon bei einem Wiener Treffen im Juli vorgeführt. Bei dem Versuch, neue Förderquoten für die einzelnen Mitgliedsstaaten festzulegen, zerstritten sich die Ölminister so sehr, daß sie ihre Konferenz abbrachen. Nicht einmal das sonst übliche nichtssagende Kommunique am Ende von Opec-Konferenzen brachten sie damals noch zustande.
Seither hat sich das Konflikt-Potential innerhalb des Kartells noch verstärkt. Weil die Nachfrage der Verbraucherländer nach Opec-Öl schrumpft, kämpfen zwei schon seit längerem verfeindete Kartell-Fraktionen erbittert um ihre Marktanteile.
Die eine Gruppe, zu der die ölreichen, aber bevölkerungsarmen arabischen Feudalstaaten am Golf gehören, wird von Saudi-Arabien, dem weitaus größten Opec-Produzenten, angeführt. Den Saudi-Troß bilden Kuweit, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Die andere Gruppe ist kein politisch, wirtschaftlich und ethnisch geschlossener Block wie der Saudi-Bund. Zu ihr zählen bevölkerungsstarke Opec-Länder wie Algerien und Nigeria, die dringend Devisen für ihre Industrialisierungsprojekte benötigen, dazu der Iran, der mit Petrodollar seinen Krieg gegen den Opec-Nachbarn Irak finanziert, und schließlich der notorische Quertreiber Libyen.
Diese finanzhungrige Gruppe wird nur durch den Willen geeint, dem kapitalstarken Saudi-Lager Kunden abzujagen. Und das gelang ihr in den vergangenen Monaten so gut, daß die Saudis nicht länger stillhalten möchten.
Während sich die Saudis trotz steigender Absatz-Schwierigkeiten an den im Herbst 1981 vereinbarten Kartell-Richtpreis von 34 Dollar je Barrel (159 Liter) hielten, erhöhten deren Kontrahenten durch versteckte Preis-Nachlässe ihre Marktanteile. Mit 1,8 Millionen Barrel pro Tag fördern beispielsweise die Libyer derzeit über eine Million Barrel mehr, als sie nach einem Kartell-Abkommen vom März produzieren dürften.
Das Ajatollah-Regime im Iran scherte sich ebensowenig wie Libyens Oberst Gaddafi um Opec-Beschlüsse. Statt der 1,2 Millionen Barrel täglich, die ihnen die anderen Kartell-Mitglieder zugestanden hatten, fördern die Perser 2,5 bis 2,7 Millionen Barrel täglich.
Die im Kartell-Streit neutralen Venezolaner, die sich zunächst an die Mengen-Vereinbarung vom März gehalten hatten, fühlten sich wegen dieser Verstöße schließlich auch nicht mehr an ihr Förder-Limit von 1,5 Millionen Barrel S.119 gebunden. Mit fast 2,3 Millionen Barrel täglich produzieren sie derzeit, was ihre Förder-Anlagen hergeben.
Die Saudis dagegen hätten zwar sieben Millionen Barrel je Tag fördern dürfen und technisch sogar über elf Millionen Barrel fördern können. Sie mußten aber ihre Produktion in den Monaten August bis Oktober, weil zu ihrem Preis nicht genügend Öl verlangt wurde, auf durchschnittlich 5,5 Millionen Barrel täglich herunterfahren. "Ein Exodus von Ölkäufern", dramatisierte das US-Wirtschaftsmagazin "Business Week", "versetzt das Saudi-Lager in Panik."
Den Saudis machten allerdings nicht nur Preisbrecher innerhalb des Kartells zu schaffen. Auch Briten, Mexikaner und andere Ölexporteure, die nicht der Opec angehören, warben durch niedrigere Preise Kunden ab.
"Diese Exporteure außerhalb der Opec können sicher Absatz und Einnahmen maximieren", analysierten Opec-Berater in einer vergangene Woche veröffentlichten Studie, "indem sie ihr Öl zu Preisen anbieten, die gerade unter den Opec-Preisen liegen."
Die Experten-Gruppe empfiehlt der Opec daher, sich mit den Briten, Mexikanern und anderen Außenseitern so weit wie möglich abzustimmen. Vor allem aber rät sie den zerstrittenen Kartell-Genossen, sich erst einmal während der Wiener Konferenz am nächsten Sonntag auf neue Förder-Quoten zu einigen und fortan keine heimlichen Öl-Rabatte mehr zu gewähren.
Andernfalls sei die Gefahr sehr groß, so warnen die ehemaligen Opec-Generalsekretäre Ali Jaidah und Francisco R. Parra sowie vier weitere Ölfachleute, "daß ein Preiskrieg ausbricht". Die Kartell-Tarife würden dann schon im nächsten Frühjahr zusammenbrechen.
Die Experten-Gruppe hält sogar eine Regie-Anweisung an die Saudis und ihre Verbündeten für den Fall bereit, daß störrische Opec-Mitglieder wie die Iraner und Libyer am nächsten Sonntag auf keine gemeinsame Kartell-Linie zurückzubringen sind. Die Saudi-Fraktion solle dann, so die Opec-Berater, schon während des Wiener Treffens verbindlich erklären, daß sie ihre Ölpreise wenige Tage nach der Konferenz "erheblich" senken werde. Notfalls müßten die Preise, so empfehlen die Experten, ein zweites Mal gesenkt werden.
Solche Preisabschläge könnten schnell Wirkung zeigen. Sie wären nämlich vor allem für die finanzschwachen Saudi-Gegner im Kartell äußerst schmerzhaft: Jeder Dollar Preis-Nachlaß bringt der Opec einen Einnahme-Verlust von 7,5 Milliarden Dollar im Jahr.
S.118 Opec-Mitglieder sind Algerien, Ekuador, Gabun, Indonesien, Irak, Iran, Katar, Kuweit, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, Venezuela und die Vereinigten Arabischen Emirate. *

DER SPIEGEL 50/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 50/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OPEC:
Äußerst schmerzhaft

Video 01:44

Rassistische Tiraden Fluggast bepöbelt Sitznachbarin

  • Video "Unterwasser-Freundschaft: Der mit der Robbe kuschelt" Video 01:16
    Unterwasser-Freundschaft: Der mit der Robbe kuschelt
  • Video "Migration in die USA: Tausende Menschen überqueren Grenze zu Mexiko" Video 01:29
    Migration in die USA: Tausende Menschen überqueren Grenze zu Mexiko
  • Video "NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James" Video 00:45
    NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James
  • Video "Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts" Video 01:08
    Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts
  • Video "Fall Khashoggi: Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord" Video 01:31
    Fall Khashoggi: "Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord"
  • Video "Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte" Video 00:34
    Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte
  • Video "3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra" Video 02:03
    3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra
  • Video "Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!" Video 03:28
    Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!
  • Video "Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse" Video 01:40
    Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse
  • Video "Respektlose Berichterstattung: Die Bayern-PK der anderen Art" Video 02:27
    "Respektlose Berichterstattung": Die Bayern-PK der anderen Art
  • Video "Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: iPlane 1 statt Air Force One" Video 01:40
    Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: "iPlane 1" statt Air Force One
  • Video "Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam" Video 01:08
    Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam
  • Video "Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways" Video 01:26
    Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways
  • Video "Dashcam-Video: Riesenspinne nähert sich US-Cop" Video 01:05
    Dashcam-Video: "Riesenspinne" nähert sich US-Cop
  • Video "Rassistische Tiraden: Fluggast bepöbelt Sitznachbarin" Video 01:44
    Rassistische Tiraden: Fluggast bepöbelt Sitznachbarin