20.12.1982

POLIZEIEine Million Candela

Gegen Startbahn-Gegner hat die Frankfurter Polizei „Blendschocker“ eingesetzt, gefährliche Waffen zur Terroristen-Bekämpfung.
Als der Frankfurter Photograph Klaus Malorny auf den Auslöser drückte, blitzte es und "tat einen furchtbaren Schlag". Eine Rauchwolke zog auf, erinnert sich der Bildberichter, und "nach dem Knall knickte ein Mann zusammen, der lag dann da wie ein Sack".
Die Szene fing der Reporter am 15. November vergangenen Jahres ein, als Startbahngegner die Zufahrten am S.35 Frankfurter Flughafen blockiert hatten und Polizei mit Hubschraubern einflog, um die Barrieren aufzulösen.
Präsentiert wurde der Schnappschuß, der die rätselhafte Explosion festhielt, jüngst im Prozeß gegen den Startbahngegner Alexander Schubart. Dem Frankfurter Magistratsdirektor wird vorgeworfen, durch seinen Aufruf zur Demonstration schweren Landfriedensbruch begangen zu haben (SPIEGEL 43/1982).
Blitz und Donner, die Photographen zunächst als Explosion einer "neuen Tränengasbombe" oder eines "gewaltigen Knallfroschs" gedeutet hatten, kamen aus der Büchse: Beamte des Frankfurter Sondereinsatzkommandos (SEK) hatten, wie Polizisten am Montag vergangener Woche im Zeugenstand aussagten, kurz nach der Landung der Helikopter einen "Blendschocker" gezündet.
Daß die Polizei den Schocker-Einsatz so lange geheimgehalten hat, mutet verständlich an. Denn die Sprengkörper können nach Ansicht von Waffenexperten in Menschenansammlungen erhebliche Schäden anrichten, die Schocker taugen allenfalls bei Geiselbefreiungen.
Vor fünf Jahren hatte das Kampfmittel in Mogadischu die Entführer der "Landshut" geblendet. Während Spezialisten der deutschen GSG 9 damals das Cockpit der Lufthansa-Maschine stürmten, schleuderten britische Kollegen "Light and Sound Grenades", die in ihrer Wirkung den an der Startbahn in Frankfurt eingesetzten Wurfkörpern ähnlich sind.
In der neuartigen Polizeiwaffe, die einer Bierdose ähnelt und die wie eine Handgranate nach dem Zünden in Feindrichtung geworfen wird, sind insgesamt acht Sprengkörper gebündelt. Zwei Sekunden nach dem Auslösen "explodieren die Subkörper", so steht es in der Bedienungsanleitung, sie werden "ausgestoßen und durch eigenen Antrieb am Boden in Bewegung gehalten". Wie bei Schwärmern oder Knallfröschen ist ihr Lauf nicht kontrollierbar.
Der Knalleffekt der Schocker, die von der Firma "Nico-Pyrotechnik" im schleswig-holsteinischen Trittau hergestellt werden, liegt bei 160 Dezibel - genug, um dauernde Hörschäden zu verursachen. Der Blitz hat eine Helligkeit von einer Million Candela, die bei einer Detonation direkt vor dem Auge zum Erblinden führen kann.
Bis zum Einsatz an der Startbahn waren die Blendschocker nur von bundesdeutschen Polizeitechnikern getestet worden. Die Waffenexperten kamen zu dem Ergebnis, daß die Sprengsätze für den Einsatz bei Demonstrationen ungeeignet seien. Bei Vorführungen blieben "einige Raketen in der Blechdose hängen, die wurde dann zerfetzt", berichtet ein Polizeigewerkschafter: "Diese Granaten sind noch lange nicht ausgereift."
Die Zündung der Blendschocker an der Startbahn war mithin ein polizeilicher Fehlgriff. Über den Einsatz waren schon vor Monaten das hessische Innenministerium und der Frankfurter Polizeipräsident Karlheinz Gemmer aneinandergeraten.
Zwar hatte das Innenministerium gebilligt, daß sich Gemmers SEK-Truppe mit den explosiven Büchsen rüstet, vorgesehen waren sie jedoch als Schockmittel gegen Geiselnehmer. Vom Gebrauch am Flughafen wußten die Wiesbadener nichts, nach dem Einsatz wurden sie falsch informiert.
Besorgte Landespolitiker, die Aufklärung über die grellen Blitze forderten, beruhigte noch einen Monat später ein hoher Wiesbadener Innen-Ministerialer, seines Wissens seien "Blendkörper bislang nur von der britischen Polizei in Nordirland eingesetzt" worden. Erst neun Wochen nach dem Knall räumte, im Innenausschuß des hessischen Landtags, Staatssekretär Otto Dockhorn ein, daß insgesamt zwölf Blendschock-Wurfkörper am Sicherheitszaun des Startbahngeländes eingesetzt worden seien. Es habe einen "bedauerlichen Übermittlungsfehler innerhalb der Frankfurter Polizeibehörde" gegeben.
Und erst im Schubart-Prozeß, unter richterlichem Druck, gab die Behörde preis, daß SEK-Leute auch nach der Landung des Bundesgrenzschutz-Hubschraubers "Puma" auf dem Flughafen-Zubringer einen weiteren Blendschocker zündeten.
Womöglich hatten die Beamten allen Grund, den Vorfall zu vertuschen. Denn es ist nicht auszuschließen, daß der Demonstrant, der laut Zeugenaussagen nach dem Knall umfiel und der auf Photos, die dem Gericht präsentiert wurden, deutlich sichtbar neben dem Hubschrauber liegt, ein Opfer des Blendschockers war.
SEK-Einsatzleiter Bernd Pokojewski vermochte sich an den Unbekannten nicht zu erinnern. Er wußte aber mit Bestimmtheit, daß seine Beamten den "Blendschocker in Notwehr werfen mußten, um sich Luft zu verschaffen". Sie seien, rechtfertigte Pokojewski die Zündung, "in der ersten Phase des Aussteigens in erbitterte Zweikämpfe verwickelt" worden und hätten den Landeplatz "Mann gegen Mann freikämpfen müssen".
Bildberichter haben eine andere Situation beobachtet. Der Tübinger Photograph Michael Gööck sagte vor Gericht, die Besatzung sei ausgestiegen und habe "gesucht, wo gibt es was zu tun". Erst die Explosion habe "Leute angezogen wie das Licht die Mücken".

DER SPIEGEL 51/1982
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