Die Hörspielautorin Ria Endres, 36, verblüffte vor zwei Jahren mit einem Essay über das "wahnhafte Dunkel der Männerporträts" bei Thomas Bernhard. Nun hat sie ihre erste Erzählung geschrieben: in der sie sich - mit dem Mut der Einbildungskraft - in das Leben der Milena Jesenska zurückversetzt, der Geliebten des Prager Dichters Franz Kafka, die ganz in seinem Schatten stand.
Die wirkliche Milena (1896 bis 1944) übersetzte, 24 Jahre jung, Prosatexte Kafkas ins Tschechische und arbeitete von Wien aus für eine Prager Zeitung. Kafka hatte eine leidenschaftliche Beziehung zu ihr. Seine "Briefe an Milena" waren in den 60er Jahren eine Empfindsamkeitsbibel der Germanisten, während ihre an ihn als verschollen gelten.
Die fiktive Milena der Autorin Endres schreibt ihre Liebesbriefe an Kafka während einer Eisenbahnfahrt, die sie von Prag nach Wien und Wien nach Prag "gleichzeitig" unternimmt. Aber der Leser erlebt mehr als nur eine Zugfahrt: Milenas Jugend und ihre Ehe mit dem jüdischen Schriftsteller Ernst Polak (genau recherchiert) finden in der Erzählung ebenso Platz wie die "Allgegenwart" der vermurksten Liebe zu Kafka.
Anachronistische Ereignisse mischen sich unter die Handlung. Der Einmarsch S.158 der Roten Armee in die Tschechoslowakei, die Internationale der Apo: "In vielen Gesichtern der Filmriß von 1968." Im Zugabteil fahrend, nimmt Milena sogar ihre Ermordung im Konzentrationslager Ravensbrück vorweg: "Ich habe mich durch den Tod ablenken lassen."
Eine absurde, humorvolle Reisegesellschaft zerstreut Milena bei ihren Notizen: Der geheimnisvolle Winzling Odradek turnt zur Belustigung der Fahrgäste am Gepäcknetz, und ein Affe amüsiert mit klugen Reden über das Zeitalter, Anspielungen auf Kafkas "Die Sorge des Hausvaters" und "Bericht an eine Akademie". - Ria Endres erinnert daran, daß Literatur vor allem Phantasie ist.
DER SPIEGEL 51/1982
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