20.12.1982

SCHRIFTSTELLER

Hotel des Grotesken

John Irving, seit 1978 ein Star des amerikanischen Literaturbetriebs, hat einen neuen Bestseller geschrieben, der nun auf deutsch erschienen ist, das "Hotel New Hampshire".

Seine Instinkte", so die "New York Times", "sind so urgesund, sein Erzähltalent so stark, daß er am Ende der Wahrheit seiner Zeit auf den Grund kommt." Und "Time" schrieb: "Mit 36 rückt Irving in die vorderste Linie der jüngeren amerikanischen Schriftsteller auf."

Das überschwengliche Lob galt einem Mann, der in den USA als Beispiel eines neuen Schriftsteller-Typs gefeiert wurde. Das Buch, das John Irving mit einem Schlage berühmt machte, war 1978 der Roman "The World According to Garp" (deutsch 1979 bei Rowohlt: "Garp und wie er die Welt sah"). Mehr als 3,5 Millionen mal wurde die Taschenbuchausgabe von "Garp" verkauft - in sechs verschiedenen Umschlägen, damit jeder Leser seine Lieblingsfigur auf dem Titel fände. Es gab T-Shirts, Auto-Aufkleber und Stirnbänder mit der Aufschrift "Ich glaube an Garp". Man sprach schließlich sogar von "Garpomanie". Derzeit läuft mit großem Erfolg der Film zum Buch.

Bei soviel Publizität brauchte sich der Verlag um den nächsten Roman seines Erfolgsautors nicht zu sorgen. Man druckte 175 000 Startauflage und gleich weitere 100 000, die Taschenbuchrechte gingen für 2,3 Millionen Dollar an Pocket Books. Das "Hotel New Hampshire" stand dann auch sofort nach Erscheinen im Sommer 1981 auf Platz eins der amerikanischen Bestseller-Listen. Jetzt ist es auf deutsch erschienen.

( John Irving: "Hotel New Hampshire". ) ( Deutsch von Hans Hermann. Diogenes ) ( Verlag, Zürich; 600 Seiten; 36 Mark. )

Ein neuer Typ ist Irving schon äußerlich. Photos zeigen ihn mit zusammengezogenen Brauen unter der Haartolle und mit vor breiter Brust verschränkten Armen oder beim Lauftraining - er war Ringer, bevor er als Schriftsteller Erfolg hatte. Der Eindruck von Kraft und schweißnassem Trikot kam an - weibliche Leser rühmten seinen "humanisierten Machismo".

Die Thematik von "Garp" entsprach ganz der Stimmung der siebziger Jahre: die auf Privates reduzierten Interessen der Ich-Dekade mit eingeblendeten Bildern aus dem kaputten Amerika - Unfälle, politische Morde, Vergewaltigungen. Irving will die Welt darstellen, wie der Fernsehzuschauer sie allabendlich am Bildschirm erlebt - voller Frustrationen und daraus resultierender Gewalt.

Erlitten wird sie in dem Roman von einem jungen Schriftsteller, der sein Leben trotz aller Schrecken einigermaßen zwischen Karriere und Familie austariert - er ist schreibender Hausmann, während seine Frau am College unterrichtet. Irvings Erzählwut, seine flapsige, oft grobe Sprache schienen einen Nerv der "me-generation" getroffen zu haben.

Sein neuer Roman erzählt die Geschichte der Familie Berry, die nacheinander drei Hotels unter gleichem Namen betreibt - eins in New Hampshire, das zweite in Wien, das dritte in Maine - und die bei ihrer Odyssee auf zwei Kontinenten hunderterlei Katastrophen ausgesetzt wird.

Es ist ein "Buch der Obsessionen" (der amerikanische Kritiker Victor S.160 Howes): Vater Win Berry ist besessen von der Idee, ein "gutes" Hotel zu führen, aber das erste - in einem ehemaligen Schulhaus untergebracht - wird ein Mißerfolg, im zweiten fühlen sich Terroristen und Prostituierte wohler als Hotelgäste, das dritte wird in ein Beratungszentrum für Vergewaltigungsopfer umfunktioniert.

Jedes der vier Berry-Kinder pflegt seine eigene Obsession: Lilly, die in einem frühen Stadium aufgehört hat zu wachsen, schreibt ein Buch über den "Versuch zu wachsen" und träumt von literarischer Größe. Frank, der älteste, ist homosexuell und verfolgt hingerissen die Idee des Aus- und Umstopfens eines Familienhundes, der eingeschläfert werden mußte, weil er ständig und auf enervierende Weise herumfurzte. Franny ist besessen von Sex und obszöner Sprache, John von Franny. Eine Familie von Verrückten, der sich andere Verrückte anheften, zum Beispiel "Susie der Bär", eine Lesbe im Bärenkostüm. Auch ein echter Bär kommt vor (wie in anderen Romanen Irvings) und ein Bärendompteur mit Namen Freud, der Jude ist und aus Wien stammt.

Nach einem mißlungenen Versuch der im zweiten "Hotel New Hampshire" untergekrochenen Terroristen, die Wiener Oper in die Luft zu sprengen, kehrt die Familie heim nach Amerika, wo sich Tochter Franny mit Hilfe von Susie dem Bären an einem ihrer Vergewaltiger rächt, wo John mit Franny den lange angebahnten Inzest begeht und wo dem beim Bombenanschlag in Wien erblindeten Vater von seinen Kindern vorgegaukelt wird, das dritte Hotel sei wirklich ein solches und nicht ein Zentrum für vergewaltigte Frauen. Das Hotel - für Irving ein Zufluchtsort vor der Unbill der Außenwelt - symbolisiert in diesem Roman die verschiedenen Lebensalter: Kindheit, Jugend und Erwachsensein. Ein Entwicklungsroman der 80er Jahre?

Die Phantasie des John Irving und sein Erzähltalent wurden schon in seinen ersten drei (kommerziell nicht erfolgreichen) Romanen von Kritikern als bemerkenswert fruchtbar gerühmt. Mit dem "Hotel New Hampshire" hat er sich nun unerbittlich in das literarische Feld der Groteske hineingeschrieben, stellenweise mit viel schwarzem Humor. Seine Variante dieses Stilmittels steht aber immer im Verdacht, in schierer Willkür die Handlung vorantreiben zu wollen.

Im Literaturbetrieb der USA - immer gierig auf neue Autoren - war John Irving das neue, unbekannte Talent. Daß das Image des Ringers in einer auf Sensationen versessenen Zeit dem des Schriftstellers eine interessante Variante gibt, hat er vermutlich einkalkuliert. Teil seines Erfolgsgeheimnisses ist, daß seine Prosa so draufgängerisch und mit Bizeps daherkommt wie er selber.

So war er wohl immer. Ein "uninteressantes Leben", sprich: eine wohlbehütete Kindheit und Jugend, hatte Irving, nach eigener Aussage, zuerst in der exklusiven Privatschule Exeter in New Hampshire, wo sein Vater russische Literatur lehrte, später in Pittsburgh, Wien und Iowa. Später mußte er am College Literaturunterricht geben, weil seine ersten Bücher die Familie noch nicht ernährten. Jetzt hat er dies nicht mehr nötig; von den enormen Vorschüssen, die einem amerikanischen Erfolgsautor gezahlt werden (für das "Hotel" bekam er 150 000 Dollar) und von den Tantiemen seiner Bücher lebt es sich gut in seinem Haus in Vermont - weitab von der Alptraumwelt seiner grotesken Katastrophen.

Zum Erscheinen der deutschen Ausgabe des "Hotel New Hampshire" kam Irving nach Frankfurt und Wien - der Stadt, in der er wie sein alter ego, Garp, Literatur studiert hat, in Kaffeehäusern saß und ganze Notizblöcke mit Beobachtungen füllte. Ein dekadentes Wien in Endzeitstimmung spielt in allen fünf Romanen eine prominente Rolle.

Die literarischen Einflüsse aus dem deutschsprachigen Raum freilich holte er sich in der Bundesrepublik, bei Böll und Graß. Günter Graß nennt er den Schriftsteller, den er am meisten verehrt, und die zwergenhafte Lilly sei ein "respektvoller Gruß an Graß". Manch ein Kritiker hat in dieser Anlehnung an Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel" aber auch schlichte Imitation gesehen.

Das Vorbild ist in diesem Fall wohl eher eine Hypothek: Irving bewundert an Graß die Kombination aus realistischer Zeichnung der Charaktere und phantastischer Handlung - den komischen Ton beim ernsten Thema -, doch sein eigener Humor ist oft verkrampft. Die Häufung von Gewalt, der nahezu bedenkenlose Umgang mit dem Skurrilen und die lakonische bis ungehobelte Sprache produzieren Schocks, die reiner Selbstzweck scheinen. (Für den deutschen Leser wird dies durch Übersetzungsfehler noch verstärkt, wenn zum Beispiel das Slangwort "fucking" wie in "fucking firm" mit "verfickt" übersetzt wird, wo eine "Scheißfirma" die Sache genau getroffen hätte.)

So wie er ringt, schreibt er auch - mit der Disziplin und Ausdauer, die er sich als Sportler antrainiert hat. Freilich: Wenn Disziplin zum Produzieren von Literatur nötig ist, gehören dazu aber auch Brüche und Leidenserfahrungen, doch die sind in seiner Biographie nicht auszumachen. Was ihm die Kraft gibt, 600 Seiten Manuskript zu schreiben, hindert ihn vielleicht daran, Literatur zu produzieren, die über eine spannend erzählte Geschichte hinausgeht.

Während die Kunst eines Günter Graß bei aller Lust am Fabulieren den Boden der Realität nie verläßt, wuchert Irvings Talent auf eine Weise, daß man den Eindruck nicht los wird, da schreibe jemand nur auf kurzatmige Effekte hin.

Irving selbst hat solche und ähnliche Kritik in seinem Buch über den schreibenden Garp vorweggenommen. Der Held weiß genau, mit welchen Worten ihn die Rezensenten-Zunft zunichte machen wird, aber er sieht es gelassen.

Sein Schöpfer auch. Anders als "Garp" hat das "Hotel New Hampshire" in den USA recht geteilte Kritiken bekommen. Dem Erfolg des Buches tat dies keinen Abbruch.

Ringer Irving, als ob er in Siegerpose von der Matte stolzierte: "Das Publikum liebt mich. Ich bin nicht mehr verwundbar."

S.158 John Irving: "Hotel New Hampshire". Deutsch von Hans Hermann. Diogenes Verlag, Zürich; 600 Seiten; 36 Mark. *

DER SPIEGEL 51/1982
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