27.12.1982

Notfalls mit dem Maschinengewehr regieren

Von Augstein, Rudolf

Rudolf Augstein über das Entstehen und den Untergang der faschistischen Bewegungen in Italien und Deutschland Gewalt nach innen, Krieg nach außen, Liktorenbündel und Hakenkreuz: Unter diesen Zeichen suchten die beiden Diktatoren Mussolini und Hitler ihren Weg zur Macht, Erfolge auf Kosten ihrer Nachbarn und Befriedigung ihrer knabenhaften Omnipotenzgelüste. Beider Wunschträume lösten sich, nach unsäglichen Opfern, im Taglicht der Realität auf. Die Welt, in der sie ihre blutigen Spiele abhielten, zerschmetterte den Faschismus.

Der alte Herr drohte mit dem Finger und sagte: "Herr Hitler, ich schieße!" Das war am 13. August 1932, 14 Tage nach den Reichstagswahlen. Hitler hatte für seine NSDAP die Führung in vollem Umfang verlangt. Das Staatsoberhaupt hatte sich geweigert, einer einzigen Partei die gesamte Regierungsgewalt zu übertragen, "noch dazu einer Partei, die einseitig gegen Andersdenkende eingestellt wäre".

Soweit das Protokoll. Bei der Verabschiedung versicherte Hitler, etwas tapsig, er habe nicht die Absicht zu putschen. Hindenburg, schwerhörig wie er war, hatte nur das Wort "putschen" verstanden und drohend den Finger erhoben. Ein knappes halbes Jahr später, am 30. Januar 1933, ernannte Hindenburg, kaum fähig, die Dinge zu überblicken, eben diesen putschverdächtigen Parteiführer zum Reichskanzler.

Zur Macht, und zwar im Laufe weniger Monate zur vollen Macht, kam an diesem Tag der deutsche Faschismus, von seinen Gegnern als Hitler-Faschismus gebrandmarkt. Er schillerte in vielen Farben. Daß sein Heraufkommen die europäische Staatenwelt zerstören würde, ahnte so mancher; kaum einer konnte sich vorstellen, daß unter seinem Zeichen das schlimmste Verbrechen in der zivilisierten Geschichte der Menschheit, der Mord an vielen Millionen "Fremdstämmigen", hauptsächlich Juden, exekutiert werden würde.

Die Verkennung des Mannes Hitler und seiner Bewegung hatte mehrere Ursachen, darunter eine, die sich am ehesten ausmachen läßt: Hitler genoß den Vorzug eines um sechs Jahre älteren Kollegen in Rom, des Benito Mussolini. Dieser etablierte Diktator wurde 1933 fünfzig Jahre alt.

Er galt allgemein als der Doyen aller faschistischen Bewegungen und Diktatoren. Er hatte den Begriff Faschismus (von italienisch "fasci" gleich Bünde), dessen sich vor ihm schon andere bedient hatten, seit dem März 1919 für seine Bewegung und spätere Partei okkupiert, er war der Faschist schlechthin. Das altrömische Herrschaftszeichen der Liktorenbündel ließ er vor sich hertragen. S.39

Es war der Pate Mussolini nicht zuletzt und vielleicht zuerst, der den Hitler international salonfähig machte, teils weil die äußere Welt die italienischen Zustände unter Mussolini nicht kannte, teils weil die deutschen Zustände unter Hitler nur Zug um Zug und mit Haltepausen zum Schlimmeren und Schlimmsten gewendet wurden.

Charles de Gaulle, der sich zum guten Ende der von ihm selbst diktierten Verfassung beugte und der Kolonien nicht eroberte, sondern aufgab, selbst kein Faschist, sondern nur Autokrat, bewunderte den Mussolini, von Churchill wird ähnliches behauptet. Der Begriff des Faschismus ist dehnbar.

Der Austro-Faschist Dollfuß, Österreichs gewiß nicht auf Gebietserweiterung erpichter Bundeskanzler, wurde 1934 von dem Faschisten Mussolini beschützt und von österreichischen Hitler-Faschisten ermordet. Auch der Franco-Faschismus hatte keine kriegerischen Eroberungen im Sinn, ihm diente mangels irgendeiner ideologischen Grundlage die Katholizität Spaniens als Ideologie.

Futuristen hatten an der Gründung der faschistischen Bewegung teil, so der berühmteste von ihnen, F. T. Marinetti, der das Mailänder "fascio" bis zum Jahre 1921 dominierte. Er, wie der Dirigent Toscanini, kehrten dem Faschismus frühzeitig den Rücken. "Entartete Kunst", wie in Deutschland, hat es im Italien Mussolinis so wenig gegeben wie zu Zeiten Lenins und seines Ministers Lunatscharski in der UdSSR.

Was hatte Marinetti mit Mussolini zu tun? Die "Berliner Illustrirte Zeitung" 1934: "Kraft, Kampf, Technik, Schnelligkeit, das waren Losungsworte, mit denen der Futurismus dem Faschismus voranging." Und nicht nur das. Marinetti hat 1919 die Maschinen und die Abonnentenlisten der sozialistischen Zeitung "Avanti!" zerstört. Mussolini, der bis 1914 selbst Chefredakteur des "Avanti!" gewesen war, schrieb die Tat flugs sich zugute.

Ästhetische Züge waren den Ursprüngen des Faschismus nicht fremd. Der Poet Gabriele D''Annunzio, der 1919 die adriatische Stadt Fiume besetzte und dort ein Jahr lang als Anarch sein Wesen trieb (bis italienische Regierungstruppen ihn ohne viel Federlesens vertrieben), gab der neuen Bewegung den ästhetischen Touch. Alle zusammen schworen sie auf den französischen Syndikalisten Georges Sorel, den Verherrlicher der Gewalt (De Gaulle: "Das Schwert ist die Achse der Welt").

Eben jener Revolutions-Ästhet Lincoln Steffens, der schon die mexikanische und die Leninsche Revolution gepriesen hatte, schrieb "931 über Mussolini: Es war so, als ob der Schöpfer aller Dinge " " diesen seinen kleinen Planeten betrachtet hätte und " " angesichts der geistigen, moralischen und materiellen " " Verwirrung angeordnet hätte: "Ich werde ein politisches " " Gewitter schaffen, groß genug, daß alle Menschen es bemerken, " " und nicht so groß, daß sie es nicht verstehen können; und in " " dem Gewitter will ich einen glänzenden Blitzschlag " " niederfahren lassen, der mit all ihren törichten alten " " Prinzipien aufräumen, all ihre toten Ideen verbrennen wird. " " Trennen werde ich das neue Licht, das ich schaffe, von der " " Finsternis, die die Menschen sich gemacht haben." Und so " " schuf er Mussolini aus der Rippe von Italien. "

Auch Republikaner ließen sich begeistern. Mussolini habe sich ihm als "democrate comme vous", "democrate autoritaire" vorgestellt, berichtete 1930 nach einem Italienbesuch Theodor Wolff, Jude, Chefredakteur des "Berliner Tageblatt" und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei, offensichtlich angetan. Die Wahrheit ist, daß Mussolini 1930, acht Jahre im Amt, immer noch keinen Krieg angefangen hatte, was man vom Führer Adolf Hitler nach acht Jahren Amtszeit nicht sagen konnte.

Hätten Lenin und Mussolini sich im Jahre 1915 in der Schweiz getroffen, so hätten beide sich, wenn über nichts sonst, so doch über einen Punkt verständigen können: daß Revolutionen am ehesten im Gefolge von Kriegen möglich sind, daß Kriege recht eigentlich den Humus für Revolutionen abgeben. Aus der Katastrophe des Ersten Weltkriegs sind Faschismus und Bolschewismus, aus der des Sino-Japanischen Krieges ist der chinesische Kommunismus siegreich hervorgegangen.

Beide, Lenin wie Mussolini, hätten Revolutionen ohne Gewalt wohl für unmöglich gehalten. Hingegen hätte der strenge Analytiker Lenin weit von sich gewiesen, was der impressionable Schauspieler Mussolini predigte: Krieg um des Krieges, Eroberung um der Eroberung willen - kein Zufall mithin, daß die Sowjetunion seit Bestehen mehr Territorien kriegerisch erobert hat als jede andere Macht, wohingegen die Kriegs-Enthusiasten Hitler und Mussolini samt ihren Eroberungen zugrunde gegangen sind.

Zur Geschichte des deutschen Faschismus bedarf es keiner Abgrenzung gegen S.40 den Leninismus-Stalinismus. Man braucht auch keine Begriffsklöppelei. Man kann sich auf die Lebensläufe von Pate und Neffe und auf die Umfelder beschränken. Dabei wird zutage kommen, daß keiner den anderen verraten, keiner den anderen "ruiniert" hat, wie Erich Kuby kürzlich in seinem exzellenten Buch "Verrat auf deutsch" glauben machen wollte.

( Erich Kuby: "Verrat auf deutsch. Wie ) ( das Dritte Reich Italien ruinierte". ) ( Verlag Hoffmann u. Campe, Hamburg; 576 ) ( Seiten; 39,80 Mark. )

Vielmehr, Ehrgeiz und Ideologie dieser beiden Volksführer und Demagogen waren von selbst darauf angelegt, die Katastrophe erfolgreich zu suchen - mag man auch bezweifeln, daß Hitler ohne Mussolini zur Macht gelangt und Mussolini ohne Hitler im Orkus verschwunden wäre. Daß der Nationalsozialismus ohne den Duce nicht gesiegt hätte, hat jedenfalls Hitler für möglich gehalten.

Von Mussolini kann man nicht sagen, wie Thomas Mann von Hitler geschrieben hat, daß er "auch rein technisch und physisch nichts kann, was Männer können, kein Pferd reiten, kein Automobil oder Flugzeug lenken, nicht einmal ein Kind zeugen" (siehe Doppelseiten 52 und 53 "Das sollte der Duce nicht tun"). Obwohl man bei Hitler das Gefühl hat, sein Orgasmus finde auf der Rednertribüne und nicht sonstwo statt, ist er der sozusagen (wenn die Feder sich hier nicht spreizt) Seriösere, Solidere, konsequenter Handelnde.

Er sieht manchmal lächerlicher aus als der Duce, aber nicht durchweg. Schauspieler sind sie beide. Der lächerlichere Schauspieler ist Mussolini, wenn er etwa die sechzehn Stufen seiner Villa Torlonia mit dem Pferd hinaufreitet.

Weder bei Mussolini noch bei Hitler läßt sich immer ausmachen, ob die Schauspielerei noch gespielt ist, so sehr verschmelzen sie mit ihrer Rolle. Einen Imitator, der den Duce bis in Einzelheiten nachspielte, würde man heute wegen unerträglichen Chargierens entlassen.

Dies gilt aber auch im Falle Hitlers. Der Schwede Birger Dahlerus, von Göring als "Vermittler" zu Hitler geschleppt - wie der italienische Marschall Balbo wollte auch der Luft- und Reichsmarschall Göring den Krieg gegen England verhindern -, "childert Hitlers Auftritt so: Er wurde immer erregter, begann di" " Arme zu bewegen und schrie, während er direkt neben mir " " stand: "Wenn England ein Jahr kämpfen will, so werde ich zwei " " Jahre kämpfen; wenn England zwei Jahre kämpfen will, so werde " " ich zwei Jahre kämpfen." Hier machte er eine Pause und schrie " " dann mit noch gellenderer Stimme und wilderen Gesten: "Wenn " " England drei Jahre kämpfen will, werde ich drei Jahre " " kämpfen." Nun folgten den Armbewegungen Körperbewegungen, und " " als er am Schluß laut schrie: "Und wenn es erforderlich ist, " " will ich zehn Jahre kämpfen", schwenkte er seine geballte " " Faust und beugte sich so weit vor, daß diese fast den Boden " " berührte! "

Worin besteht die Gemeinsamkeit der Diktatoren? Beide sind Eroberer-Chauvinisten, die im Krieg die Erfüllung ihrer (knabenhaften?) Wünsche suchen. Beide setzen auf den Terror im Inneren, um an die Hebel zur Macht zu gelangen.

Beide bilden um sich einen Personenkult, der keine solide Infrastruktur ihrer Macht aufkommen läßt. Beide verlieren aufgrund ihrer Erfolge und Scheinerfolge den Bezug zur Wirklichkeit.

Beide haben ein sozialistisches Spiel- und ein solides, auf den etablierten Mächten ruhendes Standbein. Beide werden sich am Schluß ihrer desperaten Laufbahn dem wehmütig-sinnlosen Bedauern hingeben, daß sie es nicht wie Stalin gemacht, daß sie unter den alten Mächten nicht mit stählernem Besen ausgekehrt haben - als ob das in ihrer Macht gelegen hätte! Wohingegen Stalin wohl beim deutschen Führer 1934 abgeguckt haben könnte, wie man sich seiner alten Kampfgefährten entledigt, von Kirow bis zu Bucharin.

Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen dem Führer und dem Duce, zum Teil welche, die sich im Lauf der Zeit verwischen.

Beide begannen sie als anarchischamateurhafte Existenzen, Hitler als halber Stadtstreicher, Mussolini, der Sohn einer Lehrerin und eines umtriebigen Dorfschmieds, als nicht sonderlich passionierter Volksschullehrer. Er schenkte den Kindern, wenn sie ihm lästig fielen, Süßigkeiten.

Aber während Hitler seinem Innenleben nachhängt und als tapferer Mann - das EK I wurde einem Gefreiten damals nicht im Kochgeschirr spendiert - Meldegängerdienst tut, ist Mussolini schon ein bekannter marxistischer Agitator, der es im Kriege vielleicht nur deswegen nicht höher als zum Korporal bringt, weil S.41 man dem notorischen Unruhestifter mißtraut.

Denn, nicht wahr, dieser Sozialist, der mit 26 Jahren noch sein Marx-Bild im Büro aufhängt, er hat eine Menge dazu beigetragen, daß Italien auf seiten der Entente gegen die Mittelmächte in den Krieg eintrat. 1914, 31 Jahre alt, ist er bereits Chefredakteur des sozialistischen Zentralorgans "Avanti!".

Er muß seinen Schreibtisch verlassen und wird aus der Partei gestoßen, nachdem er - seine Gegner sagen, angesichts des Marne-Desasters der Deutschen - sehr plötzlich und sehr aufrichtig mit der Neutralitätspolitik seiner Partei (und seiner eigenen) gebrochen hatte.

Daß er schon drei Wochen später mit einem eigenen Blatt "Popolo d''Italia" herauskommt, trägt ihm nicht nur den Vorwurf des "Verrats", sondern auch den der "Bestechung" ein. Ohne Zweifel, er bezog Gelder von Fiat und anderen Waffenproduzenten, auch von den Franzosen und Engländern.

Das war schon ein sonderbarer Sozialist, der von den Leuten, die er bisher bekämpft hatte, ungeniert lebte, nunmehr ein Nationalsozialist. Der Krieg, so ließ er seine Leser wissen, schmiere die Räder der Revolution. Er werde nur Wochen dauern. Ökonomische Fragen schienen für ihn damals wie später nicht zu existieren.

Als der König, ohne das Parlament zu fragen, auf die Seite der Entente überging, schrieb Mussolini sich daran einen unverhältnismäßig hohen, einen entscheidenden Anteil zu. Italien, so jubelte er, habe jetzt seine "Taufe als Großmacht" erhalten, dies sei ein "Höhepunkt der Weltgeschichte".

Man mag streiten, ob das "Verrat" an den Mittelmächten war, mit denen Italien sich bei Kriegsausbruch ja noch immer in einem nichtgekündigten Bündnis befand. Jedenfalls war die Entscheidung folgenschwer und nicht durchdacht. "Von den Menschenleben abgesehen, schwächte der Krieg die politischen Institutionen und die Wirtschaft Italiens, destabilisierte die Gesellschaft und schuf so ein Klima, das dem Aufstieg des Faschismus günstig war", so Denis Mack Smith in seiner Mussolini-Biographie.

Verrat oder nicht, die italienische Armee, schlecht geführt und schlecht ausgerüstet, schlug sich nicht wie von Mussolini erwartet. Bei Caporetto erlitt sie 1917 eine verheerende Niederlage. Der Oberbefehlshaber General Cadorna ließ Tausende erschießen (was die deutschen Heerführer nicht nötig hatten). Mussolini bekam auch sein Fronterlebnis: Er hantierte mit einem Granatwerfer, und der flog in die Luft. Es gab etliche Tote. Mussolini, nach eigenen Angaben von 44 Splittern verletzt, wenn auch nicht schwer: "Dies war der schönste Moment meines Lebens."

Er buchte die Niederlage, die durch den Endsieg der alliierten Streitkräfte wettgemacht wurde, zu Lasten der Armeeführung wie auch der parlamentarischen Parteien. Was not tat, war ein Militärdiktator, ein neuer Caesar. Das hinderte Mussolini nicht an einer Einsicht, die er 1940 wieder vergessen haben wird: daß nämlich die Wirtschaftsmacht der Vereinigten Staaten den Krieg entschieden hatte.

Seit Caporetto aber gelten die Italiener als Soldaten, die mit Caesars Legionen nicht verglichen werden können. Man wird es ihnen in Spanien nach der Schlacht von Guadalajara zuzischeln, in Griechenland, wo sie sich hoffnungslos verfransen, bei El Alamein und an der deutschen Ostfront vor Stalingrad, wo man sie irrsinnigerweise hinverfrachtet hat.

Die Heeresgruppe B spricht in ihrem Tagesbericht des 22. Dezember 1942 von "Massen völlig disziplinloser, nicht geführter Italiener". Als einziger Sieg wird ihnen bis heute der über die Pfeil-und-Bogen-Krieger S.42 des abessinischen Kaisers Haile Selassie gutgebracht. Erwiesen ist hingegen nur, daß die Organisation eines Krieges dem modernen Staatswesen Italien nicht liegt.

Der Ausgangspunkt ist bei Mussolini schon 1916 derselbe wie bei Hitler 1918. Schon 1916 spricht der Immer-noch-Namenssozialist von der künftigen "trincerocrazia", einer neuen herrschenden Klasse von Schützengrabenkriegern. Wo Hitler sich gegen die Schmach von Versailles wendet, sieht sich Mussolini um die Früchte seines Sieges betrogen.

Er verlangt Gebiete mit ganz überwiegend nicht-italienischer Bevölkerung - Südtirol, Triest, Fiume (all das bekommt Italien) und die Küste Dalmatiens (die Italien nicht bekommt). Schließlich gehörte Italien zu den Siegern und nicht zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs, wie es auch aus dem Zweiten Weltkrieg, in den es als Aggressor eingetreten ist, nicht als Aggressor hervorgeht.

In dem Italien nach dem Ersten Weltkrieg gibt es auf dem Lande und in den Fabriken sozial-anarchische Unruhen, wie sie dem Deutschland der Weimarer Zeit fremd sind. Die Angst vor den linken Marxisten geht um. Die Regierungen wechseln so häufig wie heute. Wie später Hitler, so lebt Mussolini von der Unordnung, die er selbst am kräftigsten schürt.

Wie Hitler hält er nichts von einer Programmatik, die ihn festlegt. Er benutzt antikapitalistische Losungen und nimmt für seine Zeitung das Geld, das die Kapitalisten ihm in einer bestimmten Erwartung geben. Er benutzt sozialistische Ideen nur noch als Versatzstücke. Er verabschiedet sich von dem Klassenkampf und der Diktatur des Proletariats. Er verkauft sich nicht meistbietend, sondern sucht zu verhindern, daß irgendeine andere Macht sich etabliert.

Schon im Frühjahr 1919 hält er das System der parlamentarischen Parteien für erledigt. Wie er sich den Kapitalisten als Antimarxist andient, so den Sozialisten als populistischer Diktator. Vor 50 Leuten in einem Lokal auf der Mailänder Piazza San Sepolcro gründet er am 23. März 1919 seine neue Bewegung, die er binnen zwei Jahren zur Partei der Faschisten machen wird. S.43

Man sieht, wie vergleichsweise fester gegründet das System der Weimarer Verfassungsparteien war, trotz "Schanddiktat" und verlorenem Krieg, ohne Kaiser und König, ohne Vatikan, dafür aber mit der demokratischen Bastion Preußen. Deutschland 1919 war, anders als Italien, kein unterentwickeltes Land.

In Italien liefen viele Dinge phasenverschoben parallel, wie noch zu erzählen sein wird. Aber das Establishment gab früher auf als die Herren in Berlin.

Der liberale Ministerpräsident Giolitti, der zuvor den nationalen Heros D''Annunzio aus Fiume vertrieben hatte, ließ sich 1921 von Mussolini beschwatzen, die faschistische Partei mit auf sein nationales Wahlticket zu setzen. Sie figurierte nun nicht links, sondern rechts von den Liberalen. Giolitti handelte blindlings, um derart die anderen Oppositionsparteien zu schwächen.

Der Wahlkampf verlief beispiellos blutig, mit über 100 Toten. Trotzdem errang Mussolini nur 35 Parlamentssitze, sieben Prozent der Parlamentsstärke. Die Sozialisten erhielten 122 Sitze, die Katholische Volksfront, die Popolari, 107.

Mussolini hatte verloren - und an Respektabilität gewonnen. Die allgemeine Unsicherheit, die er schürte wie kein anderer, machte er sich zunutze, indem er möglichst allen Gruppierungen außer den Kommunisten möglichst versteckte Angebote machte. An taktischem Geschick konnte es der Innenpolitiker Mussolini mit dem Hitler von 1932/33 aufnehmen.

Seine stärkste Trumpfkarte waren seine Schwarzhemden, seine irgendwie mit irgend etwas bewaffneten Squadristen, die er später, wohl reichlich zu hoch, auf 400 000 bezifferte.

Ab Februar 1922 hat Italien den fünften Ministerpräsidenten seit Kriegsende, den unfähigen Luigi Facta. Am 16. Oktober entschlossen sich die Faschistenführer zum Aufstand.

Facta bedrängte den hartköpfigen Giolitti, sich von Mailand nach Rom zu begeben. Aber der alte Mann, der sich seinen 80. Geburtstag (27. Oktober) nicht sinnlos verderben lassen wollte, mochte sich nur von Mailand auf den Weg machen, wenn er halbwegs sicher sein konnte, daß der König ihn mit der Regierungsbildung betrauen würde. Später bereute er sein Zögern.

Es war kein Geheimnis, daß Mussolinis Lage hoffnungslos war, wenn "der kleine König" Viktor Emanuel III. die Armee gegen ihn einsetzen würde. In der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober begannen die Faschisten, Telephonämter und Regierungsgebäude zu besetzen.

Einstimmig beschloß das Kabinett, dem König vorzuschlagen, er solle die Armee einsetzen. Früh um zwei Uhr erklärte sich Viktor Emanuel ohne Zögern damit einverstanden, den Belagerungszustand und das Kriegsrecht zu verhängen. Kaum sieben Stunden später weigerte er sich, die ausgefertigten Dekrete zu unterschreiben, nach den Regeln eines konstitutionellen Monarchen nahezu ein Verfassungsbruch. Warum diese Schwenkung?

Gut, er hielt seinen Premierminister Facta für unfähig. Daß Mussolini, der sich im Parlament geweigert hatte, die Thronrede des Königs anzuhören, in einer untergeordneten Position dem Kabinett angehören konnte, um ihn "einzurahmen" und "einzubinden", damit war auch der König vertraut. Sein Armeeoberbefehlshaber in Rom, General Pugliese, hatte ihm mehrfach dargelegt, er werde den Aufruhr binnen weniger Stunden ersticken.

Wie aber, wenn die Schwarzhemden zu stark waren? Marschbereit, wie sich später herausstellte, waren nur 30 000, S.44 schlecht bewaffnet, ohne Konzept. Der König wollte keinen Verfassungsbruch. Aber noch weniger wollte er einen Bürgerkrieg. Dann lieber abdanken.

Etwas mehr Festigkeit innen wie außen, so dachte auch er, konnte ja nicht schaden. Freunde des liberalen Ex-Premier Salandra, des Hauptrivalen von Giolitti, rieten ihm, die Dekrete nicht zu unterzeichnen, damit Salandra ein weiteres Mal betraut werden konnte.

Salandra wurde betraut und forderte den eben noch Rechtsbrecher Mussolini auf, in die neue Regierung einzutreten. Das hatte der keinesfalls im Sinn und nun auch nicht mehr nötig.

Salandra gab auf. Um aber nicht Giolitti das Feld räumen zu müssen, schlug er dem König vor, Mussolini zum Regierungschef zu ernennen. Der König akzeptierte. Am 29. Oktober wurde Mussolini mit 39 Jahren der 27. Ministerpräsident des Königreichs Italien. Erinnert das nicht alles sehr an Papen, Schleicher und Hugenberg in den Jahren 1932/33?

( Hindenburg blieben weder Zeit noch ) ( Geist, seine Entscheidung zu bereuen. ) ( Der König aber konnte den Tag der Rache ) ( noch genießen, kalt und nur für sehr ) ( kurze Zeit. Den Duce wird er am 25. ) ( Juli 1943 zu einem Gespräch empfangen, ) ( wird ihn bis zum Portal hinausgeleiten ) ( und ihn in einem Krankenwagen ) ( abtransportieren lassen: "Scheidung auf ) ( italienisch". )

Und wird das Jahr 1933 nicht vorweggespiegelt, wenn der linke Sozialdemokrat Gerhart Seger 1923 nach dem Sturz des Kanzlers Stresemann "eine parlamentslose Zeit a la Mussolini" in Kauf nehmen will; denn "es kämpft sich anders gegen eine Militärdiktatur ohne sozialdemokratische Unterschrift als gegen die jetzige Regierung (Stresemann) mit unserer Unterschrift ..."

Der neuernannte Premier mochte aber nicht einfach wie jeder andere vor ihm vom König bestellt werden. Er bestand auf einem Voraustelegramm nach Mailand. Er wollte wie Caesar demonstrieren, daß er Rom seine Herrschaft aufgezwungen hatte.

Vorerst blieb er in Mailand, um zu verkünden, er sei notfalls auch bereit, mit dem Maschinengewehr zu regieren (immerhin unkt er nicht, wie Hitler bei seiner Machtergreifung 1933, vom "Schlußkampf des weißen Mannes"). Seine Schwarzhemden mußten Zeit bekommen, um auf Rom zu "marschieren". Einstweilen waren ihre Eisenbahnzüge weit vor Rom von 400 Polizisten angehalten worden. Es wurden wenig Schuhsohlen verbraucht auf diesem Marsch.

Erst 24 Stunden nach der Beauftragung Mussolinis kamen seine Vorausabteilungen, die General Pugliese befehlsgemäß durchließ, in Rom an, Zeit genug für die Photographen. Von 3000 toten Märtyrern wird demnächst in den Schulbüchern zu lesen sein. Da konnte Hitler was lernen (vorerst lernte er das Falsche, nämlich im November 1923 nach Berlin, und da das so weit weg war, vor die Münchener Feldherrnhalle zu marschieren, wo seine Truppe halb zufällig zusammengeschossen wurde, 16 echte tote Märtyrer).

Mussolini selbst sorgte dafür, daß die Druckmaschinen der oppositionellen Blätter in Mailand und Rom zertrümmert wurden, damit seine Legende vor Ort nicht widerlegt werden konnte.

Einmal berufen, wird er sich, wie Hitler 1933, in ein Kabinett der nationalen Konzentration einbinden und einrahmen lassen, mit wenigen, dafür aber Schlüsselposten für die Faschisten. Das Parlament wird er, wie Hitler 1933, durch Drohung und Einschüchterung zur Selbstentmachtung nötigen. Er wird ein Wahlgesetz beschließen lassen, das zwei Drittel der Sitze jener Parteigruppierung zuteilt, die ein Viertel der Wähler erringt.

Den Gegner dieses "Ermächtigungsgesetzes", den Sozialisten Matteotti, wird er ermorden lassen, und zum letztenmal im Januar 1925 haben die alten Mächte - König, Kirche und Liberale - während der Matteotti-Krise den Hebel in der Hand, ihren Diktator zu stürzen.

Sie können sich, Liberale und Sozialisten, nicht einigen. Der Vatikan sähe solch eine Einigung nicht gern. Benedetto Croce spricht den bezeichnenden Satz: "Mussolini ist jetzt in unserer Hand." Man hört den Papen und den Schleicher über Hitler dasselbe sagen.

In Wahrheit, ein Politiker von der Statur Mussolinis war nirgends zu sehen. Hinfort wird es das Parlament nur als Dekor geben, ähnlich dem Hitlerschen Reichstag. Der Duce schafft sich im Faschisten-Großrat sein eigenes, von ihm abhängiges Instrument und Akklamationsgremium.

Anders als Hitler, der während der Röhmkrise nicht gezittert hat, dachte Mussolini nach dem Mord an Matteotti an Abdankung. Seine Unterführer, Italo Balbo und Dino Grandi etwa, hatten aber etwas zu verlieren. Sie zwangen ihn in den Erfolg. S.45

Anders als Hitler, der seinen Feldmarschall-Präsidenten im August 1934 zur großen Armee abgehen sieht, wird der Duce ein Staatsoberhaupt behalten, dessen heimliche Abneigung nicht zu packen ist. An die Abschaffung des Königs kann er fast so wenig denken wie an die Abschaffung des Papstes.

Am 3. Januar 1925 ist er wieder an Deck. Vor dem Parlament nimmt er in einer großen Rede die politische Verantwortung, und nur diese, für den Mord an Matteotti auf sich, für den Mord an einem Mann, dessen Entschlossenheit, "weil manchmal der meinen gleich", er stets bewundert habe.

Von diesem Auftritt bis hin zu seinem Sturz 1943 ist der Diktator politisch nicht mehr gefährdet, wie Hitler nicht mehr seit seiner "Nacht der langen Messer" 1934, der Hinrichtung seiner obersten SA-Führer. Parallelen und Unterschiede fallen ins Auge. Daß er "der oberste Gerichtsherr der Nation" sei, hat Mussolini, anders als Hitler, nie behauptet, nicht öffentlich, vielleicht auch nicht privat.

Zwischen dem 23. März 1919, als er seine 50 "Sansepolcristi" in Mailand um sich scharte, und dem 3. Januar 1925 liegen knapp sechs Jahre: eine erstaunliche Karriere, eine erstaunliche Begabung, ein Genie der Massen- und Selbstsuggestion. Mehr Komödiant, mehr Tatmensch - man weiß es nicht.

Was gibt es in den Karrieren dieser beiden Männer bis zur jeweiligen Machtübernahme noch an Gemeinsamkeit? Nun, beide waren nicht immer unangefochten. Beide erlitten vorübergehend Niederlagen. Beide mußten sich gegen regionale und ideologische Konkurrenten durchsetzen. Beide hatten ihre widerspenstigen Unterführer, seien sie nun zu "rabiat" oder zu "vernünftig". Ihnen mußte das Führerwort eingetrichtert werden: "Die Bewegung, das bin ich."

Anders als Hitler ließ Mussolini seine Paladine nicht gern zu groß werden. Er stellte sie auf hohem Posten kalt. Der bärtige Rabauke Italo Balbo wurde nicht nur Luftmarschall, sondern auch Generalgouverneur von Libyen; der Parade-Intellektuelle Grandi Botschafter in London. Der brutale Parteisekretär Farinacci wird in seinem Amt so wenig alt werden wie der Parteisekretär Starace, der Hohepriester des Duce-Kults. In Rom nennt man das "Wachablösung".

Mussolini hatte unter sich, wie Hitler, Sozialisten und Antisozialisten, Konservative S.46 und Revolutionäre. Beide Führer mußten strategisch und taktisch sich allein die Opportunität und den Opportunismus vorbehalten. Dabei fällt auf, daß Mussolini Paladine mit der Machtfülle eines Göring, Himmler, Goebbels, Speer nie sehr lange um sich hatte. Das kann doch nicht allein an der größeren Machtfülle des Hitlerschen Reiches gelegen haben?

Mochte es bei Mussolini und Hitler auch Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bewegung geben: Einigkeit herrschte immer über die Unentbehrlichkeit des Terrors, über den Terror als Mittel der Einschüchterung wie über den Terror als Mittel, junge Leute, Studenten und entwurzelte Landsknechte an die Bewegung zu binden. Ohne den Terror der paramilitärisch organisierten Schlägertrupps wären weder Mussolini noch Hitler zur Macht gelangt. Gerechtfertigt wurde der Terror allemal durch die Existenz von Marxisten und Kommunisten.

Bis zum 30. Januar 1933 hatte Mussolini Italien ohne außenpolitische Abenteuer regiert. Einige staunenswerte Leistungen hatte er vollbracht, nicht nur, wie er bei seiner Abfahrt von Mailand nach Rom gelobt hatte, daß künftig "die Züge pünktlich" fahren. Die Pontinischen Sümpfe ließ er trockenlegen (Churchill: "Dieser Ochsenfrosch aus den Pontinischen Sümpfen"), die Aussöhnung zwischen Kirche und Staat gelingt ihm, der Kampf gegen die Mafia brachte Teilerfolge. Gelebt aber hatte er von seiner außenpolitischen Rhetorik, von der Aussicht auf Krieg und Sieg.

Angesichts des Konkurrenten im Norden wurden ihm die Wechsel, die er bereitwillig ausgestellt hatte, nun präsentiert. Während Hitler die übrige Welt noch durch beschwichtigende Reden und Handlungen einlullen durfte, sah sein Kollege sich unter Erfolgszwang: eine hochexplosive Mischung.

Der Seniordiktator begrüßte 1933 die Heraufkunft des Nazireichs: "Hitlers Sieg ist auch unser Sieg." Es scheint so, als habe er diesen Mann geistig immer unterschätzt und seelisch immer gefürchtet. Es ist nicht sicher, daß er die Natur dieses furchtbaren Gegenspielers je in ihren Dimensionen begriffen hat.

Hitlers Rassentheorie konnte er schwerlich akzeptieren, obwohl er selbst ehedem mit der "arischen" Überlegenheit Italiens aufgewartet hatte. Das Weltjudentum frontal anzugreifen, hielt er zumindest für unklug.

Zwischen beiden Ländern stand die Österreichfrage. Dreimal bestellte Mussolini im Jahre 1933 den Austro-Faschisten-Kanzler Engelbert Dollfuß zu sich, um ihm zu versichern, er, der Duce, werde ihn militärisch gegen eine deutsche Invasion abdecken, wenn Dollfuß, wozu Mussolini ihm riet, die österreichische Nazipartei und die österreichische Sozialdemokratie verbieten würde.

Als Hitler im Juni 1934 Röhm und viele andere SA-Genossen erschießen ließ, riet Mussolini Dollfuß, er solle die österreichischen Nazis einsperren. Dollfuß wurde ermordet, von den österreichischen Nazis. Mussolini schickte Truppen an die Brenner-Grenze.

Die Ermordung von Dollfuß erschütterte Mussolini so sehr, daß er sich in unberechenbaren und operettenhaften Allüren gefiel. 30 Länder nacheinander wurden unter der Leitung seines Schwiegersohnes, S.47 des Grafen Galeazzo Ciano, damals noch Pressechef, in den Zeitungen gerüffelt.

Der Duce militarisierte die Kinder und machte sich vor, er militarisiere damit Italien. König Alexander von Jugoslawien, auf dessen Land er Ambitionen hatte, wurde in Marseille von Kroaten ermordet, die in Italien unter der Kontrolle des Außenministeriums ausgestattet und trainiert worden waren. Schuldig diesmal, laut Mussolini: die "jüdische Internationale".

"Unser göttlicher Duce", wie er sich ungeniert nennen ließ, hielt von 14 Ministerien sieben selbst besetzt. Da er leicht beeinflußbar war, wie er wohl wußte, warnte er seine Mitarbeiter, ihn nicht durch Widerspruch von seinen "animalischen Instinkten" abzubringen, Nietzsche schaut ihm über die Schulter. So sah der Partner Hitlers aus, der sich in Verhandlungen mit dem deutschen Diktator der Vorteile eines Dolmetschers begab, weil er nicht eingestehen wollte, daß er die deutsche Sprache, zumal die Suada Hitlers, nur unvollkommen beherrschte.

Pläne gegen das Kaiserreich Abessinien, das wie Italien dem Völkerbund angehörte, schmiedete er schon 1932. Im August 1934 beschloß er, es zu erobern. Im Januar 1935 schloß er mit Frankreich einen Vertrag gegen Hitler-Deutschland, im Mai einen zum Schutze Österreichs. England bot er Gespräche über Einflußsphären in Ost-Afrika an. Daß ein moderner Kolonialismus immer mehr kosten als einbringen würde, dieser Gedanke kam ihm nie.

Hitler nutzte die Gelegenheit und sprengte die Fesseln, die dem Reich durch den Versailler Vertrag auferlegt waren. Mussolini warf Deutschland und Japan vor, sie wollten die Welt beherrschen. Das System der kollektiven Sicherheit, und auch der Anschein davon, war dahin, der Genfer Völkerbund ein Nichtsnutz. England kam dem Negus Negesti von Abessinien, mit Blick auf Hitler und Japan, nicht zu Hilfe, es sperrte nicht einmal den Suez-Kanal. Frankreich sah wie benommen zu.

Zu eben dem Zeitpunkt, als Mussolini mit Frankreich einen Vertrag zum Schutze Österreichs schloß, informierte er Berlin, daß er dabei sei, sich gegen die westlichen Demokratien umzuorientieren. Am 3. Oktober 1935 überfiel er das fast wehrlose Land des Negus. Er selbst leitete die Vorbereitungen. Sie waren, wie Italo Balbo sagte, "vollständig unangemessen".

Aber schließlich konnten Italiens Marschälle, die Giftgas benutzten, nicht anders, als die Hauptstadt Addis Abeba zu erobern, im Mai 1936. Für jeden gefallenen Italiener sollten zehn Äthiopier der Oberschicht erschossen werden. König Viktor Emanuel wurde Kaiser von Äthiopien. Mussolini hatte Ausrüstung verpulvert, die für 75 Divisionen ausgereicht hätte, das Armee-Budget für die nächsten drei Jahre.

Der Duce fand sich als Sieger wieder, vor seinem Dienstsitz Palazzo Venezia wurde gejubelt in Permanenz. Aber sein Handlungsspielraum zwischen den Mächten war drastisch eingeschränkt. In Italien stand er, so muß man befürchten, auf dem Höhepunkt seiner Popularität.

Ihn gelüstete es nun, den Tiger zu reiten. Er gedachte, Hitler zu benutzen, ohne von ihm benutzt zu werden. Daß Hitler voll aufrüstete, daß er 1936 in das entmilitarisierte Rheinland einmarschierte, erhöhte in den Augen des Duce Hitlers Wert. Wenn die Nazis nur ihren Haß auf die katholische Kirche dämpfen würden, der für das katholische Italien schwer zu ertragen war!

Im Juni 1936 ernannte der Duce den damals 33jährigen Ciano zum Außenminister. Der gehörte zur "deutschen Fraktion". Seine erste Aufgabe war, anstelle der unwilligen Militärs Italiens Eingreifen auf seiten des Generals Franco im spanischen Bürgerkrieg zu betreiben.

Hitler gab Franco nur das Nötigste. Er weigerte sich, mit Italien zusammen in Spanien zu intervenieren, weil er es vorzog, Spanien und Italien in einem langen Krieg gegen die Westmächte engagiert zu sehen. Für Franco hatte Hitler schon frühzeitig eine gute Witterung.

Ciano besuchte im Oktober Berlin, um die "Achse" Rom-Berlin zu festigen. Er wurde mit Schmeicheleien für den Duce überschüttet und kehrte pompös zurück, "Hitler in meiner Tasche". Deutschland würde sich nach Osten ausdehnen, Italien gehörte das Mittelmeer.

Noch nicht ganz. In Spanien bei Guadalajara frischte das italienische Expeditionskorps die alte unverschämte Lüge auf, Italiener seien keine römischen Legionäre. Mussolini mußte Franco nun bis zum Endsieg unterstützen, Malaga wurde zweimal erobert, einmal wirklich, dann für die Kamera.

Im März 1937 überraschte der Duce seine Militärs mit dem Plan, England zu zerstören und den Krieg gegen England in Nordafrika zu beginnen. Hatte er früher zugegeben, daß er von militärischen Dingen nichts verstehe, so kümmerte er sich jetzt, als Dreifach-Minister aller drei Waffengattungen, um Details.

Die Stabschefs hatten wenig mitzureden. Die Oberste Kommission für Verteidigungsfragen tagte einmal im Jahr. Ergebnis: Als Italien 1940 in den Krieg eintrat, tat es das ohne die richtigen Waffen und ohne Operationsplanung. Die Armee verfügte über wenige Panzerwagen, die mehr als drei Tonnen wogen, und keineswegs über zwölf Millionen Soldaten, sondern im ganzen und alles in allem nicht viel mehr als eine Million (Japan stellte 1941 zweieinhalb Millionen ins Feld). Der ehemalige Journalist in Mussolini nahm Schlagzeilen, S.49 die er selbst produziert hatte, schon längst für die Wirklichkeit.

Man kann nicht ernsthaft behaupten, er sei von Hitler in den Krieg hineingeschwatzt oder gar gezwungen worden. Ende September 1937 besuchte Mussolini für vier Tage Berlin. Eine Art Anschluß Österreichs wurde ventiliert. Der Duce tat kund, auch er wolle die Juden jetzt härter anfassen.

Auf einer von Flakscheinwerfern überwölbten nächtlichen Platzregen-Orgie rief Mussolini in deutscher Sprache, improvisierend, er werde Seite an Seite mit seinem deutschen Freund bis zum Ende marschieren. Das eroberungslüsterne Japan wurde vom Duce in die Zweiergemeinschaft aufgenommen.

Der Krieg, irgendein unbestimmter Krieg, wurde ins Auge gefaßt, über Kriegsziele nicht gesprochen. Mussolini strebte über das ihn einengende Mittelmeer hinaus, er wollte entweder den direkten Zugang zum Atlantik oder zum Indischen Ozean. Das bedeutete Krieg, zumindest gegen England.

Hitler wollte damals den Krieg gegen England, wenn es irgend ging, noch vermeiden. Im Februar 1938 teilte der Duce dem Deutschen mit, er fühle sich jetzt stark genug, auch ohne aktive deutsche Hilfe England anzugreifen.

Vom "Anschluß" Österreichs, der ihm doch indirekt von den Deutschen angekündigt worden war, wurde Mussolini für kurze Zeit ernüchtert. Tobend und zornig, schließt er am 16. April 1938 mit England eine alle schwebenden Fragen deckende Vereinbarung. Graf Ciano in seinem Tagebuch: "Lord Perth (der englische Bevollmächtigte) ist bewegt." Schließlich, warum alle Brücken abbrechen, warum alle Schiffe verbrennen?

Im Mai 1938 aber kommt Hitler zu Besuch. Man führt ihm Panzerwagen mit Holzkanonen vor und eine U-Boot-Flottille mit erstaunlichen Manövrierfähigkeiten. Einen bindenden Pakt möchte Mussolini noch nicht schließen. Immerhin hat Hitler ihm feierlich die Brenner-Grenze garantiert und 150 000 deutschsprachige Südtiroler ausgegrenzt. Mussolini versichert: "Nun kann uns keine Macht der Welt mehr trennen."

Er ist an einen Partner geraten, der, im Gegensatz zu ihm, oft meint, was er sagt. Es wird künftig wie bisher kein Gesamtkonzept, keine Gesamtplanung der beiden Achsenpartner geben, von denen Mussolini schon jetzt der eindeutig Schwächere ist.

Sogar sein größter diplomatischer Triumph, das nur im nachhinein verdammungswürdige Münchner Abkommen von Oktober 1938 (denn Frankreich wie England fehlte einfach der Wille zum Krieg), ist ihm von den Deutschen in die Feder diktiert worden. Müßig die Frage, ob die Westmächte und die Tschechoslowakei damals das Reich und Italien hätten besiegen können.

Der einzige, der sich nicht fürchtete, war Hitler. Mussolini konnte als "Vermittler" nur tätig werden, weil er kein "Vermittler" mehr war. Was nun folgt, ist der Auftakt zu Hitlers Krieg, und Mussolini hat seine Rolle in Wahrheit schon ausgespielt.

Als Italo Balbo ein halbes Jahr zuvor im Faschisten-Großrat erklärt hatte, die Besetzung Österreichs dürfe nicht hingenommen werden, meinte der Duce, die kleinen Länder müßten von der Landkarte verschwinden; jetzt kämen die Tschechoslowakei, die Schweiz und Beigien dran, in dieser Reihenfolge. Eine famose Außenpolitik. Der Duce, anders als Hitler, ist zu sehr Schauspieler, wohingegen Hitler, anders als der Duce, zu sehr ideologischer Fanatiker ist, sozusagen "krankhaft".

Als Hitler die Reste Böhmens samt Prag einsackt, hätte der Duce genügend Grund, vom Krieg zurückzuschrecken, wie der englandfreundliche Balbo ihm rät. Es ist März 1939. Hitler unterrichtet ihn hinterher, brieflich. Mussolini verbietet, den Text des Briefes zu veröffentlichen: "Die Italiener würden mich auslachen. Jedesmal, wenn Hitler sich ein Land nimmt, schreibt er mir einen Brief."

Was also tun? Gedrängt von Ciano, nimmt er sich am 7. April 1939 selbst ein Land, das kleine Albanien, 23 Tote auf italienischer Seite, Geiselerschießungen künftig im Verhältnis 1 zu 10. Am 22. S.50 Mai 1939 wird in Berlin zwischen Hitlers Reich und Italien, vertreten durch Ciano, das geschlossen, was Mussolini den "Stahlpakt" nennt: ein defensives und offensives Bündnis ohne Einschränkung.

Zu diesem Zeitpunkt steht Hitlers Krieg gegen Polen absolut fest. Einen Tag nach der Unterzeichnung des "Stahlpakts" verkündet der Führer den in der neuen Reichskanzlei versammelten Militärs die "Zertrümmerung Polens", Albert Speer hat ihm den Bau rechtzeitig fertiggestellt.

Wie? Ciano hat von dem Anschlag auf Polen nichts gehört? Nein. In seine stilisierten Tagebücher träufelt er seine Enttäuschung über Hitler und seinen Schwiegervater, den Duce. Hat er, Ciano, in den Vorbesprechungen denn nicht "eine möglichst lange Friedenszeit" gewünscht, zu Protokoll? Ein Wunsch, keine Verpflichtung der anderen Seite.

Weiß denn Hitler nichts von der Absicht Mussolinis, erst noch 1942 in Rom eine friedliche Weltausstellung zu veranstalten? Er weiß davon, aber es ist ihm Wurscht. Zu sehr hat der Stahlpakt-Partner sich diskreditiert, er ist mit in der Bank. So bleibt dem Grafen Ciano denn nur, auf sein Tagebuch zu verweisen: Noch in Berlin bei der feierlichen Unterzeichnung habe ihm Ribbentrop bestätigt, "daß es im Interesse und in der Absicht Deutschlands liegt, eine lange Zeit des Friedens von mindestens drei Jahren zu sichern". Vor Hitlers Augen sind drei Jahre nur ein Tag.

Es kommt die von Mussolini und Ciano und übrigens auch von Hitler erwartete "Überraschung": England und Frankreich treffen Anstalten, wegen Polen Krieg zu führen, wenn sie das Land denn nicht wirksam schützen können. Präsident Roosevelt verlangt vom Kongreß vergeblich eine Änderung der Neutralitätsakte. Der Kongreß geht in Ferien.

Der übertölpelte und dieserhalb aufgebrachte Ciano besucht seinen deutschen Kollegen auf dessen Schloß Fuschl am Fuschlsee. "Also, Ribbentrop", sagt er, "was wollen Sie nun? Danzig oder den Korridor?" Ribbentrop habe ihn mit seinen kalten Wachsfigurenaugen angesehen: "Darum geht es jetzt nicht mehr, wir wollen den Krieg." Keine Weltausstellung? Krieg gegen England und Frankreich?

Ciano fährt mit Ribbentrop auf den Berghof zu Hitler. Er macht geltend, daß Italien durch die in Äthiopien und Spanien gebrachten Opfer zu geschwächt sei. Er erinnert an die dreijährige Friedenszeit, die Ribbentrop ihm versprochen habe. Der Duce bereite schon eine neue Friedenskonferenz vor.

Hitler hört ihm zu, beharrt aber, die Jahreszeit gestatte ihm nicht, mit der Erledigung Polens zu warten. Jetzt endlich begreift der smarte Schwiegersohn: "Selbst wenn man den Deutschen mehr gäbe, als sie verlangen, sie würden doch angreifen." Ja, so war es. Hitler will sich, wie er hinterher sagt, seinen schönen Krieg nicht wieder von "irgendeinem Schweinehund" (lies Mussolini) kaputtmachen lassen.

Zum Schluß wird dem Führer ein Telegramm gebracht: Molotow sei bereit, in Moskau mit einem deutschen Unterhändler die Polenfrage zu besprechen. Ribbentrop triumphiert. Ciano resigniert. Anderntags sagt er zu Hitler: "Sie haben schon so oft recht behalten, daß ich es für gut möglich halte, daß Sie auch diesmal die Dinge richtiger sehen als wir."

Hier liegt der Schlüssel. Man sollte meinen, Mussolini sei Hitler, nach dem Einfall in Prag und vor dem Überfall auf Polen, nun nicht mehr unbedingt im Wort, sich an einem Krieg gegen England und Frankreich zu beteiligen. Schließlich hat Hitler den Geist des "Stahlpakts" durch seine Nichtkonsultation verletzt, die einer Täuschung gleichkommt.

Wie aber, wenn der Führer die Dinge "richtiger sieht"? Oder anders gesagt, wenn er die ganze Beute einheimst, und der Senior in Rom geht leer aus? Der Duce war nicht dem Hitler, er war nach S.51 all seinen kriegerischen Fanfaronaden sich selbst im Wort.

So verfiel er auf den eines Stahlpartners unwürdigen Trick: Er verlangte von Hitler mehr Rohstoffe, als dieser bei bestem Willen liefern konnte. Andernfalls werde er den Krieg als eine "nicht Krieg führende Macht" im Sinne des Reiches beeinflussen; ein Diktator darf ja nicht "neutral" sein. England und Frankreich ließ er wissen, er werde unter keinen Umständen in einen Krieg gegen England und Frankreich eintreten. Diplomatie a la Fridericus Rex.

Er ermuntert Hitler, Belgien anzugreifen, und warnt gleichzeitig Belgien vor einem Angriff. Er denkt nach, wie er die Seite wechseln und Hitler angreifen kann. Er sah sich in der Rolle des von ihm bewunderten Cesare Borgia, der auch nicht gerade reüssiert hatte. Er befestigt die Alpengrenzen gegen Deutschland. Er verkauft Waffen an Frankreich (!) und Rußland, spricht neuerdings von einem "slawischen Faschismus". Geistig wie körperlich schien er damals seiner Umgebung nicht ganz gesund.

Hitler, der den Duce als seinesgleichen schätzte, wußte ihn auch zu behandeln. Er versprach ihm erst einmal, anstelle der Lieferungen aus England, zehn Millionen Tonnen Kohle pro Jahr, ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Zwar machte er sich über die Kriegstüchtigkeit des faschistischen Italien geringe Illusionen, aber er glaubte zu wissen, nach spektakulären Erfolgen der Deutschen würde Mussolini überkommen, woran ihm immer noch gelegen war.

Erst im August 1942, als seine große Kaukasus-Tour den Atem noch nicht verloren hatte, rechnet er die Italiener nur "zur Hälfte", als halbe Portionen mithin. Bei Tisch sagt er: "So klein können wir die französische Armee nicht halten, daß sie nicht innerhalb dreier Jahre die Italiener zu Paaren triebe. Die Pariser Polizei genügte dazu!"

Als Frankreich im Juni 1940 kapitulierte, trat der Pate an. Die eisernen Würfel, die Deutschland zermalmen und Italien ins selbstverschuldete Unglück stürzen würden, waren gefallen. Ein faschistisches Großmaul, Prachtausgabe des späteren Falkland-Galtieri, hatte sein "Lebenswerk" vernichtet. Von seinen künftigen Leistungen als Kriegsherr kann man nur liebevoll schweigen.

Faschisten wie Hitler und Mussolini, und dies zuallermindest unterschied sie von Kommunisten, konnten sich nur durch Angriffskrieg und Eroberung an der Macht halten. Sie taten so, als sei die Welt noch zu haben. Sie setzten alles, und sie verloren alles.

Die aggressiven Instinkte der angelsächsischen Demokratien, deren wirtschaftliche Ressourcen, die unendlichen Energien des von Kommunisten beherrschten russischen Raumes, dies alles haben sie in ihrer politischen Enge nicht kalkulieren können. Mussolini kannte außer Italien nur die Schweiz, von Treffen mit Hitler und Paradereisen in eroberte Gebiete abgesehen. Nie waren er und Hitler in den USA oder England oder Spanien oder Griechenland. So endet der eine durch Selbstmord mit der Pistole, der andere wird von den eigenen Landsleuten umgebracht und wie ein Stück Vieh auf dem Piazzale Loreto in Mailand aufgehängt, Kopf nach unten.

Hitlers ihm angetraute Eva Braun vergiftet sich, Mussolinis Geliebte Clara Petacci wird von Partisanen ermordet.

Dem Duce wird gutgebracht, daß Europas Juden, wäre es nach ihm gegangen, nicht vergast worden wären. Aber außer Hitler hätte wohl kein anderer Faschistenführer dieses Programm zu seiner Idee fixe gemacht: Jude gleich Bolschewisten gleich Bazillen; "Arier" gleich nordische Lichtgestalten. Den Duce kann man auch nicht dafür lieben, daß er den Vatikan nicht gestürmt hat; dazu fehlte es ihm an allem, und Hitler tat es ja auch nicht.

Daß Hitler die 1943 nach Mussolinis Sturz "abtrünnigen" Italiener, die zum Feind übergegangen waren, nicht besser behandelt hat als seinen Schwippschwager Fegelein, und als die Italiener selbst ihre Afrikaner und Albaner, und als Mussolini seinen Schwiegersohn Ciano und seinen 78jährigen Marschall de Bono, die er beide erschießen ließ: Dies alles wird nicht Hitlers schlimmstes Verbrechen gewesen sein.

Der Faschismus hat die Schwächen der parlamentarischen Demokratien (de Gaulle: "Kleine Feuer unter kleinen Töpfen") bis zum letzten benutzt. Die Demokratien plus Sowjet-Rußland waren nur stärker. Zwischen Hitler und Mussolini liegt der, zugegeben subjektive, Unterschied, daß der eine ein menschliches Monstrum war und der andere ein Mensch mit bedeutenden Schwächen und Stärken.

Folgen würden wir heute, nach der Erfindung des Fernsehens, beiden nicht mehr. Folgen werden wir der Technik, die sich, vielleicht schon unwiderruflich, übersteuert hat.

Im nächsten Heft

beginnt die SPIEGEL-Serie von Heinz Höhne: Die Machtergreifung - "Warten auf Hitler"

S.39

Es war so, als ob der Schöpfer aller Dinge diesen seinen kleinen

Planeten betrachtet hätte und angesichts der geistigen, moralischen

und materiellen Verwirrung angeordnet hätte: "Ich werde ein

politisches Gewitter schaffen, groß genug, daß alle Menschen es

bemerken, und nicht so groß, daß sie es nicht verstehen können; und

in dem Gewitter will ich einen glänzenden Blitzschlag niederfahren

lassen, der mit all ihren törichten alten Prinzipien aufräumen, all

ihre toten Ideen verbrennen wird. Trennen werde ich das neue Licht,

das ich schaffe, von der Finsternis, die die Menschen sich gemacht

haben." Und so schuf er Mussolini aus der Rippe von Italien.

*

S.40

Er wurde immer erregter, begann die Arme zu bewegen und schrie,

während er direkt neben mir stand: "Wenn England ein Jahr kämpfen

will, so werde ich zwei Jahre kämpfen; wenn England zwei Jahre

kämpfen will, so werde ich zwei Jahre kämpfen." Hier machte er eine

Pause und schrie dann mit noch gellenderer Stimme und wilderen

Gesten: "Wenn England drei Jahre kämpfen will, werde ich drei Jahre

kämpfen." Nun folgten den Armbewegungen Körperbewegungen, und als er

am Schluß laut schrie: "Und wenn es erforderlich ist, will ich zehn

Jahre kämpfen", schwenkte er seine geballte Faust und beugte sich so

weit vor, daß diese fast den Boden berührte!

*

S.40 Erich Kuby: "Verrat auf deutsch. Wie das Dritte Reich Italien ruinierte". Verlag Hoffmann u. Campe, Hamburg; 576 Seiten; 39,80 Mark. * S.41 Oben, sitzend von links: Göring, Hitler, Papen: stehend: Seldte, Gereke, Schwerin von Krosigk, Frick, Blomberg, Hugenberg; nicht im Bild die Minister Neurath und Eltz-Rübenach; * unten: Besuch beim Reichspräsidenten auf dessen Gut Neudeck in Ostpreußen. * S.43 Luftmarschall Italo Balbo, er war Generalgouverneur von Libyen und Verfechter einer englandfreundlichen Neutralitätspolitik, wurde 1940 vor Tobruk von der eigenen Flak abgeschossen, Mussolini 1945 von italienischen Partisanen umgebracht, de Vecchi von Mussolini-Leuten in absentia zum Tode verurteilt. Der 78jährige Marschall de Bono und der 40jährige Duce-Schwiegersohn Graf Galeazzo Ciano wurden zum Tode verurteilt und auf Geheiß des Duce Januar 1944 im Schießsportklub von Verona erschossen. * S.44 Hindenburg blieben weder Zeit noch Geist, seine Entscheidung zu bereuen. Der König aber konnte den Tag der Rache noch genießen, kalt und nur für sehr kurze Zeit. Den Duce wird er am 25. Juli 1943 zu einem Gespräch empfangen, wird ihn bis zum Portal hinausgeleiten und ihn in einem Krankenwagen abtransportieren lassen: "Scheidung auf italienisch". *

DER SPIEGEL 52/1982
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