12.03.2016

Lernen„Besser ist es, sich zu quälen“

Karl-Heinz Bäuml, 55, ist Professor für Psychologie an der Universität Regensburg. Er hat untersucht, auf welche Weise sich neuer Stoff am besten einprägt.
SPIEGEL: Wie können Kinder leichter lernen?
Bäuml: Das kommt auf ihr Alter an. Wir haben Grundschüler und Erwachsene gebeten, sich drei Listen mit jeweils sechs Begriffen in Folge zu merken. Nach einer halben Minute wurde ihnen die jeweilige Liste wieder abgenommen. Ein Teil der Probanden bekam die Liste dann jeweils noch einmal für kurze Zeit ausgehändigt – sie hatten die Chance, die Begriffe ein zweites Mal durchzulesen. Die anderen Teilnehmer baten wir, die Begriffe direkt nach dem Einprägen aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Wie bei einem Test. Am Ende sollten sich alle Probanden eine vierte Liste merken – diesmal ohne Wiederholung.
SPIEGEL: Wer lernte besser?
Bäuml: Bei den Erwachsenen war es so: Wer die Listen direkt aus dem Gedächtnis wiedergegeben hatte, schnitt besonders gut ab. Vor allem aber konnte er die neue Aufgabe, die letzte Liste, besser bewältigen. Das Testen verbesserte das Lernen des Neuen. Bei den Grundschulkindern zwischen acht und neun zeigte sich eine ähnliche Tendenz. Bei den Sechs- und Siebenjährigen sahen wir den Effekt noch nicht.
SPIEGEL: Was bedeutet das fürs Lernen in der Schule?
Bäuml: Lehrer könnten bereits nach einer kurzen Unterrichtseinheit die Kinder motivieren, die Inhalte mit eigenen Worten zusammenzufassen. Im Prinzip geht es nur darum, den Schülern die Chance zu geben, etwas eigenständig zu erarbeiten.
SPIEGEL: Ein Vokabeltest steht an – wie lernt man zu Hause am besten?
Bäuml: Viele Schüler legen sich einen Stapel Karteikarten mit dem Wort und seiner Übersetzung bereit, den sie immer wieder durchgehen. Lesen, Karte umdrehen, lesen. Besser ist es, sich ein bisschen mehr zu quälen und bei jeder Karte aktiv etwas selbst zu produzieren. Indem man sich zum Beispiel nur das deutsche Wort anguckt und es gleich in der Fremdsprache aufschreibt. Mein Tipp: mehr darauf setzen, sich eigenständig zu erinnern. Das immunisiert gut gegen das Vergessen.
Von Kk,

DER SPIEGEL 11/2016
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