12.03.2016

ReligionenIm Bann des Propheten

Bei ihrem Feldzug beruft sich die Terrorgruppe IS auf die Ursprünge des Islam. Doch was passierte im siebten Jahrhundert wirklich? War Mohammed Rächer oder Friedensfürst? Forscher rücken den Koran ins Licht der Aufklärung.
Als Mohammed am 8. Juni 632 mit schweren Kopfschmerzen im Bett lag, ergriff Schrecken die junge Gemeinde der Muslime. Halb Arabien hatte der Religionsgründer erobert, der Weltmacht Byzanz die Stirn geboten und angeblich 15 Attentate überstanden.
Doch nun lag der etwa 62-Jährige, der Gottes Offenbarungen nach einem Ringkampf mit dem Engel Gabriel empfangen haben wollte, sterbenskrank danieder. Ein frühmittelalterlicher Biograf berichtet, dass er sich kurz vorm Tod ausführlich die Zähne putzte. Als er verschied, vergoss sein Freund Abu Bakr Tränen und schloss dem Anführer die Augen.
Dann führte der Weggefährte als erster Kalif die Eroberungen mit Feuer, Schwert und Verhandlungsgeschick fort. Es entstand ein Imperium, das bald von Indien bis nach Spanien reichte.
Fast 1400 Jahre nach diesem Siegeszug ist ein Namensvetter Abu Bakrs aufgetaucht. Auch Abu Bakr al-Baghdadi, Chef der sunnitischen Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS), kämpft für eine gottgewollte Ordnung. Einen 16-Punkte-Katalog hat er aufgestellt. Alkohol und Tabak sind verboten. Frauen müssen "züchtig bedeckende Kleidung" tragen. Einige Taubenzüchter tötete man mit der Begründung, ihr Hobby halte sie vom Beten ab.
Der ganze Orient brennt, ausgetragen wird der Irrsinn mit Sturmgewehren und Panzerfäusten. Hunderttausende fliehen nach Europa – eine Völkerwanderung.
Auch in der Welt des Halbmonds, von Marokko bis Teheran, ist das Entsetzen groß. Und niemand bekämpft den IS so erbittert – und so erfolgreich – wie andere sunnitische Milizen, vor allem die der Kurden.
Was aber treibt Baghdadi, diesen Mann aus Samarra, der als Kind gern Fußball spielte und mit der Note "sehr gut" promovierte? Folgt man der Logik der Dschihadisten, will ihr Anführer jene goldene Urzeit des Islam wiederbeleben, als Mohammed im Jahr 622 n. Chr. in Medina seine erste Gemeindeordnung schuf.
Bei einigen Grausamkeiten kann sich Baghdadi auf sein Vorbild stützen. Wenn die Schlächter des IS heute ihren Opfern den Hals durchschneiden, wenn sie Kinder und Frauen versklaven, befolgen sie einen Befehl in Sure 47. "Wenn ihr die trefft, die ungläubig sind, dann schlagt sie auf den Nacken, bis ihr sie ganz besiegt habt."
Bis tief ins achte Jahrhundert reichen die islamischen Rechtsschulen zurück, die im Namen der Scharia etwa Ehebruch und Glaubensabfall mit dem Tod bestrafen wollen.
Kaum eine Religion gebietet einen so strengen Monotheismus. "Tötet die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf", befiehlt Sure 9, Vers 5. Schon die allerersten Muslime warfen im Kampf gegen Heiden deren hölzerne Idole in Jauchegruben.
Die Horden des IS haben sich ein Handzeichen ausgedacht, zu Hunderten zeigen sie es in grausigen YouTube-Videos: Es ist der ausgestreckte Zeigefinger der rechten Hand. Das Zeichen jener, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben, und vor allem das Zeichen dafür, dass es nur einen Gott geben soll. Und dass Anhänger anderer Götter zu sterben haben.
Aber ist der Koran nicht die Lehre des "Barmherzigen, des Erbarmers", wie die Anredeformel Allahs lautet?
"Keinen Zwang in der Religion", verkündet Sure 2. Für Jahrhunderte lebten Juden und Christen unbehelligt unter dem Schutz muslimischer Sultane und Kalifen. Große Naturforscher und Ärzte kamen von dort und auch die "Märchen aus Tausendundeiner Nacht". Die Almosensteuer, eine Art Hartz-IV-Verordnung, ist eine Erfindung des Koran.
Der Prophet aus dem Sandmeer sei "das beste Vorbild für jeden Menschen, der den Weg zur Glückseligkeit gehen will", schwärmte die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel, die 1995 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Als Wegweisung hin zum Licht und zur Erlösung – so wird der Islam in vielen Moscheen gelehrt.
In Wahrheit aber gibt es nicht den einen Islam. Es gibt den Glauben der Sunniten, den der Schiiten, der Alawiten, der Salafisten und der Sufis. Und vor allem gibt es den Islam der Massenmörder und jenen der Friedfertigen.
Denn die 114 Suren des Koran sind ein Sammelsurium der Widersprüche, Unklarheiten, Rätsel. Sie wirken wie ein seltsames Puzzle, aus dem jeder alles herauslesen kann, Rohmaterial, das sich jeder zurechtdeuten kann. Verkündet hat es ein einziger Mann: Mohammed, der die erste Offenbarung seines Gottes in einer Höhle nahe Mekka empfing.
Nur, was genau geschah damals, um das Jahr 600, in der arabischen Wüste? Wer war dieser Verkünder, woher nahm er seine Ideen, was hat ihn geprägt? Haben Nachfolger seine Lehren verfälscht, oder beruht vieles nur auf Missverständnissen?
Und gab es vielleicht zwei Propheten: den Mohammed des Friedens und den Mohammed des Terrors?
Ewiges Heil, auch für Juden und Christen, verheißt Sure 5, Vers 69. Aber an anderer Stelle spricht der Koran unverhohlen die Sprache der Gewalt. Insgesamt 206-mal verherrlicht er den Krieg, 25-mal werden Tötungsbefehle ausgesprochen.
Den Alkohol verdammt der Koran mal als "Teufelswerk", mal verbietet er nur, betrunken zu beten. Sure 16 dagegen lobt, dass man aus Datteln und Trauben einen "Rauschtrank" machen kann. Die Prostitution hat Mohammed abgeschafft, zugleich aber die "Genussehe" erlaubt. Sie regelte im alten Arabien eine Sexverbindung auf Zeit.
Bis tief in seinen Charakter hinein wirkt der Gottesbote aus Mekka merkwürdig gespalten. 27 brutale Feldzüge führte er. Zugleich aber gab er an, der friedfertige Jesus stehe ihm von allen biblischen Gestalten am nächsten.
"So nehmt euch an Weibern, die euch gut dünken, zwei, drei oder vier", empfiehlt Sure 4. Mohammed gönnte sich rund ein Dutzend Gattinnen.
Selbst in das hundertfach wiederholte Gebot des Koran, es gebe nur einen einzigen Gott, mischt sich ein schräger Ton: Gemeint sind die "Satanischen Verse". Die berüchtigte Passage stammt aus einer Version von Sure 53. Dort wird der Prophet von Zeitgenossen gefragt, was er von den heidnischen Göttinnen al-Lat, al-Usa und al-Manat halte. Statt sie zu verdammen, lobt er sie seltsamerweise als "erhaben", man dürfe auf "ihre Fürbitte hoffen". Später hieß es, die Aussage habe ihm Satan eingeflüstert.
Wer also war dieser Mann, den das mitteralterliche Abendland zeitweilig so hasste, dass es ihn im Rolandslied genüsslich den Schweinen zum Fraß vorwarf?
Im Koran selbst ist über die historische Gestalt wenig zu erfahren. Mohammeds Name taucht dort nur viermal auf. Wahrscheinlich wurde er um 570 n. Chr. als Kind nicht allzu begüterter Eltern geboren. Zeugnissen zufolge begann sein Leben traurig. Der Vater starb noch vor seiner Geburt. Der Opa gab den Säugling an eine Amme weg.
Als auch die Mutter und der Großvater starben, kam der achtjährige Knabe zum Onkel, der für die Versorgung der Pilger an der Kaaba verantwortlich war. Biografen erzählen, dass er dann zum Kaufmann und Karawanenführer aufstieg – bis er sich plötzlich in die Berge zurückzog.
Dort erschien ihm zum ersten Mal der Erzengel Gabriel, um ihm Sätze des Allmächtigen zu diktieren. 22 Jahre lang soll Allah ihm Weisheiten oder auch nur schlichte Regeln für den Alltag offenbart haben. Die erste Verkündung erfolgte angeblich im neunten Monat des islamischen Mondkalenders, dem Ramadan.
Weil der Koran selbst so wenig über seinen Urheber berichtet, begannen die Gelehrten schon früh mit der Spurensuche. Sie befragten Augenzeugen, Verwandte und Zeitgenossen, die den Religionsstifter noch kannten. So trugen sie nach und nach vermeintliche Sprüche und Taten des Boten Gottes zusammen – die sogenannten Hadithe.
Bald jedoch kursierten Abertausende solcher O-Töne. Allein die sechs kanonischen Sammlungen, "al-Kutub al-Sitta", in die nur vermeintlich glaubwürdige Berichte einflossen, enthalten 24 000 Hadithe.
Demnach hatte Mohammed ein hübsches Gesicht, "rund wie der Mond". Sein Speichel duftete nach Moschus. In anderen Berichten empfing er Botschaften von Kamelen und Palmen. Ob Erbschaftsfragen, Steuerrecht oder Kleiderordnung – zu allem hat sich der Prophet angeblich geäußert.
Für Muslime sind solche Details wichtig. Mohammed gilt ihnen als Vorbild in allen Lebenslagen. Nur das gestrenge Nacheifern seiner Maximen sowie das Einhalten der koranischen Gebote, heißt es, verschonten vor den Qualen der Hölle.
Aber was ist von all dem Hörensagen und den historischen Schilderungen zu halten? Der erste Biograf, Ibn Ishak, schrieb rund 130 Jahre nach Mohammeds Tod im Auftrag des Kalifen von Bagdad. Schon Juristen des neunten Jahrhunderts nannten Ibn Ishak einen "Lügner".
Was also ist echt, was Schwindel? Angesichts der unklaren Faktenlage zog der Islamkundler Joseph Schacht, der in Oxford lehrte, eine ungeheure Konsequenz. Sein Verdacht: Das papierne Gebirge der Hadithe sei "eine Fiktion, die möglicherweise in der Geschichte des menschlichen Denkens nicht ihresgleichen hat".
So radikal denken wenige Forscher. Doch auch im prüfenden Licht gemäßigter Arabisten, Orientalisten und Semitisten kommt Erstaunliches zutage. Stückweise hebt sich der Schleier, der die Ursprünge der dritten monotheistischen Weltreligion umgibt.
Der Überlieferung zufolge war es der dritte Kalif Uthman (Regierungszeit: 644 bis 656), der die Koranverse sammelte. Einige waren mündlich tradiert, andere auf Schafhäute oder Kamelknochen geschrieben. All das brachte er in eine abschließende Form. Im vergangenen Jahr jedoch haben Forscher aus Birmingham eine Koranhandschrift mit der Radiokarbonmethode datiert. Das Tier, aus dem die Pergamentseiten hergestellt wurden, starb zwischen 568 und 645 n. Chr.
Das heißt: Der Koran könnte in Teilen älter sein als sein Prophet.
Was absurd klingt, passt einigen Forschern gut ins Konzept. Sie vermuten, dass das heilige Buch im Kern schon im sechsten Jahrhundert entstanden ist. Es enthalte christliche Strophenlieder und Predigten, meint der Saarbrücker Forscher Karl-Heinz Ohlig: Der arabische Name "Muhammad" bedeute "der Gepriesene" und sei in der Spätantike ein Beiname Jesu Christi gewesen.
Ähnlich verwirrende Einsichten liefert der Berliner Orientalist Christoph Luxenberg. Er vermutet, dass viele Koranbegriffe Lehnworte aus dem Aramäischen sind, deren Sinn die späteren Kommentatoren nicht mehr richtig verstanden hätten. Etwa 30 Prozent der Suren enthalten demnach "dunkle Stellen".
Verstärkt wird das Chaos, weil man im Arabischen keine kurzen Vokale schreibt und von den 28 Konsonanten nur 6 eindeutig sind. Erst mithilfe kleiner Kringel, Striche und Fähnchen – der diakritischen Zeichen – wird der Lautwert festgelegt. Diese Lesehilfen waren zur Zeit Mohammeds noch nicht voll entwickelt.
Die Folge: schwammige Semantik und Verballhornung, so glaubt Luxenberg. In Sure 24 heißt es etwa: "Die Frauen sollen ihre Chumur über ihre Taschen schlagen." Obwohl niemand weiß, was Chumur heißt, dient der Vers als Grundlage fürs Kopftuchgebot. Luxenberg leitet das Wort nun aus dem Syro-Aramäischen ab und übersetzt: "Sie sollen sich einen Gürtel um die Lenden binden."
Nicht einmal das Wort "Koran" sei arabisch. Es entstamme ebenfalls der Sprache der syrischen Nachbarn und bezeichne die Vorlesetätigkeit eines Priesters vor der Kirchengemeinde. Und die schönen Jungfrauen ("Huri"), die laut Koran im Paradies auf Gläubige warten, deutet Luxenberg als "Hur in" – weiße Weintrauben. Ein Luxus in Arabiens Wüste.
"Jedes Mal, wenn wir mit einer Huri schlafen, verwandelt sie sich danach wieder in eine Jungfrau. Der Penis eines Muslim wird nie erschlaffen", hatte im 15. Jahrhundert noch der Theologe al-Suyuti fantasiert. Bei Luxenberg sieht es nun so aus, als dürfe der Märtyrer im Jenseits nur Obst essen.
Diese Thesen sind umstritten, was in der Zunft allerdings als normal gelten kann. Jeder versucht dort fast jeden zum Außenseiter zu erklären. Die Branche ist zerstritten wie kaum ein anderer Wissenschaftszweig.
Die hohe Geistlichkeit in den Kernländern des Islam nimmt an den Überlegungen erst zögerlich teil. Im gefräßigen Rachen des westlichen Rationalismus werde alles Heilige entwertet, mahnte schon vor 50 Jahren der pakistanische Philosoph Fazlur Rahman: "In die Leere dieses Abgrunds wird der Koran unseren Händen entgleiten."
Doch es gibt zunehmend auch kritische Muslime, die ihre Religion nicht dem Deutungskartell von Terroristen oder religiösen Eliten preisgeben wollen. In seinem neuen Buch "Gott glaubt an den Menschen" präsentiert Professor Mouhanad Khorchide aus Münster einen ganz anderen, sanften Koran, der um die Freiheit aller Menschen ringt. Sein Credo lautet: "Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus."
"Wir haben dich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt", heißt es in Sure 21, Vers 107. Für Khorchide ist das ein "Schlüsselsatz" des Friedens. In diese Richtung möchte er den Koran läutern. "Was damit nicht einbar ist, müssen wir verwerfen."
Ruppigere Töne schlägt dagegen der Deutschägypter Hamed Abdel-Samad an. Der Sohn eines Imams hat eines der bemerkenswertesten Bücher des vergangenen Jahres vorgelegt, das immer noch in der Bestsellerliste steht(**). Er will den Stammvater des Islam aus seinem übergeschichtlichen Himmel holen.
"Viele Muslime sind noch heute Gefangene der mysteriösen Figur Mohamed, die im 7. Jahrhundert gelebt hat", schreibt der Politologe. "Aber auch der historische Mohamed ist ein Gefangener – der übertriebenen Verehrung und des Anspruchs der Muslime an seine Unantastbarkeit."
An diesem Dogma zu rütteln ist allerdings gefährlich. Der Autor wird auf Schritt und Tritt von Leibwächtern begleitet.
Gleichwohl scheut Abdel-Samad vor harten Worten nicht zurück. Er beschreibt den historischen Mohammed als Kriegsfürsten, der Frauen konsumierte "wie ein durstiger Mann, der Salzwasser trinkt". Der Prophet habe "Züge seiner Persönlichkeit, die man krankhaft nennen könnte, an die Muslime weitergegeben: Allmachtsfantasien und Größenwahn, Paranoia, Kritikunfähigkeit und Zwangsstörungen".
Gegner werfen Abdel-Samad vor, abseitige Hadithe über den Propheten aufzuwärmen und dem Mann aus Mekka respektlos einen Vaterkomplex anzudichten. Doch was der eine Verunglimpfung nennt, wirkt auf den anderen tapfer und erhellend.
Klar ist: Abdel-Samad ist ein Pionier. Gerade weil er das Heilige hinterfragt und den arabischen Religionsstifter in den Dunstkreis seiner Wirklichkeit stellt – umgeben von Kamelpferchen, Nomadenschweiß und archaischen Stammeskämpfen –, macht er die Bühne frei für einen frischen Blick auf das Geschehen.
Zudem hilft er, auch die zwanghaften und ritenbesessenen Aspekte dieser Religion besser zu verstehen. Fünfmal am Tag kniet der Gläubige nieder zum Pflichtgebet. Er muss Ess- und Fastengebote beachten, sich ständig waschen. Die Toilette betritt er mit dem linken Fuß, die Moschee mit dem rechten.
Wer das übertrieben findet, sollte bedenken, dass auch die Christen des Orients einst wahre Askese-Wettkämpfe ausfochten. Manche Mönche standen wochenlang Kopf und aßen nur Salat.
Die Sprache der Gewalt im Koran klingt im sozialen Kontext ebenfalls verzeihlicher. Als Mohammed geboren wurde, zerbarst gerade ein Weltzeitalter. Die ganze Antike versank in einem Meer aus Blut und Feuer.
Kein Wunder also, dass der Diener Gottes es den anderen nachtat und brutal zur Waffe griff. Sein Widerpart, König Herakleios, der christliche König von Byzanz (575 bis 641 n. Chr.), ließ seinen Feinden die Genitalien abschlagen, er häutete und spießte Köpfe auf.
Es war der verbissene Zweikampf zwischen den damaligen Supermächten Byzanz und Persien, der gleichsam das Hintergrundrauschen bei der Geburt des Islam abgab. Als die beiden Imperien sich müde gerungen hatten, konnten die Muslime ihre Invasion starten.
Anfangs gab es noch ein Gleichgewicht des Schreckens. Im sechsten Jahrhundert verlief quer durch den heutigen Nordirak eine mit Wachtürmen gepflasterte Pufferzone.
Doch dann gelang den Persern der Durchbruch. Ein Schwall bewaffneter Reiter überschwemmte die byzantinischen Besitzungen in ihren Provinzen Arabia und Palästina. Im Frühsommer 614 stand der Feind vor Jerusalem. Dort stahl er die kostbarste Reliquie des Reiches: das Kreuz Christi.
Es gemahnt an ein Rätsel, wie es dem zermürbten Byzanz noch einmal gelingen konnte, zu einem Befreiungsschlag auszuholen. Eine abenteuerliche Offensive wurde gestartet. Im Eiltempo drangen die Soldaten bis zu einem heiligen Berg der Perser vor und löschten dort ein ewiges Tempelfeuer. Danach zogen die hungernden Truppen durch Mesopotamien, verwüsteten alles und schlachteten sogar die Tiere eines riesigen Palastzoos.
Zuletzt siegte der Christenkönig Herakleios auf ganzer Linie: Am 21. März 630 schleppte er das zurückeroberte Kreuz des Herrn in einem Triumphzug durch die Gassen von Jerusalem.
All diese sakral aufgeladenen Donnerschläge dröhnten tief hinein in die abgelegene Trockenzone der Araber, die nur auf ihre Gelegenheit warteten.
Erst die neuere historische Forschung hat deutlich gemacht, wie geschickt diese dabei vorgingen. Viele Stämme verbündeten sich zuerst mit der Christenmacht und stellten ihr Reiterscharen zur Verfügung. Wichtige Siege der Byzantiner in der Zeit nach 622 gelangen nur, weil ihnen Araber halfen.
Selbst Mohammeds Stammesbrüder, die Kuraisch, dienten womöglich als Vasall. Der Name sei dem aramäischen "qarisha" entlehnt, meint der Münzforscher Volker Popp. So wurden die arabischen Bundesgenossen der Byzantiner genannt.
Zugleich schickte das Reich vom Bosporus seine Mönche los. Zwar tut der Koran an vielen Stellen so, als wären die Araber des sechsten und siebten Jahrhunderts Heiden gewesen. Die Suren erwähnen Dschinnen und böse Geister, vor denen weintrinkende und glücksspielende Hirten lästerlich auf die Knie fielen.
Doch wahrscheinlich läuteten Glocken im Sandmeer. Dutzende verfallene Kirchen haben Archäologen inzwischen entdeckt. In Karjat al-Fau, östlich von Mekka, fanden Ausgräber eine Art Wüstenvatikan. Es gab eine Prachtkirche in Sanaa (Jemen), Diözesen in Aden und Oman. Nahe Medina stand ein Kloster. In Bosra im heutigen Syrien wurde im Jahr 427 ein Bistum für arabische Stämme eingerichtet.
Von diesen Vorposten aus brachten die Missionare des Kreuzes den dort heimischen Kamel- und Schafzüchtern die seltsame Lehre von der Dreifaltigkeit bei. Jesus sei Gottes Sohn und unbefleckt per Jungfrauengeburt gezeugt worden, erzählten die Geistlichen – für Viehhalter kein leicht zu akzeptierender Gedanke.
Sektierer aller Couleur tummelten sich damals im Orient. Auf Konzilen trugen altkirchliche Bischöfe ihren Zwist zuweilen mit der Faust aus. In diese Welt wurde Mohammed hineingeboren.
Seine Heimatstadt Mekka lebte vom Handel mit Gold, Weihrauch oder Sklaven. Am Stadtrand befand sich ein christlicher Friedhof. Im Zentrum stand ein karges Gotteshaus, die Kaaba. Ein altarabischer Reiseführer erwähnt, dass im Innenraum der Kaaba Bilder von Maria und Jesus hingen sowie eine Friedenstaube aus Aloeholz.
Diente das Heiligtum etwa als Kirche? Einiges spricht dafür. Die halbrunde Mauer auf der Nordwestseite der Kaaba deutete der Orientalist Günther Lüling als ehemalige Apsis. Womöglich hatten die Mekkaner den Sakralbau christlich umfrisiert. Die Überlieferung berichtet zwar auch von 360 Götzenbildern, die neben der Kaaba standen. Doch das könnten die Kalenderheiligen der Altkirche gewesen sein.
Manche Historiker vermuten, dass erst die in Bagdad thronende Dynastie der Abassiden im neunten und zehnten Jahrhundert die christlichen Spuren aus dem Koran tilgen ließ. Der Clan wollte mehr Eigenständigkeit gewinnen und seinen Soldaten im Kampf gegen die Armeen Christi das Feindbild schärfen.
Die Welt des Kreuzes schimmert in den islamischen Quellen immer wieder durch. Als Junge, so ein Hadith, reiste Mohammed mit einer Karawane nach Syrien, wo ein Mönch ein Hautmal zwischen seinen Schulterblättern entdeckte. Er deutete es als "Siegel der Propheten".
Jesus taucht 25-mal namentlich im Koran auf. Moses wird über 130-mal erwähnt. Die ersten Muslime beteten noch Richtung Jerusalem, der heiligen Stätte der Juden und Christen. "Besonders in Amerika hat sich eine Meinung durchgesetzt, die den Islam als eine Art Recycling von biblischen Traditionen ansieht", sagt die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth.
An ein schlichtes Abkupfern glaubt sie jedoch nicht. Vielmehr habe Mohammed ein eigenes Universum geschaffen. Die mit Weihrauch nebelnden Popen aus Byzanz lehnte er ab. Mit der Dreieinigkeit würden sie Gott einen Sohn "beigesellen", heißt es im Koran. Das sei Frevel. Glockengebimmel nannte der Prophet angeblich "die Flöte des Teufels".
Stattdessen spielte für ihn Abraham eine große Rolle. Geschichten aus dem Alten Testament wandelte er ab und gab ihnen neuen Sinn. Auch verwendete er apokryphe christliche Schriften über Maria, die keinen Eingang in die Bibel fanden. All das wurde mit altarabischen Bräuchen vermischt. Das Wallfahren nach Mekka war als Zeremonie schon vor dem Islam bekannt.
Vor allem aber gab der Anführer aus Mekka seinem Wüstenvolk den Stolz zurück. Die Byzantiner (und auch die Perser) schauten abfällig auf die Analphabeten Arabiens herab, die vielfach als Nomaden lebten.
Mohammed griff dieses Underdog-Image geschickt auf. Er erklärte die Araber zu Abkömmlingen Ismaels, den Abraham mit einer ägyptischen Magd gezeugt hatte. In der Bibel wird der Junge streitsüchtig genannt, er sei störrisch wie ein "Wildesel".
Dieser Vorfahr gab den Arabern ihre Identität. Mohammed hatte in seinen Predigten aus einer vermeintlichen Minderwertigkeit eine Stärke gemacht.
Anfangs jedoch verfing die Botschaft nicht. Vor allem die Mekkaner lehnten den jungen Prediger ab. Einer Quelle zufolge bewarfen sie ihn beim Beten mit Dreck und Kadavern. Sein Onkel Abu Lahab schmähte ihn als Lügner und verletzte ihn, bis er blutete.
Sogar die Göttlichkeit der Verkündigungen wurde bezweifelt. In Sure 15, Vers 6 nennen Gegner aus Mekka den Religionsstifter einen "Besessenen". Der Prophet schnarchte beim Empfangen seiner Offenbarungen, so schildern es Hadithe, er schwitzte stark, selbst wenn es eiskalt war. Auch habe er gezittert und zuweilen Schaum vorm Mund gehabt.
Der türkische Arzt Dede Korkut hat aus diesen Symptomen ein ganzes Buch gemacht. Seine waghalsige Behauptung: Der Prophet litt an Epilepsie.
Fest steht, dass Mohammed auch nach 13 Jahren Dauerpredigt in Mekka kaum Anhänger hatte. Er stand da wie ein Gescheiterter.
Doch anders als Jesus ("Mein Reich ist nicht von dieser Welt") gab er nicht auf und durchlief eine zweite, furchtbare Karriere. Im Jahr 622 floh er nach Medina. Der Umzug läutete nicht nur den Beginn der islamischen Zeitrechnung ein, sondern auch eine Ära der Gewalt.
Hundertfach haben muslimische Theologen den Wechsel des Standorts schöngeredet: Die Mekkaner, heißt es, hätten den unbequemen Prediger und strengen Verfechter des Eingottglaubens ermorden wollen. Deshalb sei er ins über 400 Kilometer entfernte Medina emigriert.
In Wahrheit hatte der Mann schon zuvor heimlich versucht, politische Bündnisse gegen seine Brüder aus Mekka zu schließen. Am Ende sagten ihm die räuberischen Stämme der Aus und Chasradsch Schutz zu. Sie lebten in Zelten am Rande der vornehmlich von Juden bewohnten Oasenstadt Yathrib, des späteren Medina.
Von dort startete der etwa 50-Jährige dann erste Überfälle auf die Karawanen der Mekkaner. Um seine Truppe zu verstärken, soll er auch einen Vertrag mit Wegelagerern und Verfemten geschlossen haben, die in den Bergen hausten. Er kopierte deren Strategie der Blitzkriege. Abtrünnige strafte er fortan durch Abhacken von Gliedmaßen.
Ganze Stämme ließ der Prophet nun niedermetzeln oder vertreiben, etwa die Banu Nadir, weil sie angeblich einen Mordanschlag gegen ihn planten. Zuletzt erwischte es die Banu Kuraisa. Alle Männer wurden hingerichtet. Quellen zufolge waren es zwischen 400 und 900. Frauen und Kinder versklavte man.
"Unverzeihlich" haben westliche Koranforscher die Kollektivstrafe genannt. Der Theologe Hans Küng sprach von "ethnischer Säuberung".
Zu bedenken ist jedoch, dass Mohammed zu dem Zeitpunkt bereits einen Partisanenkrieg führte. Er war zum Anführer eines weiträumigen arabischen Aufstands aufgestiegen, der sich sowohl gegen die Byzantiner als auch gegen die Perser richtete. Rücksicht nahm in diesem Kampf kaum jemand.
Nur: War das noch der alte Mahner der Barmherzigkeit?
Mohammeds Sekretär kamen Zweifel. Um die Echtheit der göttlichen Offenbarungen zu prüfen, stellte er seinem Chef eine Falle. Wenn der ihm neue Suren in die Feder diktierte, veränderte er zuweilen den Wortlaut. Später konnte der Prophet die richtigen von den verfälschten Offenbarungen nicht unterscheiden. Daraufhin prangerte der Schreiber Mohammed öffentlich an.
Fast scheint es, als gäbe es zwei Gesandte Allahs: jenen frühen Prediger der Nächstenliebe und dann – in Medina – den Machtmenschen, der sich immer tiefer in blutige Kämpfe verstrickte. Autor Abdel-Samad vergleicht Mohammeds Lebensbahn mit Lenins Weg vom hoffnungsfrohen kommunistischen Theoretiker hin zum Gulags errichtenden Oberhaupt der Sowjetunion.
Die Lehre vom gewaltsamen Dschihad brachte den Orient allerdings weit. Mohammed einte die zerstrittenen Stämme. Jäh holte er die Araber aus dem Dunkel der Geschichte und machte sie zu weltpolitischen Spielern. Im Jahr 634 schlugen sie erstmals eine byzantinische Armee. Bald danach standen sie am Nil.
Es ist diese kriegerische Seite des Islam, die der Oberterrorist Abu Bakr al-Baghdadi nun wiederbelebt hat. Um sein Ziel zu erreichen, lässt er Kinder drillen und hängt ihnen Sprengstoffgürtel um den Bauch. Die Begründung dafür liefern Verse aus einer vergangenen Welt – die aber von Millionen konservativen Muslimen auch im Jahr 2016 immer noch wörtlich genommen werden.
Es ist das Drama des Islam, dass sein großes Buch als unverfälschtes Wort Gottes gilt, das direkt aus dem Himmel herabgereicht wurde. Nur wenige auserwählte muslimische Gelehrte dürfen es offiziell ausdeuten. Aber geht die Botschaft des Glaubens nicht alle Muslime an?
"Sapere aude", wage es, weise zu sein – mit dieser Parole der Aufklärung hat Immanuel Kant einst Licht ins dunkle Haus der Religion gebracht, die alten Gespenster verscheucht; Europas Glaubenskriege waren endgültig überwunden.
Ähnliches wünscht sich auch der Politologe Abdel-Samad. Er ist sicher: "Die Reform des Denkens beginnt, wenn Muslime es wagen, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen und ihn Mensch werden zu lassen – Mensch, der er ja immer war."
* Persische Miniatur, um 1540. ** Hamed Abdel-Samad: "Mohamed. Eine Abrechnung". Droemer Verlag, München; 240 Seiten; 19,99 Euro.
Von Clemens Höges und Matthias Schulz

DER SPIEGEL 11/2016
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