26.03.2016

Jüdische GemeindenHeikler Dialog

Ein Rabbinerstudent kritisiert den Zentralratschef und verliert seinen Ausbildungsplatz am Potsdamer Abraham Geiger Kolleg.
Armin Langer hat geahnt, dass sein Kommentar provozieren würde, er hat damit gerechnet, dass sein Angriff gegen Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, nicht unwidersprochen bleiben würde. "Aber auf diesen Sturm? Nein, darauf war ich nicht vorbereitet", sagt er.
Bis vor Kurzem war Langer, 25, Rabbinerstudent am renommierten Abraham Geiger Kolleg (AGK) in Potsdam. 2013 hatte er in Berlin-Neukölln die "Salaam-Schalom Initiative" gegründet, die sich für die Verständigung zwischen Juden und Muslimen einsetzt. Bundespräsident Joachim Gauck hatte ihn dafür mit einer Einladung ins Schloss Bellevue geehrt. Nun wurde Langer aus dem Potsdamer Kolleg verbannt, nachdem er in einem Zeitungsartikel den Zentralrat kritisiert hatte. Der Rektor des Kollegs, Walter Homolka, bezeichnete den Studenten in einer E-Mail an einen Kollegen als "narzisstischen Polit- Aktivisten".
Der Rauswurf des Studenten wirft ein Schlaglicht auf die Härte, mit der in Deutschland gegenwärtig Fragen des Glaubens diskutiert werden. Was vor einem Jahr wohl als kontroverser Diskurs gegolten hätte, wird nun zum Testfall für die Meinungsfreiheit. Mit dem Kolleg ist eine der wichtigsten jüdischen Institutionen im Land betroffen; es ist die einzige Ausbildungsstätte für liberale Rabbiner in Deutschland. Jetzt muss sich Rektor Homolka fragen lassen, wie es um die Meinungsvielfalt in seinem Hause steht.
Im November veröffentlichte Langer einen Kommentar in der "taz" als Replik auf Schuster. Der hatte Obergrenzen für Flüchtlinge gefordert und bei Integrationsschwierigkeiten von Einwanderern eher ein "ethnisches Problem" denn ein religiöses vermutet. Langer unterstellte dem Zentralratspräsidenten daraufhin Rassismus. "Wir sollten es besser wissen", schrieb er.
Langer hat sich in einem Brief bei Schuster entschuldigt, etliche Gemeindemitglieder setzten sich für ihn ein. Leslie Bergman, Präsident der Europäischen Union für progressives Judentum, bat in einer E-Mail an Homolka um Nachsicht. Vergebens. "Dieser Mann gefährdet mein Lebenswerk durch sein dummes Vorgehen", antwortete Homolka. "Ich kann dir garantieren, dass dieser Mann nie wieder die Chance haben wird, von einer deutschen Gemeinde eingestellt zu werden."
Im Herbst 2013 zog Langer für die Ausbildung am AGK aus Ungarn nach Berlin. Er hatte sich bereits als Philosophiestudent in Budapest politisch eingebracht – gegen die Regierung von Premier Viktor Orbán. In Deutschland setzte er sein Engagement mit der Gründung der Salaam-Schalom Initiative fort. Politiker und Journalisten interessierten sich bald für Langer. Zwar sprach dieser meist als Koordinator der Salaam-Schalom Initiative, nicht als Rabbinerstudent, trotzdem drängte ihn das Kolleg, seine Auftritte einzuschränken und Interviews abzusprechen.
Die Studenten würden, selbst wenn sie sich privat äußerten, schon als Repräsentanten des Judentums wahrgenommen, teilt das Kolleg als Begründung mit. Zu diesen Regeln hätten sich alle Rabbinerstudenten im Rahmen ihres Aufnahmeverfahrens schriftlich verpflichtet. Armin Langer aber habe "leider mehrfach gegen diese Regeln verstoßen".
Langer bestreitet das, zumindest in seinem Ausbildungsvertrag ist nichts zum Umgang mit Medien geregelt. Dennoch habe er der Bitte der Kollegleitung entsprochen und eine Zeit lang stillgehalten. Doch als Schuster von Obergrenzen redete, habe er widersprechen müssen. "Alles andere wäre einem Verrat an meinen Überzeugungen gleichgekommen." Er will seine Ausbildung zum Rabbiner fortsetzen. Am liebsten in Potsdam, notfalls an einer anderen Lehranstalt, in London oder Israel. Auch politisch werde er sich weiter engagieren.
Das Kolleg bestätigt, dass Langer am 14. Januar von der Kandidatenliste für das Rabbineramt gestrichen wurde. Man habe ihm mehrfach die Möglichkeit zur Äußerung gegeben, sei am Ende aber zu dem Schluss gekommen: Das Vertrauensverhältnis sei "nachhaltig verletzt". Sein Studium an der School of Jewish Theology der Potsdamer Uni könne er aber fortsetzen. Und sich in zwölf Monaten wieder als Rabbinerkandidat bewerben.
Twitter: @Maximilian_Popp
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 13/2016
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