26.03.2016

CHAMPIONS VON MORGEN (I)Einhorn aus Tübingen

Curevac gilt als größte Hoffnung der deutschen Biotech-Szene. Gründer Ingmar Hoerr und seine Geldgeber träumen davon, Pharmageschichte zu schreiben.
Neue Technologien krempeln ganze Branchen um. Der SPIEGEL stellt in loser Folge deutsche Unternehmen vor, die das Zeug haben, in der Wirtschaft von morgen eine große Rolle zu spielen.

Was muss man haben, wenn man als Unternehmensgründer einen Konzern schaffen will, der in der Weltliga spielt, und das in einer Branche, die von den Amerikanern dominiert wird? Und wenn man einen völlig neuen Wirkstoff entwickeln will, der eine Vielzahl von Krankheiten heilen kann?
"Man muss Demut haben", sagt Ingmar Hoerr, "und man darf keine Angst haben."
Das Erste, damit man nicht abhebt, wenn Bill Gates Anteile des Unternehmens kaufen will und Investoren die eigene Gründung mit 1,5 Milliarden Euro bewerten.
Das Zweite, damit man nicht falsche Entscheidungen trifft – aus Angst vor dem Scheitern.
Niederlagen und Rückschläge gab es oft in der noch jungen Geschichte des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac, und mehr als einmal standen Hoerr und seine Mitgründer vor der Pleite. Doch sie waren immer überzeugt, etwas ganz Großes entdeckt zu haben. "Wir können ganz neue Welten aufmachen, die es heute noch gar nicht gibt", sagt Hoerr. Und von denen er selbst noch gar nichts ahnt.
Die Basis schuf der Biologe 1999 mit seiner Doktorarbeit, sie trug den sperrigen Titel "RNA-Vakzine zur Induktion von spezifischen Antikörpern". Ribonukleinsäure (RNA), so die Erkenntnis, kann als Therapeutikum oder Impfstoff zielgenau eingesetzt werden.
Ausgerechnet RNA: Das Molekül galt als instabil, doch Hoerr konnte beweisen, dass es sich hervorragend eignet, um Informationen zu übermitteln, und dass es sich wie eine Software programmieren lässt, die dem Körper vermittelt, wie er sich gegen eine Krankheit wehren kann. Zumindest glaubt Hoerr, das bewiesen zu haben. Aber anfangs wollte ihm, dem unbekannten Biologen aus der schwäbischen Provinz, das kaum einer glauben.
Was also sollte er mit seiner Erkenntnis anfangen? Ein reiner Wissenschaftler wollte er nicht werden, also gründete er mit zwei Kollegen Ende der Neunzigerjahre ein Unternehmen, zusammen nahmen sie einen Kredit auf und suchten Geldgeber. Der erste sprang jedoch schnell wieder ab und verlangte die eingezahlten 100 000 Mark zurück – sofort. Hoerr stand vor der Privatinsolvenz.
Irgendwie ging es damals und auch danach immer weiter, mit neuem Geld, das nie reichte. "Es war ein reines Spiel, wie weit wir gehen können", sagt Hoerr. Und stets stand die Frage im Raum: "Wann nehmen sie uns die Bälle weg?" Niemand interessierte sich für die jungen Gründer und ihre Ideen. Wurden sie doch einmal zu einer Konferenz eingeladen, durften sie erst ganz am Ende ihre Idee vorstellen. Da waren die meisten bereits gegangen.
Die Vision von heute – Krebsimpfstoffe auf RNA-Basis zu entwickeln – gab es schon damals, nur keine Chance, sie auch umzusetzen: Curevac musste RNA für andere Unternehmen produzieren, um überhaupt überleben zu können, und die Forschung an den eigenen Produkten zurückschrauben.
2003 stand das Unternehmen vor dem endgültigen Aus. Vielleicht wäre die Idee vom Weltkonzern Curevac heute tot, vielleicht wäre der Biologe mitsamt seinen Patenten auch in die USA emigriert, wie viele andere deutsche Forscher – wenn Hoerr damals nicht Friedrich von Bohlen kennengelernt hätte.
"Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Bohlen, ein Nachkomme aus der Krupp-Dynastie. Bohlen war einmal ein Star der jungen deutschen Biotech-Szene, allerdings einer, der damals eine schwere Niederlage hinter sich hatte. Sein Unternehmen Lion Bioscience sollte das "SAP der Biotechnologie" werden, wie er vollmundig verkündete, es entwickelte eine Software für medizinische Daten. Die Lion-Aktie stieg im Hype des Neuen Marktes, der Börse für junge deutsche Tech-Unternehmen, steil nach oben – und stürzte ebenso spektakulär ab, als der Neue Markt kollabierte. Ende 2003 verließ Bohlen das Unternehmen, von dessen Geschäftsmodell er noch heute überzeugt ist. "Wir waren der Zeit einfach zehn Jahre voraus", sagt er.
Bohlen sagte Hoerr sofort Unterstützung zu, noch wichtiger aber: Er machte ihn mit Dietmar Hopp bekannt, der es mit der Gründung von SAP zu einem Milliardenvermögen gebracht hatte. Hopp suchte eine Möglichkeit, Geld anzulegen, Bohlen begeisterte ihn für die deutsche Biotech-Szene. Gemeinsam gründeten sie die Holding Dievini, die bisher über eine Milliarde Euro in rund 16 Unternehmen investiert hat, von denen inzwischen einige gefloppt sind. Mehrere Hundert Millionen seines Investments musste Hopp bereits abschreiben.
Doch allein die Beteiligung an Curevac könnte ihn für alles entschädigen, für die Häme, die er nach seinen Flops einstecken musste, und für die finanziellen Verluste. Kaum hatte er Hopps Zusage, gründete Hoerr Curevac "quasi neu", wie er sagt, und konzentrierte sich ganz auf die eigenen RNA-Wirkstoffe. Am weitesten ist inzwischen ein Medikament gegen Prostatakrebs fortgeschritten, es befindet sich in Phase IIb des Zulassungsverfahrens, die entscheidende Phase III ist in ein bis zwei Jahren geplant, bei positiven Ergebnissen könnte das erste eigene Medikament dann auf den Markt kommen.
Könnte. Hopps ehemals hoffnungsvollstes Investment, die Biotech-Firma GPC, scheiterte in Phase III, die Firma gibt es heute nicht mehr.
"Die meisten Biotechs haben nur einen Schuss", sagt Hoerr – und meint: im Gegensatz zu Curevac. Sein Unternehmen hat mit seinem RNA-Ansatz eine ganze Wirkstoffplattform, aus der sich sowohl Krebsmedikamente als auch prophylaktische Impfstoffe entwickeln lassen. "Selbst wenn einzelne Phasen scheitern, haben wir genügend Möglichkeiten, weiterzumachen."
Derzeit entsteht eine Anlage, um Impfstoffe für die Stiftung von Bill und Melinda Gates zu produzieren. Der Microsoft-Gründer hatte überall auf der Welt nach einem Unternehmen gesucht, das ihn seinem Ziel näherbringt, die Infektionskrankheiten in der Dritten Welt auszurotten. Er fand Curevac. Offenbar war er so überzeugt von der Technologie der Tübinger, dass er dort nicht nur Impfstoff gegen Rotaviren bestellte, sondern sich über seine Stiftung im März vergangenen Jahres auch für 52 Millionen Dollar (46 Millionen Euro) mit vier Prozent an dem Unternehmen beteiligte – was den Wert des Unternehmens erstmals über eine Milliarde Euro hob. Im Herbst stieg dieser sogar auf 1,5 Milliarden, als weitere Investoren für 6,7 Prozent bereits 100 Millionen Euro zahlten.
Curevac stieg damit als erstes deutsches Biotech-Unternehmen in die Liga der Einhörner auf: Unicorn werden im Silicon Valley Start-ups genannt, deren Firmenwert die Milliardenschwelle überschreitet.
Und das ist erst der Anfang – wenn Investor Bohlen richtigliegt. Das Potenzial sei größer als alles, was er bisher gesehen habe, schwärmt er: "Curevac kann Pharmageschichte schreiben." Immer vorausgesetzt, die Technologie wirkt am Ende tatsächlich wie erhofft. Hoerr träumt gelegentlich sogar von einer "neuen Pfizer oder Roche" – diese Pharmaunternehmen werden an der Börse mit über 150 Milliarden Dollar bewertet.
Doch wie realistisch ist es, ein solches Unternehmen aus eigener Kraft zu entwickeln? Immerhin hilft es, dass Hopp noch immer 86 Prozent des Unternehmens gehören und er offenbar nicht plant, Kasse zu machen.
"Wir wollen diese Firma wenn möglich eigenständig erfolgreich machen", sagt Bohlen. Um den weiteren Kapitalbedarf zu decken, ist ein Börsengang geplant, vielleicht schon 2017, wenn die Daten aus der Phase-IIb-Studie für das erste Krebsmedikament positiv ausfallen. Anschließend könnte Dievini kleinere Aktienpakete abgeben, denn das Kapital der Firma ist voll investiert, neue Beteiligungen sind nur möglich, wenn Geld aus alten zurückfließt.
Wahrscheinlich werden die Curevac-Aktien an der amerikanischen Hightech-Börse Nasdaq eingeführt, "ein deutscher Börsengang, so schön er auch wäre, ergibt keinen Sinn", sagt Bohlen. In den USA sind im vergangenen Jahr 59 Biotech-Unternehmen an die Börse gegangen, in Deutschland kein einziges; in den USA sind die großen Investoren zu Hause und Analysten, die sich auf die Branche spezialisiert haben.
All das hat Deutschland nicht zu bieten. Und gäbe es nicht Hopps Dievini, wäre es um die Branche, die aus Biomolekülen neue Medikamente entwickelt, noch schlechter bestellt. Außer Hopp finanzieren nur noch Andreas und Thomas Strüngmann in großem Umfang Biotech-Firmen. Die Brüder haben mit dem Verkauf ihrer Pharmafirma Hexal ein Milliardenvermögen gemacht.
"In Deutschland fehlt das Verständnis für Biotech", sagt Bohlen. Vor allem aber mangelt es an der nötigen Infrastruktur, um junge Unternehmen zu fördern, und an Fonds, die Risikokapital zur Verfügung stellen. Um Arzneimittel bis zur Produktreife zu entwickeln, braucht ein Unternehmen mindestens hundert Millionen Euro – verteilt über viele Jahre. Und das bei einer Floprate von 90 Prozent.
Aber bei einem Erfolg sind die Chancen gewaltig, für die Gründer und für die ganze Volkswirtschaft. "Wir werden mit der Verwaltung der Technologien, die uns heute tragen, die Zukunft nicht schaffen", sagt Bohlen.
Er hofft, dass sich das Verständnis für die Branche ändert, wenn Curevac und ein, zwei weitere Firmen – "und ich sehe das kommen" – erfolgreich sind. Dievini habe, wie auch die Strüngmanns, einige heiße Eisen im Feuer. Dazu zählt auch die von Bohlen gegründete Firma Molecular Health aus Heidelberg. Sie baut auf den Erfahrungen seiner alten Lion Bioscience auf und verarbeitet molekulare Daten, um für jeden einzelnen Krebspatienten die wirksamste Therapie zu bestimmen.
Curevac ist bisher am weitesten, allein durch das viele Kapital, das im vergangenen Jahr eingesammelt wurde. Hoerr will deshalb mit aller Kraft das Unternehmen ausbauen, um potenzielle Konkurrenten auf Distanz zu halten.
"Das Feld stürmt voran", mahnt er. "Als Pionier wird man überrollt, wenn man nicht vorn bleibt."

Von Armin Mahler und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 13/2016
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