02.04.2016

LinkeRoter Ablasshandel

Die MLPD ist die wohl reichste Splitterpartei Deutschlands. Die Marxisten profitieren vom schlechten Gewissen ergrauter Revolutionäre.
Auch der Revolutionär mag es gern behaglich. Helmut Klamser sitzt im Wohnzimmer seiner geklinkerten Doppelhaushälfte in Oberhausen. Ein frischer Strauß Gerbera leuchtet rot. Auf dem Sofa liegt eine flauschige Decke, an die sich Klamser schmiegt, wenn der Flachbildfernseher an ist. Seine Teetasse setzt er auf einem kleinen Stück Stoff ab. Er mag es nicht, wenn sich auf dem Holztisch hässliche Wasserflecken abzeichnen.
"Was wir brauchen, ist die Diktatur des Proletariats", sagt Klamser, 66, weißes Haar, weißer Schnauzer, ehemals Lehrer für Deutsch und Geschichte. Sein Ziel ist die klassenlose Gesellschaft, und wenn man ihn fragt, welche historische Epoche ihm am ehesten gefällt, dann spricht er über die Sowjetunion vor 1956.
Nur teilt leider keine der im Bundestag vertretenen Parteien die radikalen Ansichten Klamsers; nicht einmal Sahra Wagenknecht von der Linken mag das Loblied auf die Ära Stalin anstimmen, weswegen Klamser die außerparlamentarische Opposition unterstützt. Kürzlich spendete er der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands, kurz MLPD, mehr als 250 000 Euro. Für einen ehemaligen Lehrer ist das ein ordentlicher Beitrag zur Weltrevolution.
Warum macht er das? Klamser sagt, dass er den Umschwung in Deutschland wolle. Aber es geht bei ihm, wie bei so vielen Spendern der MLPD, auch ein wenig um das Beruhigen des schlechten revolutionären Gewissens.
Eigentlich war der Ablasshandel eine Idee der katholischen Kirche, aber in der kleinen marxistischen Glaubensgemeinschaft funktioniert er ebenso. Bei Wahlen reüssiert die MLPD zwar so gut wie nie. Der größte Erfolg war die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Jahr 2006, damals holte sie 0,4 Prozent der Stimmen. Aber die Kassenlage stimmt. Die MLPD ist die wohl reichste Splitterpartei Deutschlands.
Jedes Jahr vermachen ihr ergraute Marxisten ein Vermögen, seit 2005 hat die Partei so mehr als vier Millionen Euro eingenommen. Michael May, ein ehemaliger Ingenieur im Bergbau, spendete allein über drei Millionen Euro, die er geerbt hatte. Lüder Möller aus Lübeck, ehemals Ausbilder in einer Werft, überwies vor drei Jahren 110 000 Euro. Und das sind nur die Spenden über 50 000 Euro, viele kleinere kommen hinzu, dazu das Parteivermögen, das sich laut Rechenschaftsbericht 2008 auf über elf Millionen Euro beläuft. Dank ihres Reichtums kann die MLPD plakatieren wie eine Großpartei, sie ist in 500 Städten und Regionen vertreten, heißt es. "Unter der Hand hören wir öfter von Linkspartei-Leuten, dass sie uns um unsere Mobilisierungsfähigkeit beneiden", sagt Jörg Weidemann, Sprecher der MLPD.
Klamser ist ein Kind der 68er-Bewegung. Er machte Abitur in der schwäbischen Kleinstadt Korntal-Münchingen. "Die spießbürgerliche Muffigkeit dort und der Vietnamkrieg, die haben mich politisiert", sagt Klamser. Er ging zu den Jungsozialisten, aber die waren ihm bald nicht radikal genug. Als er zum Kommunistischen Arbeiterbund wollte, wurden Intellektuelle nicht aufgenommen. 1985 landete er bei der MLPD.
Das Parteiprogramm, durchzogen mit Ideen von Stalin und Mao, gefällt ihm bis heute. Die MLPD will den Kapitalismus abschaffen und die Macht von Großkonzernen zerschlagen. Profitinteressen sollen keine Rolle mehr spielen.
Allerdings muss auch der Revolutionär seine Miete bezahlen. Klamser wurde Lehrer. Es behagte ihm zwar nicht, dem System dienen zu müssen. Doch er wollte Jugendlichen "selbstständiges Denken beibringen", wie er sagt. Unter den Radikalenerlass fiel er nie. "Es gab keine Beschwerden gegen meinen Unterricht", sagt Klamser: "Ich habe nie Werbung für die Partei gemacht."
Nach dem Tod seiner Frau vor anderthalb Jahren spendete Klamser dann. Seine Gattin hatte das Geld geerbt, ihre Eltern führten im Schwarzwald ein Unternehmen, das Faltschachteln für Medikamente herstellte. 252 400 Euro aus einem Unternehmererbe für die MLPD? Klamser kann sich immer noch freuen über die Ironie der Geschichte. "Im Sinne meiner Schwiegereltern ist die Spende sicher nicht", sagt er.
Der Pensionär glaubt fest daran, dass die Revolution noch kommt. Er hätte gern, dass mit seinem Geld Bildungsarbeit finanziert wird. "Es gibt keine Revolution ohne oder gegen die Volksmassen", das habe "der Marx" immer schon gesagt. "Der Marx" ist, genau wie "der Lenin", eine Instanz im Hause Klamser. Ihre Werke stehen verstreut in der ganzen Wohnung. Auch auf dem Sims in der Toilette steht ein Band griffbereit.
Klamser will der MLPD noch einmal Geld spenden. Aber erst, wenn seine Lebensversicherung ausläuft. Ein vorzeitiges Auflösen würde nur die Bank freuen. "Dafür bin ich dann doch zu sehr Schwabe", sagt Klamser.
Von Ann-Katrin Müller

DER SPIEGEL 14/2016
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